Im Strom vom OM (eBook)
702 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-63044-4 (ISBN)
IM GEBIRGSBACH
Der Gebirgsbach
Ein Gebirgsbach bildet sich meist aufgrund des Zulaufs kleinerer quirliger Quellgewässer, träger Rinnsale oder gurgelnder Bächlein. Das typische Bild eines Gebirgsbaches ist aber, wenn das Wasser aus dem Gebirgssee austritt und in Eile bergab fließt, dem Talgrund zu. Der Bach kann, je nachdem, wie die Umgebung geformt ist, ungehindert zwischen sanften Hügeln hindurchfließen oder aber sich zwischen steilen Bergflanken durchdrücken, um sich schließlich in tiefen Schluchten oder der nicht einsehbaren, dunklen Klamm zu verlieren, bevor er sich wieder zeigt und in den Oberlauf eines Flusses oder einer Ache12 einmündet. Jeder größere Bach braucht die Führung eines Flussbettes, denn ohne dieses würde er sich zu frei „entfalten“, würde er bei viel Regen oder der Schneeschmelze wahrscheinlich Schäden in der kultivierten Landschaft verursachen. Ähnlich verhält es sich mit den vitalen und emotionalen Energien des Menschen. Auch sie brauchen die Führung des Bewusstseins, die Bahnen von zentralen Gedanken, die sich wiederum von tief eingeprägten Erfahrungen oder von traditionell-religiösen Werten ableiten. Werte sind mächtige Vorstellungen, die sich aus all den produktiven Erfahrungen der Vergangenheit oder der Geschichte, dem kulturellen und spirituellen Erbe einer Gesellschaft und Volkes gebildet haben. Diese werden über die Familie und das soziale Umfeld auf den jungen Menschen übertragen, was sein Bewusstsein und sein Grundverständnis zum Leben bildet und einordnet, seinen Erfahrungshorizont begrenzt oder öffnet, die Möglichkeit, sich selbst zu entwickeln und sich im Leben auszudrücken, behindert oder fördert.
Der Lehre des Yoga zufolge, bringt jeder Mensch seine Vergangenheit mit ins Leben, ein individuelles karma, die Summe von Ursachen und Wirkungen, die er durch seine Handlungen und auf Grund seiner Überzeugungen in früheren Inkarnationen geschaffen hat. Dieses karma, welches wir gewohnt sind, „Schicksal“ zu nennen, erwacht nach und nach im heranwachsenden Menschen. Zu diesem karma gehören sogenannte samskaras, tiefe Prägungen, tief verwurzelte Überzeugungen und Neigungen, welche in ihrer Summe – zusammen mit den verinnerlichten positiven Werten – den Charakter eines Menschen bilden. Daher reagiert jeder Mensch anders auf Erziehungsformen, wie auch auf die Konventionen einer Gesellschaft und kann diese, dem mitgebrachten karmischen Potenzial entsprechend, übersteigen oder sogar umformen und die Gesellschaft zu einem gewissen Grade verändern. Das sehen wir an vielen positiven Einflüssen von Erfindern, Künstlern, Poeten, Revolutionären, Politikern, Heiligen und spirituellen Meistern. In vielen Biografien interessanter Menschen kann man erkennen, dass die Reaktion auf konventionelle Werte sehr unterschiedlich sein kann. Menschen können in der gleichen Familie, unter gleichen Bedingungen aufwachsen und erzogen werden und doch entwickeln sie sich in verschiedene Richtungen, erfahren unterschiedliche Schicksale und bilden unterschiedliche Lebensideale aus. Das kann man sogar an Zwillingen mit identischem Erbgut beobachten. Aus der gleichen bürgerlichen Familie können Genies hervorgehen, wie auch ganz normal situierte Menschen und ebenso Verbrecher. Das weist darauf hin, dass jeder Mensch, aufgrund einer eigenen Seele, individuell ist und aufgrund eines karma bestimmte Anlagen, Charakterzüge und persönliche Schicksalskräfte in diese Welt mitbringt. Heute schaue ich aus der Sicht des Yoga auf mein Leben und die Kindheit zurück und kann daher die Abschnitte meines Lebens und Erfahrungen – die positiven wie auch die negativen – umfassender verstehen und mit versöhnlichen Gefühlen belegen. Denn erst durch die Lehre des karma konnte ich beginnen, eine ganze Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und niemanden außer mich selbst für die schmerzhaften Erfahrungen und negativen Lebensumstände verantwortlich zu machen. Auch bezüglich der guten Erfahrungen meines Lebens hat mich Yoga etwas Wichtiges gelehrt – Dankbarkeit gegenüber dem Göttlichen, Dankbarkeit gegenüber Gott.
Aus dem Rhythmus
Der Zeitpunkt, als meine Quelle die sonnigen Höhen des Bergsees und der Quellregion verlassen und in den Abschnitt des Gebirgsbaches übergehen musste, wurde durch eine markante Veränderung in meinem Leben eingeleitet. Ich wurde von meinem Onkel und der Tante, meinen Taufpaten, in einem schneelosen Januar mit ihrem VW Käfer abgeholt, mit dem sie mich zu meiner Mutter bringen sollten. Ich sehe noch heute, wie mir meine Großmutter mit Tränen in den Augen nachwinkte. Ich war gerade sieben Jahre alt geworden und hatte das erste Schulhalbjahr in der Bergdorfschule mit nur einem Klassenraum, in dem alle vier Grundschulstufen zusammengelegt wurden, verbracht. Nun nahm mich meine Mutter zu sich ins Tal, in ein größeres Dorf, welches an die Bezirkshauptstadt angrenzte. Sie hatte einen neuen Mann getroffen, mit dem sie eine Familiengemeinschaft gründen wollte und zugleich war sie ein zweites Mal schwanger. Das gefiel mir anfangs, denn ich war ein abenteuerlustiges Kind und begrüßte alles, was neu und damit spannend war. Außerdem versprach mir der neue Mann meiner Mutter einiges an schönen Spielsachen, darunter ein Flugzeug mit Fernsteuerung und ebenso ein Motorboot. In der neuen Welt fand ich mich bald gut zurecht. Ich tat mich nicht schwer damit, neue Freunde und Freundinnen zu finden, da es mir an Ideen für Abenteuer, sowie Ideen für Streiche und interessante Bauprojekten nie mangelte. Hütten und Seifenkisten bauen, Pfeil und Bogen schnitzen, Drachen und andere Spielsachen basteln – dafür konnte ich mich entflammen und das zog auch andere Kinder an.
Das Leben im Tal brachte eine neue Lebensstimmung. Alles war moderner und betriebsamer, der Blick aller in eine andere Richtung gewendet. Das Hauptthema meiner „neuen Eltern“ war das Geldverdienen, der neue Toyota auf den man sparte, schönere Möbel für das Wohnzimmer und ein Farbfernseher. Das Zusammenkommen beim Essen kannte keine Gebete mehr und ich vermisste auch die verbindenden Gespräche, die sich bei meinen Großeltern meist um die wichtigen Dinge drehten, welche sich im Dorf und mit den Tieren ereignet hatten. Es zog mich zurück, doch sah ich auch irgendwie ein, dass ich bei meiner Mutter bleiben musste. Vielleicht war es aber auch besser so, denn die neuen Ideale der Erwachsenen hielten ebenso im Dorf am Berg langsam Einzug, denn auch dort war der Ansturm der Moderne schon im vorangegangen Jahr deutlich zu spüren gewesen. Fließendes Wasser kam ins Haus und ersetzte die blechernen Krüge, mit denen man das Wasser bisher von der Waschküche geholt hatte, wo die einzige Wasserstelle war. Auch die hölzernen Eimer, die noch den Weg zum Brunnen am Dorfplatz vor der Kirche gut kannten, hatten nun keinen Wert mehr. Der alte Dampfkessel, in dem die Großmutter ihre Wäsche gestampft hatte und in dem das Wasser für die Badewanne aufgeheizt wurde, in der wir einmal im Monat in einer dampfenden Waschküche badeten, wurde durch eine Waschmaschine ersetzt. Zu meiner Freude kam auch schon ein Fernseher ins Haus, wo es außer den mageren Wochenendprogrammen nur am Mittwoch das Kasperletheater zum Anschauen gab. Wäre ich im Bergdorf geblieben, dann wäre dieses Stück Leben für mich vielleicht kein in sich abgeschlossenes, so sonniges Kapitel geblieben. So aber blieb es wie ein schönes Märchen in meiner Erinnerung, wie all die anderen Geschichten, die mir erzählt wurden, bevor der Fernseher kam. Ja, ich hatte das Glück, in einer idyllischen, märchenhaften Welt aufzuwachsen, die es eigentlich schon gar nicht mehr gab, eine, in der die Zeit und der Fortgang der Dinge scheinbar nur noch für mich stehen geblieben waren, bis ich von dannen zog.
Mein weiteres Leben gestaltete sich meiner luftigen Natur gemäß sehr bewegt und ging einher mit mehreren berufsbedingten Ortsveränderungen meiner Eltern. Die Umstände, in welche mich diese führten, gaben mir viel Freiraum für eigene Unternehmungen aller Art. Da sie unseren Lebensunterhalt durch die Führung eines Gasthausbetriebs verdienten, hatten sie nicht viel Zeit, mit uns Kindern etwas zu unternehmen. Das war mir aber gar nicht so unrecht, denn so konnte ich meinen vielen Interessen nachgehen. Zudem konnte ich in diesem Gasthausbetrieb auch schon mein eigenes Geld verdienen, mit dem ich meine vielen Hobbys und Ausflüge bezahlen konnte. Manchmal machte ich ihnen aber auch Sorgen, da meine Streiche und die Abenteuerlust oft das Maß ihrer Toleranz überschritten. Ich liebte es, gefährliche Dinge zu tun, wie zum Beispiel durch den großen Fluss zu schwimmen, Dachrinnen hinauf zu klettern und auf Dächern herumzutanzen, in Höhlen zu kriechen oder das Auto meiner Eltern kurz auszuleihen, um mit meinem jüngeren Bruder und einigen Freunden eine Spritztour zu machen. Als ich dabei einmal durch eine Schar Hühner fuhr und zwei davon ihr Leben lassen mussten, flogen unsere geheimen Ausflüge auf. Meine Mutter...
| Erscheint lt. Verlag | 7.7.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Esoterik / Spiritualität |
| Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Lebensdeutung | |
| Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie | |
| Schlagworte | Angst • Arbeit • Augen • Autobiografie • Biografie • damals • Eltern • Ende • Esoterik • Familie • finden • Frau • Gedanken • Geschichte • Harmonie • Herz • Jahre • Jahren • Joga • Kinder • Körper • Lebensbestimmung • Licht • Liebe • Mann • meines • Mensch • Menschen • Mystik • Mythen • Neuen • oft • Philosophie • Psychologie • Religion • Sagen • Spiritualität • spiritueller Meister • Tag • Tage • Welt • Wissen • Yoga • Zeit |
| ISBN-10 | 3-347-63044-0 / 3347630440 |
| ISBN-13 | 978-3-347-63044-4 / 9783347630444 |
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