Akteure der Friedlichen Revolution
Editions La Colombe (Verlag)
978-3-929351-32-3 (ISBN)
Auch wenn die Friedliche Revolution ihren Höhe- und Wendepunkt im Herbst 1989 hatte, darf heute nicht vergessen werden, dass sie viele Vordenker hatte. Auch in der Zwickauer Region versammelten sich nach der Einführung des Wehrkundeunterrichts im Jahr 1978 mutige Menschen, um mit dem biblischen Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ für alternative Formen der Konfliktlösung einzutreten. In den 1980er Jahren kamen Gruppen hinzu, die sich unter dem Dach der Kirche für Haftentlassene einsetzten, sich um Ausreisewillige kümmerten, Meinungs- und Reisefreiheit einforderten und Umweltprobleme benannten. Wie in einem Brennglas lässt sich an der Zwickauer Region aber auch beobachten, welche Gegenmaßnahmen der Staat mit Hilfe der Stasi ergriff und welche innerkirchlichen Konflikte die oppositionellen Gruppen hervorriefen.
Die Akteure der Friedlichen Revolution gewähren nicht nur einen Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse, es werden mit ihrem Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Umweltschutz auch ethische Handlungsfelder benannt, die heute noch von Bedeutung sind.
Die Handlungsmotive und Lebensgeschichten der „Revolutionäre“ stehen daher im Mittelpunkt der hier erstmals publizierten Materialien. Ausgehend von den Lehrplanvorgaben für den Geschichts-, Ethik- und Religionsunterricht stehen dabei drei didaktische Anliegen im Mittelpunkt: Die Schülerinnen und Schüler sollen den damaligen Umgang mit Andersdenkenden kennenlernen, die Konflikte verstehen und die bleibende Bedeutung einer an Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung orientierten Ethik erkennen. Die Materialien fühlen sich dabei dem didaktischen Prinzip der Regionalität verpflichtet: Denn wenn sich der Zehntklässler – wie Joachim Gauck in seinem Geleitwort schreibt – überhaupt „für Geschichte interessiert, dann am ehesten, wenn die Straßen, durch die die Revolutionäre zogen, auf seinem Schulweg liegen und er den Platz vor der Kirche, auf dem sich der Friedenkreis 1989 zum Gebet versammelte, vom Fußballspielen kennt.“
Geleitwort (Joachim Gauck) 4
Einleitung 5
1. Thematische und didaktische Grundlegung 6
1.1 Einblick gewinnen in geschichtspolitische Auseinandersetzungen 6
1.2 Ethische Urteilsfähigkeit entwickeln 7
1.3 An ‚kleinen‘ Vorbildern die Bedeutung von Religion entdecken 8
1.4 Eigene Zeitzeugengespräche planen und durchführen 9
2. Lehrplanbezug und methodische Anregungen 9
2.1 Der Umgang mit Andersdenkenden in historischer Perspektive 10
2.2 Politische Konflikte in sozialethischer Perspektive 10
2.3 Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in theologischer Perspektive 10
2.4 Methodische Anregungen zu den einzelnen Materialien 11
3. Weiterführende Literatur 15
3.1 Zur Kirche in der DDR 15
3.2 Fachdidaktische Beiträge und Unterrichtsmaterialien 15
Unterrichtsmaterialien 17
M 1 Das Christliche Friedensseminar Königswalde 17
M 2 Soziale Arbeit als Feindtätigkeit 24
M 3 Ein Sozialarbeiter macht seine Arbeit 27
M 4 Zivilcourage für Umwelt und Frieden 30
M 5 Der Mut des Domküsters 33
M 6 Gesellschaft und Kirche quergedacht 36
M 7 In kirchlichen Basisgruppen engagiert, von der Stasi als „Feind“ bearbeitet 39
M 8 Aktives Handeln gegen die Resignation im Land 42
M 9 Tätige Nächstenliebe am unteren Rand der Gesellschaft 45
M 10 Um Mission wurde gebetet, aber plötzlich kamen die Verkehrten! 47
M 11 Konziliarer Prozess 51
M 12 Der juristische Vater des Konziliaren Prozesses in Zwickau 53
M 13 Der unermüdliche Streiter 56
M 14 Friedensbibliothek als Ort der ‚Konterrevolution‘ 59
M 15 Eine Familie in der Opposition – Solidarische Kirche 61
M 16 Ein Friedenskämpfer und Streiter für Menschenrechte 65
M 17 Das Zwickauer Modell 68
M 18 Vom Kirchentag zur Bürgerbewegung 70
Arbeitsblätter 73
Abkürzungsverzeichnis und Glossar 80
Personenverzeichnis 81
Geleitwort Regelmäßig erschrecken die Medien darüber, wie wenig Jugendliche über Opposition und Widerstand in der DDR wissen. Deshalb ist es gut, dass Edmund und David Käbisch, Vater und Sohn, diese didaktische Handreichung für den Geschichts-, Ethik-, und Religionsunterricht an sächsischen Schulen ausgearbeitet haben. Ganz bewusst haben Sie nicht beliebig Beispiele aus der Geschichte der DDR-Opposition aneinandergereiht, sondern nur solche Personen, Gruppen und Ereignisse ausgewählt, die in der Region Zwickau eine Rolle spielten. Denn wenn sich der Zehntklässler, der die bewegte Zeit des Herbstes 1989 und alles, was davor passierte, nicht selbst erlebt hat, überhaupt für Geschichte interessiert, dann am ehesten, wenn die Straßen, durch den die Revolutionäre zogen, auf seinem Schulweg liegen und er den Platz vor der Kirche, auf dem sich der Friedenkreis 1989 zum Gebet versammelte, vom Fußballspielen kennt. So wünsche ich der pädagogischen Handreichung viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die sich von den Dokumenten, Fotos und Texten dazu anregen lassen, ihren Schülerinnen und Schülern die „Akteure der Friedlichen Revolution“ aus der Region Zwickau vorzustellen und nahe zu bringen. Dr. h.c. Joachim Gauck Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.
In ihrer im Jahr 2008 erschienenen empirischen Studie zum DDR-Bild ost- und westdeutscher Schülerinnen und Schüler ziehen die Autoren Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder eine ernüchternde Bilanz, da die überwiegende Mehrzahl der Befragten wenig über die DDR weiß und angibt, in der Schule ‚kaum etwas‘ oder ‚überhaupt nichts‘ gehört zu haben. Die Auswertung der Daten ergab vor allem ein herkunftsspezifisches Bild der DDR: Ostdeutsche Schüler „loben mit breiter Mehrheit die sozialen Seiten des SED-Staates und gleichzeitig neigt eine beträchtliche Minderheit unter ihnen zur Ausblendung diktatorischer und repressiver Aspekte.“ Weitere Ergebnisse der Studie lassen sich in drei Thesen zusammenfassen: Die vielfältigen Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur seien vielen Schülern nicht bekannt; eine große Mehrheit könne ferner Wissensfragen zur Geschichte und Politik der DDR nicht beantworten, darunter solche zur Praxis der Todesstrafe und den Umständen des Mauerbaus; und je mehr schließlich die Schüler über den SED-Staat und seine Geschichte wüssten, umso kritischer falle ihr Urteil über die zweite deutsche Diktatur aus. Vor dem Hintergrund dieser Befunde, die sich mit den Unterrichtserfahrungen vieler Lehrkräfte decken, verfolgen die hier erstmals publizierten Quellen und Materialien ein dreifaches Ziel: Die Schüler sollen im Geschichts-, Ethik- und Religionsunterricht die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur kennen lernen, wichtige Aspekte der kirchennahen Opposition am Beispiel der Zwickauer Region vertiefen und ihre Urteilsfähigkeit zu sozialethischen Fragen und politischen Handlungsfeldern entwickeln. Die Publikation fühlt sich dabei dem Prinzip der Regionalität verpflichtet: Denn erst durch die Beschäftigung mit individuellen Lebensgeschichten ‚vor Ort‘ gewinnen historische, ethische und theologische Sachverhalte an Anschauungskraft, die für nachhaltige Lernprozesse unerlässlich ist. Obwohl das Thema in Lehrplänen des Geschichts-, Ethik- und Religionsunterrichts verankert ist, gibt es bislang kaum Unterrichtshilfen und praxisbezogene Materialien. Die Publikation der in diesem Heft versammelten Biographien und Quellen stellt damit ein Novum, aber auch ein Wagnis dar. Ein erster Kritikpunkt könnte darin bestehen, dass mit der regionalen Eingrenzung ein Nebenschauplatz der Geschichte in den Blick kommt, der für Lokalhistoriker interessant sein mag, für Schüler jedoch nicht ‚abiturrelevant‘ ist. Ein zweiter Kritikpunkt könnte darin bestehen, dass eine abschließende ethische Beurteilung des DDR-Staates noch aussteht und Schüler damit überfordert sein könnten, sich ein angemessenes Bild vom Leben ihrer Eltern und Großeltern unter den Bedingungen einer Diktatur zu machen. Ein weiterer Kritikpunkt könnte schließlich darin bestehen, dass einer der beteiligten Autoren als Pfarrer am Zwickauer Dom in die beschriebenen Ereignisse involviert war, aufgrund subjektiver Erinnerungen und Deutungsinteressen eine ‚objektive‘ Darstellung also nicht zu erwarten sei. Trotz der Kritikpunkte haben sich die Autoren mit Förderung aus Mitteln des Freistaates Sachsen, des Landratsamtes Zwickau und der Bergakademie Freiberg für eine Publikation der Materialien entschieden, da die genannten Einwände auch als besondere Lernchancen begriffen werden können. So können die Schüler mit dem Focus auf eine Region lernen, dass die Friedliche Revolution nicht nur von ‚großen‘ Männern in ‚großen‘ Städten wie Berlin und Leipzig ‚gemacht‘ wurde, sondern dass viele ‚kleine‘ Menschen in ‚kleinen‘ Orten sich mit den Verhältnissen in der DDR nicht abfinden wollten, Zivilcourage zeigten und damit zu wichtigen, heute vielfach vergessenen Akteuren der Friedlichen Revolution wurden. Bezogen auf die ethische Urteilsfähigkeit von Schülern lässt sich sagen, dass diese maßgeblich von den familiären Wertvorstellungen geprägt wird. Wenn es daher den Materialien gelingen sollte, dass die Schüler mit ihren Eltern und Großeltern ins Gespräch kommen, um sie zu dieser Zeit kritisch zu befragen, dann ist für die Entwicklung der ethischen Urteilsfähigkeit mehr getan als durch die pädagogisch falsche Einstellung, dass der jungen Generation kein Urteil über diese Zeit zustehe, da sie diese Zeit nicht selbst erlebt habe. Bezogen auf die subjektiven Erinnerungen und Deutungsinteressen sei schließlich betont, dass Geschichte immer eine subjektive Konstruktionsleistung derer ist, die sich mit Geschichte beschäftigen. Die Darstellung erhebt damit nicht den Anspruch einer ‚objektiven‘ Geschichtsdeutung, sondern stellt das entworfene Geschichtsbild selbst zur Diskussion. Gerade die neuere Geschichtsdidaktik begreift die Rekonstruktion und Dekonstruktion subjektiver Geschichtsbilder als eine zentrale Aufgabe schulischer Bildung. Die Publikation fühlt sich daher in besonderer Weise diesem Anliegen verpflichtet.
| Vorwort | Joachim Gauck |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Maße | 210 x 297 mm |
| Gewicht | 300 g |
| Einbandart | geheftet |
| Themenwelt | Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Zeitgeschichte |
| Schlagworte | DDR • Kirche von unten • Opposition • Widerstand |
| ISBN-10 | 3-929351-32-3 / 3929351323 |
| ISBN-13 | 978-3-929351-32-3 / 9783929351323 |
| Zustand | Neuware |
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