Präparate und ihre Geschichten
Einblicke in die Rostocker Anatomie
Seiten
2024
Wissenschaftliche Scripten (Verlag)
978-3-95735-184-5 (ISBN)
Wissenschaftliche Scripten (Verlag)
978-3-95735-184-5 (ISBN)
- Verlag liefert leider nicht an den Buchhandel
- Artikel merken
Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Besucherinnen und Besucher,
der Tod ist etwas ganz Natürliches, das Sterben gehört zum Leben einfach dazu. Neben der Rechtsmedizin und der Pathologie ist es die Anatomie, die sich für Forschung und Lehre mit Verstorbenen auseinandersetzt.
Sie kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Anatomische Studien haben ihren Ursprung im 3. Jahrhundert v. Chr. im ägyptischen Alexandria, wo erstmals menschliche Körper systematisch seziert und untersucht wurden. In dieser Epoche beruhte das Verständnis menschlicher Anatomie hauptsächlich auf der Untersuchung von Tieren, deren Ergebnisse auf den Menschen übertragen wurden. Eine zentrale Figur dieser Zeit war der renommierte Arzt Claudius Galen (um 129 – 200), dessen einflussreiche Schriften die anatomische Wissenschaft bis zum Beginn der modernen Ära prägten. Seine Lehren, die auf den Erkenntnissen aus Tiersektionen fußten, wurden trotz etlicher Unzulänglichkeiten mehr als tausend Jahre lang als unumstößliche Wahrheiten in der Medizin akzeptiert.
Galens Werk wurde durch Rhazes (arabisch Abū Bakr Muḥammad bin Zakaryā ar-Rāzī, um 865 – um 925) ins Arabische übersetzt, in einen Lehrplan der Medizin umgearbeitet und um seine philosophischen und praktischen Erkenntnisse erweitert. Rhazes beschrieb zudem eine Methode zur Leichenkonservierung, die im Mittelalter auch in Europa bekannt wurde und die sich mit nachträglichen Verbesserungen bis Ende des 18. Jahrhunderts halten konnte. In der praktischen Medizin dienten die ins griechische übersetzten Werke Avicennas/Ibn Sina (arabisch Abū Alī al-Husain ibn Abd Allāh ibn Sīnā, um 980 – 1037) auch in Rostock als Lehrmaterialien. Avicenna zählt zu den berühmtesten Persönlichkeiten seiner Zeit, galt bis weit ins 16. Jahrhundert als medizinisch-philosophische Autorität und hat insbesondere die Geschichte und Entwicklung der Medizin maßgeblich mitgeprägt.
Zu seinen bedeutendsten Werken gehörte der fünfbändige „Kanon der Medizin“, welcher über fünf Jahrhunderte international zu den führenden medizinischen Lehrbüchern gehörte. Die Erkennung von Krankheiten, hygienische Regeln, nachgewiesene Arzneien sowie anatomische Notizen finden sich in seinen Werken. Von diesen Werken abgesehen stagnierte die anatomische Forschung jedoch bis in die Neuzeit, da die Sektion Verstorbener gesellschaftlich wenig akzeptiert war.
Während das Mittelalter den menschlichen Körper lediglich als vergängliche Behausung der Seele ansah, feierte die Renaissance dessen ästhetische Vollkommenheit und machte ihn zum Mittelpunkt einer umfassenden Kunstbewegung. Vor diesem Hintergrund entwickelten insbesondere die großen Künstler jener Zeit ein ausgeprägtes Interesse an der menschlichen Anatomie. Persönlichkeiten wie Leonardo da Vinci (1452–1519) und Michelangelo Buonarroti (1475 – 1564) nahmen nicht nur an von Ärzten durchgeführten Obduktionen teil, sondern führten auch eigenhändig anatomische Untersuchungen durch.
Vom 16. Jahrhundert an wandelte sich die Anatomie hin zu einer wissenschaftlich orientierten medizinischen Fachdisziplin. Großen Anteil daran hatte Andreas Vesalius (1514 – 1564), Professor an der Universität von Padua und Leibarzt von Kaiser Karl V. sowie König Philipp II. von Spanien.
Systematisch untersuchte er gesunde und kranke Körper und protokollierte minutiös seine spannenden Entdeckungen. Mit gerade einmal 29 Jahren veröffentlichte er 1542 seine Forschungsergebnisse in seinem Hauptwerk „De Humani Corporis Fabrica“ – „Über den Aufbau des menschlichen Körpers“.
Im ausgehenden 17. Jahrhundert erlebte die Gründung von medizinischen Lehranstalten einen Aufschwung, man sah sich jedoch einer erheblichen Knappheit an Leichnamen für anatomische Studien gegenüber.
Die Praxis, kürzlich beigesetzte Körper auszugraben und sie heimlich an medizinische Fakultäten zu verkaufen, entwickelte sich zu einem lukrativen Unterfangen. Zu den Kunden dieses morbiden Handels zählten nicht nur Professoren und Medizinstudenten, sondern auch Chirurgen und andere an der menschlichen Anatomie Interessierte.
Auch Künstler und Bildhauer, die in ihren Darstellungen von Muskeln und Gesichtszügen nach Realismus strebten, griffen auf diese Quellen zurück. Der Handel mit Leichen wurde beispielsweise in Großbritannien für die „Resurrectionists“ (zu deutsch: Auferstehungsmänner) oder „Body Snatchers“ (zu deutsch: Leichenfledderer) zu einem sehr profitablen Geschäft.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlagerte sich die anatomische Forschung aus der öffentlichen Wahrnehmung in die akademischen Institutionen. Innerhalb der Universitätsmauern etablierte sich die Anatomie fortan als eine Disziplin, die im Wesentlichen in einem akademischen Rahmen und abseits von medizinischen Laien praktiziert wurde. Unsere Schau- und Lehrsammlung soll dazu beitragen, die Faszination für den Aufbau des menschlichen Körpers und somit für das Fach Anatomie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
An deutschen Universitäten gibt es inzwischen etablierte Körperspenden-Programme. Zu Lebzeiten erklären sich Menschen dazu bereit, nach dem Tode ihren Körper der Lehre und Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Diese selbstlose Bereitschaft ermöglicht es uns, die kommenden Generationen von Ärztinnen und Ärzten auf ihre verantwortungsvollen Aufgaben vorzubereiten.
Wir wünschen Ihnen einen angenehmen und kurzweiligen Besuch in unserer Rostocker Anatomie!
Dr. Anna-Maria Begerock
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Markus Kipp
Laura Hiepe Aus dem Inhalt:
Vorwort
Einleitung
Den Studenten zuliebe: Anatomische Tafeln verdeutschet
Kunsthandwerk trifft Anatomie: Ein Ohr aus Elfenbein
Der Grundstein der Sammlung: Ein Gefäßinjektionspräparat
Verblüffend realistisch und doch aus Schafsleder: Modell eines menschlichen Unterarms
Rendezvous mit dem Tod: Schädel eines Syphilitikers
Drei Kalotten für die Rechtsmedizin
Ein Institutsdirektor und sein Schwiegervater: zwei Gipsbüsten 39
Und eine dritte Büste: „Vadding“
„Der letzte Samurai“: Eine Rassenbüstenzeichnung
Und die Köpfe der Mumien an die Anatomie!: Reisesouvenirs der Großherzöge von Mecklenburg aus Ägypten
Etrusker in Rostock
Preisträger einer Weltausstellung: Das Anatomische Institut Rostock in Chicago
In alter Verbundenheit dem Professor als Geschenk: Die chilenische Mumie
Aus der Not eine Tugend gemacht: Lehrtafeln
Krankheitsbilder in Wachs: Moulagen
Sechs sind zwei zu viel: Das sechsbeinige Lamm
SPUREN
liebe Besucherinnen und Besucher,
der Tod ist etwas ganz Natürliches, das Sterben gehört zum Leben einfach dazu. Neben der Rechtsmedizin und der Pathologie ist es die Anatomie, die sich für Forschung und Lehre mit Verstorbenen auseinandersetzt.
Sie kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Anatomische Studien haben ihren Ursprung im 3. Jahrhundert v. Chr. im ägyptischen Alexandria, wo erstmals menschliche Körper systematisch seziert und untersucht wurden. In dieser Epoche beruhte das Verständnis menschlicher Anatomie hauptsächlich auf der Untersuchung von Tieren, deren Ergebnisse auf den Menschen übertragen wurden. Eine zentrale Figur dieser Zeit war der renommierte Arzt Claudius Galen (um 129 – 200), dessen einflussreiche Schriften die anatomische Wissenschaft bis zum Beginn der modernen Ära prägten. Seine Lehren, die auf den Erkenntnissen aus Tiersektionen fußten, wurden trotz etlicher Unzulänglichkeiten mehr als tausend Jahre lang als unumstößliche Wahrheiten in der Medizin akzeptiert.
Galens Werk wurde durch Rhazes (arabisch Abū Bakr Muḥammad bin Zakaryā ar-Rāzī, um 865 – um 925) ins Arabische übersetzt, in einen Lehrplan der Medizin umgearbeitet und um seine philosophischen und praktischen Erkenntnisse erweitert. Rhazes beschrieb zudem eine Methode zur Leichenkonservierung, die im Mittelalter auch in Europa bekannt wurde und die sich mit nachträglichen Verbesserungen bis Ende des 18. Jahrhunderts halten konnte. In der praktischen Medizin dienten die ins griechische übersetzten Werke Avicennas/Ibn Sina (arabisch Abū Alī al-Husain ibn Abd Allāh ibn Sīnā, um 980 – 1037) auch in Rostock als Lehrmaterialien. Avicenna zählt zu den berühmtesten Persönlichkeiten seiner Zeit, galt bis weit ins 16. Jahrhundert als medizinisch-philosophische Autorität und hat insbesondere die Geschichte und Entwicklung der Medizin maßgeblich mitgeprägt.
Zu seinen bedeutendsten Werken gehörte der fünfbändige „Kanon der Medizin“, welcher über fünf Jahrhunderte international zu den führenden medizinischen Lehrbüchern gehörte. Die Erkennung von Krankheiten, hygienische Regeln, nachgewiesene Arzneien sowie anatomische Notizen finden sich in seinen Werken. Von diesen Werken abgesehen stagnierte die anatomische Forschung jedoch bis in die Neuzeit, da die Sektion Verstorbener gesellschaftlich wenig akzeptiert war.
Während das Mittelalter den menschlichen Körper lediglich als vergängliche Behausung der Seele ansah, feierte die Renaissance dessen ästhetische Vollkommenheit und machte ihn zum Mittelpunkt einer umfassenden Kunstbewegung. Vor diesem Hintergrund entwickelten insbesondere die großen Künstler jener Zeit ein ausgeprägtes Interesse an der menschlichen Anatomie. Persönlichkeiten wie Leonardo da Vinci (1452–1519) und Michelangelo Buonarroti (1475 – 1564) nahmen nicht nur an von Ärzten durchgeführten Obduktionen teil, sondern führten auch eigenhändig anatomische Untersuchungen durch.
Vom 16. Jahrhundert an wandelte sich die Anatomie hin zu einer wissenschaftlich orientierten medizinischen Fachdisziplin. Großen Anteil daran hatte Andreas Vesalius (1514 – 1564), Professor an der Universität von Padua und Leibarzt von Kaiser Karl V. sowie König Philipp II. von Spanien.
Systematisch untersuchte er gesunde und kranke Körper und protokollierte minutiös seine spannenden Entdeckungen. Mit gerade einmal 29 Jahren veröffentlichte er 1542 seine Forschungsergebnisse in seinem Hauptwerk „De Humani Corporis Fabrica“ – „Über den Aufbau des menschlichen Körpers“.
Im ausgehenden 17. Jahrhundert erlebte die Gründung von medizinischen Lehranstalten einen Aufschwung, man sah sich jedoch einer erheblichen Knappheit an Leichnamen für anatomische Studien gegenüber.
Die Praxis, kürzlich beigesetzte Körper auszugraben und sie heimlich an medizinische Fakultäten zu verkaufen, entwickelte sich zu einem lukrativen Unterfangen. Zu den Kunden dieses morbiden Handels zählten nicht nur Professoren und Medizinstudenten, sondern auch Chirurgen und andere an der menschlichen Anatomie Interessierte.
Auch Künstler und Bildhauer, die in ihren Darstellungen von Muskeln und Gesichtszügen nach Realismus strebten, griffen auf diese Quellen zurück. Der Handel mit Leichen wurde beispielsweise in Großbritannien für die „Resurrectionists“ (zu deutsch: Auferstehungsmänner) oder „Body Snatchers“ (zu deutsch: Leichenfledderer) zu einem sehr profitablen Geschäft.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlagerte sich die anatomische Forschung aus der öffentlichen Wahrnehmung in die akademischen Institutionen. Innerhalb der Universitätsmauern etablierte sich die Anatomie fortan als eine Disziplin, die im Wesentlichen in einem akademischen Rahmen und abseits von medizinischen Laien praktiziert wurde. Unsere Schau- und Lehrsammlung soll dazu beitragen, die Faszination für den Aufbau des menschlichen Körpers und somit für das Fach Anatomie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
An deutschen Universitäten gibt es inzwischen etablierte Körperspenden-Programme. Zu Lebzeiten erklären sich Menschen dazu bereit, nach dem Tode ihren Körper der Lehre und Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Diese selbstlose Bereitschaft ermöglicht es uns, die kommenden Generationen von Ärztinnen und Ärzten auf ihre verantwortungsvollen Aufgaben vorzubereiten.
Wir wünschen Ihnen einen angenehmen und kurzweiligen Besuch in unserer Rostocker Anatomie!
Dr. Anna-Maria Begerock
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Markus Kipp
Laura Hiepe Aus dem Inhalt:
Vorwort
Einleitung
Den Studenten zuliebe: Anatomische Tafeln verdeutschet
Kunsthandwerk trifft Anatomie: Ein Ohr aus Elfenbein
Der Grundstein der Sammlung: Ein Gefäßinjektionspräparat
Verblüffend realistisch und doch aus Schafsleder: Modell eines menschlichen Unterarms
Rendezvous mit dem Tod: Schädel eines Syphilitikers
Drei Kalotten für die Rechtsmedizin
Ein Institutsdirektor und sein Schwiegervater: zwei Gipsbüsten 39
Und eine dritte Büste: „Vadding“
„Der letzte Samurai“: Eine Rassenbüstenzeichnung
Und die Köpfe der Mumien an die Anatomie!: Reisesouvenirs der Großherzöge von Mecklenburg aus Ägypten
Etrusker in Rostock
Preisträger einer Weltausstellung: Das Anatomische Institut Rostock in Chicago
In alter Verbundenheit dem Professor als Geschenk: Die chilenische Mumie
Aus der Not eine Tugend gemacht: Lehrtafeln
Krankheitsbilder in Wachs: Moulagen
Sechs sind zwei zu viel: Das sechsbeinige Lamm
SPUREN
| Erscheinungsdatum | 16.10.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Auerbach |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 148 x 210 mm |
| Themenwelt | Medizin / Pharmazie ► Medizinische Fachgebiete |
| Studium ► 1. Studienabschnitt (Vorklinik) ► Anatomie / Neuroanatomie | |
| Schlagworte | Anatomie • Präparat • Rostock |
| ISBN-10 | 3-95735-184-7 / 3957351847 |
| ISBN-13 | 978-3-95735-184-5 / 9783957351845 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Mehr entdecken
aus dem Bereich
aus dem Bereich
Buch | Hardcover (2022)
Urban & Fischer in Elsevier (Verlag)
CHF 259,00
LernAtlas der Anatomie
Buch (2022)
Thieme (Verlag)
CHF 125,95