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Als meine Oma noch ein Mädchen war -  Paul Carsten Liberra

Als meine Oma noch ein Mädchen war (eBook)

Der Wandel einer Siebenjährigen aus Anklam / Ducherow zur alten Frau
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
180 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-6574-0 (ISBN)
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10,99 inkl. MwSt
(CHF 10,70)
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Wenn meine in Ducherow geborene Oma über alten Zeiten redete, erwähnte sie auch immer ihren langen, einsamen Schulweg vom elterlichen Hof in Eichenfelde ins nächste Dorf Alt Kosenow bei Anklam. Sie sprach von den Russen, die ab Mai 1945 jeden Abend ins abgelegene Haus gepoltert waren und nach der Mutter gesucht hatten. Von Opas Flucht aus der DDR auf einem Greifswalder Fischkutter hat sie uns erzählt, der die Besatzung unter Deck eingeschlossen hatte und bei Nacht und Nebel auf Bornholm zugesteuert war. Wie sie ihm als Schwangere in den Westen folgte. Vom Wohnen im Barackenlager in Bad Schwartau, von der Geburt meines Vaters und der Wiederkehr in den Osten Deutschlands. Von der Überwachung durch die Stasi, vom Leben in der DDR, in Greifswald. Ich mache mich auf die Suche und beleuchte die Vergangenheit, folge Omas Spuren bis zurück zum Tag ihrer Geburt. Die Kindheitserinnerungen meines Vaters ziehe ich hinzu, rekonstruiere die Stasiunterlagen, befahre die Orte von einst und dokumentiere im Alter ihren Wechsel ins Pflegeheim sowie das Fortschreiten ihrer Demenz, der Wandlung einer Siebenjährigen zur alten Frau.

Paul Carsten Liberra wurde 1978 in Greifswald geboren. Nach dem Schulabschluss absolvierte er den Beruf des Zimmermanns. Lange schon widmet er sich der Geschichte seiner Heimatstadt und den Menschen, die in ihren Mauern den Zweiten Weltkrieg miterlebten.

Ein Mädchen wird geboren


Gegen Mittag des 13. Juni 1935 erschallen aus einem Backsteingebäude an der Hinterstraße in Ducherow die Schmerzensschreie der Apothekenhausdame Anna Ida Luise Tiedt, die gerade ihr erstes Kind gebärt. Von stundenlangen Wehen völlig erschöpft, liegt sie alsdann in ihrem Bett. Die Hebamme reicht der Mutter das Kind. Ein Mädchen ist es, das da seine Äuglein öffnet. Brigitte Hanna Ilse wird es heißen.

Es ist der erste Tag im Leben meiner Oma. In einer Zeit, in der Adolf Hitler als »Führer und Reichskanzler« regiert. Drei Monate später werden die Nürnberger Rassengesetze verabschiedet. Nur zwei Wochen nach ihrer Geburt tritt der Reichsarbeitsdienst in Kraft. Drei Monate zuvor war die allgemeine Wehrpflicht wiedereingeführt und, entgegen den Bestimmungen im Vertrag von Versailles, die Aufrüstung in der Kriegsindustrie forciert worden. Die Gründung der Deutschen Luftwaffe und die Rückerhaltung des Saargebiets gingen Anfang März vonstatten, ein Vierteljahr zuvor. Die Welt erlebt einen stillen und heimlichen Wandel. Nur siebzehn Jahre nach dem vergangenen Krieg braut sich im Deutschen Reich schon wieder etwas zusammen.

Meine Oma hat einen Teil ihres Lebens niedergeschrieben, wahllos auf Din-A4-Blättern, auf Notizzetteln oder Rückseiten von Lebensmittelverpackungen. Vielmehr noch hat sie mündlich berichtet, über alte Zeiten gesprochen, von Eichenfelde und Kosenow, von Ducherow und Lubmin, von Greifswald und der Grenzflucht nach Westdeutschland. Darum lasse ich nun erst einmal sie erzählen bzw. stelle die Geschehnisse mit ihren Worten dar:

Ich war ein Wunschkind, sagte meine Mutti


Meine Eltern, Anna Ida Luise Tiedt aus Heidberg und Erich Albert Otto Scharf aus Rosenhagen, lernten sich 1930 in Ducherow kennen und heirateten am 12. November 1932. Mein Papa füllte Kipploren auf Schienen in der örtlichen Ziegelei, meine Mutti war Hausmädchen in der Apotheke. Ich habe aber keine Erinnerungen an meinen Papa, denn er starb, als ich drei Jahre alt war. Er hatte am Bahndamm Heu gemäht, war in den Mittagsstunden eingeschlafen und erlitt einen Sonnenstich.

1938 kamen sich meine Mutti und ihre Jugendliebe Karl August Dirl beim Tanzen in Ducherow näher. Er wohnte mit seinen Eltern im Forsthaus Eichenfelde und war schon immer hinter Mutti her. In jenem Sommer, so hat sie mir erzählt, da holte Papa Karl uns von Ducherow ab. Er nahm mich auf seine Schultern. Wir gingen an den Bahnschienen entlang zum Forsthaus. Am 8. April 1939 heirateten sie. Mutti und ich zogen zu ihm nach Eichenfelde, wo es nur ein Haus und eine Scheune gab. Zweimal am Tag fuhr die Kleinbahn hindurch, morgens um acht und nachmittags, direkt vor unserem Haus. Sie fuhr von Anklam über Bargischow nach Rosenhagen und weiter bis Bugewitz und Leopoldshagen, dann kam sie wieder zurück. In Eichenfelde war kein Haltepunkt. Sie stoppte nur, wenn ein Fahrgast den Lokführer darum bat. Ganz selten aber stieg bei uns jemand aus.

Ende April 1939 wurde Papa eingezogen, da war Mutti gerade schwanger. Wir gingen zu dritt die Schienen entlang nach Ducherow. Der Bahnsteig war voller Frauen und Kinder. Es kam ein langer Zug mit Viehwaggons, alle jungen Männer stiegen ein. Ich höre noch heute den Aufschrei der Frauen, als der Zug anfuhr, wie die Kinder riefen: »Papa, Papi!« Das werde ich nie vergessen. Mutti und ich gingen allein an den Schienen entlang wieder nach Hause.

Ich hatte keine Spielkameraden, nur Mutti, Oma und Opa Dirl. Meine einzigen Spielzeuge waren ein Puppenwagen und eine Puppe. Mutti hatte mir dafür Kleider genäht. In den Sommern wurde ich manchmal zu den Großeltern Tiedt nach Heidberg geholt, die Eltern meiner Mutti. Ich war ihre Lieblingsenkeltochter und wurde immer mit Freuden aufgenommen. Sie lasen mir Geschichten vor. Oma Klara zeigte mir, wie man Kuchen backt. Ich habe viel von ihr gelernt. Sie machte den Haushalt und versorgte das Vieh, während mein Opa in der Landwirtschaft arbeitete.

An die Geburt von meinem Bruder Ulli erinnere ich mich noch wie heute. Es war vormittags, Mutti grub im Garten Kartoffeln. Dann rief sie nach mir, ich solle Oma aus der Küche holen. Am 21. September 1939 wurde Ulli im Krankenhaus in Anklam geboren. Anfang Oktober kamen sie aus der Klinik nach Hause. Oh, wie war ich stolz, einen Bruder zu haben. Ich hab ihn nur geschaukelt und bin mit ihm auf dem Hof spazieren gefahren. Im Januar 1940 kam Papa auf Urlaub heim. Danach kehrte er nur noch selten zurück.

In Eichenfelde war es sehr einsam. Dort stand nur unser Haus, drumherum viel Wald und Wiesen. Es war gemütlich, aber wir hatten nur einen Sessel, auf dem jeder sitzen wollte. Im September 1941 kam ich mit sechs Jahren in die Schule. Die war in Alt Kosenow, drei Kilometer weit weg. Sie hatte keinen besonderen Namen und hieß einfach nur Dorfschule. Mutti brachte mich das erste Jahr dorthin. Später begleitete sie mich nur einen Kilometer weit, bis da, wo die Bäume und Sträucher zu Ende waren, vor denen ich mich fürchtete. Es gab dort so viele Schlehen. Als ich etwas größer war, musste ich immer den ganzen Weg alleine gehen, jeden Morgen fünfzig Minuten lang. Es blieb mir nicht erspart, keiner konnte mich begleiten. Papa war im Krieg. Mutti, Oma und Opa hatten in der Hofwirtschaft zu tun. Im Sommer war es besser, da war es morgens schon hell. Im Herbst und im Winter, wenn es noch dunkel war, glaubte ich, da würde einer auf mich lauern. Wenn auf einem Strauch kein Reif oder Schnee gelegen hat, war ich mir sicher, dass sich dort jemand versteckte. Dann lief ich weinend zurück. Mutti brachte mich dann den ganzen Weg, manchmal auch mein Opa. Wenn Schnee lag, war es schlimm, als ob ich Kosenow nie erreichen würde, so lange dauerte es. Da konnte ich nicht mal rennen, wenn ich Angst hatte, weil ich gar nicht vorwärts kam. Was ich mich in meinem Leben gefürchtet hab, das kann sich keiner vorstellen.

Nach der Schule holte ich Brot von Bäcker Naumann und ging wieder nach Hause. Ich aß Mittag und musste meiner Mutti helfen: Geschirr spülen, Wäsche zusammenlegen, Kürbisse zerteilen. Zum Spielen nach der Schule war keine Zeit. Hausaufgaben machte ich abends unter einer Petroleumlampe. Einmal schlug der Blitz in die Kette unseres Bullen ein, der auf der Wiese am Bach festgemacht war. Sein Tod bedeutete einen Verlust von mehr als tausend Mark und war eine Tragödie für uns als Bauernfamilie.

Ich hatte keine Freundin, bis ich zehneinhalb Jahre alt war. Zum Spielen gab es nur Ulli. Ich hab ihn so sehr lieb gehabt und weiß noch, als ich sieben war und mit ihm spazieren ging. Er war drei Jahre alt. Es war Sommer und es wurde Getreide eingefahren. Mein Onkel Otto, der Mann von Papas Schwester Anna, fuhr den Leiterwagen. Da sagte er zu mir: »Wollt ihr beide mit nach Kosenow? Und wenn ich da abgeladen hab, nehme ich euch wieder mit zurück nach Eichenfelde.« Ich setzte mich hinten auf das schmale Brett und hielt Ulli fest. Wir fuhren über die Bahnschienen, da konnte ich Ulli nicht mehr halten. Er fiel runter und schlug sich das Kinn auf. Die Narbe hat er heute noch. Es war schlimm, ich hatte mich doch so gefreut, allen meinen Bruder zu zeigen.

Im Oktober kamen die ersten Nachtfröste, das war gut, weil Mutti jetzt die Schlehen verarbeiten konnte. Die brauchen Frost, sonst schmecken sie nicht als Wein oder Saft. Ab November hatten Oma und Opa mit dem Schlachten zu tun. Das ging bis weit in den Dezember rein. War das erledigt, trank Opa immer ein Glas Schweineblut. Von unserem Wohnzimmerfenster sahen wir das Schloss Auerose. Oh, oh, wir wohnten so weit weg von allen Dörfern, in der Einöde. Das mochte ich nie. Weihnachtsabende haben wir klein gefeiert, mit Kerze und Kuchen, einer Ente. Welche Geschenke es gab, das weiß ich nicht mehr. Wir hatten wohl auch ein Bäumchen zu stehen, auf jeden Fall aber Nadelzweige. Vor meinen Augen hab ich noch ein Bild, wie Mutti und Ulli am Ofen sitzen und zu einem Weihnachtslied in die Hände klatschen.

1942 kehrte mein Papa ein letztes Mal auf Urlaub heim. Er war jetzt Helfer beim Veterinär im Pferdelazarett 561 und blieb nur kurz, dann musste er wieder los. Wir ahnten ja nicht, dass es ein Abschied wird für eine lange, lange Zeit.

Als die Hölle zu uns nach Hause kam


Im Januar 1945 erreichten die ersten Flüchtlinge aus Hinterpommern Eichenfelde. Die ganzen Wiesen standen voller Pferdewagen. Frauen und Kinder schliefen in unserer Scheune. Die Leute hatten nichts zu essen, sie kamen und holten sich was von uns. Mutti hatte den Keller voll Eingewecktem und kochte Milch für alle. Sie hat immer nur gegeben und versuchte bis zuletzt, vor uns Kindern ein Gefühl der Normalität bestehen zu lassen.

Es war Ende April, da stand ich mit Oma und Opa an unserer Pforte, als Leute aus Rosenhagen kamen und riefen, dass auf der Straße von Ducherow nach Anklam russische Laster und Panzer fahren. Wir hatten schon vorher Schüsse gehört. Oma und Opa vergruben eilig das Geschirr im Garten und hängten weiße Bettlaken in die Fenster. Alle hatten Angst. Bei den Flüchtlingen war dann auch der Teufel los, die wussten nicht, wohin sie noch sollten. Zurückgehen war unmöglich, weiterziehen über Anklam genauso ausgeschlossen. Da war eine Frau, die heulte nur, die konnte auch meine Mutti...

Erscheint lt. Verlag 13.2.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7693-6574-7 / 3769365747
ISBN-13 978-3-7693-6574-0 / 9783769365740
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