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Der Tote im Hudson River | Ein historischer Cosy Crime (eBook)

eBook Download: EPUB
2025
404 Seiten
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH (Verlag)
978-3-69090-332-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der Tote im Hudson River | Ein historischer Cosy Crime - Rhys Bowen, Clare Broyles
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Ein schickes Haus in der Fifth Avenue und einen Ehemann, der für das Sheriff-Amt kandidiert – der Traum jeder Frau. Doch Molly Murphy fragt sich, ob der Preis dafür mörderisch hoch sein wird …
Der 19. Band der historischen Krimi-Reihe von der NYT-Bestseller-Autorin 

New York, Herbst 1907: Die ehemalige Privatdetektivin Molly Murphy Sullivan ist zufrieden mit dem gemeinsamen Leben mit ihrem Polizisten Ehemann Daniel umgeben von Familie und Freunden. Und sie dachte, er wäre genauso glücklich damit – doch als er ihr erzählt, dass sie in ein schickes Haus an der Fifth Avenue ziehen werden und dass er für das Amt des Sheriffs von New York kandidiert, ist Molly völlig fassungslos. Daniel bittet Molly, ihm zu vertrauen, aber warum sollte er ausgerechnet für die Tammany-Partei als Sheriff kandidieren? Diese Partei, die mehr für Schmiergelder und kriminelle Netzwerke bekannt ist als für ihr politisches Geschick, war früher alles, was Daniel verachtete. Was hat sich also geändert? Als einer von Daniels politischen Gegnern tot im Hudson River gefunden wird, kann Molly nicht anders, als sich zu fragen, in was Daniel sich da verstrickt hat. Und ob er ihre Hilfe braucht, um da wieder herauszukommen …

Erste Leser:innenstimmen
„Die Charaktere dieser Cosy Krimi-Reihe sind sympathisch und gut ausgearbeitet, mit Stärken und menschlichen Schwächen.“
„Ich liebe die Molly Murphy-Reihe – die historischen Details und die Atmosphäre machen sie so interessant und es ist ein Vergnügen, die Krimis zu lesen.“
„Der Krimi-Plot ist fesselnd und temporeich, ein neuer Band von Molly Murphy enttäuscht nie!“
„Diese gesamte historische Krimi-Reihe ist ein Genuss: Die Figuren entwickeln sich weiter, das Gute siegt über das Böse und die Fähigkeiten der Ermittler werden von Buch zu Buch besser.“



<p>Rhys Bowen wurde in Bath, England, geboren,&nbsp;studierte an der London University, heiratete in eine Familie mit historischen k&ouml;niglichen Verbindungen und verbringt nun ihre Zeit im Norden von Californien und Arizona. Zun&auml;chst schrieb sie Kinderb&uuml;cher, doch auf einer Reise in ihre malerische walisische Heimat fand sie die Inspiration f&uuml;r ihre Constable-Evans-Krimis. Diese Kriminalgeschichten sind mittlerweile Kult und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.</p>

<h2>Fünf</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Dienstag, 8. Oktober</p> </div> <p>Selbst wenn Daniel eingewilligt h&auml;tte, einen kostspieligen Einkauf zu finanzieren, h&auml;tte ich gar nicht genug Zeit, um bis zum heutigen Abend neue Kleidung zusammenzustellen. Es mochte zwar mittlerweile mehr L&auml;den geben, die Kleidung von der Stange anboten, doch die war immer von billiger Qualit&auml;t &ndash; Hemdblusen, bunte R&ouml;cke, vielleicht sogar Sommerkleider aus Nesselstoff, doch gewiss keine Kleider, die einem Abendessen im Delmonico&rsquo;s angemessen w&auml;ren. Daf&uuml;r br&auml;uchte ich Sids kleine, j&uuml;dische Schneiderin und mehrere Anproben, damit das Kleid sitzt wie angegossen. Ich &ouml;ffnete die T&uuml;r des Kleiderschranks und betrachtete meine d&uuml;rftige Sammlung. Ich hatte einst etwas schicke Kleidung besessen &ndash; eine Auswahl aus den aussortierten St&uuml;cken von Sid und Gus, und nach meiner R&uuml;ckkehr aus Paris sogar einige modische Kleider, doch das war alles einem Feuer zum Opfer gefallen.</p> <p>Jetzt w&uuml;rde ich definitiv wie die &auml;rmliche Verwandte aussehen, wenn wir uns mit Big Bill und seiner Ehefrau trafen.</p> <p>&bdquo;Mach dir keine Sorgen darum, Molly&ldquo;, sagte Daniel, als ich ihm eine Tasse Kaffee einschenkte. Ich war fr&uuml;h aufgestanden, um ihn mit einem guten Fr&uuml;hst&uuml;ck auf den Weg zu schicken. Ich mochte w&uuml;tend auf ihn sein, doch ich war immer noch eine pflichtbewusste Ehefrau! &bdquo;Du wirst bestimmt wundervoll aussehen, ganz egal, was du anziehst.&ldquo;</p> <p>Das zeigt nur, wie unaufmerksam M&auml;nner sein k&ouml;nnen. Frauen bemerken jedes kleinste Detail an der Kleidung einer anderen Frau.</p> <p>&bdquo;Ist Mrs. McCormick ebenfalls Irin?&ldquo;, fragte ich. &bdquo;Kommt sie auch aus der alten Heimat?&ldquo;</p> <p>Daniel gluckste. &bdquo;Ganz im Gegenteil. McCormick hat gut geheiratet. Sie ist die Tochter eines Eisenbahnmagnaten. Sie wuchs reich auf und brachte viel Geld in die Ehe mit.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oh nein. Das ist ja noch schlimmer&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Sie wird die neuste Mode tragen und mit Schmuck &uuml;berh&auml;uft sein. Das ist eine schreckliche Idee, Daniel. Warum gehst du nicht allein?&ldquo;</p> <p>Er wirkte besorgt. &bdquo;Das kann ich nicht tun, Molly. Der ganze Plan ist, dass seine Frau dich kennen und m&ouml;gen lernt.&ldquo; Er legte mir eine Hand auf die Schulter. &bdquo;Wir bewegen uns jetzt im Feld der Politik, ob es uns gef&auml;llt oder nicht. Ich f&uuml;rchte, Ehefrauen werden auf dem Pr&auml;sentierteller sitzen. Und bevor du mir wieder sagst, dass du nichts zum Anziehen hast: Ich bin mir sicher, dass wir dem Komitee etwas Geld abschwatzen k&ouml;nnen, um dir angemessene Kleidung zu besorgen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Aber nicht f&uuml;r heute Abend&ldquo;, sagte ich.</p> <p>Er legte einen Arm um mich. &bdquo;Kein Problem&ldquo;, sagte er. &bdquo;Sie werden dein herrliches, rotes Haar und die wundersch&ouml;nen, gr&uuml;nen Augen sehen und bezaubert sein. Du wirst schon sehen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Du bist ein Schw&auml;tzer, Daniel Sullivan&ldquo;, sagte ich und schob ihn von mir, lachte aber dabei. &bdquo;Und du solltest die Koffer vom Dachboden holen, wenn du von mir erwartest, innerhalb von zwei Tagen all unser Hab und Gut zusammenzupacken.&ldquo;</p> <p>Als er fort war, ging ich nach oben und machte mich daran, all meine Kleidung aus dem Schrank zu holen und beiseite zu legen, um sie sp&auml;ter einzupacken. W&auml;hrend ich die d&uuml;rftige Kleiderauswahl betrachtete, erinnerte ich mich wehm&uuml;tig an die Kleider, die dem Feuer zum Opfer gefallen waren. Ich besa&szlig; noch Sids aussortiertes Abendkleid, ein pr&auml;chtiges, violettes Kleidungsst&uuml;ck, um das Bridie mich beneidete. Ich hatte es zu einer Theaterpremiere getragen, doch es war ein wenig zu auff&auml;llig f&uuml;r einen ersten Eindruck beim Abendessen. Es f&uuml;hrte nichts umhin &ndash; ich w&uuml;rde meinen Stolz hinunterschlucken und schauen m&uuml;ssen, ob ich mir von meinen Nachbarinnen ein Kleid leihen k&ouml;nnte.</p> <p>W&auml;hrend ich das dachte, wurde mir bewusst, welch ein Einschnitt es sein w&uuml;rde, sie nicht mehr auf der anderen Stra&szlig;enseite zu haben. Ich hatte mich daran gew&ouml;hnt, auf einen Kaffee bei ihnen vorbeizugehen, sie zu bitten, auf Liam aufzupassen, w&auml;hrend ich irgendetwas erledigte, oder eingeladen zu werden, um faszinierende G&auml;ste kennenzulernen, vom St&uuml;ckeschreiber bis zur Suffragette. Ich wusste, dass sie nicht aus der Welt waren, doch diese unmittelbare N&auml;he w&uuml;rde verlorengehen. Ob es mir gefiel oder nicht, es stand ein neues Kapitel in meinem Leben an.</p> <p>Ich packte weiter, bis ich h&ouml;rte, dass Liam sich regte, und ging dann in sein Zimmer. Er lag in der Krippe, aus der er eigentlich herausgewachsen war, und unterhielt sich mit seinem B&auml;ren. Wir hatten dar&uuml;ber gesprochen, ihm ein gr&ouml;&szlig;eres Bett zu besorgen, das dann aber aufgeschoben, weil das Zimmer so klein war. Jetzt w&uuml;rden wir ein gro&szlig;es Kinderzimmer bekommen, mit s&auml;mtlichem Spielzeug, das er sich nur w&uuml;nschen konnte. Und mit einem Kinderm&auml;dchen, das ihn anzuhimmeln schien. Warum beschwerte ich mich trotzdem noch? Er richtete sich auf, als er mich bemerkte. &bdquo;Hoch, Mama?&ldquo; Er streckte mir seine dicken &Auml;rmchen entgegen.</p> <p>Als ich ihn aus der Krippe hob, fiel mir auf, wie schwer er geworden war. Er war jetzt drei Jahre alt und kein Kleinkind mehr, sondern ein kleiner Junge. Die Krippe w&uuml;rde bald leer herumstehen, da kein weiteres Kind auf dem Weg war. Ein Anflug von Trauer &uuml;berkam mich, weil ich es seit meiner Fehlgeburt vor achtzehn Monaten nicht geschafft hatte, erneut schwanger zu werden. Mein Bild einer Familie bestand aus einer gro&szlig;en, lauten Gruppe von Menschen, die ein Haus mit Necken und Gel&auml;chter erf&uuml;llte. W&uuml;rde meine Familie immer nur aus Liam und Bridie bestehen &ndash; die bereits eine junge Dame war, mit ihrem eigenen Kopf, und ein gutes Leben vor sich hatte?</p> <p>Ich schob diese Gedanken beiseite und klopfte an Bridies T&uuml;r, als ich daran vorbeikam. &bdquo;Es ist Zeit, aufzustehen, Liebes&ldquo;, rief ich.</p> <p>Nachdem die beiden ordentlich gefr&uuml;hst&uuml;ckt hatten &ndash; Porridge mit braunem Zocker und Toast mit Bratenfett &ndash; reichte ich Bridie ihre Schultasche.</p> <p>&bdquo;Ich f&uuml;rchte, du wirst heute Abend auf Liam aufpassen m&uuml;ssen&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Papa und ich werden zum Essen ausgehen &ndash; wir lernen seinen neuen Boss kennen.&ldquo;</p> <p>Bridie nickte feierlich. An der Haust&uuml;r drehte sie sich noch einmal zu mir um. &bdquo;Es wird sich alles ver&auml;ndern, nicht wahr?&ldquo;, fragte sie. &bdquo;Ich wei&szlig;, dass ich die beiden Damen besuchen kann, wann immer ich will, aber es wird nicht mehr das Gleiche sein.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich f&uuml;rchte, da hast du recht&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich bin auch nicht begeistert davon, aber wir m&uuml;ssen das Beste daraus machen; Papa zuliebe.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Was wird aus unserem Haus werden?&ldquo;, fragte Bridie, als w&auml;re ihr der Gedanke gerade erst gekommen. &bdquo;Wirst du es verkaufen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Himmel, nein&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich habe dieses kleine Haus mit meinen eigenen Mitteln gekauft, bevor ich Daniel geheiratet habe. Und ich mag es. Ich sch&auml;tze, wir werden es vermieten m&uuml;ssen, bis Daniel mit der Politik fertig ist.&ldquo; Ich fragte mich, ob oder wann das sein w&uuml;rde.</p> <p>Am sp&auml;teren Vormittag, zu einer Zeit, zu der Sid und Gus endlich wach waren und bereit, Besuch zu empfangen, nahm ich Liam mit auf die andere Stra&szlig;enseite. Er musste sich nicht bitten lassen, rannte auf seinen st&auml;mmigen Beinchen vor mir her und rief so laut er konnte: &bdquo;Tante Sid, Tante Gus!&ldquo;</p> <p>Gus &ouml;ffnete die T&uuml;r, noch ehe ich klopfen konnte. &bdquo;Du liebe G&uuml;te&ldquo;, sagte sie. &bdquo;Ich glaubte, wir w&uuml;rden von einer ganzen Armee angegriffen. Wer hat denn da so eine kr&auml;ftige Stimme?&ldquo;</p> <p>Liam grinste, war aber pl&ouml;tzlich sch&uuml;chtern.</p> <p>&bdquo;Kommt herein. Wir haben frische Br&ouml;tchen von der B&auml;ckerei und Sid hat Kaffee gemacht&ldquo;, sagte sie.</p> <p>Wieder rannte Liam voraus in die K&uuml;che. Gus l&auml;chelte liebevoll und schaute ihm hinterher.</p> <p>&bdquo;Hast du Frieden mit Daniel geschlossen?&ldquo;, fragte sie. &bdquo;Oder liegt seine verst&uuml;mmelte Leiche in deinem Haus, mit tausend Stichwunden?&ldquo;</p> <p>Ich musste lachen. &bdquo;Du wei&szlig; gar nicht, wie kurz davor ich stand&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Und ich bin immer noch nicht begeistert, Gus. Wusstest du, dass wir jetzt einen Aufpasser haben, der &uuml;ber uns wacht &hellip; f&uuml;r unsere Sicherheit? Hast du so etwas schon mal geh&ouml;rt?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Dann muss ich wohl froh sein, dass ihr auszieht&ldquo;, entgegnete Gus. &bdquo;Sid w&uuml;rde es bestimmt nicht gefallen, wenn sich drau&szlig;en zu jeder Tag- und Nachtzeit gro&szlig;e, bullige Iren herumdr&uuml;cken.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Mir gef&auml;llt das auch nicht&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich habe Daniel gesagt, dass ich gehen werde, wohin ich will und wann ich es will.&ldquo;</p> <p>&bdquo;So ist&rsquo;s richtig. Sag ihm deine Meinung, Molly.&ldquo;</p> <p>Wir gingen in die K&uuml;che, wo Sid mit einer Tasse Kaffee in der Hand in der <i>New York American</i> las. &bdquo;Hearsts Zeitung ist wirklich ein rei&szlig;erisches Schundblatt&ldquo;, sagte sie. &bdquo;H&ouml;rt euch das an: Mann zeugt vierundzwanzig Kinder mit verschiedenen Frauen, prahlt mit seiner Fruchtbarkeit!&ldquo;</p> <p>&bdquo;Das sollte eher hei&szlig;en: er t&auml;uschte die Frauen&ldquo;, merkte Gus an. &bdquo;Er muss schrecklich attraktiv sein.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Im Artikel hei&szlig;t es, er habe vor Gericht seinen schicken Schnurrbart gezwirbelt.&ldquo;</p> <p>Wir glucksten.</p> <p>&bdquo;Und warum war er vor Gericht?&ldquo;, fragte ich.</p> <p>&bdquo;Ein Ehemann verklagt ihn wegen Entfremdung, weil der Schuft seine Ehefrau verf&uuml;hrt hat. Der Schurke behauptete dann, er k&ouml;nne jede Frau haben, weil er begehrenswerter sei als jeder Ehemann.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Faszinierend&ldquo;, sagte Sid. &bdquo;Aber Molly ist es vermutlich lieber, wenn Hearst weiterhin solchen Unfug ver&ouml;ffentlich, statt Daniel zu attackieren.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Heilige Mutter Gottes&ldquo;, rief ich, als dieser Gedanke bei mir ankam. &bdquo;Du meinst doch nicht, dass er so etwas tun w&uuml;rde, oder?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Garantiert. Er wird einen Gegenkandidaten aufstellen und alles ausgraben, womit er Daniel schlecht dastehen lassen kann. Du musst darauf vorbereitet sein, Molly.&ldquo;</p> <p>Mein Herz schlug schneller. Ich war so pl&ouml;tzlich mit Daniels politischer Kandidatur &uuml;berrascht worden, dass mir die ganzen Folgen davon noch gar nicht bewusst waren. Daniel hatte ein vorbildliches Leben gef&uuml;hrt. Das wusste ich. Doch w&auml;hrend ich so dar&uuml;ber nachdachte, wurde mir bewusst, dass man durchaus Negatives &uuml;ber ihn sagen k&ouml;nnte &ndash; er war im Gef&auml;ngnis gewesen, wenn auch zu Unrecht. Er war einst mit der Tochter eines reichen Mannes verlobt gewesen. Er war mit dem ehemaligen Police Commissioner aneinandergeraten &hellip; alles kleine Angelegenheiten, die von einer korrupten Zeitung allerdings bestens verdreht werden konnten. Und wie sieht es bei mir aus?, fragte ich mich. Was w&uuml;rden sie &uuml;ber mich in die &Ouml;ffentlichkeit zerren? W&uuml;rde ans Licht kommen, dass ich einst geflohen war, um zu &uuml;berleben? Dass ich in Irland in einen Gef&auml;ngnisausbruch verwickelt war und dass meine Br&uuml;der im Zusammenhang mit der Irish Republican Brotherhood standen und gestorben waren? Pl&ouml;tzlich kam es mir so vor, als k&ouml;nnte mein ganzes Leben zusammenbrechen.</p> <p>&bdquo;Mach dir keine Sorgen, Molly&ldquo;, sagte Gus sanft. &bdquo;Ihr zwei habt gewiss tadellose Leben gef&uuml;hrt und sie k&ouml;nnten h&ouml;chstens titeln: &sbquo;Ehefrau des Kandidaten lie&szlig; heute Morgen den Toast anbrennen.?&ldquo;</p> <p>Ich versuchte zu l&auml;cheln, doch so einfach war das nicht. Liam war der Meinung, man habe ihn lange genug ignoriert, und zupfte an Gus&rsquo; Rock. &bdquo;Tante Gus, Liam will Keks!&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nat&uuml;rlich, kleiner Mann&ldquo;, sagte Gus und hob ihn hoch. &bdquo;Aber wie w&auml;re es stattdessen mit einem frischen Br&ouml;tchen und reichlich Butter?&ldquo;</p> <p>Sie setzte ihn auf den hohen Hocker, der in ihrer K&uuml;che sein Stammplatz war, schnitt ein Br&ouml;tchen auf und strich Butter und Marmelade darauf, ehe sie es ihm gab. Er machte sich gleich dar&uuml;ber her. Ich setzte mich ebenfalls.</p> <p>&bdquo;Eigentlich bin ich hier, weil ich um einen Gefallen bitten muss&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich habe Daniel gesagt, dass ich keine Kleider besitze, die f&uuml;r die Ehefrau eines Sheriffs angemessen w&auml;ren, und er will mir erm&ouml;glichen, ein paar Sachen anfertigen zu lassen. Allerdings &hellip;&ldquo; Ich hielt inne und atmete tief durch, ehe ich fortfuhr: &bdquo;&hellip; habe ich jetzt erfahren, dass ich heute Abend mit Big Bill und seiner Ehefrau speisen werde, ausgerechnet im Delmonico&rsquo;s, und ich habe nichts, was daf&uuml;r angemessen w&auml;re. Also wollte ich fragen &hellip;&ldquo;</p> <p>&bdquo;Schau dich gern in unseren Kleiderschr&auml;nken um&ldquo;, sagte Sid. &bdquo;Ich glaube zwar nicht, dass ich allzu viel besitze, was dem Delmonico&rsquo;s gerecht wird &ndash; ich bezweifle, dass man dort Haremshosen zu sch&auml;tzen wei&szlig; &ndash; aber Gus besitzt noch Kleider aus ihrem fr&uuml;heren Leben als Teil der Bostoner Elite, nicht wahr, Liebste?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oh, absolut&ldquo;, sagte Gus. &bdquo;Komm mit mir nach oben und probiere ein paar an.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Es tut mir wirklich leid, das tun zu m&uuml;ssen&ldquo;, sagte ich, w&auml;hrend ich err&ouml;tete, &bdquo;aber ich darf Big Bills Ehefrau nicht in irgendeinem zusammengew&uuml;rfelten Outfit gegen&uuml;bertreten. Daniel erkl&auml;rte mir, dass sie im Gegensatz zu ihrem Ehemann nicht aus den irischen S&uuml;mpfen stammt, sondern aus einer reichen Familie.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Stimmt&ldquo;, sagte Sid. &bdquo;Ich habe mal etwas &uuml;ber sie gelesen. Ihr Vater hat sein Geld mit Eisenbahnen gemacht, nicht wahr? Ich glaube, sie ist Big Bills zweite Ehefrau und brachte viel Geld mit, als er es dringend brauchte.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Jetzt versteht ihr, warum ich einigerma&szlig;en anst&auml;ndig aussehen muss, oder?&ldquo;, fragte ich. Ich stieg die Treppe hinauf und Gus folgte mir. Wir gingen an den Schlafzimmern im ersten Stock vor&uuml;ber und weiter in den zweiten Stock, wo ein zus&auml;tzlicher Kleiderschrank mit den Kleidern stand, die Gus nicht mehr trug.</p> <p>&bdquo;Ich f&uuml;rchte, manche von denen sind mittlerweile hoffnungslos aus der Mode gekommen, Molly&ldquo;, sagte Gus, w&auml;hrend sie die T&uuml;r &ouml;ffnete. &bdquo;Dieses rosarote Teil habe ich seit meiner Zeit als Deb&uuml;tantin nicht mehr getragen. Es ist viel zu m&auml;dchenhaft f&uuml;r dich. Ich wei&szlig; nicht, warum ich es immer noch aufhebe, aber vielleicht w&auml;re es mit einigen &Auml;nderungen etwas f&uuml;r Bridie. Aber &hellip;&ldquo; Sie hielt inne und griff nach einem anderen Kleid. &bdquo;&hellip; das hier k&ouml;nnte genau richtig sein.&ldquo; Sie holte ein geschmeidiges, einfach geschnittenes Kleid in einem blassen Malventon heraus. &bdquo;Das musste ich tragen, als wir um meine Gro&szlig;mutter trauerten&ldquo;, sagte sie. &bdquo;Violett und Malve galten als angemessene Trauerfarben f&uuml;r eine junge Frau. Du hast immer noch die Figur einer jungen Frau, Molly. Es sollte dir passen. Zieh es mal an.&ldquo;</p> <p>Es machte mich verlegen, mich vor Gus zu entkleiden, doch mit ihrer Hilfe schl&uuml;pfte ich in das malvenfarbene Kleid. Sie schloss die Knopfleiste im R&uuml;cken. Es war etwas eng am Busen, doch insgesamt war das Ergebnis zufriedenstellend. Es sah klassisch und nach guter Qualit&auml;t aus; genau richtig f&uuml;r eine Ehefrau, die sich nicht in den Mittelpunkt dr&auml;ngen wollte.</p> <p>&bdquo;Du siehst umwerfend aus&ldquo;, sagte Gus. &bdquo;Sehr elegant. Ich habe irgendwo noch eine violette Feder, die du dir ins Haar stecken kannst. Sie werden begeistert sein, Molly.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Eigentlich will ich niemanden begeistern&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Es w&uuml;rde mir reichen, wenn sie mich nicht f&uuml;r bettelarm halten.&ldquo;</p> <p>Gus lachte. &bdquo;Jetzt schau dir noch die anderen Sachen an. Falls dir irgendetwas ins Auge f&auml;llt, nimm es mit. Ich bezweifle, dass ich diese Kleider jemals wieder brauchen werde.&ldquo;</p> <p>Sie bestand darauf, jedes einzelne Kleid herauszuholen und mich diejenigen anprobieren zu lassen, die sie f&uuml;r passend hielt. Ich verlie&szlig; das Haus schwer besch&auml;mt, aber mit zwei Ballkleidern und einem Teekleid. Ich wusste, dass sie nicht mehr der neusten Mode entsprachen, doch sie sahen nach guter Qualit&auml;t aus, und das war es, was z&auml;hlte.</p> <h2>Sechs</h2> <p>Ich bin sonst keine Person, die sich allzu gro&szlig;e Sorgen um ihr Aussehen macht. Ich bin ganz sicher nie in eine Konkurrenz mit anderen Frauen eingetreten, wenn es um Kleidung ging &ndash; da ich nie die n&ouml;tigen Mittel daf&uuml;r hatte. Doch ich muss gestehen, dass ich wirklich nerv&ouml;s wurde, als es an der Zeit war, mich f&uuml;r das Abendessen im Delmonico&rsquo;s anzuziehen. Nur die Reichen und Sch&ouml;nen gingen dort essen. Und ich w&uuml;rde den pr&uuml;fenden Blicken aller Anwesenden ausgesetzt sein, sobald ich das Restaurant betrat. Ich w&uuml;rde mich gut an Daniels Arm festhalten m&uuml;ssen, denn ich wollte auf keinen Fall beim heruntergehen der Stufen zum Restaurant st&uuml;rzen.</p> <p>Ich hatte Bridie gebeten, mir beim Ankleiden zu helfen. Sie schloss gerade die unter Seide versteckte Knopfleiste, die &uuml;ber den gesamten R&uuml;cken des Kleides verlief. In Momenten wie diesen verstand ich, warum Frauen, die solche Kleider regelm&auml;&szlig;ig trugen, ein Dienstm&auml;dchen brauchten. Kein Ehemann war geduldig genug daf&uuml;r! Als Bridie den obersten Knopf geschlossen hatte, drehte ich mich um und betrachtete mich im Spiegel. Das Kleid lie&szlig; mich tats&auml;chlich gro&szlig; und gertenschlank wirken &ndash; sehr vorteilhaft, fand ich.</p> <p>&bdquo;Du siehst richtig aufgedonnert aus&ldquo;, sagte Bridie.</p> <p>Ich starrte sie an. &bdquo;Wo hast du denn diesen Ausdruck her?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Helen Balmont sagt das st&auml;ndig&ldquo;, erkl&auml;rte sie ernst. &bdquo;Ich lerne alle m&ouml;glichen neuen, feinen W&ouml;rter. Du h&auml;ttest h&ouml;ren m&uuml;ssen, was Ruth Depew in der Pause gesagt hat &hellip;&ldquo;</p> <p>&bdquo;Du liebe G&uuml;te&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich hoffe, wir tun das Richtige, indem wir dich an diese Schule schicken.&ldquo; Dann w&uuml;nschte ich, ich h&auml;tte gar nichts gesagt. Bridie &ouml;ffnete sich zum ersten Mal bez&uuml;glich der anderen M&auml;dchen in der Schule, und ich wollte gern mehr h&ouml;ren.</p> <p>&bdquo;So schlimm ist es nicht&ldquo;, antwortete Bridie. &bdquo;In bin blo&szlig; in einigen F&auml;chern weit hinterher, und ich glaube nicht, dass ich je zu diesen M&auml;dchen passen werde. Margaret Wilson erz&auml;hlte, dass sie jeden Sommer ihres Lebens in Newport verbracht habe und wie sterbenslangweilig es dort sei. Julia Cooper stimmte ihr zu und sagte, dass im kommenden Sommer alle an die Riviera fahren w&uuml;rden. Ihr Bruder ist in Harvard und ihre &auml;ltere Schwester ist Deb&uuml;tantin. Die M&auml;dchen reden nur dar&uuml;ber, wie viel sie f&uuml;r ihre Kleider ausgeben werden, wenn sie deb&uuml;tieren und an den B&auml;llen der anderen teilnehmen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Aber doch bestimmt nicht alle von ihnen, oder?&ldquo;, fragte ich.</p> <p>&bdquo;Nicht alle, nein. Judy Lowenstein macht einfach ihre Arbeit. Sie ist die Beste in Latein, und Margaret nennt sie Streberin. Ich wei&szlig;, dass sie jeden Sommer in die Catskill Mountains f&auml;hrt, aber die anderen M&auml;dchen schneiden sie. Vielleicht, weil sie j&uuml;disch ist, aber es k&ouml;nnte auch daran liegen, dass ihr Vater nur ein Arzt ist. Ist das nicht schrecklich?&ldquo;</p> <p>Ich nickte. &bdquo;Ja. Man sollte meinen, dass die Menschen nach New York kommen, um sich von Vorurteilen zu befreien. Die Iren haben wei&szlig; Gott genug gelitten, wie auch die Chinesen und jetzt die Juden. Und warum sollte man &uuml;berhaupt etwas gegen sie haben? Ich habe mehr Respekt f&uuml;r einen Arzt als f&uuml;r einen Mann, der sein Geld damit verdient, Geb&auml;ude zu vermieten oder Bestechungsgelder anzunehmen&ldquo;, f&uuml;gte ich mit finsteren Gedanken an Tammany Hall hinzu.</p> <p>&bdquo;Ich sch&auml;tze, es liegt daran, dass sie keine Christen sind&ldquo;, sagte Bridie. &bdquo;Das ist noch so eine Sache. Ich habe darauf geachtet, nicht zu erw&auml;hnen, dass ich katholisch bin. Julia sagt, Katholiken seien Papisten und k&ouml;nnten niemals echte Amerikaner werden, weil sie die Regierung st&uuml;rzen w&uuml;rden, wenn der Papst es ihnen befielt. Blanche sagte, das sei nicht wahr. Ich glaube, sie ist katholisch, denn sie tr&auml;gt manchmal ein Kruzifix, aber die anderen M&auml;dchen lassen sie in Ruhe, weil ihr Vater sehr reich ist. Ich m&ouml;chte ihr trotzdem nicht erz&auml;hlen, dass ich katholisch bin, weil sie die hochn&auml;sigste von allen ist.&ldquo; All diese Informationen kamen nur so aus ihr herausgesprudelt. Bridie wusste offensichtlich schon viel &uuml;ber das Leben dieser Sch&uuml;lerinnen.</p> <p>Ich sch&uuml;ttelte den Kopf. &bdquo;Wir geben dieser Schule dieses Jahr eine Chance, und dann denken wir noch einmal dar&uuml;ber nach. Sid und Gus sind offensichtlich fest entschlossen, dich auf die Vassar zu bringen, aber es muss doch auch Schulen geben, die keine Brutst&auml;tte f&uuml;r Aufgeblasenheit sind.&ldquo;</p> <p>Die Uhr unten schlug Viertel vor, was mich zur Eile gemahnte.</p> <p>&bdquo;Hilf mir bitte, diese Feder in meinem Haar zu befestigen&ldquo;, sagte ich, w&auml;hrend ich sie Bridie reichte. Nach mehreren Versuchen und reichlich Gekicher gelang es uns. Ich nahm mir Tuch und Handschuhe und ging nach unten. Daniel kam aus dem Wohnzimmer und sah in seiner Abendgarderobe sehr adrett aus. Das Strahlen, das in seine Augen trat, als er mich anschaute, machte mit Mut.</p> <p>&bdquo;Sehr h&uuml;bsch, Mrs. Sullivan&ldquo;, sagte er. &bdquo;Brechen wir auf?&ldquo;</p> <p>Ich drehte mich zu Bridie um. &bdquo;Dein Abendessen ist im Topf. Sorg daf&uuml;r, dass Liam sich benimmt und zu einer vern&uuml;nftigen Zeit ins Bett geht. Und falls du irgendwelche Probleme haben solltest: Die Damen auf der anderen Stra&szlig;enseite sind zu Hause.&ldquo;</p> <p>Sie nickte und winkte uns, als wir auf die Stra&szlig;e hinaustraten.</p> <p>Finn erwartete uns zusammen mit einem bulligen Kerl, der auch ein Boxer h&auml;tte sein k&ouml;nnen.</p> <p>&bdquo;Das ist Jack&ldquo;, sagte Finn. &bdquo;Er wird sich von jetzt an um Sie k&uuml;mmern. Hast du uns ein Taxi gerufen, Jack?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ja, Sir&ldquo;, antwortete Jack mit einem irischen Akzent, der intensiver war als mein eigener. &bdquo;Es wartet am Ende der Gasse.&ldquo;</p> <p>Auf dem Kopfsteinpflaster nahm ich Daniels Arm, da ich mich in meinen eleganten Abendschuhen nicht allzu sicher bewegte. Als ich sah, dass am Ende des Patchin Place ein Automobil wartete, warf ich Daniel einen &uuml;berraschten Blick zu. Die vorderen Sitze waren offen und ein Fahrer sa&szlig; hinter dem Lenkrad. Die hintere Sitzreihe war jedoch &uuml;berdacht, rundum geschlossen und mit T&uuml;ren versehen, sodass ein privates Abteil entstand.</p> <p>&bdquo;Das ist das Neuste&ldquo;, sagte Finn. &bdquo;Ein Mann hat einen motorisierten Droschkenservice ins Leben gerufen. Er nennt die Wagen Taxis. Was die Zukunft wohl noch bringen mag?&ldquo;</p> <p>Man half mir, hinten einzusteigen, und dann fuhren wir langsam und gesetzt die 5th Avenue entlang, bis wir das Restaurant an der Ecke 44th Street erreichten. Von au&szlig;en kannte ich es nat&uuml;rlich. Ich hatte es sogar einmal betreten, als ich im Rahmen meiner Detektivarbeit jemandem gefolgt war. Doch ich hatte noch nie an einem der Tische gesessen und gespeist. Das Restaurant lag genau an der Ecke und wahr ein wahrhafter Palast, mit einem S&auml;ulenvorbau wie bei einem r&ouml;mischen Tempel, der sich von der abgerundeten Fassade absetzte. Unser Taxi hielt direkt vor diesen S&auml;ulen an und augenblicklich standen zwei Lakaien bereit. Ihre Uniformen waren mit so vielen B&auml;ndern verziert, dass sie wie Gener&auml;le aussahen &hellip; mindestens. Sie &ouml;ffneten mir die T&uuml;r und Finn sprang vom Vordersitz, um mir dabei zu helfen, w&uuml;rdevoll auszusteigen, was ich zu sch&auml;tzen wusste. Daniel bot mir seinen Arm an, dann wurden die gl&auml;sernen T&uuml;ren f&uuml;r uns ge&ouml;ffnet und wir folgten Finn in den hell erleuchteten Innenraum.</p> <p>Das Erste, was mir entgegenschlug, war der Krach. Es gab so viele Tische und an jedem sa&szlig;en Menschen, die dem Klang nach ihren Spa&szlig; hatten. Ich schaute mich um und betrachtete die Seidentapeten, die dekorativen Stoffbeh&auml;nge, die Kronleuchter an der hohen Decke. Es war beinahe zu viel f&uuml;r meine Sinne.</p> <p>&bdquo;Haben Sie reserviert, Sir?&ldquo; Ein Oberkellner mit einem beeindruckenden Schnurrbart im italienischen Stil erschien aus dem Nichts. Ehe wir antworten konnten, dr&ouml;hnte eine Stimme: &bdquo;Daniel, mein Junge, hier dr&uuml;ben!&ldquo;</p> <p>Ich blickte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und sah einen Mann, der aufgestanden war und wild winkte, ohne sich darum zu scheren, dass ihn die anderen G&auml;ste an den Nachbartischen missmutig anschauten. Als wir auf ihn zugingen, erkannte ich, wie er sich den Spitznamen Big Bill verdient hatte. Er war ein Riese &ndash; nicht dick, aber kr&auml;ftig gebaut &ndash; mit einem runden, ger&ouml;teten Gesicht und grauem Haar. Seine Gesichtsz&uuml;ge wirkten unverkennbar irisch und erinnerten mich an die Jungs, mit denen ich mich in der Heimat hatte herumschlagen m&uuml;ssen &ndash; gro&szlig;e, massige R&uuml;pel, die mir beim Tanzen auf Dorffesten auf die F&uuml;&szlig;e getreten waren und versucht hatten, mich hinter dem Pfarrsaal zu k&uuml;ssen. Ich vermutete, dass Big Bill auch einst so ein Junge gewesen war. W&auml;hrend wir an den Tischen vorbeiliefen, fragte ich mich, ob er als junger Mann aus Irland hergekommen war oder hier das Licht der Welt erblickt hatte; ein Kind, das der Hungersnot entkommen war.</p> <p>&bdquo;Willkommen, willkommen!&ldquo;, rief Big Bill, als wir n&auml;herkamen. &bdquo;Danke f&uuml;rs Herbringen, Finn. Daniel &ndash; sehr adrett!&ldquo; Er streckte meinem Ehemann eine fleischige Hand entgegen und sch&uuml;ttelte die seine &uuml;bereifrig, dann drehte er sich zu mir um und musterte mich mit absch&auml;tzendem Blick. &bdquo;Das ist also die kleine Gattin, Daniel. Was f&uuml;r eine Sch&ouml;nheit! Sie haben gut gew&auml;hlt, wie ich sehe. Ein echtes irisches M&auml;dchen.&ldquo; Er streckte mir beide H&auml;nde entgegen. &bdquo;Mrs. Sullivan, wie sch&ouml;n, Sie kennenzulernen. Willkommen, willkommen.&ldquo; Er ergriff meine H&auml;nde und dr&uuml;ckte sie so fest, dass ich glaubte, mir w&uuml;rden die Finger abfallen. Dann zog er einen Stuhl f&uuml;r mich nach hinten.</p> <p>&bdquo;Bitte setzen Sie sich. Parken Sie das alte Gerippe.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Billy, das ist doch geschmacklos. Mrs. Sullivan ist bestimmt schockiert&ldquo;, meldete sich jemand mit leiser Stimme von der anderen Seite des Tisches. Big Bill war in seiner Pr&auml;senz so &uuml;berm&auml;chtig gewesen, dass ich seine Frau erst jetzt bemerkte. Ich hatte erwartet, dass sich die Tochter eines Eisenbahnmagnaten mit Pelz und Juwelen schm&uuml;cken w&uuml;rde, doch man konnte Mrs. McCormicks Auftreten nur als schlicht bezeichnen. Sie war eine d&uuml;nne, recht knochige Frau mit hellbraunem Haar, das sich aufgewickelt auf ihrem Kopf t&uuml;rmte. Sie trug ein graues Seidenkleid mit einem einfachen, recht hohen Ausschnitt und ein Kreuz aus Perlen und Rubinen an einer schweren, goldenen Halskette. Ihr Gesicht war blass und ausgewaschen und ihre gro&szlig;en Augen richteten sich jetzt mit einem einigerma&szlig;en best&uuml;rzten Blick auf mich.</p> <p>&bdquo;Ich versichere Ihnen, dass ich nicht so leicht zu schockieren bin, Mrs. McCormick&ldquo;, sagte ich und schenkte ihr ein aufmunterndes L&auml;cheln, das sie erwiderte. Dieses L&auml;cheln ver&auml;nderte sie stark &ndash; sie wirkte pl&ouml;tzlich j&uuml;nger; beinahe m&auml;dchenhaft.</p> <p>&bdquo;Ich bin Lucy McCormick, Mrs. Sullivan. Sehr erfreut, Sie kennenzulernen. Billy redet ununterbrochen davon, wie beeindruckt er von Ihrem Daniel ist.&ldquo; Sie streckte ihre mit einem grauen Handschuh bewehrte Hand aus und ich ergriff sie.</p> <p>Wir setzten uns und Finn blieb etwas unbeholfen neben Big Bill stehen. &bdquo;Ich sollte Sie dann wohl alleinlassen, Sir&ldquo;, sagte er. &bdquo;Soll ich sp&auml;ter zur&uuml;ckkommen, um Mr. und Mrs. Sullivan nach Hause zu begleiten?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Um Himmels willen, Finn&ldquo;, sagte Big Bill. &bdquo;Du geh&ouml;rst im Grunde zur Familie. Schnapp dir einen Stuhl. Ich lasse dir ein zus&auml;tzliches Gedeck bringen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Wenn Sie wirklich meinen &hellip;&ldquo; Finn z&ouml;gerte immer noch. &bdquo;Ich m&ouml;chte nicht bei einer privaten Unterhaltung st&ouml;ren.&ldquo;</p> <p>&bdquo;G&uuml;tiger Himmel, Junge&ldquo;, sagte Bill. &bdquo;Wenn ich eine private Unterhaltung f&uuml;hren wollte, w&uuml;rde ich das gewiss nicht mit halb New York als Publikum machen. Au&szlig;erdem hatten wir schon unsere kleine Unterhaltung, nicht wahr? Ich glaube, Daniel versteht, wohin der Weg geht. Jetzt setz dich, um Gottes willen, setz dich.&ldquo;</p> <p>Bill McCormick schnippte mit den Fingern und ein Kellner kam herbeigeeilt. &bdquo;Bringen Sie ein zus&auml;tzliches Gedeck f&uuml;r diesen Gentleman&ldquo;, befahl er, &bdquo;und etwas zu trinken f&uuml;r alle. Wir sollten mit Champagner einsteigen, da wir etwas zu feiern haben&ldquo;, sagte er. &bdquo;Und zwei Dutzend Austern.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oh, keine Austern, Billy&ldquo;, sagte seine Frau. &bdquo;Das ist Arme-Leute-Essen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Mag sein. Aber sie sind verdammt lecker, wenn du mich fragst. Das gleiche gilt f&uuml;r Hummer. Sie servieren hier einen k&ouml;stlichen Hummer mit einer Spezialso&szlig;e. Vielleicht bestelle ich den als Fischgang, dann wirst du schon sehen.&ldquo;</p> <p>Der Champagner traf beeindruckend schnell ein. Der Korken knallte und f&uuml;nf Gl&auml;ser wurden gef&uuml;llt. Big Bill hob das seine. &bdquo;Lasst uns ansto&szlig;en&ldquo;, sagte er. &bdquo;Auf den siegessichersten Kandidaten, den Tammany je aufgestellt hat, und auf Verzweiflung und Untergang f&uuml;r Mr. Hearst und seine Kumpane, die keine Chance mehr haben, jetzt da wir den jungen Daniel an Bord haben.&ldquo;</p> <p>Die Austern wurden gebracht. Ich hatte nie Geschmack an den Muscheln gefunden, a&szlig; aber pflichtbewusst ein paar. Das schien Big Bill gar nicht zu bemerken, der die anderen verschlang, indem er sie sich eine nach der anderen in den Mund kippte und in einer m&uuml;helosen Bewegung schluckte. Es wurde mehr Champagner geordert und Bill bestellte die &uuml;brigen G&auml;nge, ohne sich daf&uuml;r zu interessieren, was wir essen wollten. Das Restaurant schien ein Treffpunkt reicher und ber&uuml;hmter Pers&ouml;nlichkeiten zu sein. Mehrere Frauen, von denen ich eine aus der Gesellschaftskolumne einer Damenzeitschrift zu erkennen glaubte, liefen von Tisch zu Tisch und begr&uuml;&szlig;ten &uuml;berschw&auml;nglich ihre Freundinnen. Ein Mann trat mit seiner Ehefrau an unseren Tisch heran und die M&auml;nner erhoben sich aus H&ouml;flichkeit.</p> <p>&bdquo;O&rsquo;Brien! Wie sch&ouml;n, Sie zu sehen.&ldquo; Big Bill schien jeden auf die gleiche, herzliche Art zu begr&uuml;&szlig;en. &bdquo;Mrs. O&rsquo;Brien, Sie sehen zauberhaft aus! Ein Bild von Sch&ouml;nheit.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ist das der neue Proteg&eacute;?&ldquo; O&rsquo;Brien klang nicht ansatzweise so freundlich wie Big Bill. Er sah elegant aus und trug einen teuren Anzug, der sich ma&szlig;geschneidert an seine schlanke Figur schmiegte. Sein Haar wurde d&uuml;nner, hatte aber immer noch eine kr&auml;ftige, rote Farbe, und er trug einen schmalen, gepflegten Schnurrbart.</p> <p>&bdquo;Genau. Daniel Sullivan, das ist Sean O&rsquo;Brien, Herz und Seele von Tammany Hall.&ldquo; Daniel gab dem Mann die Hand. &bdquo;Und das hier ist die wundersch&ouml;ne Mrs. Sullivan.&ldquo; Als Mr. O&rsquo;Brien auch meine Hand sch&uuml;ttelte, fiel mir auf, wie zart und gepflegt die seine war; keine raue Hafenarbeiter-Hand wie bei Finn oder Big Bill. Sp&uuml;rte ich deshalb diese Spannung zwischen ihnen, auch wenn die Worte der beiden M&auml;nner heiter und freundlich klangen?</p> <p>&bdquo;Eine Freude, Sie beide kennenzulernen. Daniel, wir sehen uns bald bei Tammany. Ich werde Ihren Werdegang aufmerksam verfolgen.&ldquo; Es entstand eine leicht unangenehme Pause. Mr. O&rsquo;Brien schien sich zu fragen, ob Big Bill ihn an den Tisch einladen w&uuml;rde. Als deutlich wurde, dass es dazu nicht kommen w&uuml;rde, sprach Mr. O&rsquo;Brien ruhig weiter: &bdquo;Nun denn, ich sollte Sie nicht von Ihrem Abendessen abhalten.&ldquo; Er verbeugte sich leicht. &bdquo;War mir eine Freude.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Lassen Sie uns irgendwann diese Woche etwas trinken gehen.&ldquo; Big Bills herzlicher Ton war zur&uuml;ck, doch Mr. O&rsquo;Brien wirkte immer noch steif, als er sich entfernte.</p> <p>&bdquo;Ich habe ihn nicht bei der politischen Versammlung gesehen. War er dort?&ldquo;, fragte Daniel. &bdquo;Ist er eng mit Tammany verbunden?&ldquo;</p> <p>Big Bill senkte die Stimme ein wenig. &bdquo;Er sieht sich als meine Nummer Zwei. Er war ein wenig entt&auml;uscht, als ich das Amt des Sheriffs nicht ihm angeboten habe, und hat mich das auch sp&uuml;ren lassen. Ich vermute, er ist heute Abend hier, um einen Blick auf Sie zu werfen. Aber er ist in seiner aktuellen Position besser aufgehoben.&ldquo; Big Bill wechselte einen wissenden Blick mit Finn. &bdquo;Ich habe meine Gr&uuml;nde, und entweder findet er sich damit ab oder er verzieht sich!&ldquo;</p> <p>Er st&uuml;rzte sich in eine politische Diskussion mit Daniel und Finn. Ich drehte mich zu seiner Frau. Sie hob die Augenbrauen. &bdquo;Ist die Politik nicht schrecklich langweilig, Mrs. Sullivan?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sie ist mir recht fremd&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich habe bisher keine Erfahrung in diesem Bereich gesammelt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich w&uuml;rde mich an Ihrer Stelle auch fernhalten&ldquo;, sagte sie. &bdquo;Es ist mir unbegreiflich, wie sich diese M&auml;nner stundenlang &uuml;ber Strategien unterhalten k&ouml;nnen. Ehrlich gesagt hoffe ich, dass Billy nicht der B&uuml;rgermeister wird, sonst findet das kein Ende mehr. Dann wird er sich als N&auml;chstes den Posten des Gouverneurs und schlie&szlig;lich das Pr&auml;sidentenamt vornehmen, Sie werden sehen. Der Mann ist vom Ehrgeiz ergriffen. Wenn ich daran denke, dass er einst so arm wie eine Kirchenmaus war und sich als Deckarbeiter auf K&uuml;stendampfern verdingte &ndash; dann sparte er genug, um ein Boot zu bergen und zu reparieren, das auf Grund gelaufen war. Von diesem Punkt an hat er sich aufgebaut, was er heute hat. Man muss ihn daf&uuml;r bewundern, doch seine Energie ist manchmal &uuml;berw&auml;ltigend.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Was ist mit Ihnen?&ldquo;, fragte ich. &bdquo;Sie kommen aus anderen Kreisen, h&ouml;rte ich.&ldquo;</p> <p>Sie seufzte ersch&ouml;pft. &bdquo;Ganz eindeutig. Meine jungen Jahre verbrachte ich an einer Klosterschule, die Sommer in unserem Haus auf Long Island. Ich habe mich wohl in Billy verliebt, weil er so anders als die Jungs war, mit denen ich sonst tanzte. Er versprach mir, mir den Lebensstil zu erm&ouml;glichen, den ich gewohnt war, und daran hat er sich eindeutig gehalten. Ich war recht begeistert von der Vorstellung, dass er eines Tages im Stadtrat sitzen k&ouml;nnte. Damals wusste ich sehr viel weniger &uuml;ber die Politik.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sie haben Kinder, nehme ich an?&ldquo;</p> <p>Erneut lie&szlig; ihr L&auml;cheln sie deutlich j&uuml;nger wirken. Mir ging auf, dass sie vermutlich nicht &auml;lter als vierzig war. &bdquo;Zwei. Ein Junge und ein M&auml;dchen. Mein Sohn Cornelius ist aktuell Student an der Columbia. Sein Vater m&ouml;chte, dass er gleich nach seinem Abschluss ins Gesch&auml;ft einsteigt, damit er es eines Tages &uuml;bernehmen kann, aber Cornelius will unbedingt nach Europa und in Paris leben. Er hat kein Interesse daran, sich an niedere Arbeiten fesseln zu lassen. Das hat zu gro&szlig;en Spannungen zwischen ihm und seinem Vater gef&uuml;hrt. Billy legt all seine Hoffnungen in ihn, da der &auml;ltere Junge &hellip;&ldquo;</p> <p>Ich hob &uuml;berrascht den Blick. &bdquo;Er ist nicht Ihr &auml;ltester Sohn?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nicht mein Sohn, Mrs. Sullivan. Ich bin seine zweite Ehefrau. Junior, Bills Sohn aus erster Ehe, war zu alt, als dass ich ihm nach unserer Hochzeit eine echte Mutter h&auml;tte sein k&ouml;nnen. Bill hatte die Hoffnung, dass er auch in die Politik gehen w&uuml;rde, doch leider ist er gel&auml;hmt und an einen Rollstuhl gefesselt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Wie tragisch. War es ein Unfall?&ldquo;</p> <p>Sie sch&uuml;ttelte den Kopf, was ihre langen Perlenohrringe klimpern lie&szlig;. &bdquo;Nein, eine zehrende Krankheit. Erblich. Seine Mutter starb an der gleichen Sache. Irgendwann wird er all seiner k&ouml;rperlichen F&auml;higkeiten beraubt sein. Er ist ein lieber, ruhiger junger Mann, der seine Gebrechlichkeit mit stoischem Gleichmut ertr&auml;gt.&ldquo;</p> <p>Sie hielt inne und starrte auf das Glas in ihrer Hand.</p> <p>&bdquo;Und Sie haben eine Tochter?&ldquo;</p> <p>Sie strahlte wieder. &bdquo;Ja. Ein liebes und h&uuml;bsches kleines Ding. Billy ist davon &uuml;berzeugt, dass sie einmal gut heiraten wird. Er spricht schon von Reisen nach Europa, um sie mit einem Lord oder einem franz&ouml;sischen Marquis zu verkuppeln. Er hatte schon immer gro&szlig;e Tr&auml;ume, mein Billy.&ldquo;</p> <p>Sie verstummte, als der Hummer in einer cremigen, schaumigen So&szlig;e kam.</p> <p>&bdquo;Das ist er. Hummer Newburg, hier im Delmonico&rsquo;s erfunden, wie sie behaupten&ldquo;, sagte Bill. &bdquo;Himmlisches Manna. Panis angelicus.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Billy, das grenzt an Blasphemie&ldquo;, sagte Lucy, w&auml;hrend sie tadelnd mit dem Finger wedelte, was Big Bill kichern lie&szlig; wie einen ungezogenen Schuljungen.</p> <p>&bdquo;Meine Frau leidet unter einer &Uuml;berdosis Religion&ldquo;, sagte Big Bill. &bdquo;Zu viel Einfluss der Nonnen in jungem Alter. Mussten Sie auch unter Nonnen leiden, Mrs. Sullivan?&ldquo;</p> <p>&bdquo;In der Tat&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Aber meine waren von der irischen Sorte; sehr freigiebig im Umgang mit dem Stock.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Wie barbarisch&ldquo;, sagte Lucy. &bdquo;Meine Nonnen waren lieb und sanft; und recht weltfremd.&ldquo;</p> <p>Wir machten uns daran, unseren Hummer Newburg zu essen, und ich muss gestehen, dass er k&ouml;stlich war. Es folgten die Steaks &ndash; gr&ouml;&szlig;er als jedes St&uuml;ck Fleisch, das ich je zu mir genommen hatte. Ich starrte meines erschrocken an. Wie sollte ich all das essen? Big Bill bestellte Rotwein. Ich wollte ablehnen, da mir bereits die beiden Gl&auml;ser Champagner zu Kopf gestiegen waren, doch das lie&szlig; er sich nicht gefallen. &bdquo;Man kann doch kein Steak essen, ohne einen guten Rotwein dazu&ldquo;, sagte er und dr&uuml;ckte mir das Glas in die Hand.</p> <p>Wir hatten gerade erst mit dem Steak angefangen, als ein weiteres Paar an unseren Tisch herantrat. Die Frau trug ein sehr freiz&uuml;giges Kleid, das ihren &uuml;ppigen Busen und die schmale Taille betonte. An ihrem Hals funkelten Diamanten und sie hatte einen F&auml;cher aus Strau&szlig;enfedern bei sich. Als die beiden an unseren Tisch kamen, quiekte sie vor Freude.</p> <p>&bdquo;Schau an, wen wir hier haben&ldquo;, sagte sie und kitzelte Big Bill mit dem F&auml;cher am Hinterkopf. Er wirbelte &uuml;berrascht herum. Die Frau kicherte und wedelte dann mit dem F&auml;cher.</p> <p>&bdquo;Du b&ouml;ser Junge&ldquo;, sagte sie. Sie machte eine lange, bedeutungsschwere Pause, dann sagte sie: &bdquo;Du warst noch nicht in meiner neuen Show.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich bin zu besch&auml;ftigt f&uuml;rs Theater, Gertie&ldquo;, sagte er. &bdquo;Hast du es noch nicht geh&ouml;rt? Ich kandidiere als B&uuml;rgermeister.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oh, das habe ich durchaus geh&ouml;rt&ldquo;, sagte sie. &bdquo;Doch es hei&szlig;t, Arbeit allein macht auch nicht gl&uuml;cklich, oder?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Aber sie macht Bill McCormick zu New Yorks n&auml;chstem B&uuml;rgermeister&ldquo;, sagte er. &bdquo;Wenn du uns jetzt entschuldigen w&uuml;rdest. Unsere Steaks werden kalt.&ldquo;</p> <p>Die Frau hakte sich bei ihrem Begleiter unter. &bdquo;Komm, Teddy. &Uuml;berlassen wir diese langweiligen Menschen ihrem Essen und gehen wir irgendwo hin, wo wir mehr Spa&szlig; haben k&ouml;nnen&ldquo;, sagte sie.</p> <p>Mir fiel auf, dass Big Bills Gesicht deutlich r&ouml;ter geworden war. Er nahm sein Weinglas und trank einen gro&szlig;en Schluck. &bdquo;Abscheuliche Frau&ldquo;, sagte er. &bdquo;Diese Theaterleute haben einfach keinen Anstand. Ich wei&szlig; gar nicht, was sie hier zu suchen hat. Das ist kein Ort f&uuml;r sie.&ldquo;</p> <p>Es entstand ein betretenes Schweigen. Dann lachte er. &bdquo;Na los, trinkt. Die Nacht ist noch jung.&ldquo;</p> <p>Ich schaute seine Frau an. Ihr Gesicht war in einem Ausdruck der Verachtung erstarrt.</p> <p>&nbsp;</p> <p>Es war beinahe Mitternacht, als Finn uns nach Hause geleitete.</p> <p>&bdquo;Was halten Sie von Big Bill?&ldquo;, fragte er mich, als er sich neben mir auf dem R&uuml;cksitz des Taxis niederlie&szlig;. Ich sah, dass Jack ihm zunickte, sich dann umdrehte und die Stra&szlig;e hinunterlief. Hatte er die ganze Zeit drau&szlig;en gewartet, um daf&uuml;r zu sorgen, dass wir sicher ins Taxi kamen?</p> <p>&bdquo;Recht &uuml;berw&auml;ltigend&ldquo;, sagte ich.</p> <p>Finn lachte. &bdquo;Ich wei&szlig;. Er hat mehr Energie als jeder andere Mensch, dem ich je begegnet bin. Und er kennt wenige Grenzen. Mrs. McCormick hingegen &hellip;&ldquo;</p> <p>&bdquo;Scheint das genaue Gegenteil zu sein&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Still, wohlerzogen und ganz entsetzt von seinen derben Witzen.&ldquo; Bill hatte einige davon erz&auml;hlt, als es sp&auml;ter geworden war und der Wein seine Wirkung entfaltet hatte. Seine Frau hatte ihn getadelt, doch das hatte ihn nur dazu angestachelt, noch schl&uuml;pfrigere Dinge von sich zu geben. Es hatte beinahe so gewirkt, als w&uuml;rde er sich so benehmen, um sie zu verletzen oder zu bestrafen. Was f&uuml;r eine seltsame Ehe, dachte ich mit einem Blick zu Daniel. Ich hatte das gro&szlig;e Gl&uuml;ck, einen Mann geheiratet zu haben, den ich aufrichtig bewundern konnte. Ich betete nur daf&uuml;r, dass ihn die Politik nicht zu sehr ver&auml;ndern w&uuml;rde.</p> <h2>Sieben</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Mittwoch, 9. Oktober</p> </div> <p>Am n&auml;chsten Tag ging es ernsthaft ans Packen. Zwei Tage, um mein ganzes Leben einzupacken! Du liebe G&uuml;te! Wir w&uuml;rden keine der M&ouml;bel mitnehmen, nur unsere Kleidung und pers&ouml;nlichen Gegenst&auml;nde, doch das reichte schon aus, um mich besch&auml;ftigt zu halten. Liams Kleidung konnte ich noch nicht einpacken, da er sich jeder Zeit bekleckern und neue Sachen brauchen k&ouml;nnte. Ich packte den Inhalt meiner Kommode und meine Toilettensachen ein und machte dann mit Bridies Sachen weiter. Sie w&uuml;rde dasselbe Kleid an mehreren Schultagen anziehen k&ouml;nnen, entschied ich. Ihre B&uuml;cher waren eine andere Sache. Sie hatte so einige angeh&auml;uft, haupts&auml;chlich von Sid und Gus. Ich fragte mich, ob es sich um Leihgaben handelte und es &uuml;berhaupt in Ordnung war, sie in ein neues Haus mitzunehmen. Ich beschloss, auf die andere Stra&szlig;enseite zu gehen, um nachzufragen.</p> <p>Ich wusch Liam das klebrige Gesicht und war gerade auf dem Weg zur Haust&uuml;r, als jemand klingelte. Ich &ouml;ffnete und sah Gus vor mir stehen.</p> <p>&bdquo;Wir wollen dringend mehr &uuml;ber den f&uuml;rchterlichen Big Bill h&ouml;ren&ldquo;, sagte sie. &bdquo;Komm doch auf einen Kaffee zu uns. Ich war gerade bei der B&auml;ckerei im Greenwich Village und heute gab es Schokoladencroissants. Wer k&ouml;nnte da widerstehen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich wollte gerade zu euch&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich bin dabei, alles einzupacken, und wollte dir dein Kleid zur&uuml;ckgeben. Es kam &uuml;brigens sehr gut an; genau das Richtige f&uuml;r den Anlass.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ach, du meine G&uuml;te, behalt es, meine Liebe&ldquo;, sagte Gus. &bdquo;Es erinnert mich nur an entsetzliche Trauermonate. Und falls ich wieder einmal Trauerfarben tragen muss, werde ich in Schwarz bestimmt umwerfend aussehen.&ldquo; Sie grinste. &bdquo;Na ja, nicht so umwerfend wie Sid, nat&uuml;rlich. Schwarz ist einfach ihre Farbe.&ldquo; W&auml;hrend sie diesen Satz beendete, hob sie Liam hoch und steuerte auf die andere Stra&szlig;enseite zu. Bald sa&szlig;en wir in der K&uuml;che und tunkten Schokolandencroissants in Kaffee. Einfach himmlisch.</p> <p>Zwischen den Bissen erz&auml;hlte ich von den Ereignissen des vergangenen Abends &ndash; vom &uuml;berw&auml;ltigenden Big Bill und seiner stillen, zur&uuml;ckhaltenden Frau, sowie von dem Zwischenfall mit der Frau, die ihn mit ihrem Strau&szlig;enfederf&auml;cher gekitzelt und ihn einen b&ouml;sen Jungen genannt hatte.</p> <p>&bdquo;Big Bill hat also etwas f&uuml;r solche Damen &uuml;brig, ja?&ldquo;, fragte Gus. &bdquo;Das kam bei der religi&ouml;sen Mrs. M. bestimmt nicht gut an.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Wenn Blicke t&ouml;ten k&ouml;nnten, w&auml;re diese Frau keine drei Schritte weit gekommen&ldquo;, sagte ich.</p> <p>&bdquo;Glaubst du, sie ist seine M&auml;tresse?&ldquo; Gus drehte sich zu Sid.</p> <p>Sid zuckte mit den Schultern. &bdquo;Wer wei&szlig;. Solche M&auml;nner haben oft eine Aff&auml;re, nicht wahr? Macht zieht gewisse Frauen an. Aber man sollte meinen, er h&auml;tte die Beziehung aufgegeben, wenn er f&uuml;r ein Amt kandidiert. Die Zeitungen haben ihre wahre Freude mit solchen Dingen, und Politiker bauen ihren Wahlkampf gerne auf Gott, Heimat und Familie auf.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ihren Worten nach schien er sie schon l&auml;nger nicht mehr getroffen zu haben, das k&ouml;nnte also stimmen&ldquo;, sagte ich.</p> <p>&bdquo;Aber die gro&szlig;e Frage ist: Mochtest du ihn? Denn Daniel wird von jetzt an eng mit ihm verbunden sein.&ldquo;</p> <p>Ich hielt inne. &bdquo;Er ist recht sympathisch. Sehr charmant. Ein wenig zu kokett. Aber vertrauen w&uuml;rde ich ihm nicht, und ich bin nicht begeistert davon, dass Daniel mit ihm zusammenarbeiten wird.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Interessant&ldquo;, sagte Sid. &bdquo;Ich w&uuml;rde sagen, du hast ein gutes Gesp&uuml;r f&uuml;r den Charakter eines Menschen, Molly. Hoffen wir, dass Daniel eine Distanz wahren kann.&ldquo;</p> <p>Ich nickte, a&szlig; mein Croissant auf und ging meinen Sohn holen. &bdquo;Ich sollte zur&uuml;ckgehen. Ich muss f&uuml;r den Umzug am Donnerstag noch so viel packen. Ich wollte euch fragen, ob es euch etwas ausmacht, wenn wir Bridies B&uuml;cher mitnehmen. Sie scheint mittlerweile eine kleine Bibliothek aus B&auml;nden zu haben, die ihr ihr geliehen habt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nat&uuml;rlich&ldquo;, sagte Gus. &bdquo;Sie wird ihre B&uuml;cher brauchen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Dann ist es also schon Zeit zu packen?&ldquo;, fragte Sid.</p> <p>Ich nickte. &bdquo;Ich wei&szlig; gar nicht, wie viel ich mitnehmen soll. Kann ich unsere Sommerkleidung zur&uuml;cklassen, wenn wir nur f&uuml;r h&ouml;chstens sechs Monate dort leben? Und was ist mit der K&uuml;che? Ich wei&szlig;, dass wir eine K&ouml;chin haben werden, aber soll ich Mehl, Zucker und Waschseife mitnehmen? Ich will nicht wie &auml;rmliche Verwandtschaft wirken, wenn ich mit leeren H&auml;nden dort ankomme.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich w&uuml;rde sagen: Wenn es eine K&ouml;chin gibt, dann auch eine vollst&auml;ndig ausger&uuml;stete K&uuml;che&ldquo;, sagte Gus. &bdquo;Und wenn die K&ouml;chin Mehl braucht, wird sie es kaufen gehen.&ldquo;</p> <p>Ich kaute nerv&ouml;s auf meiner Lippe herum. &bdquo;Das ist noch so eine Sache&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich wei&szlig; wirklich nicht, wie das funktionieren soll. Ich wei&szlig;, dass der Lohn der Bediensteten von unserem G&ouml;nner bezahlt wird, aber sollte ich der K&ouml;chin ein w&ouml;chentliches Budget f&uuml;r die Mahlzeiten geben? Was, wenn sie es gewohnt ist, st&auml;ndig gehobene K&uuml;che und Wein zu servieren? Ich habe keinerlei Erfahrung mit solchen Dingen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich w&uuml;rde ihr die Summe geben, die du &uuml;blicherweise ausgibst, und dann wird sie die Mahlzeiten damit planen m&uuml;ssen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich will nicht, dass sie auf uns herabsieht&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Aber ich habe keine Ahnung, wo im Augenblick das Geld herkommt. Daniel hat sich von seiner Stelle bei der Polizei zur&uuml;ckgezogen, ist aber noch nicht gew&auml;hlt. Wie sollen wir so leben? Ich habe Daniel schon gefragt und er meinte nur, ich solle mir keine Sorgen machen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Dann tu genau das&ldquo;, sagte Sid. &bdquo;Wenn die ganze Sache von Tammany finanziert wird, dann ist reichlich Geld vorhanden.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Hast du schon entschieden, was aus deinem Haus wird, w&auml;hrend du fort bist?&ldquo;, fragte Gus.</p> <p>Ich sch&uuml;ttelte den Kopf. &bdquo;Daniel meinte, seine Mutter w&uuml;rde vielleicht in den k&auml;ltesten Wintermonaten dort einziehen wollen. Sie ist drau&szlig;en in Westchester County ziemlich abgeschnitten.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Gute Idee&ldquo;, sagte Gus. &bdquo;Es ist besser, jemanden im Haus zu haben, damit man keine Kriminellen anlockt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Aber f&uuml;r die Zwischenzeit h&auml;tten wir einen Vorschlag&ldquo;, schaltete Sid sich ein. &bdquo;Ryan hat einen neuen Freund, der in die Stadt kommt. Er wollte ihn in einem Hotel in der N&auml;he einquartieren, aber wenn du ihm dein Haus &uuml;berl&auml;sst, w&uuml;rde er Miete zahlen und es f&uuml;r dich unterhalten.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ein neuer Freund?&ldquo;, fragte ich und hob eine Augenbraue, was Sid zum Lachen brachte. Ich wusste, wie die Freunde unseres extravaganten St&uuml;ckeschreibers Ryan O&rsquo;Hare waren: m&auml;nnlich und &uuml;beraus k&uuml;nstlerisch.</p> <p>&bdquo;Du kennst Ryan! Er hat st&auml;ndig neue Freunde. Aber wie ich h&ouml;rte, ist dieser etwas Besonderes.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sind sie das nicht alle?&ldquo;, fragte ich, was sie erneut kichern lie&szlig;.</p> <p>&bdquo;H&ouml;r dir das an. Er ist ein russischer Ballettt&auml;nzer. Nikolai Noblikov. Er ist hier, weil er im Metropolitan Opera House auftritt, am Broadway Ecke 39th. Wir haben ihn neulich Abend gesehen. Er ist beeindruckend &ndash; bei seinen fl&uuml;ssigen Bewegungen glaubt man, er h&auml;tte keine Knochen im K&ouml;rper. Und als er am Ende der Auff&uuml;hrung an einem gebrochenen Herzen starb, blieb im ganzen Haus kein Auge trocken.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Er sucht doch bestimmt eine pr&auml;chtigere Unterkunft als mein Haus&ldquo;, sagte ich.</p> <p>&bdquo;Oh, nein. Es ist genau das, was er m&ouml;chte&ldquo;, fuhr Sid fort. &bdquo;Ryan wollte ihn in einem Hotel einquartieren, doch er bef&uuml;rchtet, von Bewunderern belagert zu werden, wann immer er sein Zimmer verl&auml;sst.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Du liebe G&uuml;te&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Er ist also richtig ber&uuml;hmt, ja? Ich habe noch nie von ihm geh&ouml;rt, aber ich war auch noch nie im Ballett.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ryan sagt, er ist ein gro&szlig;es Ding in Russland&ldquo;, sagte Gus. Aus irgendeinem Grund fand Sid das sehr witzig und sie prustete in ihren Kaffee.</p> <p>&bdquo;Wie auch immer. Wir glauben, er w&auml;re der perfekte Mieter&ldquo;, sagte Gus. &bdquo;Er w&uuml;rde kein Chaos veranstalten und das Haus ohnehin nur zum Schlafen benutzen. Er kann zum Kaffeetrinken zu uns her&uuml;berkommen und wird sicher jeden Abend au&szlig;er Haus essen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich werde mit Daniel dar&uuml;ber sprechen&ldquo;, sagte ich z&ouml;gerlich, w&auml;hrend ich daran dachte, wie er &uuml;blicherweise auf Ryan reagierte. &bdquo;Es k&ouml;nnte mit seinem Wunsch in Konflikt stehen, im Winter seine Mutter in die Stadt zu holen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Mein Gott, Molly&ldquo;, rief Sid. &bdquo;Du willst doch gewiss nicht, dass seine Mutter in deinem Haus wohnt, oder? Du wei&szlig;t, was dann passieren wird. Sie wird jeden Tag zu euch in die 5th Avenue kommen, Daniels gesellschaftliches Leben f&uuml;r ihn organisieren, in der Tatsache schwelgen, dass er in die Politik geht und bei jeder Gelegenheit deine Unzul&auml;nglichkeit kommentieren.&ldquo;</p> <p>Das war alles sehr wahr. Daniels Mutter hatte sich gew&uuml;nscht, dass Daniel in die Politik geht, seit ich sie kennengelernt hatte. Ich fragte mich, wie lange es noch dauern w&uuml;rde, bis sie auftauchte und ein Teil von Daniels neuem, politischen Leben sein wollte. &bdquo;Dann w&auml;re ein Mieter im Haus wohl die perfekte L&ouml;sung&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Ich werde heute Abend mit Daniel sprechen, und ihr k&ouml;nntet vielleicht mit Ryan reden.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nat&uuml;rlich&ldquo;, sagte Gus. &bdquo;Er wird heute Nachmittag im Theater sein. Es gibt eine Matinee. Wie man h&ouml;rt, ist das St&uuml;ck ein gro&szlig;er Erfolg. Es k&ouml;nnte noch monatelang laufen und dann auf Tour gehen. Ryan hat endlich auf beiden Kontinenten Erfolg.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Dann wird er jetzt unaufhaltbar sein&ldquo;, merkte Sid trocken an. &bdquo;Er hielt sich schon immer f&uuml;r Gottes Geschenk an die Welt. Jetzt wird er sich einfach selbst f&uuml;r Gott halten.&ldquo;</p> <p>Mit diesen weisen Worten verabschiedete ich mich mit Liam, um wieder packen zu gehen.</p> <p>Auch wenn es nur um unsere Kleidung ging, hielt mich diese Aufgabe den ganzen Tag besch&auml;ftigt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie es sein musste, auch noch mit M&ouml;beln umzuziehen. Ich war gerade fertig geworden, als zwei gro&szlig;e Kerle auftauchten, um unsere letzten Koffer ins neue Haus zu bringen. Sie sahen aus, als k&ouml;nnten sie Tammany-Schl&auml;ger sein.</p> <p>In dieser Nacht hatten wir es, glaube ich, alle schwer, Schlaf zu finden. Ich auf jeden Fall. Meine Gedanken wollten nicht zur Ruhe kommen und Liam kletterte immer wieder aus seinem Bett. Ich brachte es nicht &uuml;bers Herz, streng zu ihm zu sein, wo ich doch selbst so neben mir stand. Schlie&szlig;lich nahm ich ihn mit in unser Bett, legte in zwischen Daniel und mich und wir alle d&auml;mmerten in den Schlaf hin&uuml;ber.</p> <h2>Acht</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Donnerstag, 10. Oktober</p> </div> <p>Am Donnerstagmorgen fr&uuml;hst&uuml;ckten wir schweigend in einem Haus, dass sich jetzt sehr leer anf&uuml;hlte. Liam sp&uuml;rte immer noch die Ungewissheit und meine Anspannung und wurde dadurch sehr anh&auml;nglich und weinerlich. Daher musste er stets von mir oder Bridie unterhalten werden, was uns ausbremste. Ich hatte Bridie nicht in die Schule geschickt, damit sie mir mit Liam helfen konnte. Sie war mit dem Umzug offensichtlich auch nicht gl&uuml;cklich.</p> <p>&bdquo;Es wird wohl gut sein&ldquo;, sagte sie mit schwacher Stimme. &bdquo;Vielleicht reden die anderen M&auml;dchen in der Schule sogar mit mir, wenn sie erfahren, dass ich in der 5th Avenue wohne.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Und du wirst ein sch&ouml;nes, gro&szlig;es Zimmer nur f&uuml;r dich haben, samt Frisiertisch und Spiegel&ldquo;, sagte ich.</p> <p>&bdquo;Aber es ist so sch&ouml;n, jeden Nachmittag die Damen zu besuchen, wenn ich nach Hause komme, und ihnen von meinem Tag zu erz&auml;hlen&ldquo;, sagte sie.</p> <p>&bdquo;Das kannst du immer noch tun. Der Weg ist nicht weit. Und au&szlig;erdem sind die beiden gerne auf Reisen. Ehe wir es uns versehen, werden sie in Marokko oder sonst wo sein. Sie sprechen schon eine Weile davon.&ldquo;</p> <p>Bridie nickte. Sie hatte schon gelernt, dass unsere gesch&auml;tzten Freundinnen nicht immer zuverl&auml;ssig und gelegentlich anf&auml;llig f&uuml;r Launen waren. Daniel wirkte ebenfalls angespannt, als er mit einer weiteren schweren Kiste die Treppe herunterkam. &bdquo;Ich wei&szlig; nicht, ob wir Liams Decken mitnehmen m&uuml;ssen&ldquo;, sagte er. &bdquo;Das Kinderzimmer ist bestimmt gut ausgestattet.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Aber er braucht seine eigenen Decken zum Einschlafen&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Er sollte wenigstens seine eigenen Sachen haben, um sich sicher zu f&uuml;hlen. Und ich auch, wenn wir schon dabei sind.&ldquo;</p> <p>Daniel schaute mich an, als w&uuml;rde er mich zum ersten Mal sehen. &bdquo;Tut mir leid. Dieser Umzug verlangt dir einiges ab, nicht wahr? Keine Sorge. Es ist nicht f&uuml;r immer.&ldquo;</p> <p>Ich sp&uuml;rte, wie mir Tr&auml;nen in die Augen stiegen. &bdquo;Was, wenn du zum Sheriff gew&auml;hlt wirst, und dann zum stellvertretenden B&uuml;rgermeister, oder zum Senator, in den Kongress &hellip; ich wei&szlig;, wie diese Dinge laufen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich verspreche dir, dass sie f&uuml;r uns nicht so laufen werden&ldquo;, sagte er. &bdquo;Ich strebe nicht nach Macht, im Gegensatz zu unserem werten G&ouml;nner.&ldquo; Er trug die Kiste an mir vorbei und stellte sie drau&szlig;en auf der Stra&szlig;e ab.</p> <p>Ein Pferdefuhrwerk traf ein und unser Besitz wurde von denselben Schl&auml;gern wie zuvor z&uuml;gig aufgeladen. Als mich einer der beiden mit dem tiefsten, irischen Akzent begr&uuml;&szlig;te, wurde mein Verdacht &uuml;ber ihre Identit&auml;t best&auml;tigt. Das Fuhrwerk setzte unter Schwierigkeiten zur&uuml;ck, da der Patchin Place so schmal war, dass Pferde hier nicht wenden konnten. Nachdem der Karren abgefahren war, lief ich durchs Haus und betrachtete Liebevoll meine kleine K&uuml;che, den groben Kiefernholztisch und den Herd, der so angenehme W&auml;rme spendete. Wir hatten hier eine gl&uuml;ckliche Zeit verbracht. Ob ich jemals wieder an diesem Tisch sitzen w&uuml;rde?</p> <p>&bdquo;Sollten wir uns nicht auf den Weg machen?&ldquo;, fragte ich Daniel. &bdquo;Es hat keinen Zweck, noch l&auml;nger hier zu warten und uns selbst schlechte Laune zu machen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen auf Finn warten&ldquo;, sagte Daniel. &bdquo;Er soll uns zum neuen Haus eskortieren.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Beim Heiligen Michael und seinen Engeln&ldquo;, rief ich. &bdquo;Soll dieser verdammte Finn &uuml;ber unser Leben bestimmen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Magst du ihn nicht? Er kam mir recht umg&auml;nglich vor&ldquo;, sagte Daniel.</p> <p>&bdquo;Er mag umg&auml;nglich sein, aber es gibt so etwas wie zu viel N&auml;he. Soll er uns &uuml;berall hinbegleiten? Sollen wir uns vielleicht ein gr&ouml;&szlig;eres Bett zulegen, falls er auch das mit uns teilen m&ouml;chte?&ldquo;</p> <p>Daniel l&auml;chelte peinlich ber&uuml;hrt. &bdquo;So arbeitet Tammany eben, Molly. Jetzt da die ganze Welt wei&szlig;, dass ich der Tammany-Kandidat bin, k&ouml;nnten mir einige Unannehmlichkeiten bevorstehen. Es ist nur ein &uuml;berzogenes Ma&szlig; an Vorsicht, wenn du mich fragst. Aber Finn hat die Aufgabe bekommen, das Haus f&uuml;r uns vorzubereiten, also nehme ich an, dass er uns pers&ouml;nlich herumf&uuml;hren will.&ldquo;</p> <p>Es gab nichts, was ich h&auml;tte sagen k&ouml;nnen, ohne flegelhaft zu klingen, doch mir ging langsam auf, dass wir nicht mehr selbst &uuml;ber unser Leben w&uuml;rden bestimmen k&ouml;nnen.</p> <p>&bdquo;Ich werde mit Liam und Bridie &uuml;ber die Stra&szlig;e gehen, damit wir uns von unseren Freundinnen verabschieden k&ouml;nnen&ldquo;, sagte ich.</p> <p>&bdquo;Das klingt ja so, als w&uuml;rden wir mit Planwagen gen Westen reisen&ldquo;, sagte Daniel. &bdquo;Es sind f&uuml;nf Minuten zu Fu&szlig;, Molly.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich wei&szlig;&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Aber ich muss ihnen den Ersatzschl&uuml;ssel geben, f&uuml;r den Fall, dass sich der russische Ballettt&auml;nzer das Haus ansehen m&ouml;chte.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Hoffen wir, dass dieser Russe das Haus nicht mit Fl&uuml;chtlingen oder K&uuml;nstlern f&uuml;llt&ldquo;, sagte Daniel. Ich hatte es geschafft, ihn davon zu &uuml;berzeugen, dass es f&uuml;rs Erste gut w&auml;re, jemanden im Haus wohnen zu lassen. Seine Mutter w&uuml;rde vor Weihnachten h&ouml;chstens zu einem kurzen Besuch vorbeikommen. Trotz seiner Abneigung gegen&uuml;ber Ryan und den Seinen stimmte er zu, dass ein einzelner Ballettt&auml;nzer ein optimaler Mieter w&auml;re &ndash; da er jeden Abend im Theater sein und tags&uuml;ber schlafen w&uuml;rde.</p> <p>Wir verabschiedeten uns herzlich von Sid und Gus. Bridie weinte. Ich glaube, ich habe auch ein paar Tr&auml;nen vergossen. Da Liam nicht au&szlig;en vor bleiben wollte, weinte er auch. Als Daniel kam, um uns zu berichten, dass Finn eingetroffen sei, blickte er mit Entsetzen in einen Raum voller Heulender Frauen.</p> <p>&bdquo;Ich k&ouml;nnte es ja verstehen, wenn wir alle in Irland w&auml;ren und uns aufs Schiff in die Neue Welt verabschiedeten&ldquo;, sagte er.</p> <p>&bdquo;Es geht nicht um die Entfernung&ldquo;, sagte Gus, &bdquo;sondern um die Tatsache, dass Molly ihr Leben nicht mehr selbst bestimmt. Vielleicht wird sie keine Zeit mehr f&uuml;r uns haben.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Doch, nat&uuml;rlich. Man wird nicht von ihr verlangen, Wahlkampf zu betreiben. Vielleicht muss sie ein paar G&auml;ste unterhalten, aber alles in allem h&auml;lt man Frauen besser aus der Politik heraus.&ldquo;</p> <p>Sid schaute mit einer erhobenen Augenbraue zu mir. &bdquo;Warte nur ab, bis wir das Wahlrecht haben&ldquo;, sagte sie.</p> <p>Finn wartete geduldig in der Gasse. Daniel setzte den protestierenden Liam in seinen Kinderwagen und wir machten uns auf den Weg. Ich versuchte, nicht zur&uuml;ckzuschauen, als wir die Stra&szlig;enecke erreichten und auf die 6th Avenue einbogen.</p> <p>&bdquo;Ich glaube, Sie werden mit den Vorbereitungen zufrieden sein, Mrs. Sullivan&ldquo;, sagte Finn, als wir zur 5th Avenue hin&uuml;berwechselten und uns dem Haus n&auml;herten. &bdquo;Mary ist schon seit einer Weile da und kam mit guten Empfehlungen. Aileen ist neu dabei und noch nicht ausgebildet, aber sehr lernwillig, und ich habe eine K&ouml;chin f&uuml;r Sie eingestellt, damit Sie keinerlei Pflichten im Haushalt haben.&ldquo;</p> <p>Ich wollte nicht fragen, was ich den ganzen Tag lang tun sollte. Vermutlich sticken!</p> <p>&bdquo;Wie findest du es, Bridie?&ldquo;, fragte ich.</p> <p>Sie starrte an der Fassade hinauf und ich konnte nicht sagen, ob ihr Blick Bewunderung oder Entsetzen zeigte. &bdquo;Es sieht gro&szlig; aus&ldquo;, sagte sie.</p> <p>Daniel holte Liam aus dem Wagen und reichte ihn mir, w&auml;hrend er den Wagen mit Finns Hilfe die Stufen hinauftrug. Finn &ouml;ffnete die Haust&uuml;r und machte dann einen Schritt zur Seite, um uns zuerst eintreten zu lassen. Mary, Aileen und eine dicke Frau mit einem beeindruckend gro&szlig;en Knoten aus grauem Haar standen in einer Reihe, wie Soldaten, die auf eine Inspektion warteten. Ich hatte solche Szenen erlebt, in Irland, bei Besuchen im Haus des Grundbesitzers, doch beim Gedanken, dass ich selbst eine Reihe von Bediensteten zu inspizieren hatte, wollte ich lachen. Es kam mir so absurd vor.</p> <p>&bdquo;Dies sind Ihre Bediensteten, Mrs. Sullivan&ldquo;, sagte Finn. &bdquo;Ich glaube, Mary und Aileen haben Sie bereits kennengelernt.&ldquo;</p> <p>Mary knickste. &bdquo;Willkommen, Ma&rsquo;am&ldquo;, sagte sie.</p> <p>Aileen knickste etwas unge&uuml;bt und zeigte mir ein sch&uuml;chternes L&auml;cheln, das ich liebenswert fand. Die Frau am Ende der Reihe knickste weder, noch l&auml;chelte sie.</p> <p>&bdquo;Und das ist Ihre K&ouml;chin&ldquo;, sagte Finn. &bdquo;Constanza. Ich f&uuml;rchte, ihr Englisch ist noch nicht so gut, aber sie wird schnell lernen.&ldquo;</p> <p>Die K&ouml;chin streckte mir ihre Hand entgegen. &bdquo;Bongiorno, Signora&ldquo;, sagte sie. Doch sie l&auml;chelte immer noch nicht.</p> <p>&bdquo;Constanzas Ehemann ist bei einem Unfall an den Docks umgekommen&ldquo;, sagte Finn. &bdquo;Wir versuchen, f&uuml;r die Unseren zu sorgen.&ldquo;<br />&bdquo;Mein Beileid&ldquo;, sagte ich zu ihr. Sie nickte.</p> <p>&bdquo;Das ist unser M&uuml;ndel, Bridie.&ldquo; Ich nahm sie an der Hand. Sie hielt sich sch&uuml;chtern im Hintergrund. &bdquo;Und unseren Sohn Liam haben Sie bereits kennengelernt. Aber wenn sie mich jetzt entschuldigen w&uuml;rden; ich sollte auspacken.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Das ist bereits erledigt, Ma&rsquo;am&ldquo;, sagte Mary. &bdquo;Es liegt alles an seinem Platz.&ldquo;</p> <p>Ich schien also kein Mitspracherecht mehr zu haben, wenn es darum ging, wo meine eigene Habe verstaut wurde. Ich f&uuml;hlte mich langsam wie eine Gefangene in einem sehr noblen Gef&auml;ngnis. Doch das wollte ich die Bediensteten nicht wissen lassen. &bdquo;Dann werde ich mal alles inspizieren&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Und mich ein wenig mit dem Haus vertraut machen. Aileen kann Liam in sein Kinderzimmer bringen, damit er sich richtig eingew&ouml;hnen kann.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sehr wohl, Mrs. Sullivan&ldquo;, sagte Aileen. Sie hob Liam hoch. &bdquo;Komm, kleiner Mann. Gehen wir das Schaukelpferd suchen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Pferdchen?&ldquo; Liam lie&szlig; sich mitnehmen, ohne auch nur einmal zur&uuml;ckzuschauen.</p> <p>Bridie trat z&ouml;gerlich einen Schritt vor, als k&ouml;nnte man von ihr erwarten, auch ins Kinderzimmer zu gehen.</p> <p>&bdquo;Komm dir mit mir die Zimmer anschauen, Liebes&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Dir werden bestimmt wichtige Dinge auffallen, die wir &auml;ndern k&ouml;nnten.&ldquo;</p> <p>Sie l&auml;chelte mich dankbar an.</p> <p>&bdquo;Dann &uuml;berlass ich euch eurer Inspektion&ldquo;, sagte Daniel. &bdquo;Finn und ich haben um zw&ouml;lf eine Besprechung. Ich werde zum Mittagessen also nicht zu Hause sein.&ldquo;</p> <p>Er wartete nicht auf meine Antwort, sondern nickte Finn zu und sie machten sich auf den Weg. Mary schaute mich an &ndash; ich konnte nicht sagen, ob es ein freundliches L&auml;cheln war, oder ein Grinsen, weil ich ihr nun ausgeliefert war. Ich entschied, dass ich mir nur etwas einbildete, und betrat das vordere Wohnzimmer. Wie ich schon zuvor gesehen hatte, handelte es sich um einen reich dekorierten Raum &ndash; eher einen Salon, der f&uuml;r bedeutenden Besuch vorgesehen ist, nicht f&uuml;r die Familie. Es war ganz gewiss kein Zimmer, in dem ich mich je wohlf&uuml;hlen w&uuml;rde. Mir fiel auf, dass kein Feuer im Kamin brannte.</p> <p>&bdquo;Ist dieser Raum nur f&uuml;r Besuch bestimmt, Mary? Wird hier sonst kein Feuer entfacht?&ldquo;, fragte ich.</p> <p>&bdquo;Oh, aber Ma&rsquo;am, ich habe Ihnen doch von der Dampfw&auml;rme erz&auml;hlt, erinnern Sie sich? Sie werden in jedem Raum Heizk&ouml;rper vorfinden. Ich werde nur dann Feuer machen, wenn Sie darum bitten.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich mag es, abends ein Feuer zu haben&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Dann wirkt der Raum gleich viel freundlicher, meinen Sie nicht?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Dann sollten sie daf&uuml;r wohl das hintere Wohnzimmer w&auml;hlen. Das ist eher f&uuml;r die Familie bestimmt&ldquo;, sagte sie und f&uuml;hrte mich durch den Flur in das Zimmer, das sie uns bereits zuvor gezeigt hatte. Dieser Raum wirkte in der Tat etwas wohnlicher, auch wenn es mehr Kleinkram und Stoffbeh&auml;nge gab, als mir lieb war. &bdquo;Dieser ausgestopfte Vogel wird irgendwo anders einen Platz finden m&uuml;ssen&ldquo;, sagte ich, und deutete auf das Tier unter einer Glaskuppel auf einem Beistelltisch. &bdquo;Liam w&uuml;rde ihn binnen weniger Minuten hinunterwerfen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sehr wohl, Ma&rsquo;am&ldquo;, sagte sie.</p> <p>&bdquo;Was befindet sich noch hier auf diesem Stockwerk? Das Esszimmer ist gleich gegen&uuml;ber, oder?&ldquo;</p> <p>Sie antwortete nicht, &ouml;ffnete aber die T&uuml;r zu einem Raum mit einem langen Mahagonitisch und acht St&uuml;hlen. Aus dem Fenster blickte man in einen kleinen, quadratischen Garten hinter dem Haus. Immerhin hatte Liam dort einen sicheren Platz zum Spielen. Die ganze Situation f&uuml;hlte sich f&uuml;r mich schrecklich f&ouml;rmlich an und ich sah ein Bild von mir als Gastgeberin einer Dinnerparty an dem langen Tisch. Du liebe G&uuml;te! Woher in aller Welt sollte ich wissen, was dabei zu tun ist, wo ich doch noch nie in meinem Leben eine solche Party veranstaltet hatte?</p> <p>&bdquo;Und wo ist die K&uuml;che?&ldquo;, fragte ich, w&auml;hrend ich eilig den bedr&uuml;ckenden Raum verlie&szlig;.</p> <p>&bdquo;Unten, Ma&rsquo;am. Im Keller. Sie m&uuml;ssen nicht dort hinuntergehen. Wenn sie mit der K&ouml;chin sprechen wollen, k&ouml;nnen Sie mir auftragen, sie zu holen. Das Essen kommt in dem kleinen Speiseaufzug nach oben. Vielleicht ist Ihnen das kleine Schr&auml;nkchen an der Wand aufgefallen.&ldquo;</p> <p>Himmel, was kam als N&auml;chstes? Ich versuchte, mich zu geben, als w&auml;re ich schon seit meiner Kindheit an Speiseaufz&uuml;ge gew&ouml;hnt.</p> <p>&bdquo;Dann sind das alle R&auml;ume in diesem Stockwerk?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nein, Ma&rsquo;am. Auf der anderen Seite des Flurs ist noch die Bibliothek.&ldquo; Sie &ouml;ffnete mir die T&uuml;r und ich trat in einen Raum, dessen W&auml;nde vom Boden bis zur Decke mit B&uuml;chern ausgekleidet waren. Ich hatte noch nie im Leben so viele B&uuml;cher an einem Ort gesehen; nicht einmal bei Sid und Gus. Bridie wird hier ihre wahre Freude haben, dachte ich. Noch als dieser Gedanke durch meinen Verstand wanderte, betrat Bridie hinter mir das Zimmer und keuchte leise.</p> <p>&bdquo;Oh, schau dir nur all diese B&uuml;cher an. Darf ich die alle lesen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Jedes einzelne&ldquo;, sagte ich und l&auml;chelte sie freudig an.</p> <p>&bdquo;Wenn ich das den M&auml;dchen in der Schule erz&auml;hle&ldquo;, sagte Bridie. &bdquo;Jetzt habe ich eine echte Bibliothek zu Hause. Genauso wie Julia und die hochn&auml;sige Blanche.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Komm mit nach oben und schau dir die Schlafzimmer an. Du kannst dir eins aussuchen.&ldquo; Ich legte ihr einen Arm um die Schultern, wobei mir auffiel, dass sie mittlerweile beinahe so gro&szlig; war wie ich. Wir gingen die Treppe hinauf.</p> <p>&bdquo;Ich habe die Sachen der jungen Dame ins hintere Schlafzimmer gebracht&ldquo;, sagte Mary, die uns folgte. &bdquo;Ich dachte, dort gibt es weniger Ablenkung, weil nicht so viele Ger&auml;usche von der Stra&szlig;e zu h&ouml;ren sind.&ldquo;</p> <p>Ver&auml;rgerung stieg in mir auf, doch als ich das Zimmer sah, konnte ich wirklich keine Einw&auml;nde einlegen. Es war ein h&uuml;bsches Zimmer mit einem kleinen Schreibtisch am Fenster, mit Blick in den Garten. Auf der einen Seite stand sogar ein Baum, der gewiss h&uuml;bsch aussehen w&uuml;rde, sobald er wieder Bl&auml;tter trug. Doch ich wollte mir von Mary nichts vorschreiben lassen.</p> <p>&bdquo;Was meinst du, Bridie?&ldquo;, fragte ich. &bdquo;Ist das ein Zimmer, in dem du gl&uuml;cklich werden kannst?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oh, es ist toll&ldquo;, sagte sie. &bdquo;Sch&ouml;n ruhig f&uuml;r die Hausaufgaben.&ldquo; Sie drehte sich mit einem dankbaren L&auml;cheln zu Mary um. &bdquo;Vielen Dank, dass Sie es f&uuml;r mich vorbereitet haben.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sehr gern, Miss Bridie&ldquo;, sagte Mary mit einem anerkennenden Nicken.</p> <p>&bdquo;Und Liam?&ldquo;, fragte ich. &bdquo;Wo ist sein Schlafzimmer?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Das Kinderzimmer ist im obersten Stockwerk, Ma&rsquo;am. Er wird dort schlafen.&ldquo;</p> <p>Das gefiel mir gar nicht. &bdquo;Oh, ich wei&szlig; nicht, ob ich m&ouml;chte, dass er so weit weg schl&auml;ft&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Er klettert gerne aus dem Bett, und wer wei&szlig;, was ihm zusto&szlig;en kann, wenn ich ihn dann nicht h&ouml;re.&ldquo;</p> <p>Marys Gesichtsausdruck blieb unger&uuml;hrt. &bdquo;Keine Sorge, Ma&rsquo;am. Aileen schl&auml;ft im Zimmer neben ihm. Ich habe ihr gesagt, dass sie neben ihrer Arbeit im Haus als sein Kinderm&auml;dchen fungieren wird, und sie freut sich sehr auf diese Aufgabe. Anscheinend vermisst sie ihre j&uuml;ngeren Geschwister.&ldquo;</p> <p>Wie es schien, war f&uuml;r alles gesorgt. Ich h&auml;tte mich freuen sollen, warum tat ich es nicht? Ich ging in das Zimmer auf der anderen Seite des Flurs, das unser Schlafzimmer sein w&uuml;rde. Meine Toilettensachen und Haarb&uuml;rsten waren auf dem Schminktisch im Ankleidezimmer angeordnet worden. Auf dem Bett lag sogar ein Nachthemd f&uuml;r mich bereit. Heilige Mutter Gottes! So war es also, richtige Bedienstete zu haben. Ich war mir ganz und gar nicht sicher, ob mir das gefiel.</p> <p>&bdquo;Ist alles nach Ihrem Geschmack, Mrs. Sullivan?&ldquo;, fragte Mary.</p> <p>&bdquo;Ja, vielen Dank, Mary. Sie m&uuml;ssen hart gearbeitet haben&ldquo;, bekam ich heraus.</p> <p>&bdquo;Ich finde, es ist ein h&uuml;bsches Zimmer. Genau wie die Zimmer der M&auml;dchen an meiner Schule&ldquo;, sagte Bridie, w&auml;hrend sie die R&uuml;schen am Bett und die Vorh&auml;nge an den Fenstern begutachtete. Ich konnte nicht einfach sagen, dass mir solcher Schnickschnack gar nicht gefiel und das alles verschwinden w&uuml;rde, sobald ich mich hier wohlf&uuml;hlte. Immerhin war Bridie zufrieden.</p> <p>&bdquo;Wir sollten Liam sein Mittagessen geben, sonst wird er unleidlich&ldquo;, sagte ich.</p> <p>&bdquo;Aileen wird sich darum k&uuml;mmern&ldquo;, sagte Mary. Sie streckte eine Hand aus und ber&uuml;hrte mich beinahe. &bdquo;Sie m&uuml;ssen sich wirklich keine Gedanken machen, Ma&rsquo;am. Wir sind alle sehr f&auml;hig. Wir werden daf&uuml;r sorgen, dass Ihr Leben hier reibungslos abl&auml;uft. Das ist unsere Aufgabe.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Es tut mir leid&ldquo;, sagte ich. &bdquo;Sie m&uuml;ssen verstehen, dass mir ein solcher Lebensstil fremd ist. Ich habe noch nie in einem so gro&szlig;en Haus gelebt oder eigene Bedienstete gehabt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Das ist schon in Ordnung, Ma&rsquo;am. Das gilt f&uuml;r viele Menschen in New York, nicht wahr? Sie kommen mit nichts aus Europa her&uuml;ber und werden dann erfolgreich. Ich finde es wundervoll. Wir k&ouml;nnen alle von so etwas tr&auml;umen, nicht wahr?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sind Sie schon lange hier, Mary?&ldquo;, fragte ich. Wegen der Verbindung zu Tammany nahm ich an, dass sie Irin war, doch sie klang amerikanisch. &bdquo;Haben Sie schon f&uuml;r die urspr&uuml;ngliche Familie hier gearbeitet?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nein, Ma&rsquo;am. Ich kam vor einem Jahr her, als der letzte Gentleman einzog. Der Mann, der f&uuml;r das Amt h&auml;tte antreten sollen, um das sich jetzt Ihr Ehemann bewirbt. Er war ein wirklich netter Mensch. Hat mir nie &Auml;rger gemacht.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Was ist aus ihm geworden?&ldquo;, fragte Bridie. &bdquo;Ist er tot?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oh, nein, Miss. Dieser Teufel Hearst hat etwas Schmutziges &uuml;ber ihn ausgegraben und er musste eilig die Stadt verlassen. Jetzt muss er die Sache an irgendeinem heidnischen Ort wie Vermont oder Maine aussitzen, bis sich der Skandal gelegt hat.&ldquo;</p> <p>Ich erschauderte. Versuchte Hearst in diesem Moment, etwas &uuml;ber Daniel herauszufinden, oder schlimmer noch, &uuml;ber mich?</p>

Erscheint lt. Verlag 4.12.2025
Reihe/Serie Molly Murphy ermittelt-Reihe
Übersetzer Lennart Janson
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Krimi / Thriller / Horror Historische Kriminalromane
Schlagworte Cozy Krimi • Detektivin • historisch • Irland • Krimi • Mord • Mystery • New York • Privatdetektiv • USA • weibliche Ermittlerin
ISBN-10 3-69090-332-7 / 3690903327
ISBN-13 978-3-69090-332-5 / 9783690903325
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