Ferdinand Lassalle - Ein außergewöhnliches Leben (eBook)
348 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-7184-7 (ISBN)
TEIL I – KINDHEIT UND JUGEND
Die Familie Lassal
Große Freude herrschte im Hause Lassal in Breslau, dem heutigen Wroclaw/ Polen, als am 11. April 1825 ein Stammhalter geboren wurde. Im Hebammenregister der Stadt wurde zwar der 13. April als Tag der Geburt von Ferdinand Lassalle registriert, aber er feierte am 11. April seinen Geburtstag und dieses Datum steht auch auf seinem Grabstein1.
Ferdinand Lassal ging in die Geschichte als Ferdinand Lassalle ein. Er änderte als Zwanzigjähriger nach seinem ersten Parisaufenthalt seinen Nachnamen in „Lassalle“ ab, vielleicht weil er einen französischen Namen interessanter und exotischer fand. Namensgeber soll der französische Kavalleriegeneral, der „Husaren-General“ Antoine Charles Louis compte de La Salle gewesen sein.
Über Ferdinands Eltern Rosalie und Heyman Lassal gibt es nur wenige Informationen vor dem Jahr 1840. Die Mutter, eine im Mai 1797 in Würzburg geborene Rosalie Heizfeld, wurde erstmals in Zusammenhang mit ihrer Heirat mit Heyman Lassal am 26. Dezember 1815 erwähnt.
Der Vater, Chaijim Wolfsohn2, im Mai 1791 in Loslau3 als Sohn des Feitel Barun geboren, wanderte mit 16 Jahren in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Breslau aus, nachdem dort unter dem Druck der französischen Besatzungstruppen die diskriminierenden Judenverordnungen gelockert worden waren. Zwei Jahrhunderte lang hatten sich Juden in Breslau nicht ansiedeln dürfen und erst 1713 erlaubte man ihnen die Niederlassung, weil die aufstrebende Handelsstadt jüdische „Kapitalkraft und Handelsgeschick“ brauchte. Die Zahl der jüdischen Familien wurde auf 160 festgesetzt und 1825 lebten ca. 2000 Juden in der Stadt. Sie hatten inzwischen das Recht zugesprochen bekommen, einen Friedhof, ein Lazarett, ein Gemeindehaus und eine eigene Schule für Knaben, die Wilhelmsschule, einzurichten und zu betreiben.
Die Niederlage gegen Napoleon offenbarte im preußischen Staat die Dringlichkeit für Reformen in Wirtschaft, Militär, Verwaltung und Gesellschaft. Eine der gesellschaftlichen Neuerungen war die rechtliche Gleichstellung der Juden, die in dem „Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate“ 1812 geregelt wurde. Von diesem, dem so genannten Toleranzedikt profitierte der 21-jährige Chaijim Wolfsohn. Er war in der Lage die Voraussetzungen für das Erlangen der preußischen Staatsbürgerschaft zu erfüllen; dazu gehörte der Nachweis über die nötigen Mittel für einen ausreichenden Lebensunterhalt, die Unbescholtenheit des Antragstellers, die Annahme eines festen Familiennamens, die ständige Niederlassung an einem festen Wohnort und die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift.
Chaijim Wolfsohn nahm den Vornamen Heyman und den Nachnamen Lassal an. Heyman Lassal nutzte die den Juden zugesicherte Gewerbefreiheit und ließ sich als Tuchhändler für Seide und Kattun in der Breslauer Altstadt nieder. An der Ecke Roßmarkt/Schlossstraße bezog er ein Wohn- und Handelshaus; im sogenannten Gewölbe im Untergeschoss befand sich der Laden und im oberen Stockwerk die Wohnung für seine Familie.
Heyman Lassal, „eine stattliche, vornehme Erscheinung, groß und kräftig gebaut, mit klugem und angenehmem Gesicht“4, wurde ein angesehener, erfolgreicher Seidenhändler, der Kontakte zu den „vornehmsten Kaufmannsfamilien“ in Breslau pflegte, zu jüdischen wie christlichen. Ein Zeichen für seine Anerkennung war, dass er von 1841 bis 1849 als Abgeordneter die liberale „schwarz-weiße“ Fraktion in der Breslauer Stadtversammlung vertrat.
Ferdinand war das dritte Kind des Ehepaares Rosalie und Heyman. Ein Kind war früh verstorben und Schwester Friederike war 1822, drei Jahre vor Ferdinand, auch am 11. April zur Welt gekommen.
Tochter Friederike entwickelte sich zu einem „schönen, frischen, lebhaften Mädchen“ und Sohn Ferdinand wurde in seinen Jugendjahren als „für sein Alter eher groß als klein, von guter Haltung, der Kopf auffallend rund, mit üppigen, dunkelblonden, krausen Haaren, hoher Stirn, gerader Nase und großen, klugen, blauen Augen“5 beschrieben. Von der Mutter liegt keine Beschreibung ihres Äußeren vor.
Zum häuslichen Kreis der Lassals gehörte Emilie, eine Ziehtochter, die für Kost und Logis sich nützlich machen musste, ein Dienstmädchen und eine Köchin.
Das Familienleben aus der Sicht des jungen Ferdinand
Zu Neujahr 1840 bekam Ferdinand von seinen Eltern ein Tagebuch geschenkt, in dem er von diesem Tage an bis zum Mai 1841 alles, was ihn bewegte, niederschrieb. Die Einträge in dieser prägenden Phase zwischen Pubertät und Erwachsenwerden gewähren einen ersten Einblick in seine Entwicklung zum Kämpfer, Denker und Genießer.
In seinem ersten Tagebucheintrag am 1. Januar 1840 verkündete der (noch) 14-Jährige, er wolle alle seine Handlungen, Eindrücke und Gefühle „mit der größten Gewissenhaftigkeit und Aufrichtigkeit“ nach dem Motto: „Wahrheit? Wie? Nach Wahrheit/ Streb´ich ja allein!“6 aus Schillers Gedicht „Das verschleierte Bild zu Sais“ dokumentieren. Seine Absicht war sich selbst kennenzulernen und die Motive seiner Taten zu erforschen, aus einem doppelten moralischen Zweck: Hätte er eine ungerechte Tat verübt, würde er beim Niederschreiben erröten, und wenn er nach Jahren diesen Eintrag neu entdeckte, würde er ein zweites Mal erröten. Die Vorsätze waren lobenswert; Ferdinand reflektierte seine Fehler, aber er präsentierte auch immer eine Begründung für sein Verhalten, die ihn gut dastehen ließ. Eine Leserin hatte er vermutlich von Beginn an: Ferdinand verdächtigte Schwester Friederike, sein Tagebuch zu lesen, aber er gestand auch, es ihr leicht zu machen, weil er häufiger den Schlüssel herumliegen ließ. Das war nicht weiter heikel, denn intime Geständnisse enthielt sein Tagebuch nicht.
Schon am ersten Tag setzte Ferdinand trotz „halb durchjubelter Nacht“, aber „fidel wie immer“ sein Motto um, seine Erlebnisse und Empfindungen ehrlich und ungeschönt aufzuschreiben. Die Wahrheit aussprechend, gestand er, dass ihm im Gegensatz zu dem Tagebuch die anderen Geschenke des Vaters gar nicht gefallen hätten, aber „zartfühlend“ wie er sei, habe er sich mit seiner Kritik an dem „Shlips“ und dem „Jaromir“, der Ohren und Hals bedeckte, zurückgehalten. Im Gegensatz zu seiner Mutter, die immer sehr deutlich zeigte, wenn ihr etwas nicht gefiel, wollte er dem „lieben Vater“ nicht vor den Kopf stoßen. Ferdinand beklagte wiederholt, dass der Umgang der Eltern miteinander nicht immer freundlich war. Es herrsche ein ständiges Hin und Her, schrieb er in seinem Tagebuch: Werde der Vater zornig und bekomme die „Hitze“, also einen Wutausbruch, sei die Mutter eingeschüchtert; schwinde der Zorn des Mannes, wachse ihre „Zanksucht“. Insbesondere die „geliebte Mutter“ sorgte für Turbulenzen im Familienleben. Eigentlich sei sie ein guter Mensch, betonte der Sohn, aber sie keife und zanke immer. Ob dieses Verhalten mit ihrer Schwerhörigkeit zusammenhing, thematisierte Ferdinand nicht. Ihre Streitsucht, beobachtete der Sohn, führe dazu, dass sie sich selbst und den geliebten Vater unglücklich mache; der flüchte dann, um nicht gegen seinen Willen in die aufgeladene häusliche Stimmung hineingezogen zu werden, in die „kaufmännische Ressource“, eine gesellige Vereinigung Breslauer Kaufleute. Die Besuche in der „Ressource“ sorgten wiederum für neue Szenen zuhause, die Ferdinand mit den Worten des empfindsamen Vaters umschrieb: er, Heyman Lassal, habe viele traurige Jahre erlebt und mit der Energie, die ihm Gott gegeben habe, diese überstanden. Jetzt wünsche er sich doch nur „vom Lieben Gott, dass bei ihnen zuhause endlich Ruhe und Frieden einkehre“7 – oder er bleibe der Familie fern.
Die Mutter beließ es nicht bei verbalen Attacken, sie wurde auch handgreiflich, wie der Sohn an einem Beispiel schilderte. Als die Ziehtochter Emilie einen Schrank offenstehen ließ, wurde sie von der erbosten Hausfrau „mit einer Ohrfeige zurechtgewiesen“. Tochter und Sohn empörten sich über diese Strafaktion, und der sich überlegen fühlende Ferdinand gab der Mutter „Verhaltensmaßregeln“ und riet ihr „sieben gerade sein“ zu lassen. Doch die uneinsichtige Mutter gab keine Ruhe, geriet mit der Tochter in Streit und als Ferdinand sich in ihre Auseinandersetzung einmischte, solidarisierten sich die beiden Frauen, die Situation eskalierte, die Schwester schlug den Bruder, der daraufhin so außer sich vor Wut geriet, dass er sich auf die Knie warf und mit vom Geschreie heiserer Stimme schwor, „dieser Schlange mit Krokodilstränen“ die Schläge nie zu vergessen. Sein Auftritt schüchterte, wie er in seinem Tagebuch zufrieden festhielt, die Schwester so ein, dass „diese sonst so stolze Natur“ friedlich...
| Erscheint lt. Verlag | 14.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-8192-7184-8 / 3819271848 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-7184-7 / 9783819271847 |
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