Tod auf dem Gleis (eBook)
242 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-9667-6 (ISBN)
Der Autor, Dr. Peter Kratzer, war selbst viele Jahre als Hausarzt tätig und kennt daher die Probleme und Freuden sehr gut, die dieser Beruf mit sich bringt. Er beschäftigt sich intensiv mit der Zeit der Weimarer Republik und mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus. Es ist eine Periode, aus der sich auch für unsere Gegenwart viel lernen lässt. Er lebt mit seiner Familie in Mering bei Augsburg.
14. Mai 1929
Das Klingeln unten an der Haustüre riss ihn aus dem Tiefschlaf. So viele Male hatte er es schon gehört und wusste, was es bedeutete. Ein Notfall. Meistens. Manchmal war es aber auch falscher Alarm. Jetzt hatte es allerdings jemand mehr als eilig, ihn sprechen zu wollen. Zu dem beharrlichen Klingeln kam auch noch lautes Klopfen und Rufen dazu.
„Herr Doktor, kommen S‘, schnell!“
Das Rufen wurde noch lauter.
„Ja, hören S‘ mich denn gar nicht?“
Wenn der weiter so schreit, dachte Wolfgang Klein, dann weckt der noch das ganze Dorf auf. Er schaltete die kleine Nachttischlampe ein und schaute auf den Wecker. Kurz nach Mitternacht. Gerade mal eine gute Stunde war es her, dass er ins Bett gegangen war. Nach der anstrengenden Nachmittagssprechstunde und den ganzen Hausbesuchen hätte er vielleicht gleich ins Bett gehen und nicht erst noch ein Glas Rotwein trinken sollen.
„Bestimmt nur irgendeine Lappalie, für die sie dich schon wieder mitten in der Nacht aus dem Bett holen“, brummte neben ihm Heidrun im Halbschlaf und drehte sich auf die andere Seite, ihrem Mann den Rücken zu. Für einen Moment legte Klein seine Hand auf ihren Arm und schlug dann die warme Bettdecke zurück. Er setzte sich auf die Bettkante, schüttelte kurz den Kopf um endgültig wach zu werden, zog seine Pantoffel und den Bademantel an und hastete die knarzende Treppe hinunter an die Haustüre.
Zwei oder drei Mal die Woche kam es vor, dass er nachts zu bettlägerigen Patientinnen oder Patienten geholt wurde. Die meisten Häuser in Moorbach hatten nach wie vor kein Telefon und dann standen besorgte Angehörige oder Nachbarn eben einfach vor der Türe. Kranke, die noch in der Lage waren aufzustehen, suchten ihn gleich direkt auf. Das war ihm deutlich lieber, musste er sich dafür doch nicht extra anziehen und konnte die Behandlung einfach im Bademantel durchführen. Meist ging es um fieberhafte Infekte oder Bauchschmerzen, manchmal auch Platzwunden oder andere kleine Verletzungen.
Diesmal war es etwas anderes.
Als er die Tür öffnete, stand im strömenden Regen Wachtmeister Nebler vor ihm.
„Kommen S‘ mit Herr Doktor, es ist wieder wer auf‘s Gleis.“
Das nasse Regencape des Wachtmeisters glänzte im Schein der Flurlampe. In kleinen Bächen lief ihm das Wasser über sein Gesicht und das Cape. Seine Lederstiefel waren schon ganz aufgeweicht. Mit der rechten Hand schob er seine Schirmmütze ein Stück nach hinten, wischte sich mit der anderen über das nasse Gesicht und kramte aus der Hosentasche ein Taschentuch. „Eine junge Frau ist es diesmal!“
Klein schüttelte unmerklich den Kopf. Nicht schon wieder, dachte er. Erst vor zwei Wochen hatten sie einen jungen Familienvater, den er gekannt hatte, neben den Gleisen gefunden. Arbeitslosigkeit, Alkohol, dann von der Frau verlassen worden, mit den Kindern. Sie war zu ihren Eltern zurückgezogen, und er sah keinen anderen Ausweg mehr. Ein Klassiker. Auch in einem Dorf.
Wenigstens war es jetzt, Mitte Mai, nicht kalt.
So ist das hier in Moorbach. Hier geht man ‚auf‘s Gleis‘, wenn man seinem Leben ein Ende setzen will. Das ist so üblich. Man erschießt sich im Allgemeinen nicht, man hängt sich selten auf und vergiftet sich nicht. Man geht ‚auf‘s Gleis‘.
„Nebler, jetzt kommen S‘ erst mal rein. Draußen geht ja grad die Welt unter.“
Klein ging ein Stück zurück in den Flur, der zwischen den Wohnräumen und der Praxis lag und hielt dem Wachtmeister die Türe auf.
„Sagen Sie mal, haben Sie denn keinen Schirm?“
„Normalerweise schon, aber auf dem Fahrrad geht das schlecht.“
„Jetzt kommen S‘ herein ins Trockene. Wo ist es denn passiert?“
„Kurz vor der Kurve bei Brunnen, beim Bahnübergang.“
„Und wann?“
„Muss so vor knapp einer Stunde gewesen sein. Der Lokführer hat mich über Funk verständigt. Es war der letzte Zug nach München. Ich bin dann gleich hin, ob das alles stimmt und jetzt zu Ihnen her.“
Auf dem Boden im Flur bildete sich eine immer größer werdende Pfütze um Neblers Schuhe, die voller Erdklumpen waren. Klein seufzte. Das würde morgen früh wieder ein Donnerwetter von Heidrun nach sich ziehen.
„Haben Sie die Schubert schon verständigt?“
Nebler grinste. “Die habe ich zuerst geweckt. Wohnt ja auf dem Weg hierher. Sie hat gesagt, dass sie den Makler und den Summer mit dem Leichenwagen losschickt, die Tote abholen.“
Klein nickte zustimmend.
„Dann mach ich mich mal fertig. Dauert nicht lang!“
Er ging allerdings erst in sein Sprechzimmer, holte aus der untersten Schublade seines Schreibtisches eine Flasche Obstler und ein Schnapsglas, das er randvoll schüttete, reichte es dann zusammen mit einem Handtuch dem Wachtmeister.
„Hier ein Notfallmedikament zum Aufwärmen und trocknen Sie sich ab, bis ich fertig bin.“
Klein wusste genau, warum Nebler ihn und nicht den alteingesessenen Arzt des Dorfes, den Dr. Semmlinger, aus dem Bett geklingelt hatte.
Moorbach war eine typische bayerische Kleinstadt, nichts Besonderes. In der Mitte die barocke Kirche St. Martin, umgeben vom Kirchenbogen, dem Mesnerhaus und den Nebengebäuden. Daneben das Pfarrhaus und das Benefiziatenhaus, in dem der alte Pfarrer und der Kaplan wohnten. Es gab acht Bauernhöfe, drei Wirtschaften, vier Kramerläden, zwei Bäckereien, eine mit Café dabei, zwei Bekleidungsgeschäfte, jeweils eines für Männer und eines für Frauen. Am Marktplatz stand der Maibaum vor dem zentral gelegenen Brunnen, am Rand des Marktplatzes das Bürgerhaus, dahinter die Waschanstalt. Im Keller des Bürgerhauses war der Eiskeller, im Erdgeschoß der ‚Knöller‘, eine Wirtschaft, in der sich immer die Honoratioren des Dorfes trafen. Zu ihnen gehörte auch Dr. Semmlinger. Jeden Donnerstagabend traf der sich mit dem Apotheker, dem Bürgermeister, einigen Bauern und Mitgliedern des Gemeinderates. Hier wurden dann die aktuellen Entwicklungen im Ort besprochen, diskutiert und viele Entscheidungen getroffen, die dann in der nächsten Gemeinderatssitzung nur noch abgenickt wurden.
Seit über zwanzig Jahren war Dr. Semmlinger schon Arzt in Moorbach, davor vierzig Jahre sein Vater. Konkurrenz im Ort war er nicht gewohnt und daher gar nicht erfreut gewesen, alsmit Dr. Klein ein weiterer Arzt in Moorbach seine Praxis eröffnet hatte. Dabei hätte er froh sein können, gab es doch mehr als genug zu tun. Aber er hatte bald gemerkt, dass der junge Kollege ihm seine Stellung nicht streitig machen konnte. Alle wichtigen Leute kamen weiterhin zu ihm und die armen Wichtel, die sowieso nichts einbrachten, konnte ruhig der ‚junge Kollege‘ behandeln. Und im gesellschaftlichen Leben Moorbachs trat Dr. Klein überhaupt nicht in Erscheinung, auch beim ‚Knöller‘-Stammtisch nicht.
Normalerweise holte Wachtmeister Nebler immer Dr. Semmlinger, wenn etwas Besonderes im Ort los war. Nur hatte der beim letzten Mal, als er ihn nachts herausgeklingelt hatte, furchtbar geschimpft und gemeint, dass er ihn nachts in Ruhe lassen solle, er brauche seinen Schlaf. Und für alles, was mitten in der Nacht passieren würde, solle Nebler künftig den Klein aus dem Bett holen.
Und so war es dazu gekommen, dass der Wachtmeister in dieser Nacht bei Dr. Klein klingelte.
Der Wachtmeister kippte den Schnaps mit einem Schluck hinunter und hielt dem Doktor das Glas mit einem Grinsen gleich wieder entgegen.
„Viel hilft viel, ein gutes Medikament ist das!“
Klein füllte das Glas wieder randvoll und stellte die Flasche griffbereit für den Wachtmeister auf die kleine Kommode im Eingang. „So, jetzt muss ich mich aber fertig machen, bin gleich wieder da.“
Klein dachte an die Bahnlinie. Sie war prägend für den Ort, durchschnitt ihn in zwei Hälften, diesseits und jenseits der Gleise. In der Mitte der Bahnhof mit seinem Kiosk, wo es fast rund um die Uhr etwas zu trinken gab. Immer saßen im und am Kiosk ein paar Männer, meistens vom Leben schon gezeichnet, kommentierten und diskutierten das Ortsgeschehen. Der neueste Selbstmord würde sicher das Thema des nächsten Tages werden. Jenseits des Bahnhofs, im Unterdorf, wohnten vor allem die einfacheren Moorbacher, die Arbeiter und Flüchtlinge, die Zugezogenen. Im Oberdorf, diesseits der Bahn, lebten die ‚besseren‘ Moorbacher, die Honoratioren, die alteingesessenen Bauern. Die Häuser und Gärten waren größer und schöner, da standen auch die Kirche mit dem Kirchhof und das Pfarrhaus. Und auch das Haus des Doktors, gleich neben dem Pfarrhaus.
Erst vor zwei Jahren, im Frühjahr 1927, hatte er das Haus gekauft und umgebaut, seine Praxis im Erdgeschoss, die Wohnung im ersten Stock. Bescheiden angefangen hatte er, seine Praxis vor vier Jahren in einem Mietshaus hinter dem Schloss eröffnet. Schloss klang so großartig, dabei war es ein eher unauffälliges Gebäude und wenn die vier kleinen Türme an den Ecken nicht gewesen wären, hätte man es auch für eine Lagerhalle halten können.
Der Umzug ins eigene Haus war dringend...
| Erscheint lt. Verlag | 21.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Historische Kriminalromane | |
| Schlagworte | Arzt • Bayern • Kriminalroman • Psychologie • Weimarer Republik |
| ISBN-10 | 3-7693-9667-7 / 3769396677 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-9667-6 / 9783769396676 |
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