Manöver für unglückliche Lösungen (eBook)
258 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-6412-5 (ISBN)
Norbert Theodor Maria Flamme, geboren 1958, arbeitet seit Jahren als Psychotherapeut und Dipl.-Psychologe. Er lebt in der "Metropole Ruhr" Duisburg. Fachzeitschriftlich hat er "Coaches - Gurus in Nadelstreifen?"(2002) und "Die Kunst der Beendigung einer Psychotherapie"(2016) veröffentlicht. Belletristisch ist "2037: 'Skizze zum 7. Oktober - Herbstnovelle mit Hengstparade" sein Debüt. Mit "Manöver für unglückliche Lösungen"(2024) legt der Autor ein Sachbuch für Interessierte an den Themen Psychologie und Psychotherapie vor.
Ü01: „Ich habe keine Vorurteile“
„Puh“, schoss aus mir heraus, als ich nach einer Gruppentherapie und dem dazu diktiertem Protokoll aus dem Büro in den kleinen, hellen Flur der Praxis trat und hinter mir abschloss.
Frühlinghaftes Wetter, die milde Spätnachmittagssonne und die Wärme einer gerade mit Eis und Schnee überstanden Winterzeit empfingen mich, als ich auf die Straße trat. Alles war getaut. Ich ging die kleine, beruhigte Straße entlang. Die parkenden Autos und die kahlen Bäume, deren Rinden im Sonnenlicht rötlich schimmerten, passierte ich zügig auf dem Weg nach Hause. Mildes Grün haftete an den gepflasterten Steinen. Genussvoll, fast gierig, fing ich die Sonne ein wie ein junger Hase, der nach dem Winter das erste Mal sein Nest verlässt. Die Idee, heute zu joggen, kam wieder in mir hoch. Die Lust dazu, dies bei frischer Luft zu tun, ebenfalls. Nachdem ich zu Hause angekommen war, zeigte sich, wie ich – allein in der Wohnung – zielgerichtet die wenigen Kleider und Schuhe suchte, ein Glas kühles Wasser trank, fast soff, und eine Banane im Stehen aß. Ein wenig Erschöpfung durch den Tag, zweieinhalb Wochen rutschige, eisige Kälte und viel zu wenig Bewegung im Freien bremsten jedoch nicht mehr. Ich lief, aber langsam.
Mein Ort bietet kurze Wege ins unbebaute Grüne: zweimal rechts, an Fußgängern vorbei, mit Abstand, und schon war ich unterhalb einer selten genutzten Bahntrasse auf dem hundert Meter langem Patt mit festem Erdreich. Zwei junge Frauen picknickten auf dem Gleis, ich passierte sie und grüßte grinsend, was die beiden erwiderten. Bedächtig und bewusst setzte ich Fuß vor Fuß. Ich spürte meine Waden, Schenkel und Schultern.
Der Atem floss. Ich schaltete auf langsame Automatik, nahm meinen Körper intensiv wahr, erblickte unmittelbar vor mir das Wiesengras, die vereinzelten Pfützen, denen es mit dem Setzen jeden Fußes auszuweichen galt. Ich reagierte und lief.
Etwas Asphalt kam und ich bog ab, rechts unter die Bahnbrücke. Der Gedanke musste mit der vorherigen Gruppe unter dem Stichwort „Vorurteile“ aufgestiegen sein: Habe ich Vorurteile? Ich hab‘ doch keine Vorurteile!
Auge in Auge sah ich mich mit zwei Radfahrerinnen konfrontiert, die knapp an mir auf falscher Fahrbahnseite vorbeizischten. Ein unnachahmliches, lautes „Höööärrrr!“ der nebeneinander fahrenden Frauen traf auf mein Ohr. Das Gesicht derjenigen Frau, die das Geräusch ausgestoßen hatte, war fremd, nicht hautfarben, nicht schwarz, sondern … rötlich? Und rund. Übergewichtig. Sie meinte wohl die Mitfahrerin mit „Höre mal!“.
Wo kommt die denn her?, war mein stiller, verärgerter Gedanke, mit dem ich auf meinen Schreck reagierte. Ich hörte wenig und verstand nicht mehr von der Sprache, die niemals Deutsch oder Türkisch war, die ich wiederum in der Metropole Ruhr und Duisburg für normal hielt. Ich liebe die Abkürzung MR, weil sie an den Schmelzpunkt Los Angeles erinnert, mit Hollywood, Weite, Western. Weder das Gesicht noch die Sprache erinnerten mich an etwas halbwegs Vertrautes.
Going on!, dachte ich gut gelaunt, überquerte eine abbiegende Einfahrt vor und nach den Märkten. Etwas Autoverkehr lief wie üblich. Nach der Unterführung kamen, vor dem Kreisverkehr, zwei Zebrastreifen links und rechts, um den geteerten Fußweg zur Ruhr und das dort überführende Wehr zu finden. Als ich die blau-weiß beschilderten Streifen fast betrat und auf den Pflastersteinen stand, hörte ich ein Auto heranrauschen. Fahren die mich um? Kann ich jetzt rübergehen? Obwohl mir das Fahrzeug meinen Vorrang nicht genommen hatte, ging es kurz darauf weiter. Hatte ich vielleicht doch Vorurteile? Sonst dachte ich nicht so klar über meine Gefährdungen nach. Ich neigte nicht zu Angst oder Paranoia. Vielleicht war da auch der Psychologe in mir, der lachend meinte: „Beobachte dich mal.“ Haha.
Verlässt man die Innenstadt und lässt die Autohäuser links liegen, läuft man auf dem Ruhrradweg. Dieser plane, 1,50 Meter breite Fahrradschnellweg liegt erhöht neben der Ruhr, die durch ein breites Kanalbett fließt. Der Weg führte zum Wehr, das den Fluss quert. Es lief sich gut; die Muskeln waren nach mehr als zehn Minuten warm, ich schwitzte leicht.
Ich joggte unter alten Platanen, die noch ohne Blätterkleid waren, richtete den Blick auf die den Fluss begleitenden Wiesen, ich konnte keine Schafe sehen; manchmal bevölkern sie mit ihren Lämmern die Wiesen. Sie spielen, blöken, nehmen ihr Gras genügsam und folgen den Schäfern mit ihren klugen Hunden.
Fahrradfahrer, ältere Männer mit E-Bikes, Männer und Frauen mit Fahrradtaschen, vielleicht eine Tochter mit Vater und junge Läufer in Strumpfhosen mit Kniehosen, rötlichem Bärtchen und Piratenkopftuch kamen mir entgegen oder überholten mich, den langsamen Läufer.
„Mrrr. Ist das Tor wieder zu?“ Irgendwer hatte zuvor im CoronaLockdown wohl gemeint, den 120 cm breiten Radweg über das Wehr sperren zu müssen; damit man sich nicht ansteckt.
Der für mich übliche Freizeitweg, die letzte und gesuchte Freiheit, war mit seinem Stahlrohrtor, mit seinen eckigen, knallgelben Stangen und einer dicken Eisenkette mit Schloss versperrt gewesen. Bei Hochwasser erwartete ich es, aber nicht wegen Corona, da war ich verärgert gewesen.
„Rrrr.“ Das grenzte an Freiheitsberaubung und Einsperren. Ein paar Meter weiter zeigte sich: Der Weg war weit geöffnet. „Huch. Alles gut.“ Spontan gönnte ich mir, auf einer Strecke von dreißig Metern bewusst den Körper zu spüren, zu gehen, und fiel aus dem lockeren Lauf heraus, was ich genoss.
Als mir ein Fahrradfahrer auf der Wehrbrücke entgegenkam, drehte ich mich weg, nach außen zur Ruhr. Es war wirklich etwas eng. Wir sollten davon ausgehen, dass jeder eine Viruslast haben kann, und dementsprechend könnte die AHA-Regel, also „Abstand halten, Hygienemaßnahmen beachten und Alltagsmaske tragen!“, angesagt sein. Den kurzen Moment ohne Abstand, ohne Maske zulassend, fädelte ich mich an der ersten Schleuse vorbei auf einen Rundweg.
Weiter ging es im stetigen Tritt, zwischen links doppelmannshohen Robinien, Rotdorn und Weiß-nicht-Was und rechts Maschendrahtzaun vor hochgewachsenem Buschwerk, vermutlich mehrheitlich Holunder, der den Blick auf den begradigten Lauf der Ruhr verwehrte, und ich wälzte per pedes auf einem grauem, erddurchwirkten Schotter weiter, auf dem zwei Fahrräder nebeneinander fahren konnten. Ein junges Reh war ich mal gewesen, inzwischen mehr alt mit Winterspeck. Hunderte Schritte vor mir zeigte sich ein großer Mann. Irgendetwas war da komisch. Kennt er sich nicht aus? Sucht er was? Soll ich aufmerksam helfen? Obwohl ich kleine Laufschritte ausführte und er ging, kam ich ihm scheinbar nicht näher. Auf dem Damm laufend, mit rundum weitem Blick, ließ ich die wenigen Hallen, die großen Parkflächen mit den Autos auf Halde links, unten liegen. Ich war oben.
Sehr, sehr langsam rückte ich auf. Zwei junge und reizvolle Frauen, vermutlich Studentinnen oder Schülerinnen, kamen mir entgegen. Wir wichen aus. Mich freute der Anblick, still für mich. Noch fünfunddreißig Meter, da kamen auf den Damm zwei weitere Personen entgegen. Der merkwürdig große Mann sprach sie an. Sie hatten zarte Gesichter und antworteten einen kurzen Moment, dann liefen sie weiter. Was wollte er denn von denen? Ich musste ihnen ausweichen und dachte an die Gefährdung junger, hübscher Frauen. Manchmal höre ich in der Praxis von Missbrauch und Demütigung: Mädchenhandel. Als ich den Damm herunterlief, holte ich den Mann ein. Deutlich erschien er, war eine Zwei-Meter-Statur. Ein Riese mit langen Beinen. Deswegen war der zu Fuß so schnell. Ich sah, er hatte sein Handy gezückt, nachdem er mit den Mädchen gesprochen hatte. Sagt er seinen Helfern Bescheid, vorne an der Schleuse, um die Frauen abzufangen? Na, du übertreibst! Beim Passieren nahm ich seine Stimme und Sprache wahr. Er klang fremder als fremd, vielleicht ein Russe, aus Osteuropa stammend, doch nicht von hier.
In mir blitze eine Erinnerung an das Laufen in Portugal auf, ein Grüngürtel an der Küste, mit frühlinghaftem Schilf, Weiden am Wasser mit weißem Pony und strahlend blauem Himmel. Damals war ich allein in der Fremde. Jetzt fühlte ich mich als Einzelner unter Fremden in der Heimat.
Die Idee und Absicht (oder war es die Folge der Gruppe gewesen, mich mit Vorurteilen zu beschäftigen?), hatte mir meine Situation, aktuell allein zuhause zu sein, schmerzlich bewusst gemacht. War auch meine tägliche Arbeit, mit den Schicksalen umzugehen, das, was Stimmung machte? Hatte ich meine Spannung in die Mitmenschen hineingelesen?
Ich spürte eine Schwachstelle, es piekte in der Wade. Als geübter Läufer variierte ich Stil und Tempo, lief mal seitlich die Beine im Scherenschritt überschneidend, mal meine Linke und die Rechte nach vorn schiebend. Ich nahm das knallrote Käppi vom Kopf, wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ich schonte mich, bewegte mich nochmal achtsam ruhig und spürte in mich hinein. Ich war schön warm, schon wieder...
| Erscheint lt. Verlag | 13.1.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Beruf / Finanzen / Recht / Wirtschaft |
| Geisteswissenschaften ► Psychologie | |
| Schlagworte | Aktivierung und Wirksamkeitserleben • autodidaktische Herausforderungen • Depression, Angst, Zwänge, • Lösungsorientierung • Psychologie • Psychotherapie • Ressourcen, ressourcenorientiert • Selbstmitteilungen eines Therapeuten • Selbstwirksamkeit |
| ISBN-10 | 3-7693-6412-0 / 3769364120 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-6412-5 / 9783769364125 |
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