Als Kriegskind in unruhigen Zeiten (eBook)
196 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-2164-4 (ISBN)
Leben in unruhigen Zeiten
Von Rudolf Schlüter
Bochum 1938 - 1941
Ich wurde am 22.6.1938 in Bochum als Ältester der Eheleute Josef und Christel Schlüter geboren. Rückblickend betrachtet kam ich mit dem berühmten Silberlöffel im Mund zur Welt. Für den einen Großvater war ich der erste Namensträger, für die anderen Großeltern war ich der erste Enkel überhaupt. Der eine Großvater besaß eine Gaststätte mit Saalbetrieb und Tanz, die meine Eltern als Geschäftsführer betrieben. Der andere, Gottfried Nüchter, hatte die Biergaststätte in Bochum gepachtet, den Schlegelkrug, und setzte monatlich 120 – 150 hl Pils um. Diese Wirklichkeit endete aber schon 1939. Mein Vater wurde eingezogen und landete in Polen. Meine Mutter konnte die Gaststätte nicht alleine weiterführen, sie wurde also geschlossen.
1940 wurde mein Bruder Udo geboren, und da mittlerweile die Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet einsetzten, hielt meine Mutter es für besser, mit ihren beiden Kleinkindern nach Bad Salzuflen zu ziehen. Dort besaß mein Großvater noch eine Pension.
In Bad Salzuflen war natürlich tiefster Frieden. Das einzig Militärische in dieser Zeit, an das ich mich erinnern kann, war ein Lazarettzug im Bahnhof. Bad Salzuflen war für mich eine Idylle. Die Pension hatte einen großen Garten mit Baumbestand. Sie wurde von einer Tante geführt und mein Onkel besaß etwas außerhalb eine Schäferei. Und auf diesem Kotten gab es jede Menge Viehzeug und man konnte dort herrlich im Schafstall in Stroh und Heu spielen.
Mein Vater war mittlerweile in Frankreich stationiert. Dort hatte er sich einen komplizierten Ellbogenbruch zugezogen, der einen langen Lazarettaufenthalt in Brüssel nach sich zog. Als er zu seiner
Einheit zurückkam, teilte sein Kompaniechef ihm mit, dass er sich für einen Fronterinsatz hätte 50 Leute aussuchen müssen. Leider käme er zu spät und sie würden in Kürze abrücken. Die Kameraden sind alle in Stalingrad gelandet. Der Ellbogenbruch rettete meinem Vater quasi das Leben.
1942 wurde mein Vater dann als Kantinenunteroffizier zu einer Sanitätsoffizier-Ersatzabteilung in Göttingen versetzt.
Göttingen – Wörthkaserne 1942 - 1944
1942 zogen wir dann in die nächste Idylle. Mein Vater war nach Göttingen in die Wörthkaserne versetzt worden und hatte dort als Unteroffizier die Kantine übernommen. An die Kantine schlossen sich eine Wohnküche und ein Zimmer an. Das war dann unsere Wohnung. Die Kaserne war für uns Kinder ein herrlicher Freiraum. Keiner der Soldaten tat uns etwas oder sagte etwas. Wer wollte sich denn schon mit dem Kantinier und seiner Frau anlegen.
Die Wörthkaserne: Die drei Fenster rechts unten gehörten zu unserer Wohnung. Die Wache stand links hinter dem Baum. Rechts davon der Gitterzaun, durch den wir kriechen konnten.
Mit allen Leuten in der Kaserne standen wir Kinder auf „gutem Fuß“. Einer unserer besten Freunde war Onkel Kuno. Onkel Kuno war der Feldwebel und Unterarzt Kuno Sommer. Damals, 1943, etwa 25 Jahre alt. Er musste sein Medizinstudium in Göttingen beenden. Er war sehr kinderlieb. Er spielte mit uns Kasperletheater in dem er einfach eine Wolldecke zwischen zwei Stühle spannte und dann zwei Finger mit je einem Taschentuch umwickelte. Das waren dann die Kasperlepuppen. Überhaupt war er unser großer Freund. Onkel Kuno konnte man alles Mögliche fragen, er gab bereitwilligst Auskunft. So habe ich ihn gefragt:“ Onkel Kuno, wie ist das im Krieg?“ Ich wusste ja, dass er in Russland gewesen war und dort war richtig Krieg. Er gab mir eine Antwort, die mich tief beeindruckte und die ich bis heute nicht vergessen habe. Er sagte: „Weißt Du, im Krieg ist es so schlimm. Du hast noch nicht einmal Zeit, um aus der Hose zu kommen, wenn Du musst. Du bist nur am Laufen.“ Er sagte nichts von Tod, Verwundung, von Strapazen, Kälte oder Hitze. Nein, nur die Tatsache, dass man nicht aus der Hose kann, wenn man will. Dieses Geständnis hat mich fürchterlich beeindruckt. Etwas Schlimmeres konnte ich mir damals nicht vorstellen.
Onkel Kuno hatte wohl immer Hunger. Er bleute uns den Satz ein „Unsere Mutter ist eine vorzügliche Küchenfrau.“ Wahrscheinlich bekam er dafür ab und zu eine Extraportion Bratkartoffeln. Eines Tages war er nun in der Kantine und trank das Dünnbier. Da wollte er plötzlich los, weil er in seiner Bude einen Topf Pellkartoffeln auf dem Kocher stehen hatte. Unser Vater animierte die anderen, Kuno noch aufzuhalten. In der Zwischenzeit stieg er in die Verpflegungslast, zu der er den Schlüssel hatte, und holte eine Ladung Kartoffeln mit Keimen herauf. Mit einem Nachschlüssel drang er in Onkel Kunos Bude ein. Fischte die Kartoffeln aus dem Topf und setzte die Kartoffeln mit den Keimen hinein. Der Deckel wurde obenauf gesetzt und die Tür wieder sorgsam verschlossen. In der Kantine angekommen machte er Onkel Kuno darauf aufmerksam, dass seine Kartoffeln nun doch wohl bald zu Brei gekocht sein müßten. Kuno verschwand und kam nach ein paar Minuten merklich nervös und bleich wieder und erzählte den erstaunten Freunden, dass sich beim ihm eine naturwissenschaftlich nicht zu erklärende Sache ereignet hätte. Er hätte Kartoffeln ohne Keime aufgesetzt und jetzt wären an den Kartoffeln lange Keime, so dass sogar der Deckel aufgegangen wäre. Er könne sich so etwas nicht erklären. Die Freunde inspizierten die Kartoffeln, versuchten sich in mehr oder minder gescheiten Erklärungsversuchen und versuchten vor allem ernst zu bleiben. Wie lange dann der restliche Kantinenabend gedauert hat, weiß ich nicht mehr.
Udos großer militärischer Auftritt
Mit Bruder Udo auf dem Kasernenhof, 1942
In der Wörthkaserne war eines Tages großer Appell. Die gesamte Abteilung stand auf dem Kasernenhof im Karree angetreten. Der Kommandeur, Stabsarzt Professor Lenkeit, stand oben auf der Freitreppe und hielt eine Ansprache. Plötzlich stand neben ihm ein kleiner blondgelockter Junge, hielt die Hände auch auf dem Rücken, die linke Hand hatte das rechte Handgelenk umfaßt – mein Bruder Udo, gerade drei Jahre alt. Lenkeit ließ sich nicht stören. Irgendwelches Eingreifen unserer Mutter, sie stand mit mir im Hintergrund auf der Seitentreppe der Kaserne, war nicht möglich, ohne dass das Zeremoniell empfindlich gestört worden wäre. Nach der Rede schritt der Abteilungskommandeur Lenkeit die Front ab. In gebührenden Abstand von zwei Schritt marschierte Udo hinter ihm her. Unser Vater, der irgendwo im Glied stand, war mehr als nervös. Aber Udo machte seine Sache bravourös. Ob er allerdings auch mit der Hand an der Mütze gegrüßt hat, weiß ich nicht mehr. So bestand Udo seine erste große militärische Orgie. Irgendwelcher Ärger ist nicht danach gekommen. Vielmehr erhielt unsere Mutter anlässlich des Besuches vom Korpsarzt ein Dankschreiben von Lenkeit.
„Hiwis“ – die Hilfswilligen
So viel Freiraum verführte natürlich zum Herumtoben. Auch die Kantine war entsprechend groß. Hier bin ich dann morgens um die Theke gerannt, während Matka, unsere russische Putzhilfe, die Theke putzte. Dabei stand ein Thekenblech über und das zog ich mir durch die linke Backe, vom Mundwinkel bis zum Auge eine richtige Schramme. Ich hatte Glück, das Blech hätte auch im wahrsten Sinne des Wortes „ins Auge“ gehen können. Heute stelle ich mir aber immer wieder vor, welche Angst Matka gehabt haben muss, dass sie, der „russische Untermensch“, Schuld daran war, dass ein „deutscher“ Junge verletzt wurde. Aber Mutter schob mir die alleinige Schuld zu. Von Matka habe ich mein erstes russisches Wort gelernt „mucha“, das ist die Fliege. Im Übrigen schwirrten in der Kaserne jede Menge Russen herum. Das waren die „Hiwis“, die Hilfswilligen. So wurden offiziell die russischen und polnischen Zwangsarbeiter genannt. Die Zwangsarbeiter aus den westeuropäischen Länder waren Fremdarbeiter.
Auch in der Küche waren jede Menge russischer Mädchen beschäftigt. Eines morgens kam ich in die Küche, wo diese Mädchen fröhlich beim Kartoffelschälen saßen. Irgendeine von ihnen drückte mir einen Wasserschlauch in die Hand, machte mir klar, dass ich die Kameradinnen nassspritzen sollte und drehte den Hahn auf. Das Spritzen hat mir richtig Freude gemacht, den Mädchen aber nicht. Und so brach ein fürchterliches Tohuwabohu aus, bei dem ich dann nur noch das Weite suchen konnte.
Pferde und Spiele
In der Kaserne waren auch ca 140 Pferde stationiert. Unser beliebtester Spielplatz war die Reithalle, eine Lohehalle, in der man toben konnte ohne sich die Knochen zu polieren, wenn man hinfiel. Noch schöner war das Heu- und Strohlager. Dort konnte man wunderbar Verstecken spielen. Tagsüber konnte man durch die Reithalle, wenn sie denn zum Hof offen war, auch in das Heulager gelangen. Das Spielen war dann einfach herrlich.
Wir, das waren Bruder Udo und ich, dazu kam Bärbel Schulz, die Tochter des Kompanieführers Walter Schulz, das ein oder andere Kind irgendeines Unteroffiziers, das mit der Mutter den Vater besuchte. Außerdem...
| Erscheint lt. Verlag | 7.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Schlagworte | Autobiographien • Deutschland & USA • Kriegskinder II. EWK • Marineschicksale • Weltkriegsfolgen II. WK |
| ISBN-10 | 3-8192-2164-6 / 3819221646 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-2164-4 / 9783819221644 |
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