Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Ich fahr Pakete aus in Peking (eBook)

Ein intimer Bericht eines Niedriglohnarbeiters in China

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1., Deutsche Erstausgabe
295 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-78380-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Ich fahr Pakete aus in Peking - Hu AnYan
Systemvoraussetzungen
19,99 inkl. MwSt
(CHF 19,50)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen

In den zwanzig Jahren nach seinem Highschool-Abschluss hatte Hu Anyan neunzehn verschiedene Jobs. Er arbeitete unter anderem als Verkäufer im 24h-Markt, als Fahrradmechaniker, Pakete-Kurier, Sicherheitsmann, im Logistikzentrum, der Tankstelle, der Kantinenküche. Er zog von einer chinesischen Großstadt zur nächsten, jedes Mal weiter, wenn die Arbeit unerträglich und der Boss zu bossy wurde, und richtete sich wieder in einem winzigen Zimmer ein, mit nicht mehr als seinen zerlesenen Ausgaben von Tschechow und Carver.

Von der Psychologie der Hackordnung in einer gigantischen Sortierhalle für Pakete über die kafkaeske Bürokratie der Personalabteilungen bis hin zur idealen Gestaltung einer Lieferroute - mit aufrichtiger Neugier und trockenem Humor erzählt Hu Anyan unerhörte Geschichten der Menschlichkeit vor dem Hintergrund größter Schinderei.

Ich fahr Pakete aus in Peking ist ein intimer Bericht über ein Leben als Niedriglohnarbeiter in den anonymen Megastädten des heutigen China. Und gibt zum ersten Mal den Blick frei auf die Massen, die von den gesellschaftlichen Realitäten, von der Art des Wirtschaftens, von der Staatsgewalt, an den Rand, in die Armut, ins Vergessen gedrängt werden.



Hu Anyan, 1979 in Guangzhou geboren, begann nach seinem Highschool Abschluss direkt zu arbeiten. Er hangelte sich von Niedriglohnjob zu Niedriglohnjob, von Stadt zu Stadt. 2009 begann er seine Erfahrungen online zu posten. Sein Bericht über seine Arbeit als Pakete-Kurier ging zu Beginn des COVID-Lockdowns viral. Das daraus entstandene Buch <em>Ich fahr Pakete aus in Peking</em> gilt in China als eines der bedeutendsten Memoirs der jüngeren Vergangenheit.

2

Ich fahr Pakete aus in Peking


Das Vorstellungsgespräch


Der Tag meines Vorstellungsgesprächs bei der Firma S war mein dritter Tag in Peking. Den ersten und zweiten Tag hatte ich damit verbracht, mich einzuleben, und am Morgen des dritten Tages lud ich gleich nach dem Aufstehen meinen Lebenslauf auf das Karriereportal 58.com hoch. Das war der 20. März 2018. Noch vor dem Mittagessen klingelte mein Telefon. Die Frau am anderen Ende der Leitung erklärte mir, dass sie nicht vom Karriereportal sei, sondern von einer Headhunting Firma, die zu 58.com gehörte, einem Tochterunternehmen. Zuerst dachte ich, sie wolle mir etwas verkaufen, aber sie versicherte mir sofort, ihre Aufgabe sei es, Jobsuchende und Firmen mit offenen Stellen zusammenzubringen. Sie hatte sich meinen Lebenslauf angesehen und wollte mich gerne als Kurierfahrer an die Firma S vermitteln. Wenn ich nachmittags frei hätte, könnte ich zum Vorstellungsgespräch nach Yizhuang kommen. Sie würde mir die Adresse per SMS schicken. Ohne weiter darüber nachzudenken, sagte ich sofort zu. Ich wollte nicht viel Zeit mit der Jobsuche verlieren. Mit meinen Voraussetzungen hatte ich sowieso keine Chance auf ein hohes Gehalt und die Firma S erschien mir schon viel besser als meine schlimmsten Vorstellungen.

Bevor ich nach Yizhuang aufbrach, bekam ich noch einen weiteren Anruf. Eine andere Frau fragte mich, ob ich an einer Stelle bei Firma D interessiert sei. Ich teilte ihr mit, dass ich gerade erst vor sechs Tagen meine Kündigungsunterlagen bei der Firma D eingereicht hätte und mir der Manager gesagt habe, dass man dort normalerweise erst drei Monate nach der Kündigung wieder anfangen könnte. Ich war mir nicht sicher, ob diese dreimonatige Sperrfrist entfällt, wenn man die Stadt wechselt. Darauf hatte sie keine Antwort. Sie zögerte kurz und sagte dann, sie würde sich erst erkundigen, was in so einer Situation zu tun sei, und mich dann zurückrufen. Hat sie natürlich nicht gemacht.

Bis heute weiß ich nicht, was es mit der Abteilung der Firma S in Yizhuang auf sich hatte, in die ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, denn ich bin nie wieder dorthin zurückgekehrt. Der Ort des Vorstellungsgesprächs befand sich in einem offenen Industriepark, umgeben von einem riesigen Industriegelände. Das etwas heruntergekommene Gebäude der Firma S lag an der Straße und es war offensichtlich, dass dort körperliche Arbeit verrichtet wurde. Seltsamerweise war aber keine Menschenseele zu sehen.

Mit mir waren wir insgesamt mehr als zehn Bewerber, die in einem Raum standen und zuhörten, was der Manager zu sagen hatte. Da er im Stehen sprach, trauten wir uns nicht, uns zu setzen, obwohl Stühle im Raum waren. Ich wusste nicht genau, wofür er zuständig war, aber er war der Einzige, mit dem wir die ganze Zeit zu tun hatten. Im Plauderton erzählte er uns, dass er anfangs auch Kurierfahrer gewesen sei, jetzt aber für das Personalmanagement zuständig sei. Wahrscheinlich wollte er uns damit sagen, dass wir vom gleichen Schlag sind, Arbeiter eben, und andeuten, dass wir es auch einmal so weit bringen könnten wie er.

Wir standen im Kreis um ihn herum und hörten ihm aufmerksam zu. Er sprach extra laut, damit ihn jeder gut verstehen konnte, wie ein Fremdenführer, der eine Sehenswürdigkeit vorstellt. In der Tat ähnelte seine Arbeit auch der eines Fremdenführers. Er erklärte, im Internet würde viel darüber geredet, dass der Monatslohn eines Kurierfahrers bei über 10000 Yuan liege. Die Leute würden deswegen glauben, dass Kurierfahrer automatisch viel verdienten. Das mochte für einzelne zutreffen, aber sie seien in der Minderheit. Anfänger, die noch kein großes Kundennetzwerk hätten, verdienten nicht so viel. Er fügte jedoch sofort hinzu, dass das Unternehmen einen Mindestlohn von 5000 Yuan für die ersten Monate garantiere.

Der Kurierdienst sei ein harter Job: lange Arbeitszeiten, schwierige Kunden, jeden Tag bei Wind und Wetter unterwegs. Viele dachten, es sei ein entspannter Job, und merkten erst, nachdem sie angefangen hatten, dass es nichts für sie war … Anscheinend machte er sich weniger Sorgen, dass wir nicht qualifiziert genug sein könnten oder dass wir auf die Arbeit herabsahen, sondern dass wir nach zwei Tagen einfach wieder gehen würden. Dann wäre es besser, es sofort zu tun. So habe ich das verstanden. Aber ich hatte sowieso weder 10000 Yuan Lohn erwartet noch dass die Arbeit entspannt sein würde. Die anderen wahrscheinlich auch nicht. Jedenfalls ging nach dem Vortrag keiner enttäuscht weg oder stellte Fragen. Als der Manager merkte, dass niemand zu hohe Erwartungen hatte, war er zufrieden und holte einen Stapel Formulare heraus, die wir ausfüllen sollten. Danach ließ er uns das Depot aussuchen, in dem wir die Registrierung machen wollten. Der Ablauf war wie folgt: Er las uns die Namen der Depots vor, die freie Stellen hatten, und wir durften die Hand heben, um uns zu registrieren. Den Namen des ersten Ortes, der vorgelesen wurde, hatte ich noch nie gehört, weil ich einfach 99 Prozent von Peking nicht kannte. Ich wurde nervös. Was sollte ich tun, wenn er alle Orte bis zum Ende vorlas und ich keinen einzigen kannte? Genau in diesem Moment hörte ich »Liyuan«, den Ort, in dem ich wohnte. Peking ist so groß und hat so viele Bezirke, und dann kommt Liyuan als zweiter auf der Liste. Was für ein Glück, das musste Schicksal sein! Ich meldete mich sofort.

Nachdem ich die Adresse und die Telefonnummer des Leiters des Depots in Liyuan erhalten hatte, überprüfte ich auf Gaode Maps, dass das Depot wirklich in der Nähe meines Hauses lag, nur zwanzig Minuten zu Fuß. Es war noch früh, also beschloss ich, nicht noch einen Tag zu warten, und rief sofort Direktor L im Depot in Liyuan an, um ihm zu sagen, dass ich gleich zur Registrierung vorbeikommen würde. Aber da war ich wohl etwas zu optimistisch. Auf der Hinfahrt war der Verkehr flüssig gewesen, aber jetzt herrschte die Rushhour zum Feierabend. Meine erste Lektion im Pekinger Verkehr. Nach zwei Stunden rief ich Direktor L wieder an, um ihm zu sagen, dass ich es nicht schaffe und erst am nächsten Morgen komme.

Anfang März kann es in Peking eisig kalt sein, mit Temperaturen, die mehr als zehn Grad unter denen der Städte im Süden liegen, aus denen ich gekommen war. Am nächsten Morgen fuhr ich zu einem Wohnkomplex an der südlichen Yunjing-Allee, wo sich das Yunjing-Depot befand. Das Büro von Direktor L befand sich im ersten Stock. Bevor ich hineinging, sah ich nebenan die Depots von JD.com und der Firma D. Ständig rasten Lastwagen über den Bürgersteig, der deshalb schon aufgerissen und mit Schlaglöchern übersät war.

Direktor L war für vier Depots in der Region zuständig, darunter auch das in Yunjing. Während des Treffens stellte ich fest, dass ich ihm noch einige Fragen beantworten musste, um das Interview offiziell abzuschließen. Direktor L trug eine schmal gerahmte Brille, war etwa vierzig Jahre alt und lächelte höflich, während er sprach. Er schien an diesem Tag nicht allzu beschäftigt zu sein, jedenfalls hatte er es nicht eilig, auf den Punkt zu kommen. Ich allerdings war mental und moralisch nicht auf ein solches Gespräch unter vier Augen vorbereitet, sodass im Grunde genommen er die meiste Zeit sprach und ich nur auf seine Fragen antwortete. Wo ich herkomme, wollte er wissen, und wie lange ich schon in Peking sei.

Erst vier Tage, antwortete ich.

Und warum ich Kurierfahrer werden wolle.

Ich war mir nicht sicher, ob ich das wirklich wollte, wenn ich eine bessere Wahl gehabt hätte, hätte ich es bestimmt nicht gemacht. Aber das war wahrscheinlich nicht die Antwort, die er hören wollte, dachte ich, und ich hätte mich auch nicht getraut, es zu sagen. Einen Fehler habe ich in dem Moment trotzdem gemacht. Ich hätte davon schwärmen sollen, wie toll ich die Firma S schon immer gefunden habe und dass es deshalb für mich das Naheliegendste sei, für sie zu arbeiten. Das wäre die perfekte Antwort gewesen. Aber ich war zu nervös und sagte nur, dass ich in der Gegend wohne und einfach einen ...

Erscheint lt. Verlag 14.10.2025
Übersetzer Monika Li
Sprache deutsch
Original-Titel WO ZAI BEIJING SONG KUAIDI (我在北京送快递)
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte aktuelles Buch • Alltag • anonyme Megastädte • Arbeiter-Klasse • Arbeitserfahrungen • Arbeitswelt • Armut • Ausbeutung • Bücher Neuerscheinung • China • Chinesische Großstadt • Douban Hot Book List • Douban Hotlist • Einzelschicksal • Gesellschaft • intimer Bericht • jung • Klassismus • Konformismus • Kultbuch • Logistikunternehmen • Lohnsklave • Memoir • Modernes China • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Niedriglohnarbeiter • Nordchina • Ostasien Ferner Osten • Peking • Plackerei • Prekariat • Prekarität • Proletariat • Schinderei • sozialer Druck • ST 5515 • ST5515 • Staatskapitalismus • suhrkamp taschenbuch 5515 • Ungleichheit • Unterschichtsjob • Urban • wage slavery • Wanderarbeiter • WO ZAI BEIJING SONG KUAIDI (我在北京送快递) deutsch
ISBN-10 3-518-78380-7 / 3518783807
ISBN-13 978-3-518-78380-1 / 9783518783801
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Die Autobiografie

von Daniel Böcking; Freddy Quinn

eBook Download (2025)
Edition Koch (Verlag)
CHF 9,75