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Vom Wasser auf die Straße

Flößerei in der Umbruchszeit
Buch | Softcover
80 Seiten
2016 | 1. Neuerscheinung
Schiermeier, Franz (Verlag)
978-3-943866-50-6 (ISBN)
CHF 16,80 inkl. MwSt
Lange waren Loisach und Isar wichtige Wasserstraßen, Flöße ein unabdingbares Transportmittel für schwere Güter wie Baustoffe oder Brennstoffe. Das Flößerhandwerk war ein angesehener Berufszweig und Bauern konnten ihr Einkommen mit Bau- oder Brennholz für die Großstädte aus dem eigenen Wald etwas aufbessern. Mit der Bahn entstand den Flößern eine starke Konkurrenz. Flussregulierungen, vor allem aber der Bau neuer Kraftwerke, wie z.B Schönmühl, führten dazu, dass dieser Berufszweig nicht mehr auszuüben war. Schwertransporte übernahm die Bahn, später auch Lastwagen auf dem ausgebauten Straßennetz. Familien, die lange von der Flößerei gelebt hatten, mussten schließlich neue Wege gehen, um das Überleben zu sichern. Der Ausstellungskatalog zeigt wesentliche Entwicklungsstufen dieser Umbruchszeit, wobei auch einige Flößerfamilien an Loisach und Isar im Mittelpunkt stehen.

Totgesagte leben länger. Was in den 1970er und 1980er Jahren schier undenkbar war, ist eingetreten. Der Heimat­begriff erlebt eine Renaissance. Weil Heimat ein gemeinsames Thema von Alteingesessenen, Heimatvertriebenen und Zugezogenen gleichermaßen ist. Heimatpflege hat immer wieder darauf hinzuweisen, dass alles, was wir tun, auf kulturhistorischem Boden steht. Dass alle Formen des menschlichen Zusammenlebens historisch geprägt und auch nur so zu verstehen sind. Sie hat ein Auge darauf zu werfen, dass diese stillen, aber höchst wirksamen Bezüge nicht überdeckt werden vom lauten und spektakulären Getöse unseres Alltags. Und sie hat mitzusorgen, dass auch die nächste Generation die Chance haben kann, ihre kulturhisto­rische Identität zu entdecken und fortzuentwickeln. Vereinigungen wie der Flößer-Kultur­verein München-Thalkirchen e.V leisten mit ihrer kulturhistorischen Arbeit einen wichtigen Beitrag dazu. Ihre Vorträge, Ausstellungen und Exkursionen bringen uns die nicht immer nostalgische Lebenswelt unserer Vorfahren näher. Was aber in besonderer Weise erhalten bleiben wird, sind Publikationen wie die vorliegende, zu der ich den Flößer-Kulturverein in herzlicher Weise beglückwünschen darf! Dr. Norbert Göttler Bezirksheimatpfleger von Oberbayern

Das Flößerhandwerk Der Transport schwerer Güter wurde seit Jahrhunderten auf Wasserstraßen durch­geführt. Flößer brachten auf ihren Flößen Baumaterial wie Steine, Gips und Kalk, Kreide oder Wetz- und Schleif­steine, dazu Heiz­material in die Städte München, Passau, Wien und sogar ­Budapest. Vorrangiges Transportgut war seit der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts allerdings Holz in jeder Art: Bauholz für die wachsenden Großstädte München, Wien und Budapest. Holz­arbeit im Wald war auch ein weiteres Arbeitsfeld der Flößer; man ging zusammen ins Holz und fuhr zusammen auf dem Floß. Die Flöße fuhren je nach ­Auftragslage und Wasserstand zwischen März und November. Regelmäßig ­verkehrten auch Passagierflöße aus den Bergen bis nach Wien. Die Fahrtdauer von Großweil durch den ­Triftkanal bis München betrug damals je nach Wasserführung 6–8 Stunden, von München nach Wien 6–7 Tage. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ­entstand eine Fülle von Bestimmungen zur Regelung des Floßverkehrs auf den Wasserstraßen. So konnten nach der bayerischen Floßordnung von 1843 nur ausgebildete Flößer ein Floß führen, konzessionierte Floßmeister ­bildeten Lehrlinge aus. Frauen war offiziell die Arbeit auf Flößen verboten, sie brachten angeblich Unglück. Junge unausgebildete Männer und Frauen wurden aber vor allem während der Weltkriege auf Flößen beschäftigt. Flößer mussten auf einer mehrere Tage ­dauernden Floßfahrt zu ihren Zielorten und auf ihrem langen Rückweg in ihre Heimat Unterkünfte für die Nacht suchen. Entlang der Flüsse gab es ­deshalb Herbergen für Flößer, kleine Häuser bei Bauernhöfen, aber auch Klosterherbergen. Die Rückkehrer von den Zielhäfen oder Länden gingen auf den Flößersteigen entlang der Flüsse; noch heute sind Teile dieser Wege in den Straßennamen enthalten. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie nach Wien verkürzte sich allerdings dieser Rückweg, der bisher Wochen gedauert hatte, auf wenige Tage. Für Flößer gab es außerdem ein verbilligtes Rückfahrticket. Flussregulierungen und Kraftwerke Die Flussregulierungen ab dem Ende des 19. Jahrhunderts dienten einem besseren Hochwasserschutz für die ­angrenzenden Gemeinden und einer Verbesserung der Floßpassage. Diese Baumaßnahmen brachten jedoch ­wesentliche Einschränkungen für die Flößer mit sich, denn an den neu ein­gebauten Wehren und Floßrutschen entstanden neue Gefahrenstellen. Sowohl für die Isar als auch für die ­Loisach bedeuteten die Flussbegradigungen darüber hinaus tiefe Eingriffe in das ökologische Gleichgewicht. So war z.B. die Folge des begradigten Auslaufs der Loisach aus dem Kochelsee das vollständige Austrocknen des bis dahin fischreichen Rohrsees und die Senkung des Kochelseespiegels um ­etwa 1,80 m. Die Begradigung der Isar ­zwischen Bad Tölz und Lenggries von 1925 bis 1933 ­hatte Auswirkungen auf das Ökosystem der Flussauen. Mit dem Bau von Kraftwerken an den Flüssen Isar und Loisach ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde schließlich das Ende der Flößerei eingeläutet. Da die Wasserkraft der Stromgewinnung zugutekommen sollte, ­verblieb in den Floßpassagen nur wenig ­Restwasser, die Durchfahrt für Flöße war auf wenige Stunden am Tag beschränkt. ­ Abschnittweise wurden nun Wasserwege für Flößer gesperrt: Ab 1923 war die Passage ab München nach Wien nicht mehr befahrbar, die Floßfahrt ­endete an der Münchner Zentrallände. Nach dem Bau des Walchenseekraftwerks 1924 und der Isarableitung in Krün lag die Floßpassage zwischen Mittenwald und ­Vorderriß trocken. Durch die Rißbachüberleitung 1949 ­sowie der Umleitung weiterer Zuflüsse war die Floßfahrt ab Lenggries nur noch mit Einschränkungen möglich. Anhand zweier Beispiele, dem Kraftwerk Schönmühl an der Loisach und dem im Wasser des Sylvensteinspeichers 1959 ­untergegangenen Flößerorts Fall, werden die Auswirkungen ­dieser Maßnahmen in der Ausstellung näher beleuchtet. Alternative Transportmethoden Seit 1854 entstanden von München aus mehrere Eisenbahnlinien Richtung Gebirge: 1874 nach Bad Tölz, 1898 nach Kochel am See, 1912 bis Mittenwald und 1924 schließlich bis Lenggries, ein Zugeständnis an die durch den Bau des Walchenseekraftwerks geschädigten Gemeinden. Bei Schwertransporten wie z.B. großen Holzmengen wurde die Bahn allerdings erst konkurrenzfähig, als sie ihre Tarife senkte. In Zusammenarbeit mit der Bahn entstand schließlich eine ­gewisse Arbeitsteilung: Das Holz wurde bis in die Nähe der Bahnhöfe geflößt und hier auf den ­Ganterplätzen gelagert, die oft über ­eine eigene Gleisanlage mit dem ­Bahnhof verbunden waren, wie z.B. in ­Benediktbeuern oder auch ab 1925 in Lengries. Der weitere Ausbau des Straßensystems und der Bau stärkerer Lastwagen im Zug der Motorisierung in Deutschland ermöglichten schließlich auch den Transport schwerer Holzlasten auf den Straßen. Während des Krieges konnten Transportschwierigkeiten teilweise durch Floßverkehr aufgefangen werden und die Flößer erlebten trotz personeller Engpässe einen kurzzeitigen Aufschwung. Nach dem Ende des Krieges ­verlagerte sich der Holztransport immer mehr auf die Straße bzw. Eisenbahn. Die Reaktion der Flößerfamilien Die Flößer und ihre Familien reagierten auf die zunehmende wirtschaftliche ­Bedeutungslosigkeit ihres Gewerbes. Falls sie nicht nun ausschließlich ihre Bauernhöfe bewirtschafteten, widmeten sich viele vor allem im ­Gebiet der ­Loisach fast ausschließlich der Holz­gewinnung bzw. dem Holztransport. ­Einige Familien konnten auf diesem Weg ­sogar zu gewissem Wohlstand gelangen. Die Gelegenheit für einen wirtschaftlichen Aufstieg bot außerdem der Umzug in die Großstadt München mit vielfältigen Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten.

Auf der Loisach und der Isar bis zur Mündung in die Donau ist die Flößerei seit Jahrhunderten von großer kultureller und historischer Bedeutung. Die Kulturpflege des Flößereiwesens mit Publikationen und Ausstellungen zu unterstützen, ist deshalb eines der Ziele des im Jahr 2013 gegründeten Flößer-Kulturvereins München-Thalkirchen e.V.Nach mehreren Ausstellungen in München kann sich der Verein erstmals außerhalb der Stadt in Benediktbeuern im Maierhof, in den Räumen der Fachberatung Heimatpflege des Bezirks Oberbayern, präsentieren.Die Ausstellung "Vom Wasser auf die Straße. Flößerei in der Umbruchszeit" zeigt als einen der Schwerpunkte die einschneidenden Veränderungen für die Flößerei im 20. Jahrhundert durch den Bau des Walchenseekraftwerks zum Zwecke der Elektrizitätsversorgung Bayerns und des Sylvenstein-Stausees. Viele Flößer waren damals gezwungen, auf andere Berufe umzusteigen, da ihnen zum Floßtransport auf der Isar im wahrsten Sinne des Wortes "das Wasser entzogen wurde". Die Besucher der Ausstellung sollen erahnen können, welch gewaltigen Einschnitt die Veränderung der Natur für das Flößerhandwerk mit sich brachte.Der Flößerkulturverein dankt dem Heimatpfleger des Bezirks Oberbayern Dr. Norbert Göttler für die Idee einer gemeinsamen Ausstellung und die hervorragende Unterstützung.Auch den Flößerfamilien aus dem Isar- und Loisachtal sagen wir Dank für die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit. München, 17. September 2016Helga LauterbachVorsitzende des Flößer-KulturvereinsMünchen-Thalkirchen e.V.

Erscheinungsdatum
Zusatzinfo Vorwiegend historische Schwarz-Weiß-Abbildungen, 30 Farbige Abbildungen und 8 historische Karten
Verlagsort München
Sprache deutsch
Maße 210 x 210 mm
Gewicht 270 g
Einbandart geklebt
Themenwelt Naturwissenschaften Geowissenschaften
Sozialwissenschaften
Technik
Schlagworte 19. Jahrhundert (1800 bis 1899 n. Chr.) • 20. Jahrhundert (1900 bis 1999 n. Chr.) • Eisenbahn • Floß • Flößerei • Geowissenschaften, Geographie, Umwelt, Planung • Gesellschaft und Sozialwissenschaften • Holzwirtschaft • München • Oberbayern • Straßenbau • Technologie, Ingenieurswissenschaft, Landwirtschaf • Verkehrswege
ISBN-10 3-943866-50-5 / 3943866505
ISBN-13 978-3-943866-50-6 / 9783943866506
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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