Mein Vater ist nicht gestorben (eBook)
160 Seiten
marixverlag
978-3-8438-0782-1 (ISBN)
Christian Kortmann arbeitete als Journalist u. a. für Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und die taz und war Chefredakteur verschiedener Magazine. Er veröffentlichte neben Essays und Reportagen mehrere Romane, zuletzt Einhandsegeln (2021) und Happy Hour Schopenhauer (2022), sowie den Gedichtband Als ließen die Dinge noch mit sich reden (2024). Christian Kortmann lebt in Hamburg.
Christian Kortmann arbeitete als Journalist u. a. für Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und die taz und war Chefredakteur verschiedener Magazine. Er veröffentlichte neben Essays und Reportagen mehrere Romane, zuletzt Einhandsegeln (2021) und Happy Hour Schopenhauer (2022), sowie den Gedichtband Als ließen die Dinge noch mit sich reden (2024). Christian Kortmann lebt in Hamburg.
Dort, wo er jetzt ist – I
Mein Vater ist nicht gestorben.
Er ist in einen Raumzeitwirbel geraten.
Dann wurde er am Rand einer Lichtung ganz hinten im menschenleeren Moor, dort, wo in der Stille des mächtigen Mischwalds und der nebelverhangenen Wiesen das Wild äst und die Wildschweine den Boden aufwühlen, wieder ausgeworfen. Wenn ich beim Laufen in der Dämmerung hier ankomme, am knorrig-expressiven toten Baum, den ich für mich Joshua Tree nenne, erkenne ich ihn schon von weitem. Wir winken uns zu, er hebt den Stock in der linken Hand, ich gehe ihm entgegen.
»Das ist ja eine Überraschung«, sage ich beim ersten Wiedersehen zu ihm, so, wie er es früher zu mir gesagt hat, wenn ich meine Eltern ohne Vorankündigung in Halver besuchte und einfach durch die Ladentür in sein Geschäft kam. Wir begrüßen uns französisch, mit Küssen auf die Wangen.
»Mein Junge!«, sagt er.
So etwas hätte er auch noch nicht erlebt, fährt er fort, plötzlich sei er dort hinten, am anderen Ende der Lichtung gewesen. Dann nickt er anerkennend, ich hätte es hier im Norden Hamburgs in dieser ursprünglichen Natur »gut angetroffen«. Er trägt seine runde dunkle Hornbrille, seine Haare sind leicht verschwitzt, das Gehen mit dem Stock im weichen Boden strengt ihn an. Seit dem Schlaganfall vor fünf Jahren ist seine rechte Körperhälfte teilgelähmt, er hinkt mit dem rechten Bein, den rechten Arm kann er kaum bewegen. Er trägt seinen Schal mit Burberry-Muster und eine warme Jacke, die über die Hüften reicht.
»Du machst ja Sachen«, sage ich, »komm, dann gehen wir jetzt nach Hause! Du hast uns allen einen ganz schönen Schreck eingejagt.«
Mein Vater schüttelt immer noch erstaunt den Kopf. Auf dem schmalen, matschigen Weg stütze ich ihn von rechts. Wir gehen langsam, die letzten Vögel singen zur einbrechenden Nacht. Wegen der Dunkelheit müsse er sich keine Sorgen machen, sage ich, denn ich habe eine Stirnlampe dabei.
Zu Hause angekommen, dusche zuerst ich, darauf besteht er, weil ich in der schweißnassen Sportkleidung ganz durchgefroren bin. Dann helfe ich meinem Vater, sich zu waschen, weil er nicht in die Badewanne steigen kann. Wir essen Nudeln zu Abend, ich koche eine schnelle Tomatensauce, die ihm wie immer hervorragend schmeckt. Beim Kochen trage ich die rote Schürze, eine der beiden Schürzen, die er mir geschenkt hat, nachdem er nicht mehr kochen konnte, die weiße vom Hotel Dresel (wo er zusammen mit unserer Freundin Brigitte einen Kochkurs gemacht hat) und eben die rote von Champagne Piper-Heidsieck, in der du dich sofort in einen Grand-Hotel-Barmann verwandelst. Er nickt anerkennend und zeigt mir den nach oben gereckten Daumen, als er mich in der Schürze sieht. Als Barkeeper zu arbeiten, das hatte er mir einmal geraten, als ich in meinen Zwanzigern knapp bei Kasse war.
Riesling habe ich da, einen wirklich schönen, und französischen Chardonnay auch. »Hmm«, sagt mein Vater, als er den Riesling probiert und ihn gefühlvoll im Mund hin und her bewegt, »à la bonne heure!« Meine Wohnung sei schön gemütlich mit den tiefen Fenstern, hat er bei seinem einzigen Besuch hier in Ohlstedt (meine Eltern waren auf dem Weg nach Wangerooge) zu mir gesagt. Damals verstand ich wohl nicht ganz, warum sie unbedingt meine Wohnung sehen wollten, heute bin ich froh, dass er, dass sie hier waren, dass diese Bilder in ihm lebendig waren, in ihm sind. Er ist müde, geht früh zu Bett. Ich klappe ihm im Westzimmer das Schrankbett aus und beziehe es frisch.
Auch ich schlafe schnell ein, sehr glücklich, meinen Vater wiederzuhaben, aber auch erschöpft von der Anstrengung des Tages. So eine Auferstehung von den Toten erlebt man schließlich nicht oft.
Als ich am nächsten Morgen ins Westzimmer gehe, um ihn zu wecken und mit ihm den Zug nach Halver zu meiner Mutter zu nehmen, ist das schwere Schrankbett hochgeklappt und mein Vater nicht mehr da.
Doch ich weiß ja jetzt, wo ich ihn finde.
Kerze im anderen Raum
An den vielen schönen Abenden, die ich in meiner Wohnungseinsamkeit verbringe, zünde ich immer auch eine Kerze in dem Raum an, in dem ich mich gerade nicht befinde. Solch eine Kerze war mein Vater für mich. Um sie anzuzünden, benutze ich Pfeifenstreichhölzer (die guten aus Schweden), obwohl ich keine Pfeife rauche – aber er.
Wachablösung
Viel zu tun und zwei neue brotberufliche Anfragen am Tag, an dem mein Vater wieder ins Krankenhaus eingeliefert wird. Die Gnade deines Vaters: dann zu sterben, wenn du ihn nicht mehr brauchst. Wacht jetzt die Welt über dich?
Freizeichen
Dass er jetzt im Krankenhaus liegt und nicht telefonieren möchte, weil es ihm »zu anstrengend« ist, wie meine Mutter sagt. Neben den gemeinsamen Tränen, die er uns erspart: die Großzügigkeit eines Vaters, der mich jetzt auch in meinem Schmerz nicht an sich klammern möchte.
Doppelt zerbrechlich
Wir sind Scherben, aber keine aus Glas, sondern solche aus Eis, die an einem sonnigen Tag achtlos auf der gefrorenen Wasserfläche liegen.
Gleiswechsel
»Es ist so weit«, sagt mein Vater am Telefon, als meine Mutter mich aus seinem Krankenhauszimmer anruft und ihm den Hörer reicht. Dann sagt er es noch einmal, weil er wohl ahnt, dass ich ihn nicht verstanden habe, ihn nicht verstehen will: »Es ist so weit.«
Wo ich sei? Im Zug, kurz vor Hannover, sage ich. Früher Freitagnachmittag, der 1. Klasse-Großraumwagen ist gut besetzt. Ich schaffe es unter Tränen, ihm zu sagen, dass ich ihn sehr liebe und bewundere für alles, was er erreicht hat und ist. Meine Stimme wird laut und verzerrt sich durch das Weinen zu einem Kreischen. Ich spüre, wie der ganze Großraumwagen still zusammenzuckt – und es ist mir egal.
Er sagt nicht, dass er mich auch liebt oder etwas anderes Pathetisches. Er bedankt sich für meine Worte.
»Ich hoffe, dass ich es rechtzeitig schaffe …«, sage ich.
»Ja, das schaffe ich schon«, sagt er: »Bis nachher!«
Beim Umsteigen in Hannover muss ich den Bahnsteig wechseln. Im Rekordtempo sprinte ich vom Zug die Treppen hinunter und die nächsten Treppen wieder hinauf. Fast renne ich jemanden um, in Angst, zu spät zur wichtigsten Verabredung meines Lebens zu kommen.
Diese Panik wird abgelöst von der Angst vor einem positiven Corona-Test, was bedeutet hätte, das Krankenhaus nicht betreten zu dürfen und meinen Vater nie mehr wiederzusehen. Dann hätte ich zum Betrüger werden und mir den Zugang erschleichen und erkämpfen müssen. Ich mache schon Pläne, wie ich als Hausmeister verkleidet durch die Waschküche ins Krankenhaus eindringe … Ich bin tatsächlich bereit, dafür ins Gefängnis zu gehen.
Aber gut, alles positiv, alles negativ.
Verlorene Lektionen
Du weißt nicht, was du vermissen wirst. Du weißt es erst, wenn die Unwiederbringlichkeit da ist und du es vermisst.
Die Unwiederbringlichkeit – I
Wie ich auf dem grünen Stoffsofa auf den Knien meines Vaters saß und er mit mir »Wir reiten nach Laramie« spielte.
Wie er auf diesem unglaublichen Foto Weihnachten 1975 beim Frühstück – Margarine, Schwartau-Marmelade, Eierbecher mit Hut – im Schlafanzug mit mir herumalbert.
Wie er sich jeden Morgen nass rasierte – der Geruch der Marbert-Man-Rasierseife in der braunen Porzellanschale mit Haltegriff – und wie immer Barthaare auf dem Bord über seinem Waschbecken lagen, weil er sich den Schnäuzer mit der Bartschere stutzte.
Wie er mit mir Dreijährigem zur Sprengung des Halveraner Wasserturms ging; wie wir den weißen Turm vom »Hölzchen« aus zusammenfallen sahen und dabei auch genau auf den Teil des Friedhofs blickten, auf dem mein Vater heute begraben liegt.
Wie er mich morgens mit dem blauen Porsche 911 Targa in die Schule brachte.
Wie er seine lederne Tennistasche packte, und wie in ihr die Tennisbälle aus der frisch geöffneten Blechdose rochen.
Wie er nachts vorm Hotel Alpfrieden auf der Bettmeralp den silberfarbenen Sektkühler klaute, weil uns der Service schlecht behandelt hatte.
Wie er seinen dreißigsten Geburtstag als kostümierte Karnevalsparty im Tennisclub feierte und ein schwarz-weißes, dickbäuchiges Oberkellnerkostüm aus Plastik trug.
Wie er zwei Monate vor seinem Tod zusammen mit meiner Mutter den 100. Geburtstag des Geschäfts feierte, für den er sich von mir nicht etwa eine schnöde Pressemitteilung, sondern »ein Narrativ« (er liebte es, aufgeblasene Modewörter ironisch zu benutzen) gewünscht hatte.
Wie wir vor ein paar Jahren zusammen in Lüdenscheid auf den Markt gingen (zum ersten Mal nach seinem Schlaganfall fuhr ich wieder mit ihm Auto – und zum letzten Mal) und Matjes aßen, im Stehen mit Gabel, im Café Extrablatt Kaffee tranken und auf dem Rückweg...
| Erscheint lt. Verlag | 20.2.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Wiesbaden |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Autobiografisch • Ehrgeiz • Einsamkeit • Eltern • Endlichkeit • Erinnerung • Familie • Imagination • intellektuell • Man kann auch in die Höhe fallen • Meyerhoff • Sanftheit • Schreiben • Tod • Trauer • Vater und Sohn • Verlust |
| ISBN-10 | 3-8438-0782-5 / 3843807825 |
| ISBN-13 | 978-3-8438-0782-1 / 9783843807821 |
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