Digitaler Nachlass (eBook)
168 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-4210-1 (ISBN)
Michael Lehendorf, Jahrgang 1985, studierte Rechtswissenschaften und Wirtschaftsinformatik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2016 berät er Privatpersonen und Unternehmen zu Fragen der digitalen Vermögensnachfolge, Datenschutz und Online-Plattformen. Seine interdisziplinäre Ausbildung ermöglicht es ihm, rechtliche Fragestellungen mit technischem Verständnis zu verbinden, eine Kombination, die gerade beim digitalen Nachlass unverzichtbar ist.
TEIL II: Digitale Bestandsaufnahme und Vorbereitung (Vorsorge vor dem Tod)
2. Digitale Inventur: Überblick über das Online-Leben
Sie haben in Kapitel 1 erfahren, dass der digitale Nachlass rechtlich klar geregelt ist und vollständig vererbt wird. Die Theorie ist damit geklärt – aber wie sieht es mit der Praxis aus? Die meisten Menschen haben keine Ahnung, wie viele digitale Konten sie tatsächlich besitzen. Ein E-Mail-Account hier, ein Social-Media-Profil dort, ein Online-Shop, bei dem man vor Jahren einmal bestellt hat. Dazu kommen Streaming-Dienste, Cloud-Speicher, Banking-Apps, Gaming-Accounts, Foren-Registrierungen und Newsletter-Abonnements. Studien zeigen, dass der durchschnittliche Internetnutzer zwischen 80 und 100 Online-Konten hat – die wenigsten könnten auch nur die Hälfte davon spontan aufzählen.
Genau hier beginnt die praktische Herausforderung für Angehörige. Ohne Übersicht, ohne Zugangsdaten, ohne Kenntnis der genutzten Dienste stehen Erben vor einem digitalen Rätsel. Welche Accounts existieren überhaupt? Wo liegen wichtige Dokumente? Welche Abonnements kosten monatlich Geld? Gibt es digitale Vermögenswerte, von denen niemand wusste? Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn Sie zu Lebzeiten eine gründliche Bestandsaufnahme durchführen.
Die digitale Inventur ist der erste und wichtigste Schritt der Nachlassvorsorge. Sie verschaffen sich einen vollständigen Überblick über Ihr Online-Leben – nicht aus Misstrauen oder Kontrollzwang, sondern aus praktischer Notwendigkeit. Es geht darum, Ordnung zu schaffen, Überflüssiges zu entfernen und das Wichtige zu sichern. Dabei werden Sie vermutlich überrascht sein, wie viel sich über die Jahre angesammelt hat. Dieses Kapitel führt Sie Schritt für Schritt durch den gesamten Prozess. Wir beginnen mit dem Aufräumen, denn weniger Accounts bedeuten weniger Arbeit für Ihre Angehörigen und weniger Sicherheitsrisiken. Danach erstellen Sie eine strukturierte Übersicht aller verbleibenden Konten – eine Bestandsliste, die das Herzstück Ihrer digitalen Nachlassvorsorge bildet. Anschließend kümmern wir uns um die Zugangssicherheit: starke Passwörter, Zwei-Faktor-Authentifizierung und die Frage, wie Sie diese Informationen sicher verwalten.
Passwort-Manager spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie vereinfachen nicht nur Ihren Alltag erheblich, sondern bieten auch spezielle Notfallzugangs-Funktionen, die im Ernstfall Leben retten können – oder zumindest viel Stress ersparen. Wir vergleichen die wichtigsten Anbieter und zeigen Ihnen, worauf Sie achten müssen. Parallel dazu betrachten wir spezialisierte Nachlass-Apps, die über reine Passwortverwaltung hinausgehen und zusätzliche Funktionen bieten.
Die gesammelten Informationen müssen dann natürlich auch irgendwo sicher aufbewahrt werden. Digitale Ablage, Verschlüsselung, Backup-Strategien und die Frage nach Cloud oder lokalem Speicher werden ebenso behandelt wie die entscheidende Frage: Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Angehörigen diese Informationen im Ernstfall auch finden? Ein perfekt vorbereiteter digitaler Nachlass nützt nichts, wenn niemand weiß, wo er liegt.
Schließlich geht es um die Bewahrung dessen, was wirklich zählt: digitale Erinnerungen. Fotos, Videos, Chatverläufe – diese Inhalte haben oft keinen finanziellen, aber einen unschätzbaren emotionalen Wert. Wie exportieren Sie diese Daten von verschiedenen Plattformen? Welche Dateiformate sind langfristig haltbar? Wie organisieren Sie ein digitales Archiv so, dass es auch in Jahrzehnten noch zugänglich bleibt?
Die folgenden acht Unterkapitel bilden zusammen einen vollständigen Leitfaden für Ihre digitale Bestandsaufnahme. Arbeiten Sie sie nach und nach durch – es ist keine Aufgabe für einen Nachmittag, sondern ein Projekt, das einige Wochen in Anspruch nehmen kann. Aber diese investierte Zeit ist gut angelegt. Sie schaffen Klarheit, Sicherheit und Entlastung – für sich selbst und für die Menschen, die Ihnen wichtig sind.
2.1 Aufräumen vor dem Regeln: Ungenutzte Accounts löschen – „Weniger ist mehr"
Bevor Sie eine Übersicht Ihrer digitalen Konten erstellen, sollten Sie zunächst ausmisten. Der Grund ist simpel: Jeder Account, den Sie nicht mehr nutzen, ist ein unnötiges Sicherheitsrisiko und eine zusätzliche Belastung für Ihre Angehörigen. Alte, vergessene Konten sind beliebte Ziele für Hacker, denn sie werden nicht mehr überwacht und haben oft veraltete, unsichere Passwörter. Wenn Sie Ihre Accounts heute nicht mehr löschen, müssen Ihre Erben es später tun – ohne zu wissen, welche dieser Konten jemals wichtig waren.
Die Identifikation ungenutzter Accounts beginnt am besten mit Ihrem E-Mail-Postfach. Durchsuchen Sie Ihre Mails nach Begriffen wie „Willkommen", „Bestätigen Sie Ihre Anmeldung" oder „Aktivieren Sie Ihr Konto". Diese Bestätigungsmails zeigen Ihnen, wo Sie sich überall registriert haben. Prüfen Sie auch Newsletter-Abonnements – hinter jedem Newsletter steckt ein Account. Viele moderne E-Mail-Programme bieten Filterfunktionen, mit denen Sie systematisch nach Anbieternamen suchen können.
Ein weiterer Ansatzpunkt sind die Passwort-Manager Ihres Browsers. Chrome, Firefox und Safari speichern alle Anmeldedaten, die Sie jemals verwendet haben. Unter den Einstellungen finden Sie Listen aller gespeicherten Zugangsdaten. Gehen Sie diese Liste durch und fragen Sie sich bei jedem Eintrag: Nutze ich das noch? Brauche ich das überhaupt? War das nur eine einmalige Registrierung für einen Download?
Ihre Kontoauszüge verraten ebenfalls viel über Ihre digitale Präsenz. Abonnements und Mitgliedschaften tauchen dort als regelmäßige Abbuchungen auf. Prüfen Sie die letzten zwölf Monate systematisch und notieren Sie alle Online-Dienste, die Ihnen Geld abbuchen. Einige davon haben Sie möglicherweise längst vergessen, zahlen aber weiterhin.
Ein nützliches Werkzeug für die Löschung ist die Website JustDelete.me. Diese Plattform listet über 800 Online-Dienste auf und bewertet, wie einfach oder schwierig die Kontolöschung ist. Die Seite ist farbcodiert: Grün bedeutet einfach zu löschen, rot bedeutet kompliziert oder unmöglich. Für die meisten Dienste finden Sie dort direkte Links zur Löschseite und Schritt-für-Schritt-Anleitungen.
Bei der Löschung sollten Sie strategisch vorgehen. Priorisieren Sie nach Risiko und Aufwand. Höchste Priorität haben Accounts mit finanziellen Daten oder sensiblen persönlichen Informationen – alte Online-Banking-Zugänge, nicht mehr genutzte PayPal-Konten oder Shopping-Accounts mit gespeicherten Kreditkartendaten. Mittlere Priorität haben Social-Media-Profile, die Sie nicht mehr pflegen, oder Foren-Registrierungen aus längst vergangenen Interessen. Niedrige Priorität, aber dennoch sinnvoll, ist das Abbestellen reiner Newsletter-Accounts, die keine weiteren Daten enthalten.
Beachten Sie dabei die Unterschiede zwischen Löschen und Deaktivieren. Manche Plattformen wie Facebook bieten beide Optionen an. Beim Deaktivieren verschwindet Ihr Profil temporär, kann aber reaktiviert werden. Beim Löschen wird alles nach einer Karenzfrist endgültig entfernt. Für die Nachlassvorsorge ist echtes Löschen vorzuziehen – es gibt keinen Grund, einen Account im Schlummerzustand zu belassen, der später niemand nutzen wird.
Ein wichtiger Hinweis zum Datenschutz: In der Europäischen Union haben Sie nach Artikel 17 der DSGVO ein Recht auf Löschung Ihrer Daten. Wenn ein Anbieter die Löschung erschwert oder verweigert, können Sie sich auf dieses Recht berufen. Stellen Sie Ihre Löschanfrage schriftlich per E-Mail, setzen Sie eine Frist von 30 Tagen und drohen Sie bei Nicht-Reaktion die Einschaltung Ihrer Landesdatenschutzbehörde an. In den meisten Fällen reagieren Unternehmen dann schnell.
Das Aufräumen Ihrer digitalen Konten ist keine einmalige Aktion, sondern sollte zur Gewohnheit werden. Legen Sie sich eine Regel zurecht: Jeder neue Account wird notiert, und einmal jährlich – etwa zum Jahreswechsel – prüfen Sie kritisch, was noch gebraucht wird. Diese Disziplin reduziert nicht nur Ihr Sicherheitsrisiko, sondern gibt Ihnen auch ein befreiendes Gefühl der Kontrolle über Ihr digitales Leben.
2.2 Die Konten-Übersicht erstellen: Anbieter, Benutzername, E-Mail, Art des Zugangs
Nachdem Sie ungenutzte Accounts gelöscht haben, erstellen Sie nun eine vollständige Übersicht aller verbleibenden Konten. Diese Liste ist das Herzstück Ihrer digitalen Nachlassvorsorge. Sie dient nicht nur Ihren Angehörigen im Ernstfall, sondern gibt auch Ihnen selbst einen klaren Überblick über Ihr digitales Leben.
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| Erscheint lt. Verlag | 7.1.2026 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Recht / Steuern ► Allgemeines / Lexika |
| ISBN-10 | 3-6951-4210-3 / 3695142103 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-4210-1 / 9783695142101 |
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