Die Entdeckung der Dritten Welt
Ausgezeichnet mit dem Walter-Markov-Preis für Geschichtswissenschaften 2011.
In den langen 1960er-Jahren, im Kontext des Kalten Krieges und der Dekolonisierung, wurde das Konzept »Dritte Welt« weltweit bekannt. In Frankreich war es auch für linke Gruppen zentral, die sich durch radikalen Antikolonialismus auszeichneten. Sie halfen der algerischen Befreiungsbewegung, protestierten gegen den Vietnamkrieg und solidarisierten sich mit postkolonialen Arbeitsmigranten. Christoph Kalter untersucht diese neue radikale Linke und ihre Wahrnehmung der Welt als Revolutionsraum. Er rückt damit die 68er-Proteste in ein neues Licht und zeigt, wie sehr das Ende der Kolonialreiche auch Europa selbst veränderte.Ausgezeichnet mit dem Walter-Markov-Preis für Geschichtswissenschaften 2011
Christoph Kalter, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin.
Inhalt
1. Einleitung: Von der "Entdeckung" zur Geschichtsschreibung 8
2. Ein neues Welt-Bild: Die Dritte Welt in Sozialwissenschaften und Politik 44
2.1 Ein neues Paradigma: Sozialwissenschaften und Dritte Welt in den 1950er-Jahren 46
2.2 Verstetigung und Diversifizierung: Die Dritte Welt in den 1960er-Jahren 58
2.3 Drei oder viele Welten? Die Krise in den 1970er- und 1980er-Jahren 65
2.4 Eine Welt statt Dritte Welt: Die 1990er-Jahre und die Globalisierung 72
3. Konflikt, neue Vielfalt und Konvergenz: Die neue radikale Linke in Frankreich 81
3.1 Sozialismus, Kommunismus und Ultralinke in Frankreich nach 1945 83
3.2 Ambivalenzen und Bruchstellen: Die "alte" Linke und die koloniale Welt 97
3.3 Revolution und Antikolonialismus: Die neue radikale Linke 108
4. "Von der Résistance zum Antikolonialismus":Gedächtnispolitik in der neuen radikalen Linken 124
4.1 Weichenstellungen: Weltkriegserinnerung und Kolonialkritik in der frühen Nachkriegszeit (1946-1951) 132
4.2 Wie die Nazis? Wie die Résistance? Gedächtnispolitik während des Algerienkriegs (1954-1962) 143
4.3 Völkermord in Vietnam, Giftgas im Quartier Latin: Gedächtnispolitik im Umfeld des Mai '68 (1966-1968) 196
5. "Wir haben heute von ihnen zu lernen": Die Öffnung zur Dritten Welt und die Zeitschrift Partisans 219
5.1 Die Öffnung zur Dritten Welt: Der Verlag Maspero und die Zeitschrift Partisans 222
5.2 Dekolonisierung, Dezentrierung des Westens und Entdeckung der Dritten Welt 246
5.3 Dritte Welt und Linke der Ersten Welt: Projektion, Solidarität, Allianz, Konflikt 276
5.4 Von Algerien nach Vietnam: Stationen und Funktionen des Dritte-Welt-Bezuges 295
6. "Mit sozialistischen Grüßen": Die Partei PSU, der Verein Cedetim und die Praxis der "internationalen Solidarität" 322
6.1 Die Partei der radikalen Linken: Der Parti Socialiste Unifié 322
6.2 Dritter Weg und Dritte Welt: Der PSU und die internationale Politik 339
6.3 Französische Linksradikale zwischen den Welten: Die Geschichte des Cedetim bis Mitte der 1970er-Jahre 355
6.4 Kritik der Entwicklungszusammenarbeit: Zur Ambivalenz einer Kulturbegegnung 395
6.5 "Libération Afrique": Im Dienst der Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas 409
6.6 Anders, aber mit uns? Arbeitsmigranten und Linksradikalismus im Cedetim 433
6.7 Vergemeinschaftung, Verräumlichung, Verstetigung: Ein Fest und ein Haus für den "Antiimperialismus" 463
7. Zusammenfassung: Die Welt im Blick 475
8. Anhang 493
8.1 Partisans: Redaktionskomitees 493
8.2 Partisans: Autorinnen und Autoren 494
8.3 Gespräche mit Expertinnen und Experten 497
8.4 Archivalien 498
8.5 Filme und Radio 504
8.6 Gedruckte Quellen und Literatur 504
8.7 Abkürzungsverzeichnis 555
8.8 Personenregister 559
Dank 565
Eine Entdeckung und ihre Folgen Die '68er-Proteste wirkten in Frankreich und weltweit noch nach, als der Entwicklungsökonom Ignacy Sachs 1971 in Paris einen längeren Essay veröffentlichte. Er beschrieb dort die Dekolonisierung als dramatischsten Einschnitt in der Geistesgeschichte der jüngsten Vergangenheit. Die Welle der Befreiung in den Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg habe ein ganzes Weltbild zerstört. Seit der Zeit der Entdeckungsreisen hätten die Europäer sich selbst als zivilisierte und beherrschende Mitte, alle anderen als Bewohner einer barbarischen und von Europa beherrschten Randzone wahrgenommen. Doch dieser von kulturellem Hochmut und rassistischen Stereotypen getragene Eurozentrismus sei nun unwiederbringlich am Ende. Verantwortlich für diese Revolution der Wahrnehmungen war laut Sachs der tiers monde, die Dritte Welt - ein Begriff, den der Demograf Alfred Sauvy 1952 in Paris geprägt hatte und der sich von der damaligen Welthauptstadt des intellektuellen Lebens aus rasant verbreitete. Bald bezeichnete der Terminus auf dem ganzen Globus die (ehemals) kolonisierten, blockfreien und vermeintlich unterentwickelten Gesellschaften Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Nach ihrer Neuentdeckung als Dritte Welt benannte Ignacy Sachs 1971 sein Werk: La découverte du tiers monde. Auch das vorliegende Buch handelt von dieser Entdeckung. Es fragt nach ihren Voraussetzungen und ihrem Verlauf, nach ihren intellektuellen und politischen Folgen. Zu diesen Folgen zählt die Entstehung einer neuen radikalen Linken. Etwa zeitgleich mit der Dritte-Welt-Idee entwickelte sie sich seit Mitte der 1950er-Jahre in verschiedenen Ländern des Westens. Diese Linke bewegte sich jenseits der etablierten Organisationen von Sozialdemokratie und Kommunismus und machte beiden bis in die 1970er-Jahre hinein scharfe Konkurrenz. Dabei war radikaler Antikolonialismus ihr wichtigstes Distinktionsmerkmal. An der Entdeckung der Dritten Welt, die sich in Sozialwissenschaften, Politik, Medien und Alltagskultur gleichermaßen vollzog und die auf der ganzen Welt ihre Wirkung entfaltete, war die neue radikale Linke maßgeblich beteiligt. Andererseits ist sie eine Folge dieser Entdeckung und hätte ohne sie nicht existiert. Eine erste Frage der folgenden Untersuchung ist daher, wie die neue radikale Linke zu den vielfältigen Bedeutungen des Dritte-Welt-Konzepts beitrug, welchen Sinn sie ihm gab und welchen Anteil sie daran hatte, die Vor- und Darstellungen der damit bezeichneten außereuropäischen Weltteile zu politisieren und zu verbreiten. Umgekehrt wird zweitens gefragt, wie der Bezug auf die Dritte Welt es heterogenen Gruppen linker Intellektueller und Aktivistinnen erst ermöglichte, sich von der "alten" Linken abzugrenzen, ein eigenes Projekt zu definieren, und dafür in relevanten Öffentlichkeiten Unterstützung zu mobilisieren - kurzum: Politik zu machen. Die Entdeckung der Dritten Welt und die Entstehung der neuen radikalen Linken verliefen also parallel, doch nicht nur das: Diese Linke und eine bestimmte Dritte-Welt-Idee waren, so meine These, seit Ende der 1950er-Jahre in einer verflochtenen Geschichte wesentlich aufeinander bezogen, bis sie um die Mitte der 1970er-Jahre gemeinsam verschwanden. Seit der Landung des Christoph Kolumbus auf den Bahamas 1492 hat die Metapher der Entdeckung eine stark koloniale, eurozentrische Konnotation. Tatsächlich impliziert der Begriff meist ein Machtungleichgewicht zwischen Entdeckern und Entdeckten, immer aber eine selektive Perspektive. Ich will deshalb präzisieren: Dieses Buch handelt von der Entdeckung der Dritten Welt durch und für die neue radikale Linke in Frankreich. Der Blickwinkel dieser Linken ist weder der einzig relevante, noch kann er isoliert gedacht werden: Die zeitgleichen Dritte-Welt-Entdeckungen durch die Sozialwissenschaften, durch die Linke in anderen westlichen Ländern und schließlich durch die IntelDritten Welt selbst haben sich mit der Perspektive der linksradikalen Französinnen und Franzosen verschränkt. Diesen Verflechtungen soll Rechnung getragen werden, ohne darüber die für dieses Buch zentrale Blickrichtung aus den Augen zu verlieren: die der neuen radikalen Linken in Frankreich. Zur Entdeckung Amerikas ist diejenige der Dritten Welt wiederholt in Beziehung gesetzt worden. Beide Male glaubten Europäer eine Welt zu finden, die bisherige Deutungsmuster erschütterte und Fragen nach ihrem Verhältnis zu den entdeckten Gesellschaften sowie nach den sie konstituierenden Individuen aufwarf. Wurde nach 1492 diskutiert, ob die Bewohner Amerikas wirklich Menschen und zum christlichen Glauben fähig seien, fragten sich viele in Europa nach 1952, ob die Kolonisierten, die man jahrzehntelang als Wilde oder Kinder, als kulturell oder "rassisch" Minderwertige, als passive Objekte zivilisatorischer Erziehungsarbeit betrachtet hatte, nicht doch eigenverantwortlich und erfolgreich zu handeln vermochten. Schließlich erzwangen sie nun das Ende europäischer Kolonialherrschaft und so zugleich ihren "Wiedereintritt in die Geschichte", wie ein verbreiteter Topos der Unabhängigkeitsära lautete. Durch die empfundene Neuheit Amerikas und der sogenannten Dritten Welt wurden so einerseits bekannte Wissensmuster fragwürdig. Andererseits blieb auch das Verstehen der Neuen Welten an altes Vorwissen gebunden. Kolumbus und die Reiseberichte der frühen Neuzeit projizierten antike und christliche Traditionen in die Leerstelle eines vermeintlich geschichtslosen Kontinents. Die Europäer versuchten, "die Neue Welt in existierende Begriffsraster einzupassen, sie in Übereinstimmung mit [ihren] eigenen Normen zu klassifizieren und sie den westlichen Repräsentationstraditionen einzuverleiben". Ganz ähnlich verhielt es sich mit der Dritten Welt, einem Konzept, dem ebenfalls Altes anhaftete, während es Neues verkündete. Dies galt für den Mainstream der westlichen Sozialwissenschaften und die durch sie beeinflusste Entwicklungspolitik. Hier drückte das Konzept einerseits die deutlich veränderte westliche Wahrnehmung der (ehemaligen) Kolonien im Kontext von Dekolonisierung und Kaltem Krieg aus, während es andererseits koloniale Traditionen europäischer Selbsterhöhung durch die Abwertung des Anderen fortführte. Doch auch die Entdeckung der Dritten Welt durch die neue radikale Linke war nicht frei von der Ambivalenz des Alt-Neuen: Sie erklärte die Dritte Welt einerseits zum nachahmenswerten Modell oder Impulsgeber für die antikapitalistische Linke der Ersten Welt. Damit würdigte sie die Dynamik des Neuen und stellte bekannte Hierarchien auf den Kopf. Andererseits sah auch die radikale Linke in der außereuropäischen Welt einen Spiegel Europas - und in der "Dritten Welt" und ihrer als "Kolonialrevolution" gedeuteten Dekolonisierung die Akteure und Etappen eines marxistischen Befreiungsplans. Als Verbindung von europäischer Geschichtsphilosophie, Gesellschaftstheorie und politischer Tradition hatte dieser Marxismus einen universalen Anspruch - und deutlich eurozentrische Wurzeln. Das Neue konnte so zunächst auch hier nicht anders begreifbar werden als in den Kategorien des Vertrauten. Neben dieser Parallele springen aber große Unterschiede ins Auge. Seit 1492 entdeckten Europäer einen für sie neuen, präzis zu vermessenden Doppelkontinent. Anders seit 1952: Hier war die Entdeckung rein metaphorisch; es wurde ein Raum als Dritte Welt konstruiert, dessen physische Gestalt die Europäer kannten. Neu war die politische Rekonfiguration dieses Raums: Er schien jetzt durch eine neue geopolitische und sozioökonomische Dynamik (Kalter Krieg, Dekolonisation und globales Wohlstandsgefälle) und durch ein neues politisches Projekt ("Modernisierung", "Befreiung" oder "Blockfreiheit" der Dritten Welt) definiert. Als dieses Projekt und seine intellektuellen Grundlagerieten und als 1989/91 der Untergang der Zweiten Welt den Kalten Krieg beendete, verlor die Dritte-Welt-Idee ihre Plausibilität. Ein zweiter wichtiger Unterschied: Die sogenannten Indianer hatten kaum je die Möglichkeit, auf die europäische Vor- und Darstellung Amerikas Einfluss zu nehmen. Anders nach 1952: Der Beitrag, den Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika zur Entdeckung der Dritten Welt geleistet haben, ist groß. Die Rede von der Dritten Welt war kein Monolog des Westens, sondern erhielt nicht zuletzt durch die (ehemals) Kolonisierten in und außerhalb Europas einige ihrer zentralen Impulse. Insgesamt war die antikoloniale Politik der "langen 1960er-Jahre", die sich unter dem Dach des Dritte-Welt-Konzepts neu organisierte, ein Feld, das durch die leibhaftige oder gedankliche Begegnung westlicher Linker mit den Kolonisierten - über große räumliche und kulturelle Distanzen hinweg - erst seine Gestalt bekam. Zwar folgt dieses Buch vor allem den französischen Akteuren. Diese werden jedoch in ihrem Bezug auf ihre konkreten und gedachten Gegenüber in und aus den (ehemaligen) Kolonien untersucht, die je eigene Sichtweisen und Absichten hatten. Der Beitrag der neuen radikalen Linken zur Entdeckung, Semantik und diskursiven Verstetigung der "Dritten Welt" - und andersherum der Anteil der sogenannten Dritten Welt an der Entstehung, Entwicklung und politischen Praxis dieser Linken - sind also im Rahmen weiträumiger Beziehungsverhältnisse zu diskutieren, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Qualität erlangten. Daraus ergibt sich ein drittes Set von Fragen, die in der vorliegenden Untersuchung gestellt werden: Inwiefern bestimmten globalisierende Prozesse, vor allem die Mobilität von Menschen, Texten, Bildern und Ideen, die Deutungsmuster und Handlungsoptionen der neuen radikalen Linken? Und inwiefern förderte diese Linke ihrerseits Verflechtungen großer Reichweite? Welche Kontakte pflegte die neue radikale Linke zu Repräsentanten der sogenannten Dritten Welt und wie beeinflussten diese ihren Dritte-Welt-Bezug? Welchen Platz haben Erfahrung und Vorstellung einer sich stärker vernetzenden Welt in linksradikalen Gruppen, die zugleich immer auch in Paris und in Frankreich zu Hause waren? Diskutiert werden diese Fragen hier aus einem "französischen" Blickwinkel, der die transnationalen und globalen Dimensionen lokaler Geschichten berücksichtigt. Damit ist einerseits eine seit gut zehn Jahren verstärkt diskutierte Perspektive berührt, die für dieses Buch wichtige Anregungen geboten hat: die Globalgeschichte. Die verschiedenen mit diesem Etikett belegten Ansätze fragen erstens jenseits der Nation, die lange Zeit als selbstverständliche Bezugsgröße galt, nach alternativen oder komplementären Raumbezügen, in denen historische Akteure soziale Beziehungen eingingen und ihre Lebenswelt deuteten. Sie suchen zweitens eine anti-eurozentrische Perspektive auf ihre Gegenstände. Drittens räumen sie bei der Erklärung vergangener Wirklichkeit synchronen Verflechtungen tendenziell mehr Gewicht ein als andere Ansätze, die stärker mit diachronen Entwicklungen argumentieren. Mit der globalgeschichtlichen Perspektive verwandt, aber nicht identisch ist das Untersuchungsfeld historische Globalisierungsforschung. Je nach Standpunkt wird "Globalisierung" dort als multidimensionaler Makroprozess wachsender und zunehmend bedeutender, großräumiger Verflechtung zeitlich bis ins 19. Jahrhundert, bis an die Schwelle der Neuzeit oder sogar noch weiter zurückverfolgt. Zu dieser Geschichte kann das vorliegende Buch sicher nur einen kleinen Baustein beitragen. Zudem ist auch der Begriff der Globalisierung selbst mit Skepsis zu betrachten. Nicht nur herrscht über seine Bedeutung ebenso wenig Einigkeit wie über Ursachen, Folgen und zeit-räumliche Erstreckung des damit bezeichneten Prozesses. Frederick Cooper hat den "totalisierenden Anspruch" dieher kritisiert: Der Afrika-Historiker hält den Globalisierungsbegriff für ahistorisch und teleologisch, für einen metaphorischen Holzhammer, der jede Sensibilität für die fortdauernde Ortsgebundenheit sozialer Interaktionen, für ihre je konkreten Räume und Grenzen, für ihre Akteure und deren Wahrnehmungsweisen zertrümmert. Zudem, so Cooper weiter, sei der Globalisierungsbegriff blind für Machtungleichgewichte sowie die Kontingenz und Instabilität der damit analysierten Beziehungen. Als Gegenwartsbegriff sei er irreführend; als historiografisches Konzept verleite er dazu, "Geschichte rückwärts zu schreiben" und gegenwärtige Ideen in die Vergangenheit zu projizieren. Coopers Kritik wiegt schwer; behält man sie im Hinterkopf, scheint mir der Globalisierungs-Begriff trotzdem nützlich. Dies gilt meines Erachtens vor allem dort, wo sich zeitgenössische Wahrnehmungen und empirisch beschreibbare Entwicklungen überlagern; dort also, wo der Begriff erlaubt, das "globale Bewusstsein" historischer Akteure, die tatsächlich die Welt als ein integriertes Ganzes dachten und ihre Handlungen auf diese Vorstellung bezogen, mit gleichzeitig ablaufenden Prozessen großräumiger Integration und verdichteter Interaktion zu korrelieren, die diesem globalen Bewusstsein erst seine erfahrungsgeschichtliche Plausibilität verliehen. Das Verhältnis von Dritte-Welt-Idee und neuer radikaler Linker in Frankreich erschließe ich mit einer konstruktivistischen Grundhaltung. Denn nicht nur transportiert die Entdeckungs-Metapher immer die Perspektive bestimmter Entdecker, die selektiv ist. Der Begriff spielt zudem mit der Ununterscheidbarkeit von Auf- und Erfinden, von Enthüllung und Erdichtung, von Exploration und Konstruktion durch die Entdecker. Ob eine Entdeckung nun zeigt, was bis dahin versteckt oder unbekannt, jedenfalls aber schon da war, oder ob sie noch nie Dagewesenes neu erschafft, ist kaum zu entscheiden und letztlich irrelevant - immer entspringt sie einer Perspektive, die das von ihr in den Blick genommene als bedeutsames Neues auffasst. Eine Realität, die vor oder außerhalb dieser Perspektive liegt, mag es zwar geben - sie kann aber nicht von ihr unabhängig erfasst werden. Konkret: Es ist klar, dass die Menschen und Gesellschaften der sogenannten Dritten Welt in einem alltäglichen Sinne nicht "erfunden" wurden. Sie existierten unabhängig von ihrer metaphorischen Entdeckung und unabhängig davon, ob man sie in Europa als minderwertige Kolonisierte oder antiimperialistische Revolutionäre, als Unterentwickelte oder postkoloniale Modernisierer, als Blockfreie, Trikontinentale oder als Dritte Welt auffasste. Dennoch ist ihre Existenz nur vermittelt durch Sprache, Bilder oder andere interpretierende Zeichen greifbar, die insofern Wirklichkeit erst herstellen. Welche Realität der Dritten Welt die neue radikale Linke in Frankreich konstruierte, untersucht dieses Buch für die Zeit von der Mitte der 1950er- bis zur Mitte der 1970er-Jahre. Zeitraum: Dritte Welt und radikale Linke in den "langen 1960er-Jahren" Die "langen 1960er-Jahre" sind inzwischen eine verbreitete Übereinkunft zeithistorischer Periodisierung. Egal ob Süd- oder Nordamerika, West- oder Osteuropa: Die 1960er-Jahre gelten vielerorts als Kernphase sozioökonomischer, politischer und kultureller Veränderungen, die teils schon in den 1950er-Jahren begannen und bis in die 1970er-Jahre andauerten. Eine ähnliche Perspektive wird in Frankreich unter dem Begriff "'68er-Jahre" diskutiert. Der 40. Jahrestag von 1968 hat gezeigt, dass dieser Begriff in und auch jenseits der Fachöffentlichkeit fest etabliert ist. Welche Deutungen verbinden sich mit den '68er-Jahren? Der Begriff soll die Breite und Tiefe einer "Zivilisationskrise" verdeutlichen, die über das Milieu der Studenten, die Politik der Linken und die Generation der Baby-Boomer hinausging und nicht au Provinz erfasste und mit dem Geschehen in anderen Ländern verknüpft war. Wann waren die '68er-Jahre? Trotz konkurrierender Vorschläge werden meist die algerische Unabhängigkeit 1962 und der Machtwechsel zu Mitterand 1981 als Eckdaten genannt. Beides waren zweifellos wichtige Einschnitte, doch inwiefern sie Grenzdaten einer kohärenten Epoche sind, wird in der Literatur kaum erörtert. Zwar setzt das Label '68er-Jahre das Protestereignis "'68" demnach stärker ins Verhältnis zu anderen Entwicklungen und stellt es in eine Perspektive der mittleren Dauer, historisiert es also umfassender, als dies zuvor üblich war. Andererseits jedoch verfestigt die Rede von den '68er-Jahren den Bezug auf die "heißen" Wochen des Jahres 1968, das weiterhin als "Epizentrum eines nach vorne und hinten verlängerten Zeitraums" gedacht wird. So wird letztlich eine Teleologie der Perspektiven fortgeschrieben, die auf Mai/Juni 1968 zulaufen und andere Entwicklungen und Zeitlichkeiten ausblenden. Die '68er-Jahre gelten zudem meist als die Zeit nach dem Algerienkrieg. Gerade dieser Krieg aber brachte eine seit 1956 greifbare Neukonstellation zu dramatisch beschleunigter Entfaltung und wurde zum "Gründungsereignis" der von mir untersuchten neuen radikalen Linken. Mit Blick auf die beiden üblichen Periodisierungen gebe ich daher nicht den "'68er-Jahren", sondern eher den "langen 1960er-Jahren" den Vorzug - allerdings nur im Sinne einer Periodisierungskonvention, die in ihrer Allgemeinheit keinen analytischen Wert hat, und mir lediglich als Folie dient, um die konkreten zeitlichen Grenzen der folgenden Untersuchung zu bestimmen: Deren "Kernzeit" reicht von der Mitte der 1950er- bis etwa zur Mitte der 1970er-Jahre. In diesen zwei Jahrzehnten entfalteten die radikale Linke in Frankreich und die Idee der Dritten Welt sich parallel und durch grenzüberschreitende Wahrnehmung und Kommunikation in vieler Hinsicht wechselseitig verflochten. Zwar war die Idee der Dritten Welt für die neue radikale Linke letztlich wichtiger als umgekehrt; dennoch sind beide nur in ihrer verschränkten Entwicklung zu erklären, die hier als französische Geschichte in transnationaler Perspektive untersucht wird. Dabei lassen sich drei Phasen unterscheiden: Aufstieg, Entfaltung und Niedergang. Mit einigen Vorläufern reicht die Phase des Aufstiegs von der "Drillingskrise" des Epochenjahrs 1956 bis ins Jahr 1961, als Jean-Paul Sartre und Frantz Fanon im Algerienkrieg einige für die neue radikale Linke zentrale Perspektiven auf die Dritte Welt formulierten. Die anschließende Phase der Entfaltung reicht bis zur Vietnamkriegsopposition seit 1966, in der die Dritte-Welt-Idee auf einen Höhepunkt ihrer Wirksamkeit gelangte. Der maßgeblich von linksradikalen Kräften geprägte Protest gegen den Vietnamkrieg mündete in Frankreich relativ direkt in die Protestereignisse des Mai/Juni 1968. Die Phase des Niedergangs nach 1968 zeigt widersprüchliche Entwicklungen und endet ohne klare Zäsur irgendwann ab Mitte der 1970er-Jahre. Der Niedergang betrifft nicht die Dritte-Welt-Idee überhaupt - sie bleibt noch bis in die 1990er-Jahre hinein relevant -, sondern die spezifisch linksradikale Dritte-Welt-Idee und diese Linke selbst, deren Profil sich im Laufe der 1970er-Jahre verliert. Dieses Dreier-Schema überzeugt als Totale. Das Zoom auf einzelne Zeitabschnitte, Kontexte oder Akteure zeigt aber alternative Entwicklungen. Die einzelnen Kapitel widmen sich den Stationen des Dritte-Welt-Bezugs in der neuen radikalen Linken deshalb genauer. Die enge historische Beziehung zwischen der radikalen Linken in Frankreich und dem Konzept der Dritten Welt ist bislang kaum untersucht. Spuren dieser Geschichte finden sich dennoch in verschiedenen Bereichen historischer Forschung, in denen ich meine Untersuchung zunächst verorten möchte.
| Erscheint lt. Verlag | 4.10.2011 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Globalgeschichte ; 9 |
| Zusatzinfo | 9 Abbildungen |
| Verlagsort | Weinheim |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 140 x 213 mm |
| Gewicht | 710 g |
| Themenwelt | Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Zeitgeschichte |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung ► Europäische / Internationale Politik | |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung ► Vergleichende Politikwissenschaften | |
| Schlagworte | Algerienkrieg • Antikolonialismus • Dekolonisierung • Dritte Welt • Frankreich • Frankreich; Politik/Zeitgeschichte • Globalgeschichte • Intellektuelle • Kolonialismus • Kolonialismus / Kolonialgeschichte • Linke • Linksradikalismus • Linksradikalismus / Linksextremismus • Postkolonialismus • Protest • Zeitgeschichte |
| ISBN-10 | 3-593-39480-4 / 3593394804 |
| ISBN-13 | 978-3-593-39480-0 / 9783593394800 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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