Kaffenkähne
Sohn, Michael Sohn-Art (Verlag)
978-3-00-041659-0 (ISBN)
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Zeitschrift "Navalis" Heft 2/2013, S. 29 Die historischen Fahrzeuge der deutschen Küsten – von den ostpreußischen Kurenkähnen über die vorpommerschen Zeesenboote zu den Ewern der Niederelbe – sind recht gut dokumentiert. Von Ausnahmen abgesehen, trifft das für wichtige Typen antriebsloser Binnenschiffe nicht in gleichem Maße zu. Jetzt hat sich Michael Sohn der Materie zugewandt und eine Monografie über Kaffenkähne vorgelegt.Die vollständig aus Holz gebauten Kaffenkähne waren lange Zeit auf den Wasserwegen nördlich der Alpen in Fahrt. Bei dieser Bauart verjüngte sich der Boden zunächst nach vorn und hinten auf etwa zwei Drittel der Schiffsbreite und ging dann in dreieckige, schräg angehobene Enden über, an die die Seitenplanken anstießen. Das war in einem nicht regulierten Fahrwasser von Vorteil, weil ein auf eine Untiefe oder ein flaches Ufer auflaufender Kahn sich auf der Kaffe über den Grund schob und leichter als ein sich eingrabender Stevenkahn wieder flott gemacht werden konnte.Die Konstruktion der Kähne beruhte auf Erfahrungswerten. Die alten Schiffbaumeister brauchten keine technischen Zeichnungen. Michael Sohn musste sich deshalb bei seinen Rekonstruktionen auf künstlerische Darstellungen, hauptsächlich jedoch auf zeitgenössische Fotografien stützen, was naturgemäß zur Folge hat, dass er vorrangig Kaffenkähne aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts behandelt, und zwar Elbkähne, Havel- und Oderkähne, die auch die östlichen Wasserstraßen befuhren, pommersche Haffkähne als Sonderform der Oderkähne und die im Donauraum und an der Moldau verbreiteten Zillen.Die zugrunde liegenden Fotografien zeigen die Kähne in der Regel nicht als Hauptmotiv, sondern nur als Staffage eines anderen Bildinhalts, und mussten deshalb vergrößert werden. Sie sind außerdem perspektivisch verzerrt, jedoch hat Sohn mittels computergestützter Bildbearbeitungsverfahren maßstabsgerechte Zeichnungen und dreidimensionale Bilder erzeugen können. Diese Grafiken sind kleine Kunstwerke, die man immer wieder gern betrachtet.Konstruktive Details der Schiffe, die auf den Fotos nicht zu erkennen waren, sowie Farbgebung und Dekoration hat Sohn anhand der Innungsmodelle gestaltet, die verschiedene Museen aufbewahren. Sie sind zwar nicht maßstäblich, aber in der Regel von Schiffbauern oder Schiffern gebaut worden, so dass man davon ausgehen kann, dass diese Einzelheiten dem Vorbild entsprechen. Außerdem hat er das Wrack der böhmischen Zille im Deutschen Technikmuseum zu Berlin – gemeinhin als Kaffenkahn bezeichnet – sowie die Kaffenkahnfunde im Werbellinsee zu Rate gezogen. So geben seine Rekonstruktionen das tatsächliche Aussehen und die Bauweise der Kähne realistisch wieder, zumindest kommen sie mit großer Wahrscheinlichkeit der Wirklichkeit sehr nahe, und umwälzend neue Erkenntnisse sind nach Sohns umfassender Bearbeitung des Themas wohl nicht zu erwarten.Unter den zahlreichen regionalen Besonderheiten, die Sohn beschreibt, hat er auch eine Variante entdeckt, die weder in der Literatur erwähnt noch als Innungsmodell bekannt, sondern nur auf Fotos überliefert ist: Außer der gerade aufgebogenen Kaffe, die offenbar die übliche und am weitesten verbreitete war, gab es auch eine rund aufgebogene. Diese war kürzer als die gerade Kaffe, und vielleicht wurde sie eingeführt, um bei begrenzter Länge die Tragfähigkeit der Kähne zu optimieren.Da bisherige Veröffentlichungen nur sparsam illustriert sind, war es das besondere Anliegen von Sohn, das Erscheinungsbild der Kaffenkähne erlebbar zu machen. Mittels farbiger Grafiken und großformatiger Fotos beschreibt er die Form der Schiffskörper, die Ruderbauarten, die Buden (Unterkünfte der Besatzung), die Abdeckung der Laderäume und die Takelung. Nicht umsonst heißt es im Untertitel des Buches „Was moderne Methoden und alte Quellen ermöglichen“. Das darzustellen, ist ihm überzeugend gelungen.Die Nachteile der Konstruktion und der Schiffsform beleuchtet er nicht. So bleibt hier nachzutragen, dass der Frankfurter Schiffbaumeister Theodor Klepsch 1889 die unzulänglichen Verbindungen zwischen Bodendielen, Kaffen und Seitenplanken sowie den großen Widerstand bemängelte, den die Kaffenform dem Schleppen entgegensetzte. Die Längsfestigkeit der vollkommen offenen, durchschnittlich 40 m langen Fahrzeuge war allein durch die Boden- und die Seitenplanken gewährleistet, da die Kähne weder Bodenlängsträger noch durchlaufende Gangborde (Deckstringer) besaßen. Die Oderschiffer liebten es, den Bug ihrer Kähne mit schnabelförmigen Aufsätzen aus Eichenholz zu verzieren. Im Laufe der Zeit artete das zu einer Unsitte aus: der schwere Schnabel kostete Nutzlast, beanspruchte die Verbände ganz unnötig und musste schließlich zum Umklappen eingerichtet werden, weil die preußische Regierung seine Höhe reglementierte, damit die Fahrzeuge unter Brücken hindurch und in die Schleusenkammern passten.Mit der fortschreitenden Fahrwasserregulierung wurde die Kaffenform seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts durch die strömungsgünstigere Stevenbauart abgelöst. Dennoch ist sie nicht völlig untergegangen. Neuerdings existieren einige Nachbauten von Kaffenkähnen, mit denen sich Sohn kritisch auseinandersetzt.Die Arbeit von Sohn vermittelt viele neue Erkenntnisse über die Frachtschiffe, mit denen im 18. und 19. Jahrhundert Güter aller Art – Obst und Gemüse, Baustoffe, vor allem Ziegel, Kohle – transportiert wurden. Ein derartig kompakter, reich illustrierter Überblick hat bisher gefehlt. Das Buch wird Technik- und Verkehrshistorikern sowie den Freunden der historischen Binnenschifffahrt und Modellbauern wärmstens empfohlen. Sigbert Zesewitz
| Erscheint lt. Verlag | 12.8.2013 |
|---|---|
| Verlagsort | Hennigsdorf |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 210 x 297 mm |
| Einbandart | gebunden |
| Themenwelt | Geschichte ► Teilgebiete der Geschichte ► Kulturgeschichte |
| Technik ► Fahrzeugbau / Schiffbau | |
| Schlagworte | Berlin Geschichte • Binnenschifffahrt • Donauschifffahrt • Elbeschifffahrt • Haffschifffahrt • Havelschifffahrt • Kahnschifffahrt • Kahnwracks • Oderschifffahrt • Schifffahrtsgeschichte • Schiffsmodelle |
| ISBN-10 | 3-00-041659-5 / 3000416595 |
| ISBN-13 | 978-3-00-041659-0 / 9783000416590 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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