Johannes Gillhoff (eBook)
138 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-7216-5 (ISBN)
Holger Becker ist Journalist und Autor. Er wuchs in Karenz, einem Nachbarort des Gillhoff-Dorfes Glaisin auf. In seinen Jahren als Redakteur bei Tageszeitungen beschäftigte er sich intensiv mit Themen der Zeitgeschichte. Er schrieb im Laufe der Jahrzehnte für Blätter wie "Schweriner Volkszeitung", "Neues Deutschland", "Journalist", "junge Welt", "Weltwoche" und "konkret". Für den "Nordkurier" verantwortete eine zeitlang die regelmäßigen Pattdeutsch-Seiten. Rund 20 Jahre arbeitete er als Pressesprecher eines bundesweit tätigen Verbandes. Johannes Gillhoffs Auswanderer-Roman "Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer" las er als Student in Leipzig. Mit Udo Baarck verbindet ihn nicht nur eine Freundschaft seit Schülertagen, sondern auch die Verehrung für die Lehrerin Liselotte Langner, die in ihnen das Interesse an Literatur und Geschichte weckte.
Zwischen Sand und Sumpf oder: „Ich liebe dieses Land!“
Gillhoff ist nicht zu fassen ohne die Landschaft, aus der er stammt und die ihn nie losließ. Wer kennt den Namen „Griese Gegend”, wer, außer denen, die dort leben, hat eine Vorstellung, wie es dort aussieht? Die Küste der Ostsee oder die Mecklenburger Seenplatte ziehen Millionen Touristen an. Die Griese Gegend hat noch nicht einmal einen Eintrag auf den Landkarten wie das Trebeltal zum Beispiel oder die Mecklenburgische Schweiz.
Versuchen wir uns zuerst in geographischer Geometrie. Der einzige Bahnhof in Mecklenburg, an dem auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg ein Intercity-Expreß hält, ist der von Ludwigslust. Ein Stück links oben davon auf der Landkarte liegt Hagenow, ein Stück rechts unten Grabow. Von diesen Punkten jeweils eine Linie nach Süden bis Dömitz (mit Polz im Osten und Rüterberg im Westen) an der Elbe gezogen, dann haben wir das Dreieck der Griesen Gegend. Ihre nördliche Grenze bildet die Berlin-Hamburger Bahn, die westliche und östliche markieren zu Teilen die Flüsse Sude und Elde. In etwa. Ein bißchen messen, ein bißchen rechnen, dann kommen wir auf 250 Quadratkilometer. Ungefähr. Lichtenstein ist kleiner und das Saarland nur zehn Mal so groß.
Sand. Von dem gibt es hier wirklich mehr als genug. Als sich vor mehr als 30.000 Jahren die Gletscher der letzten Eiszeit auflösten, ließen sie ihn zurück, bevor ihr Wasser über das Urstromtal der Elbe abfloß. Über Jahrtausende wehten ihn die vorherrschenden Westwinde weiter landein. Noch in der Neuzeit verschüttete der Sand ganze Dörfer, Dünenfelder wanderten nach Osten, bevor sie mit Kiefern bepflanzt worden sind, die heute ausgedehnte Waldungen bilden. Auch das genügsame Heidekraut hält den Sand fest. Weite Flächen erstrahlen im Spätsommer in seinem kräftigen Lila, so bei Kaliß, wo sich der Dichter Fritz Reuter im August 1840 den Schweiß abwischte, nach dem Ende seiner „Festungstid” in Dömitz und zu Beginn seiner Heimreise quer durch Mecklenburg nach Stavenhagen.
Allerdings, wo das Grundwasser hoch steht, leuchtet das kräftige Grün saftiger Wiesen. Schnurgerade Kanäle durchziehen dort das flache Land. Ohne sie wäre es Morast, Erlenbruch vielleicht, wie es sich in den Niederungen von Sude, Rögnitz und Elde findet.
In diesem Landstrich zwischen Sand, auf dem wenig wuchs, und Sumpf, der allenfalls zur Weidewirtschaft tauglich gemacht werden konnte, wollte sich kein Rittergutsbesitzer ansiedeln. Ostelbiens Adel überließ die Gegend den Bauern und Büdnern sowie der Kirche. Lange Zeit gehörte ein Teil der Dörfer dem Nonnenkloster in Eldena (das anders als das namensgleiche Kloster Eldena bei Greifswald mitten in der Griesen Gegend an der Elde lag). Das endete mit Martin Luthers Reformation. Den Besitz der Klöster übernahmen die Schweriner Herzöge. Die Erbpächter, bis 1820 Leibeigene, bekamen einen neuen Herrn, dem sie ihren Tribut zu entrichten hatten – mit der Arbeit ihrer Hände wie Teilen dessen, was auf den kargen Feldern und in den Viehställen wuchs. Aber der Herr war weit weg und – anders als der Junker auf seinem Gut – nicht der Patriarch des Dorfes.
Kiefern und Sand – aufgenommen bei Klein Schmölen auf der größten Binnenwanderdüne Europas
„Griese Gegend”, auch „Grise Gegend” geschrieben, spielt mit dem plattdeutschen Wort für „grau“. So sieht an vielen Stellen der Boden aus. Ob der Name des Landstrichs aber wirklich daher kommt, hat schon zu gelehrtem Streit geführt. Es ist nämlich so, daß es für die Leute dort früher in der Erntezeit nicht ausreichend Arbeit auf den eigenen Feldern gab. Deshalb zogen ganze Kolonnen überwiegend junger Männer dorthin, wo auf den Gütern mit den fetten Böden für wenige Spätsommerwochen Bedarf an vielen Schnittern und anderen Helfern herrschte. Wo sie auftauchten, hieß es „die Griesen sind da”. Denn einheitlich trugen sie eine graue Arbeitstracht, ein Gewebe von Leinen und schwer zu färbender Wolle, während die Einheimischen in schwarzem oder blauem Zeug auf die Felder gingen.
In dieser Broschüre von 1914 berichtet der Rostocker Bodenkundler Joachim Becker über erfolgreiche Experimente zur Bodenverbesserung in der Griesen Gegend mit Kunstdünger
Die graue Tracht der Leute gehörte zu den lokalen Auffälligkeiten so wie die Häuser aus Raseneisenstein. Die schwarz-braunblauen Brocken des erzhaltigen Sediments, „Klump“ genannt, fanden die Bauern, wo es feuchter ist, unter ihren Wiesen und Feldern. Je eisenhaltiger es war, desto besser ließ das Erz sich bearbeiten. Im Fachwerk vermauert oder im sich selbst tragenden Verbund aufgeschichtet, gibt der Klump vielen Bauten ein typisches Gepräge. Denn die dunklen unregelmäßigen Steine kontrastieren mit den breiten hellen Fugen aus kalkhaltigem Mörtel, in denen wiederum als Schmuck kleine Raseneisensteine stecken. Mauern aus Raseneisenstein hielten die Stuben im Winter warm und im Sommer recht kühl.
Die Griese Gegend erlebte zu Gillhoffs Zeit einen erheblichen Wandel. War seine frühe Kindheit, die 1860er Jahre, noch die Hochzeit der „Amerikafahrer” gewesen, ebbten in den folgenden Jahrzehnten die Wellen der Auswanderung ab. Bei den Emigranten aus Mecklenburgs Südwesten handelte es sich oft, wenn auch nicht immer, um die Ärmsten in den Dörfern, die sogenannten Einlieger, die selbst weder Hof noch Land ihr eigen nannten, zur Miete wohnten und bei den Bauern und Büdnern als Tagelöhner arbeiteten, allenfalls ein Eckchen Acker oder Garten pachten konnten. Ihnen war keine Chance gegeben, auf den sprichwörtlichen „grünen Zweig“ zu kommen, nachdem sich in den Jahrzehnten seit 1820 die Preise für Roggen, Kartoffeln und Kleidung verdoppelt hatten, ohne daß die Einkommen der kleinen Leute wuchsen.
Doch dann es gab einen Umschwung, den maßgeblich die Wissenschaft bewirkte. Wie sehr Stickstoff, Phosphate und Kalium das Wachstum der Pflanzen fördern, hatte um 1840 der Chemiker Justus Liebig nachgewiesen, weshalb dann auf den Feldern in großem Maßstab Kunstdünger ausgebracht wurden. Das mußte sich zwar erst einmal durchsetzen. Aber schließlich stiegen gerade dank der Erkenntnisse Liebigs die Erträge enorm. Laut den Statistiken wuchs die landwirtschaftliche Produktion in Deutschland zwischen 1873 und 1913 um 90 Prozent. Ein Segen für die Griese Gegend. Aus der ärmlichsten Ecke Mecklenburgs wurde eine Region bescheidenen Wohlstands.
Gillhoff war diese Zäsur sehr bewußt. „Der langsame Bauer”, schrieb er 1927, habe „eine Revision seines Wirtschaftsbetriebes durchgeführt, mit der sich kaum eine andere Agrarreform vergleichen läßt. Vor hundert Jahren legte er zwei Pferde und vier Ochsen zugleich vor den leichten Holzpflug und arbeitete damit in seinem magern Sandboden herum. Mit der hölzernen Egge trampelte er noch viel später das Stück Land einen halben Tag lang fest und nannte das: dat Land klor maken. Wiederum später setzte er mit dem Mergeln, weiterhin mit Kainit und Thomasschlacke ein, und heute sind ihm Leunasalpeter, Superphosphat und Harnstoff durchaus geläufig als Ergänzungen des Stalldungs.“
Der legendäre Rostocker Geologe Kurd von Bülow stellte in seinem „Abriß der Geologie von Mecklenburg“ 1952 fest, dieses „wenig ertragreiche Gebiet“ habe früher eine größere Zahl von Menschen ernährt „als die fruchtbaren Grundmoränenflächen, in denen der Großbesitz zu Hause war”. Gillhoffs Satz, der Bauer der Griesen Gegend sei „Wirtschaftsrealist bis auf die Knochen“ offenbart hier einen Doppelsinn. Dem schlechten Boden maximal Gutes abzuringen, ging im wahrsten Sinne auf die Knochen. Den kleinen bäuerlichen Betrieben auf den sandigen Böden fehlte das Kapital für moderne Maschinen und Zugtiere in großer Zahl, dafür setzten sie mehr menschliche Arbeitskraft ein. Es gibt Zahlen, die uns ein Mann namens Till Backhaus lieferte, als er 2001 an der Berliner Humboldt-Universität zum Doktor wurde. Der Promovend war da schon Minister für Landwirtschaft seines Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Aber weil es hier um Wissenschaft geht, werden die Angaben stimmen. Laut Backhaus setzte noch zu Beginn der 1930er Jahre ein Gutsbetrieb, der mehr als 100 Hektar Land bewirtschaftete, etwa zehn Leute für die Arbeiten pro 100 Hektar ein. Im Sandland der kleinen Bauern kamen 48 Arbeitskräfte auf 100 Hektar, zumeist Familienangehörige. Die Erträge aber auf den fetten Böden der Güter und den kargen Äckern der Bauern fielen etwa gleich aus.
Die Gründe dafür klingen einleuchtend: Erstens hielten die kleinen Bauern in der Summe mehr Vieh als die Großgrundbesitzer. Das sorgte für größere Mengen organischen Düngers. Und zweitens garantierten die vielen Helfer, daß alle Arbeiten zu den agronomisch günstigsten Terminen ausgeführt werden konnten. Zur Not ging die Schufterei im Dunkeln weiter. Selbstausbeutung war das Lebensprinzip.
Mauer aus Raseneeisenstein (Klump)...
| Erscheint lt. Verlag | 18.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-8192-7216-X / 381927216X |
| ISBN-13 | 978-3-8192-7216-5 / 9783819272165 |
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