Die Lichtflamme in Dir (eBook)
100 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7460-5319-6 (ISBN)
Michael Pflaum, Pfarrer in Erlangen-Süd seit 2010 Studium der katholischen Theologie 1997-2003 Pastoralreferent in Scheinfeld 2004 Priesterweihe, danach Kaplan in Nürnberg 2006-2010 Stadtjugendseelsorger in Nürnberg Promotion: Die aktive und die kontemplative Seit der Freiheit
Einführung in die Kontemplation
„Kontemplative Exerzitien“ von Franz Jalics
Der Jesuitenpater Franz Jalics hat zwei spirituelle Traditionen miteinander verbunden und daraus „Kontemplative Exerzitien“ gemacht. Im Exerzitienhaus Gries hat er jahrzehntelang unermüdlich zu diesen Exerzitien angeleitet.
Als Jesuit steht er natürlich in der Tradition der ignatianischen Exerzitien. Er lernte aber auch das Jesusgebet kennen, das die Wüstenmönche in der Alten Kirche schon pflegten und die man in der Schrift „Philakolie“ oder kompakt in „Kleine Philakolie“ nachlesen kann:
„Und Klimakos: „Vereinige deinen Atem mit dem Gedanken an Jesus, und dann wirst du erkennen, wie gut die Ruhe ist.“ […] Aber die Fortgeschrittenen und Vollkommenen in Christus haben schon genug an den Worten Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, ja sogar an der Anrufung des Namens Jesu allein. Sie üben und lieben es wie das vollständige Gebet und werden dadurch von unaussprechlicher Freude erfüllt, die jede Erkenntnis, jedes Gesicht und jedes Wort übersteigt.“1
In der 4. Woche der Exerzitien führt Ignatius in das kontemplative Gebet ein. Diesen Teil hat Franz Jalics zu eigenständigen kontemplativen Exerzitien ausgearbeitet und in seinem Buch „Kontemplative Exerzitien“ ausführlich dargelegt. Die vorliegende Schrift führt auf fünf verschiedene Weise in kompakter Form in die kontemplativen Exerzitien ein und enthält alles Wesentliche dieses spirituellen Weges.
Einführung in die Kontemplation mit Loriots Feierabend
Kennen Sie Loriots Sketch „Feierabend“? Da sitzt der Ehemann gemütlich in seinem Lehnsessel. Er hat Feierabend. Er hat gearbeitet und gegessen und möchte jetzt einfach … ja da gibt es mehrere deutsche Wörter, die das umschreiben: entspannen, verweilen, chillen, einfach da sitzen. Oder in Lateinisch: Kontemplation!
Aber seine geschäftige Frau in der Küche unterbricht die Ruhe: Herrmann! Ja sie will wirklich das Beste für ihn, sie will ihm wirklich gut sein, sie will die umsorgende Ehefrau sein. Aber eines ist jenseits ihrer Vorstellung: Dass Einfach-da-sitzen schön und sinnvoll ist. Dass man sich genau das wünscht. Sie ist gleich einer beschäftigten Biene, die immer aktiv ist, außer wenn sie schläft.
Also empfiehlt sie ihm: Lies doch mal was, geh doch mal spazieren! Soll ich Dir den Mantel bringen! Du tust ja nicht das, was Dir Spaß macht! Stattdessen sitzt du da!
Irgendwann muss der Ehemann brüllen: Ich sitze hier, weil es mir Spaß macht!
Der Leser möge diesen Text unter zwei Perspektiven lesen: Erstens als ein Gespräch zwischen einer aktiven Ehefrau und einem Ehemann, der einfach im Sessel sitzen will und nichts tun und denken will. Zweitens als ein Gespräch, das in einer Person stattfindet; ein Gespräch zwischen dem aktiven Ich und einer anderen Seite in der Person, die einfach in Ruhe und Stille verweilen möchte.
Ich glaube, das kennt jede und jeder: Man will einfach mal da sein, verweilen, chillen, lauschen, in der Gegenwart verweilen, entspannen. Aber da kommt der unruhige Verstand und quatscht einen voll. Du musst noch das erledigen. Schau doch mal ins Fernsehen. Das Missverständnis gestern, dieser schreckliche Kerl usw. Ja der Streit zwischen Ehemann und Ehefrau in Loriots „Feierabend“ findet in mir statt. Der unruhige Verstand bringt immer neue Gedanken hervor. Für unseren aktiven Verstand ist einfach Da-sein etwas Fremdes, Unverständliches.
Aber genau danach haben wir immer wieder Sehnsucht. Und wir erleben darin auch höchste Sinnmomente: Eine Blume bestaunen, ein Baby anlächeln, eine Berglandschaft betrachten, in die Stille lauschen, das Leben selbst in sich und um sich herum spüren, auf Jesus Christus schweigend schauen. Es gibt viele solche verweilende Momente: in sich wertvoll und sinnvoll.
Wenn wir diese Szene als ein Selbstgespräch in einer Person lesen, erkennen wir deutlich die Spannung: da ist einmal das aktive Ich, das organisieren, reflektieren, Aufgaben lösen, abwägen, diskutieren und entscheiden kann. Andererseits besteht auch ein Wunsch nach „kontemplativen“ Zeiten, nach Zeiten in Ruhe und Stille. Da ist aber noch das aktive Ich, das fast ständig in uns „plappert“. Plötzlich hindert das aktive Ich unsere freie Entfaltung, Ruhe, Stille und Entspannung zu genießen. Das aktive Ich kann auch nicht durch Aktivität ruhig gestellt werden. Es nützt nichts, wenn wir aktiv zu unseren Gedanken sagen: Geht weg, ich brauche euch jetzt nicht.
Besser ist es, in die Stille hinter den Gedanken zu lauschen – und mit der Zeit wird die Stille stärker und präsenter und die Gedanken weniger.
Unser unruhiger aktiver Verstand kann in der Zeit der Stille, des Gebetes, des Verweilens ruhig werden, neu sich ausrichten. Da können Sorgen in neuem Licht erscheinen. Da kann man plötzlich Abstand zu den Sorgen bekommen.
Aber was noch wichtiger ist, dass das Eine, das Entscheidende wieder deutlich wird: Das Leben auf Jesus Christus ausrichten und im Hier und Jetzt immer neu das Leben entdecken.
Schnupperübung: Schokolade essen – mit dem Anfängergeist
Bei Jugendlichen im Schulunterricht lasse ich die kontemplative Wahrnehmung durch eine einfache Übung entdecken. Ich verteile Merci-Schokolade, für jeden Schüler ein Stück. Und dann bitte ich die Jugendlichen, dass sie mal ganz langsam und bewusst die Schokolade essen sollen, so als ob sie das erste Mal Schokolade essen würden. Plötzlich schmeckt die Schokolade anders. Normalerweise wird Schokolade von ihnen nebenher gegessen, beim Hausaufgaben machen, beim Fernsehen, während einer Unterhaltung. Man achtet nicht auf den Geschmack. Da ist es eine faszinierende Entdeckung, mit dem Anfängergeist bewusst ein Stück Schokolade zu essen.
Wir steigen leicht ins Staunen, in die kontemplative Wahrnehmung ein, wenn wir uns sagen: Ich tue so, als ob ich das das erste Mal mache bzw. erlebe. Ich versetze mich in einen „Anfängergeist“.
Probieren Sie es einfach aus! Wenn Sie das nächste Mal spazieren gehen, dann sagen Sie sich einfach: Ich gehe heute mal ganz frisch in den Wald. Ich gehe in den Wald, als ob ich ihn ganz neu sehen würde, als ob ich ihn das erste Mal sehen würde. Und dann gehen Sie ganz langsam, schauen herum, und Sie werden merken, dass Sie irgendwie anders Pflanzen, Erde, Wurzeln, Bäume wahrnehmen als sonst. Vielleicht merken Sie, dass Ihnen alles ganz wirklich vorkommt und Sie merken den Unterschied zu der trockenen Gedankenwelt. Das ist jetzt real, wirklich und voll Fülle. In der Gedankenwelt sind Sie in der Vergangenheit oder in der Zukunft aber nicht im Hier und Jetzt, in der Wirklichkeit. Die Gedankenwelt ist nicht so real und füllig wie die Realität Hier und Jetzt!
Oder Sie merken, dass Sie das Staunen beginnen. Vielleicht wissen Sie aus der Biochemie, wie die Zusammenhänge sind, wie der Fotosynthesezyklus abläuft. Aber wenn Sie das konkrete Blatt vor sich haben, spüren Sie vielleicht, dass dieses Wissen nicht das Wunderbare, das Erstaunliche erklärt und auflöst. Die Wirklichkeit ist trotzdem ein Wunder. Und Sie ahnen vielleicht eine Lebenskraft, eine Schöpferkraft. Sie erahnen das Reich Gottes im Hier und Jetzt, in der Lebenskraft der Pflanzen und Tiere.
Die Haltung des Anfängergeistes wehrt sich gegen eine übliche Tendenz bei uns: das kenne ich schon, das habe ich schon so oft erlebt, da bin ich inzwischen Experten, da kenne ich mich aus, das ist langweilig, weil ich es schon sooft erlebt habe. Aber wie viel geht uns verloren, wenn wir immer schon meinen, wir wissen alles! Insbesondere entgleitet uns die Wirklichkeit selbst, der gegenwärtige Moment selbst, wenn wir meinen, wir kennen uns schon total aus. Der Anfängergeist führt uns zurück zum gegenwärtigen Moment, zur Wirklichkeit selbst!
Deswegen ist er so wichtig bei der Meditation. Die Menschen, die wirklich den tiefen Sinn von Meditation verstanden haben, versetzen sich immer neu in den Anfängergeist. Sie sagen sich: Ich versuche, meinen Atem, meinen Körper, die Stille, den Augenblick jetzt ganz neu und frisch wahrzunehmen. Und wer den Namen Jesus Christus meditiert, der möchte ganz neu Jesus Christus ansprechen, ganz neugierig und offen sein für den Herrn, der uns zum absoluten Geheimnis, Gottvater, führt.
Wer im Anfängergeist betet, der macht sich geistig leer, der legt seine Vor-urteile, seine Meinungen, seine alten Erfahrungen ab – oder anders gesagt: er begibt sich in die Wolke des Nichtwissens, wie es ein Mystiker des Mittelalters ausdrückt.
Die Übungen
1. Übung: Natur wahrnehmen
Die erste Übung besteht darin, die Natur wahrzunehmen. Zum Beispiel: Ich schaue einen Baum an. Ich versuche, ohne Gedanken wahrzunehmen. Es kommen mir vielleicht Gedanken (wo ist ein Vogelnest?, der Baum ist krank!, wie alt ist der Baum?). Dann komme ich zurück zum Anschauen, ich lasse die Gedanken los. Ich kann auch die Erde in den Händen spüren, den Vögeln zuhören, meine Schritte spüren. Sich zu zerstreuen ist nicht...
| Erscheint lt. Verlag | 8.4.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Esoterik / Spiritualität |
| Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie ► Christentum | |
| Schlagworte | Besinnungstage • Exerzitien • Jesusgebet • Kontemplation • Kontemplatives Gebet |
| ISBN-10 | 3-7460-5319-6 / 3746053196 |
| ISBN-13 | 978-3-7460-5319-6 / 9783746053196 |
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