Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn (eBook)
304 Seiten
Piper ebooks (Verlag)
978-3-492-97439-4 (ISBN)
Viktor E. Frankl, geboren 1905 in Wien und 1997 dort gestorben; er war Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, hatte außerdem Professuren an der Harvard University, in Dallas, Pittsburg und San Diego inne. Frankl ist der Begründer der Logotherapie, die auch 'Dritte Wiener Richtung der Psychotherapie' genannt wird.
Viktor E. Frankl, geboren 1905 in Wien und 1997 dort gestorben; er war Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, hatte außerdem Professuren an der Harvard University, in Dallas, Pittsburg und San Diego inne. Frankl ist der Begründer der Logotherapie, die auch "Dritte Wiener Richtung der Psychotherapie" genannt wird.
Der Pluralismus der Wissenschaften und die Einheit des Menschen[2]
Zunächst einmal obliegt es mir, dem Akademischen Senat Dank zu sagen für den Auftrag, einen der fünf wissenschaftlichen Vorträge zu übernehmen, die aus Anlaß des 600. Geburtstages der Universität Wien veranstaltet werden. Dem Anlaß gemäß geziemt es sich, auszugehen von der Idee der Universität. Der Idee der Universität auf dem Objektpol steht auf dem Subjektpol gegenüber die Universalität des Wissens. Der universitas litterarum kann von Rechts wegen nur das studium generale gerecht werden. Womit wir aber heute konfrontiert werden, ist eher ein studium speciale. Denn heute leben wir in einem Zeitalter der Spezialisten, und was sie uns vermitteln, sind bloß partikuläre Perspektiven und Aspekte der Wirklichkeit. Vor den Bäumen der Forschungsergebnisse sieht der Forscher nicht mehr den Wald der Wirklichkeit. Die Forschungsergebnisse sind aber nicht nur partikulär, sondern auch disparat, und es fällt schwer, sie zu einem einheitlichen Welt- und Menschenbild zu verschmelzen. An sich muß die Diskrepanz zwischen den Abbildungen der Wirklichkeit noch lange nicht einen Verlust an Erkenntnis mit sich bringen, sondern kann im Gegenteil sehr wohl einen Gewinn an Erkenntnis ausmachen. Im Falle des stereoskopischen Sehens etwa wird gerade durch das Voneinanderabweichen der Abbildungen nicht mehr und nicht weniger als eine ganze Dimension, eben die Dimension des Raumes erschlossen. Bedingung und Voraussetzung ist aber, daß eine Fusion der Netzhautbilder zustande kommt. Analog bedarf es einer »Anstrengung des Begriffs« (Hegel), um die disparaten Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zu einem einheitlichen Welt- und Menschenbild zu verschmelzen.
Nun kann das Rad der Entwicklung nicht zurückgedreht werden. In einer Zeit, deren Forschungsstil durch das Teamwork charakterisiert ist, können wir der Spezialisten weniger denn je entraten. Aber die Gefahr liegt ja gar nicht im Spezialistentum als solchem, nicht so sehr im Mangel an Universalität als vielmehr im Anschein der Totalität des Wissens, den sich so manche Wissenschaftler geben, im Anspruch auf ein »Totalwissen« (Jaspers), den sie erheben. In dem Augenblick, in dem dies geschieht, schlägt Wissenschaft aber auch schon um in Ideologie. Was im besonderen die Wissenschaften vom Menschen anlangt, wird in diesem Augenblick aus Biologie Biologismus, aus Psychologie Psychologismus und aus Soziologie Soziologismus. Wie wir sehen, liegt die Gefahr gar nicht darin, daß sich die Forscher spezialisieren, sondern darin, daß die Spezialisten – generalisieren. Wir alle kennen die sogenannten terribles simplificateurs. Ihnen an die Seite stellen ließen sich nun die terribles généralisateurs, wie ich sie nennen möchte. Die terribles simplificateurs vereinfachen alles; sie schlagen alles über einen Leisten. Die terribles généralisateurs aber bleiben nicht einmal bei ihrem Leisten, sondern verallgemeinern ihre Forschungsergebnisse. Lassen Sie mich Ihnen ein flagrantes Beispiel vor Augen führen: In »The Modes and Morals of Psychotherapy« wird uns folgende Definition angeboten: »Man is nothing but a biochemical mechanism, powered by a combustion system, which energizes computers.« Nun, als Neurologe stehe ich dafür ein, daß es durchaus legitim ist, den Computer als ein Modell zu betrachten, sagen wir, für das Zentralnervensystem. Der Fehler liegt erst im nothing but, in der Behauptung, der Mensch sei nichts als ein Computer. Der Mensch ist ein Computer; aber er ist zugleich unendlich mehr als ein Computer, dimensional mehr als ein Computer. Der Nihilismus demaskiert sich nicht durch das Gerede vom Nichts, sondern maskiert sich durch die Redewendung »nichts als«. Die Amerikaner sprechen in diesem Zusammenhang von einem reductionism. Wie sich zeigt, reduziert der reductionism den Menschen nicht nur um eine ganze Dimension, sondern verkürzt ihn um nicht mehr und nicht weniger als um die Dimension des spezifisch Humanen.
Dem gelehrten Nihilismus, wie er im Reduktionismus zum Ausdruck kommt, steht der gelebte Nihilismus gegenüber, als der sich das existentielle Vakuum interpretieren ließe. Es handelt sich um das Erlebnis einer inneren Leere, um das Gefühl einer abgründigen Sinnlosigkeit, dem wir Psychiater auf Schritt und Tritt begegnen.
Dem existentiellen Vakuum arbeitet nun der Reduktionismus mit seiner Tendenz, den Menschen zu reifizieren, zu versachlichen und zu entpersönlichen, in die Hände. Es klingt wie ein overstatement, ohne aber eines zu sein, wenn der junge amerikanische Soziologe William Irwin Thompson erklärt: »Humans are not objects that exist as chairs or tables; they live, and if they find that their lives are reduced to the mere existence of chairs and tables, they commit suicide.« (Main Currents in Modern Thought 19, 1962.) Und sie tun es unter Umständen wirklich: Als ich an der Universität von Ann Arbor, Michigan, einen Vortrag gehalten und in dessen Rahmen das existentielle Vakuum besprochen hatte, behauptete in der Diskussion der Dean of Students, der Studentenbetreuer, dem existentiellen Vakuum begegne er in seiner Beratungsstelle täglich, und er sei bereit, mir eine ganze Liste zusammenzustellen von Studenten, die eben auf Grund ihres Zweifels an einem Lebenssinn schließlich verzweifelt waren und Selbstmord begangen hatten.
Es läßt sich also verstehen, daß die California College Association eine Diskussion veranstaltete, zu der Huston C. Smith, der Ordinarius für Philosophie am Massachusetts Institute of Technology, und ich als sein Partner eingeladen worden waren. Die Diskussion galt den »Value Dimensions in Teaching«[3], der Wertproblematik des Hochschulstudiums. Die erste Frage, die mir Professor Smith nun stellte, lautete, ob und wie wir Professoren im Rahmen des Universitätsbetriebs den Studenten Werte vermitteln oder so etwas wie einen Lebenssinn geben können. Woraufhin ich zur Antwort gab: Werte können wir nicht lehren – Werte müssen wir leben. Und einen Sinn können wir dem Leben unserer Studenten nicht geben – was wir ihnen zu geben, mit auf den Weg zu geben vermöchten, ist vielmehr einzig und allein ein Beispiel: das Beispiel unserer eigenen Hingabe an die Aufgabe der Forschung. Daraufhin wollte Professor Smith wissen, ob denn nicht auch vom Inhalt und Gegenstand her Sinn und Werte herangetragen werden können an die Studenten, also nicht nur durch das Wie des Darbietens, sondern auch durch das Was des Lehrstoffs. Ich aber meinte, heute müssen wir schon froh sein, wenn die Auswahl des Lehrstoffs nicht danach angetan ist, die ursprüngliche Ausrichtung und Hinordnung des jungen Menschen auf Sinn und Werte geradezu zu unterminieren. Dies aber ist genau das, was namentlich in den USA unentwegt geschieht. Dort wird nämlich im allgemeinen eben ein durchaus reduktionistisches Bild vom Menschen an die Studenten herangetragen, deren Enthusiasmus solcherart auf die Zerreißprobe gestellt wird. Zum Glück verfügen sie anscheinend über unerschöpfliche Ressourcen. Wie anders wären die vielen Meldungen zum Peace Corps zu verstehen …
Um die Rettung des Menschlichen im Angesicht der reduktionistischen Aspirationen einer pluralistischen Wissenschaft bemüht waren nun wie kaum ein anderer Nicolai Hartmann mit seiner Ontologie und Max Scheler mit seiner Anthropologie. Sie unterschieden distinkte Stufen bzw. Schichten wie das Leibliche, das Seelische und das Geistige. Ihnen entspricht je eine Wissenschaft, dem Leiblichen die Biologie, dem Seelischen die Psychologie usw. usw. Der Verschiedenheit der Stufen beziehungsweise Schichten aber entspringt eben »der Pluralismus der Wissenschaften«.
… und wo bleibt »die Einheit des Menschen«? Wo doch das Menschsein, wie eine Keramik, von Rissen und Sprüngen, von »qualitativen Sprüngen« (Hegel) durchsetzt und durchzogen ist? Bekanntlich wurde die Kunst definiert als Einheit in der Mannigfaltigkeit. Nun, ich möchte den Menschen definieren als Einheit trotz der Mannigfaltigkeit. Denn es gibt eine anthropologische Einheit trotz der ontologischen Differenzen, trotz der Differenzen zwischen den unterschiedlichen Seinsarten. Die Signatur der menschlichen Existenz ist die Koexistenz zwischen der anthropologischen Einheit und den ontologischen Differenzen, zwischen der einheitlichen menschlichen Seinsweise und den unterschiedlichen Seinsarten, an denen sie teilhat. Kurz, die menschliche Existenz ist »Unitas multiplex«, um mit dem Aquinaten zu sprechen. Ihr aber wird weder der Pluralismus noch ein Monismus gerecht wie der, dem wir in »Benedicti de Spinoza ethica ordine geometrico demonstrata« begegnen. Aber es sei mir im folgenden verstattet, eine Imago hominis »ordine geometrico demonstrata«, ein Menschbild zu skizzieren, das mit geometrischen Analogien operiert. Es handelt sich um eine Dimensionalontologie (Frankl, Jahrbuch für Psychologie und Psychotherapie 1,...
| Erscheint lt. Verlag | 2.5.2017 |
|---|---|
| Vorwort | Konrad Lorenz |
| Zusatzinfo | Mit 16 Abbildungen |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Philosophie ► Philosophie der Neuzeit |
| Medizin / Pharmazie ► Medizinische Fachgebiete ► Psychiatrie / Psychotherapie | |
| Technik | |
| Schlagworte | Anthropologie • Anthropologische Grundlagen • Buch • Bücher • Dachau • Holocaust • Nationalsozialismus • Psychotherapie • Sinnsuche • Versöhnung |
| ISBN-10 | 3-492-97439-2 / 3492974392 |
| ISBN-13 | 978-3-492-97439-4 / 9783492974394 |
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