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Zwischen den Strömen -  Sven-H. Bock

Zwischen den Strömen (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
368 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-3526-9 (ISBN)
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Die große Bühne meines ersten Buches "43 Stunden" war nicht ausreichend gewesen, um auch die Jahre meiner Kindheit und Jugend rund um Jena aufleben zu lassen. So kehre ich noch einmal zurück ins Raster eines sozialistischen Schulsystems. Lasse mich beruhigen im krummen Haus der Großeltern, bevor ich von der Familientradition im eigenen Handwerksbetrieb durchgerüttelt werde. Tausende von Tagen, deren Wirkungen sich mir erst später offenbaren sollten.

Sven-H. Bock, 1969 in Torgau geboren, wuchs vor den Toren von Jena in der DDR auf. Wenige Wochen vor der Grenzöffnung flüchtete er 1989 über Prag in die Bundesrepublik. Neben grafischen Arbeiten als Ausdrucksmittel ist gegenwärtig auch das Schreiben wieder Bestandteil seines Lebens. Heute arbeitet und lebt er mit seiner Familie in Rheinhessen.

Frischer Wind


Mit Beendigung des vierten Schuljahres kündigte sich ein schulischer Wechsel an, und es sollten noch andere Umstände hinzukommen, die weitaus weniger vorhersehbar waren. Die Dekade der Achtzigerjahre war in Sichtweite, und niemand ahnte, was am Ende des kommenden Jahrzehnts passieren würde. Zu dieser Zeit traten junge Kräfte in allen Gesellschaftsbereichen ihre beruflichen Wege an, die in ihrer Jugend durch die Fragestellungen der 68er-Generation geprägt worden waren. In der DDR und im Bildungswesen im Besonderen waren Zweifel am Althergebrachten selbstredend nicht erwünscht. Aber auch wenn es nicht offensichtlich war, so änderte sich doch allmählich der Blickwinkel.

Mit dem Wechsel in die fünfte Klasse war eine außerordentliche, räumliche Veränderung verbunden. Wir verließen den behaglichen Bau der Jungpioniere, um uns unter die Halbwüchsigen im nachbarlichen Altbau zu mischen. Die räumlichen Dimensionen waren gänzlich anders, fast schlossähnlich, und auch ein wenig einschüchternd. Die zentralen Flure auf jeder Ebene waren hoch und weit. Der Architekt hatte mit der Anordnung der Lehrräume dafür gesorgt, dass auch die Flure über hohe Fenster mit ausreichend Licht versorgt wurden. So konnte man auch liebevolle Details gut erkennen, wie zum Beispiel einen steinernen Wandbrunnen. Eine große Treppe mit sehr breiten Stufen führte nach oben. Die harten Trittbretter aus Eichenholz hatten den hartnäckigen Schuhsohlen von Generationen von Schülern nicht widerstanden. Nun lagen sie mir und den anderen auf unseren Wegen nach oben und unten schwungvoll abgeschliffen zu Füßen. Das Geländer schmiedeeisern und schwarz, der hölzerne Handlauf eine Augenweide für Kenner. Ungewöhnlich war das Dekor auf dem polierten, warmen Holz: In kurzen Abständen hatte man auf der Oberseite kleine, messingfarbene Pyramiden aufgebracht. Dort wo die Spitze war, saß die Befestigungsschraube und rundete das kleine Objekt ab. Hunderte Hände glitten täglich über die Schmuckstücke, die wie Schogetten-Schokoladenstückchen aussahen, und hielten diese glänzend und golden. Selbst wenn die Reihen der kleinen Metallstücke nur dazu dienten, dass kein Übermütiger auf den Gedanken kam, eine Rutschpartie nach unten zu wagen, zeugte dieses feine Detail noch immer vom Stolz der früheren Herren.

Den alten Stolz fanden wir ansatzweise auch dort noch vor, wo wir die Lehrräume und Kabinette eroberten. Den Naturwissenschaften hatte man erwartungsgemäß hohe Bedeutung beigemessen, die Lehrmittel hierzu in Räumen untergebracht, die offenbar bereits von Baubeginn an für das eine oder andere Fachgebiet hergerichtet worden waren. Im dritten Stockwerk lagen die großen Räume für Physik und Chemie. Hier referierte der Lehrer vom höheren Podest mit großer Arbeitsfläche aus. Ein Umstand, der ganz nebenbei für freies Schussfeld des schweren Schlüsselbundes sorgte. Schwere Schulbänke aus Massivholz fingen unsere schmächtigen Schülerkörper ein, die einzelnen Plätze teilweise ausgestattet mit Wasserleitung und Abflüssen. Doch dieser pädagogische Luxus wurde nicht mehr benötigt oder war dienstunfähig in Zeiten des Mangels. Geblieben waren die ins Holz geritzten Zeichen und Bekenntnisse unserer Vorläufer.

Noch vor den Räumen für Physik und Chemie befand sich rechts neben der Treppe der Geografieraum. Hier waren neben der Tafel riesige Karten zum Ausziehen angebracht. Teilweise waren sie schon vergilbt, obwohl sie noch keine dreißig Jahre alt waren, denn zwangsweise hatte man die neue Weltordnung nach dem Krieg frisch aufzeichnen müssen. Andererseits war hier auf mancher Karte auch noch ein neutraler Blick auf die Welt möglich, wenn Staatengrenzen hinter Bergen und Flüssen zurücktraten. Mir aber blieb die Karte der BRD in Erinnerung, auf der sehr genau Rohstoffe und Industriezentren verzeichnet worden waren. Warum uns das so ausführlich dargelegt wurde, blieb mir ein Rätsel.

Für Fragen zur Biologie mussten wir uns in den Keller begeben. Passenderweise hatte man hier stets den Geruch saurer Milch in der Nase, denn hier lagerten die verzinkten Kästen mit den Schulmilchflaschen, die zum Teil bereits leer, aber noch nicht gespült waren.

Vier Jahre lang hatten wir uns Grundkenntnisse angeeignet und sollten nun bereit für die Erweiterung unseres Horizonts sein. Mit Biologie, Geografie und Geschichte bereicherten faktenreiche Fächer voller Bilder und Eindrücke angenehm unseren Stundenplan. Zeichnen und Musik setzten künstlerische Akzente, blieben jedoch hinter dem Stellenwert von Sport zurück. Mathematik blieb ein Grundpfeiler und Deutsch wurde in Grammatik, Ausdruck und Literatur untergliedert. Auch im Arbeiter-und-Bauern-Staat sah man sich nicht nur den Denkern, sondern auch den Dichtern verpflichtet. Es hätte ein schonender Aufstieg für uns werden können, wenn nicht mit der ersten Fremdsprache die größte Herausforderung vor uns lag. Im Klassenkampf an der Seite der Sowjetunion stand von nun an selbstredend Russisch auf dem Stundenplan. Inwiefern mir und meinen Mitschülern das Erlernen dieser Sprache gesellschaftliche Fortschritte bringen oder uns im Alltag zu Vorteilen verhelfen würde, erschloss sich mir weder damals noch in meinem späteren Leben. Mit Fleiß bezwang ich die Theorie dieses Sprachunterrichts, sehr gute Leistungen täuschten ein Können dieser nicht ganz einfachen Sprache vor. Zur Sprache aber gehört das Sprechen. Nur kannte kaum jemand von uns einen Sowjetbürger, obwohl das ganze Land voll von Sowjetsoldaten war. Die aber wurden streng kaserniert und abgeschirmt. Reisen ins Bruderland von Lenin waren nur wenigen vorbehalten. Darüber hinaus ließ sich das Wichtigste auch ohne Sprachkenntnisse regeln: Den Jungs von der sowjetischen Militärpolizei handelte ich mit Leichtigkeit und ohne Worte auf dem Dorfparkplatz einige leckere Bonbons ab. Die Mühe, die man für das Erlernen einer Sprache aufbringen muss, ist letztlich vergebens, wenn man sie nicht anwendet. Mir sollten später nur noch einige Sätze und die Fähigkeit zum Lesen der kyrillischen Schrift erhalten bleiben. Da hätte man der Völkerverständigung sicher einen größeren Dienst erweisen können, als uns die russische Sprache erlernen zu lassen.

Spannend war die Frage, wer uns als „Aufsteiger“ in seine Obhut als Klassenlehrer bzw. -lehrerin nehmen würde. Über die ersten vier Jahre hatten wir eine deutliche Prägung hinsichtlich Disziplin erhalten. Wir erwarteten keine wirkliche Veränderung. Immerhin hatten wir die Lehrer der höheren Stufen lange genug aus der Ferne betrachten können, und deren forsches Auftreten war von alter Schule. Umso überraschender, als uns ein gänzlich neues Gesicht präsentiert wurde. Frau Papritz wirkte jung und nahm bei unserem ersten Aufeinandertreffen weniger eine erfahrene Einschätzung vor, sondern beobachtete uns neugierig aus ihren großen, dunklen Augen. Sie war groß, ihr langes, schwarzes Haar hatte sie modisch hochgesteckt, was ihre Größe noch unterstrich. Ihr dunkelblaues Kostüm vermittelte einen strengen Kontrast, was vermutlich nur ihrem Amt geschuldet war. Bald schon würden sich einige Jungs für weibliche Attribute von Frau Papritz interessieren und es auf ein Kräftemessen ankommen lassen.

Auch wenn die Veränderungen groß waren, wir hatten gelernt, uns anzupassen. Von nun an trugen wir rote statt blauer Halstücher und nannten uns Thälmannpioniere. Gezwungenermaßen bildeten wir einen Gruppenrat, der letztlich die Funktion einer Selbstorganisation im Sinne der an der Schule herrschenden Hierarchie hatte. Eine Formalität wie es schien, lästig, aber eingefordert. Introvertiertheit half hier leider nicht, um sich wegzuducken. Ich wurde zum Kassierer bestimmt und musste ab sofort die Mitgliedsbeiträge für die Pionierorganisation in der Klasse eintreiben. So einfach war auch ich zum kleinen Rädchen geworden, das ein System am Laufen hielt und nichts hinterfragte. Es sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis man mich noch mehr in die Verantwortung nehmen würde und ich mich vor meinem Gewissen würde zu verantworten haben.

In jene Monate fielen auch ganz persönliche Herausforderungen. Seit Jahren litt ich unter chronischer Bronchitis, und so schickte man mich erneut für acht Wochen allein auf eine Kur in die Fremde. Schon einmal hatte ich diese gut gemeinte und wohl notwendige Maßnahme über mich ergehen lassen, und so sprang ich nun wieder fern der Heimat und der Eltern wochenlang armrudernd durch Salznebel, um meinen Bronchien endlich dauerhaft Raum zum Atmen zu verschaffen. Still und diszipliniert atmete ich tief ein und aus, ruderte, vertraute mich der Fremde und Fremden an. Es sollte sich lohnen. Monate später erklärte meiner Mutter und mir der fernsehreife Professor der Kinderklinik, dass ich gesund sei. Unzählige Male, über viele Jahre hinweg hatte mich Mutter zu quälenden Untersuchungsterminen gezogen, bei denen man mir Blut aus meinen blassen Ärmchen abnahm. Vorbei, ein Wunder. Nahezu gleichzeitig schrieb mir meine junge Klassenlehrerin ins Zeugnis, ich hätte trotz der Kur eine hohe Lernbereitschaft...

Erscheint lt. Verlag 8.4.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-8192-3526-4 / 3819235264
ISBN-13 978-3-8192-3526-9 / 9783819235269
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