Hilde Domin Dichterin des Dennoch (eBook)
248 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-0358-9 (ISBN)
ILKA SCHEIDGEN 1945 geboren, in Berlin aufgewachsen, hat sich mit einer Vielzahl an Publikationen als Schriftstellerin und Publizistin einen Namen gemacht. Ilka Scheidgen schreibt Lyrik, Erzählungen, Romane, Essays und Autorenporträts. Sie arbeitet als freie Publizistin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Ihre Biografie über die deutsch-jüdische Dichterin Hilde Domin hat besonders große Beachtung gefunden. Es handelt sich um die einzige von der Dichterin autorisierte Biografie. Auch über die Schriftstellerin Gabriele Wohmann hat Ilka Scheidgen die einzige autorisierte Biografie verfasst. Umfangreiche Lesungs- und Vortragstätigkeit in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland. 2002 erhielt sie für ihr literarisches Werk den Kulturpreis des Kreises Euskirchen. Ihr Vorlass befindet sich in Marbach im Deutschen Literaturarchiv.
Kindheit und Jugend in Köln
Hilde Domin und ich haben uns in ihrer Wohnung verabredet – der Wohnung mit dem herrlichen Blick auf die Heidelberger Altstadt und den Neckar. Wir sitzen wie schon oft zuvor in der gemütlichen Ecke ihres Wohnzimmers mit den Gartenstühlen. Auf dem Tisch stapeln sich Bücher, die sie geschickt bekommen hat. Sie räumt sie zur Seite und holt aus der Küche Tee und Kuchen. Wie immer ist sie eine liebenswerte Gastgeberin.
Wir werden über ihr Leben reden, ihre Erfahrungen und natürlich über ihre Dichtung. Hilde Domin erzählt anschaulich und temperamentvoll, und ich spüre, wie ihr vieles, über das sie mir berichtet, noch ganz lebendig vor Augen steht.
Hilde Domin wurde am 27. Juli 1909 als Hilde Löwenstein in Köln geboren. Ihr Vater Eugen Löwenstein war promovierter Jurist und stammte aus einer angesehenen Düsseldorfer Juristenfamilie. Die Mutter Paula Löwenstein, geborene Trier, kam aus Frankfurt am Main. Sie hatte Gesang und Klavier studiert. Allerdings übte sie ihren künstlerischen Beruf nicht aus, sondern widmete sich, wie es zu jener Zeit in den meisten Fällen üblich war, ihrer Familie. Ein einziges Mal sei sie in der Oper in Frankfurt als „Mignon“ aufgetreten. Später konnte sie ihr künstlerisches Talent nur noch bei Hauskonzerten ausleben.
Hilde war das erstgeborene Kind. Ihr Bruder „Johnny“ wurde 1912 geboren. Hilde betont, dass sie eine glückliche Kindheit hatten. Es mangelte ihnen an nichts. Sie hatten genügend Spielsachen und konnten ihren Lesehunger nach Herzenslust in der Bibliothek des Vaters stillen, was besonders Hilde ausgiebig tat.
Selbstverständlich gab es auch Dienstmädchen. Das Essen wurde aufgetragen, wenn der Vater in der Mittagspause die Klingel bediente. Und um die Kinder kümmerte sich neben der Mutter ein Kindermädchen.
„Wenn ich mich an unsere Wohnung in Köln erinnere, in der ich ja geboren wurde“, erzählt Hilde Domin, „so kommt es mir vor, als sei sie aus einer ›temps perdu‹, ganz wie bei Proust, gewesen. Die Möbel waren aus dunkler Eiche, es gab kostbare Silberbestecke, die aber nur zu offiziellen Anlässen benutzt wurden. An den Decken hatte die Wohnung Jugendstilstuck. Das Speisezimmer war mit Eiche getäfelt und besaß zum Hof ein bunt eingelegtes Fenster. Aber am meisten liebten mein Bruder und ich die beiden kleinen Balkons und den langen Flur, auf dem man Rollschuh laufen konnte.“
Der Salon war Schauplatz von festlichen Einladungen und Konzerten, bei denen die Mutter, aber auch andere Sänger und Sängerinnen und Pianisten auftraten, während die kleine Hilde die Damen in langen Abendkleidern und Herren in Smoking oder Frack von der Küche aus beobachtete.
An Wochenenden oder in den Ferien fuhr die Familie zum Wandern oft in die Eifel. Dort durfte Hilde als Kind sogar Ziegen hüten und Kühe melken. Für Tiere jeder Größe und jeder Art hatte sie immer viel übrig.
„Wir durften im Kinderzimmer auch selbst Tiere halten“, erzählt sie. „Katzen, eine Taube, einen Papagei, Kaninchen, die dann im Sommer auf die kleinen Balkons ausquartiert wurden und sich meistens nach einer gewissen Zeit ›sozusagen selbst abschafften‹, indem der Vater sie den Kindern des Bürovorstehers schenkte, weil der am Rande von Köln wohnte und einen kleinen Garten besaß.“
Hilde durfte Freunde und Freundinnen mit nach Hause bringen. Sie durfte ins Theater, ins Museum und ins Schwimmbad. Sie durfte sogar manchmal mit dem Vater ins Gericht gehen. Besonders beeindruckt sei sie von einem Prozess gewesen, bei dem ihr Vater einen Unschuldigen verteidigte, der der Brandstiftung angeklagt war. Um den Verhandlungen beiwohnen zu können, schwänzte sie die Schule. Und sie bestärkte und ermunterte den Vater darin, diesem Mandanten durch alle Instanzen zu seinem Recht zu verhelfen.
„Ich sehe den Vater noch, wie er am Abend nach einer Gerichtsverhandlung krank im Bett lag, krank vor Aufregung, weil er Drohbriefe erhielt, und wie meine Mutter dafür war, es aufzugeben – aber er konnte mich einfach nicht enttäuschen, und hätte es unsere gesamte Existenz gekostet“, beschreibt sie in dem Aufsatz „Mein Vater. Wie ich ihn erinnere“ diese Geschichte. Der Vater reichte ein Gnadengesuch ein und erwirkte für seinen Mandanten den Freispruch. Dieser Mann sei dann einer der ersten gewesen, der nach 1933 aufhörte, den Vater – als jüdischen Rechtsanwalt – zu grüßen.
Damals, als man begann, jüdische Rechtsanwälte auf erniedrigende Weise auf Müllwagen durch Köln zu fahren, entschloss sich der Vater zur ersten und einzigen „ungesetzlichen“ Tat in seinem Leben: Die Eltern fuhren mit der Straßenbahn bis zur belgischen Grenze, machten einen kleinen Spaziergang hinüber – das war nicht verboten – und draußen waren sie. Es war der Beginn ihrer Flucht, die sie nach England führte.
Das Mobiliar wurde von einem Spediteur nach Holland gebracht und dort eingelagert. Doch die kostbaren Möbel aus schwarzer Eiche, das wertvolle Porzellan, das Silber und auch viele wertvolle Bücher gingen im Laufe des Krieges, wie Hilde mir erzählt, „still und leise“ verloren.
Aber sie scheint darüber nicht verärgert oder traurig zu sein. „Ich hänge nicht an Gegenständen“, sagt sie schlicht. Während ihres Unterwegsseins hat sie das „Haben“ verlernt, „als hätte ich nicht mehr die Hände zum Haben“, wie sie einmal schreibt. Was für die meisten Menschen, die nie ihre Heimat, ihr Zuhause verloren haben, ganz selbstverständlich ist, nämlich etwas zu besitzen, ist ihr noch immer nicht zur Normalität geworden.
„Hier dieser Teppich, wo wir gerade sitzen, ist eigentlich das einzige Stück aus meiner Kinderzeit, das über den Krieg und unsere Odyssee durch die vielen Länder und Kontinente gerettet wurde“, sagt sie lächelnd.
Was ihr aber nie verloren ging in den schwierigen Jahren ihres Exils, war dieses unerschütterliche Vertrauen in das Leben und in die Menschen, dieses Urvertrauen, das sie in ihrem Elternhaus erworben hat. Es half ihr, die Schrecken des vorigen Jahrhunderts zu überstehen, und ließ in ihr die „Dennoch-Hoffnung“ wachsen und reifen. Es war das Selbstverständliche, die bedingungslose Annahme, die sie von den Eltern erfuhr, die es ihr immer wieder ermöglichten, gegen den Strom zu schwimmen und sich zwischen alle Stühle zu setzen. „Ich durfte alles“, sagt sie zu mir in unserem Gespräch, „ich durfte sogar die Wahrheit sagen. Wunderbar!“
Den Band „Gesammelte Essays“, der 1992 erschien, widmete Hilde Domin ihren Eltern: „Für meine Eltern, die mich ausrüsteten, das Leben in diesem Jahrhundert zu überstehen.“ Mit Dankbarkeit gedenkt sie im Vorwort ihrer Eltern, „die mich für ein leichteres Leben auszurüsten meinten und doch mit allem versehen haben, was mir ermöglichte, die Verfolgung, die immer neue Entwurzelung, mit Mut und Zuversicht zu überstehen.“
Derart ausgerüstet wurde sie zur Apologetin des Vertrauens, gegen Hass und Verfügbarkeit, Mitläufertum und Inhumanität. Weil sie in ihrer Kindheit nie lügen musste, rief sie später in ihren Gedichten, bei Vorträgen, Lesungen und Diskussionen dazu auf, die Dinge und Vorkommnisse „wahrhaftig“, das heißt mit ihrem richtigen Namen zu benennen. In dem Gedichtband „Ich will dich“ schreibt sie über den chinesischen Philosophen Konfuzius:
Nichts weiter sagt er
ist vonnöten
Nennt das Runde rund
und das Eckige eckig.
„Das Hauptwort in meinen Lebensberichten“, so sagt sie, „ist: Vertrauen. Sich erneuerndes Vertrauen. Widerständiges Vertrauen. Dennoch-Vertrauen.“
Als wir uns über ihre Geburtsstadt Köln unterhalten, beginnt Hilde, mir äußerst lebhaft ihre Erinnerungen an ihre, wie sie sie selbst bezeichnet, „mythische“ Stadt Köln zu erzählen.
„Ja, natürlich, Köln spielt für mich eine große Rolle, weil es die Stadt meiner Kindheit ist, weil ich dort eine glückliche Kindheit verlebt habe und auch, weil ich die Stadt verlassen musste.“
Noch immer ergreife sie eine enorme Erregung, wenn sie von Heidelberg nach Köln fahre. Aber besonders stark sei diese Erregung gewesen, als sie bei ihrer Rückkehr aus dem 22-jährigen Exil im Jahre 1954 ihr Elternhaus zum ersten Male wiedersah.
Hilde Domin hat ein einziges Gedicht über Köln geschrieben. Mehr musste es wohl nicht sein, weil sie darin – eine Meisterin in der Verknappung – alles gesagt hat, was ihr wesentlich ist zu diesem Thema:
Köln
Die versunkene Stadt
für mich
allein
versunken.
Ich schwimme
in diesen Straßen.
Andere gehn.
Die alten Häuser
haben neue große Türen
aus Glas.
Die Toten und ich
wir...
| Erscheint lt. Verlag | 2.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Schlagworte | Dennoch • Exil • Humanität • Wahrhaftigkeit • Zivilcourage |
| ISBN-10 | 3-8192-0358-3 / 3819203583 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-0358-9 / 9783819203589 |
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