Handbuch Rhythmik und Musik (eBook)
304 Seiten
Verlag Herder GmbH
978-3-451-81916-2 (ISBN)
Sabine Hirler (M.A.) ist Rhythmiklehrerin, Musikpädagogin und -therapeutin. Sie leitet ein pädagogisch-therapeutisches Musikinstitut und arbeitet mit Kindern verschiedener Altersstufen. Außerdem ist sie Fachautorin zahlreicher Bücher und Kindertonträger sowie Dozentin und Referentin für Rhythmik und Musik.
Sabine Hirler (M.A.) ist Rhythmiklehrerin, Musikpädagogin und -therapeutin. Sie leitet ein pädagogisch-therapeutisches Musikinstitut und arbeitet mit Kindern verschiedener Altersstufen. Außerdem ist sie Fachautorin zahlreicher Bücher und Kindertonträger sowie Dozentin und Referentin für Rhythmik und Musik.
2 Die Entwicklungsgeschichte frühkindlicher Musikpädagogik und Rhythmik
Pädagogen vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte waren bedeutende Wegbereiter, die unsere soziale und kulturelle Umwelt prägten. Welchen Stellenwert sie der Musik in ihren ganz unterschiedlichen pädagogischen Konzepten gaben, wird zu Beginn dieses Kapitels beschrieben. Wie sich frühkindliche musikalische Förderung in der allgemeinen Musikpädagogik ihren Platz eroberte und schließlich zur elementaren Musikpädagogik entwickelte, wird im Anschluss geschildert.
Der Begründer der Rhythmik, Emile Jaques-Dalcroze, und wichtige Vertreter der Rhythmik stehen anschließend im Mittelpunkt. Das Kapitel schließt mit dem Komponisten Carl Orff und der Schilderung seines Wirkungsspektrums in der Musikpädagogik.
2.1. Frühe Wegbereiter der Pädagogik und der Stellenwert der Musik
Für alle nachfolgend aufgeführten Pädagogen und Pädagoginnen war eine frühe Auseinandersetzung und Beschäftigung mit Musik wichtig. Das Kind sollte spielerisch lernen, sich mit seinen musikalischen Aktivitäten und Fähigkeiten in den sozialen Kontext einer Gruppe zu integrieren. Die Musik wurde als hilfreiches Mittel gesehen, soziale und sprachliche Fähigkeiten anzuregen und emotionale Bedürfnisse zu befriedigen. Neben der häuslichen Musikkultur spielten in den vergangenen Jahrhunderten in unserem Kulturkreis vor allem kirchliche Feste eine bedeutende Rolle, die zwar bis heute mit viel Musik gefeiert werden (Weihnachten, Kirchweih oder Kirmes, Ostern etc.), jedoch durch die veränderte Gesellschaft und mediale Ablenkungen ihren außergewöhnlichen Charakter verloren haben. Dieses selbstverständliche Singen und Musizieren, sei es als Hausmusik oder bei Festen jeglicher Art, ist ein Schatz, der in unserer heutigen Zeit leider immer mehr an Bedeutung verliert, da vielfältige Medien das einfache Konsumieren von Musik überall und zu jedem Zeitpunkt ermöglichen.
Johann Amos Comenius
Johann Amos Comenius (1592–1670) entwickelte altersgemäße Unterrichtsmethoden, in denen nicht das Auswendiglernen, sondern das entdeckende Lernen im Mittelpunkt stand. Comenius erkannte, dass die Kombination von Musik mit Gesang, Reimen, Fingerspielen, Kreisspielen usw. ein wichtiger Bestandteil der frühkindlichen Entwicklung ist. In seinem Buch »Informatorium maternum. Der Mutter Schul« (1636) zeigt er die musikalische Entwicklung des Kindes von der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr. Er wies in Bezug auf Lieder die Eltern und Ammen darauf hin, am Abend mit den Kindern zu singen, um ihr Gedächtnis aufnahmefähiger zu machen. Comenius’ Aussagen zur musikalischen Bildung sind bis heute aktuell und werden von der Pädagogik und Psychologie bestätigt (→Kapitel 1.1.1).
Jean-Jacques Rousseau
Der Philosoph, Forscher und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau (1712– 1778) war ebenfalls als Komponist tätig und in diesem Bereich durchaus erfolgreich. Er empfahl in seinem pädagogischen Werk, dem Erziehungsroman »Emile oder über die Erziehung« (1762), den Umgang mit Stimme durch Lieder und spontanen Gesang und verwies auf die Entwicklung des Gehörs durch das Belauschen von Naturvorgängen, z. B. den Wind oder Vogelstimmen. Noten als konventionelle Zeichen würden Kinder nur belasten. Er riet zu kleinen musikalischen Erfindungsübungen (Improvisation), um Musik besser verstehen zu können.
Im »Emile« leitet er keine musikalische Methode ab. Trotzdem »… beinhalten seine Ansichten zur allgemeinen Sinnessensibilisierung, Improvisation und Solmisation beachtenswerte Vorschläge für den Musikalisierungsprozess« (Ribke 1995, S. 19).
Johann Heinrich Pestalozzi
Für den Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) spielte Musik in seiner Erziehungslehre eine wichtige Rolle, obwohl er selbst von Musik wenig verstand. Die Notwendigkeit, schon früh musikalische Fähigkeiten zu entwickeln, war ihm ein Anliegen. »Das Bedeutsame an der Musik besteht in ihrem ausgesprochen wohltätigen Einfluß auf die Gefühle. Sie bereitet die Seele für die edelsten Eindrücke vor und bringt sie gleichsam mit ihnen in Einklang« (Pestalozzi zit. nach Gruhn 2003a, S. 64). Mit einer gewissen Fröhlichkeit und in größter Freiheit ohne Pedanterie solle Musik und Gesang ausgeführt werden.
In seinem großen Erziehungswerk »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt« (1801) gibt es allerdings ein Kapitel mit dem Titel »Die Tonlehre». In diesem beschreibt er Mittel zur Entwicklung der Sprachorgane, indem er das Sprechen an sich, Reime, Verse und Lieder erwähnt. Pestalozzi überließ den Transfer seiner ganzheitlichen Pädagogik im Bereich Musikerziehung seinen Freunden Hans Georg Nägeli (1773–1836) und Michael Traugott Pfeiffer (1771–1849) sowie Musikpädagogen nachfolgender Generationen, die die bestehende Musikerziehung nach Pestalozzi weiterentwickelten. Nägeli und Pfeiffer verfassten 1810 die »Gesangsbildungslehre nach Pestalozzischen Grundsätzen« – in der alle Bestandteile der Musik, wie zum Beispiel Tonhöhen, Rhythmusund Taktlehre, Tempi, isoliert behandelt wurden. Das Werk von Nägeli und Pfeiffer fand große Verbreitung und bildete in den darauffolgenden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Grundlage musikpädagogischer Gesangslehre an Schulen. Nägeli wirkte auch bei der Bildung von Chören mit, als »Liederkränze« oder »Liedertafeln« bezeichnet, die der musikpädagogischen Gesangsbildung im deutschsprachigen Raum dienen sollten (Lee 2013, S. 193 ff.).
Friedrich Fröbel
Friedrich Fröbel (1782–1852), der »Erfinder« des Kindergartens, vertieft Rousseaus und Pestalozzis Gedanken einer kindgerechten Erziehung und versteht das Kind und seine Tätigkeiten als harmonische Ganzheit. Der künstlerischen Betätigung wird ein wichtiger Platz eingeräumt. »Gesang, Zeichnen, Malen und Formen müssen darum nothwendig von einer allgemeinen, um- und erfassenden Erziehung und Menschenbildung frühe berücksichtigt, frühe als wirkliche Gegenstände der ernsten Schule behandelt, und nicht einer zufälligen gehalt- und fruchtlosen spielerischen Willkür preisgegeben werden« (Fröbel 1883 zit. nach Ribke 1995, S. 21 f.). Besonders bekannt ist die Sammlung »Mutter- und Koselieder zu Körper-, Glieder- und Sinnenspielen zur frühen und einigen Pflege des Kindheitslebens« (1844). Fröbel ist es zu verdanken, dass im deutschsprachigen Raum musikalische Spielformen über Jahrzehnte hinweg gepflegt wurden. Vor allem die in der frühen Kindheit eingesetzten musikalischen Kreisspiellieder im Kindergarten, die dem Kind in der Gruppe Überschaubarkeit und Ordnung bieten, werden bis heute unverändert eingesetzt. (Weitere Informationen zur Rolle des Liedes in der Frühpädagogik →Kapitel 5)
Maria Montessori
Maria Montessori (1870–1952) integrierte in ihre Pädagogik als »Sinnesmaterial« spezielle Musikinstrumente zur Förderung der Hördifferenzierung: Glockensatz, Geräuschdosen, Klangstäbe. Mit Hilfe dieser Instrumente können Kinder einzelne Töne zuordnen, Tonleitern erstellen usw. Später wurden Legematerialien als weiterführendes Material entwickelt, mit denen man Noten und Notenwerte darstellen und weiteres Wissen der Musiklehre erlernt werden kann. Die Grundlage des aufmerksamen Hörens war für Maria Montessori allerdings die Stille – oder das Lauschen aus der Stille.
Die Sinnesmaterial-Instrumente wurden erweitert durch Metallröhren, Holzstäbe, Harfen, Pizzoli Pfeifen, Stimmgabeln, Tambourin und Trommel sowie das Klavier, das zum Begleiten von rhythmischen Märschen, Liedern und zur Bewegungsimprovisation eingesetzt wurde. Montessori war der Überzeugung »… daß einfache, primitive Instrumente am besten geeignet sind, die Musik zu wecken in der Seele des Kindes« (Maria Montessori 1913 zit. nach Tervooren 1999, S. 113). Als »Trio der klassischen Instrumente der Menschheit« bezeichnete sie die Saiteninstrumente zusammen mit der Trommel und der Glocke.
Den musikdidaktischen Ansatz entwickelte Montessori in Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeiterinnen Anna Maria Maccheroni und Elise Herbatschek (vgl. Meyer 2000, Klotz 2013).
Die Rhythmische Gymnastik von Jacques-Dalcroze und die weiterführende Entwicklung zur Rhythmisch-musikalischen Erziehung kannte Montessori gut und integrierte sie in die ›Erziehung der Bewegungen‹ in ihrer Schrift »Die Entdeckung des Kindes« (1909). Zu Beginn der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts war rhythmischmusikalische Erziehung im Montessori-Kinderhaus zu Berlin-Lankwitz ein fester pädagogischer Bestandteil, wie die Montessoripädagogin Elsa Ochs berichtete (vgl. Ochs 1923). Ebenso bestand im selben Zeitraum eine enge Zusammenarbeit zwischen dem ersten Montessori-Kinderhaus »Haus der Kinder« und der »Schule Hellerau-Laxenburg« bei Wien, die die Nachfolgeinstitution der bis 1914 bestehenden Bildungsanstalt Hellerau / Dresden für Rhythmik war (in diesem Kapitel S. 48).
2.2 Von der frühkindlichen zur elementaren Musikpädagogik
Die elementare Musikerziehung entwickelte sich aus den Angeboten »Musikalischer Früherziehung« (MFE) Ende der 1960er-Jahre als eigenständige musikpädagogische Richtung. Diese Entwicklung war mehr oder weniger aus der Not geboren, da Ende der 1960er-Jahre die Firma Yamaha neben Japan, den USA (dort schon seit Mitte der 1950er- Jahre) auch in Deutschland elementare musikalische Bildung in ihren eigenen Musikschulen anbot. Die Musikschullandschaft musste darauf reagieren, damit ihnen nicht eine wichtige Zielgruppe vor dem Einstieg in den Instrumentalunterricht wegbrach. Vertreter der Rhythmik lehnten diese verschulte Vermittlung von...
| Erscheint lt. Verlag | 3.2.2020 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Pädagogik ► Vorschulpädagogik |
| Schlagworte | Bildung • Förderung • Kindergarten • Kindertageseinrichtung • Musik • Rhythmik |
| ISBN-10 | 3-451-81916-3 / 3451819163 |
| ISBN-13 | 978-3-451-81916-2 / 9783451819162 |
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