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Der falsche Held. -  Rolf Helfert

Der falsche Held. (eBook)

Paul von Lettow-Vorbeck und der deutsche Kolonialismus

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
118 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-9454-2 (ISBN)
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In den Jahren des Ersten Weltkriegs avancierte Paul von Lettow-Vorbeck (1870 bis 1964) zu einem der berühmtesten deutschen Generäle. Jahrzehntelang galt er als im Feld unbesiegt, ein ritterlicher Kämpfer, dessen afrikanische Soldaten ihm angeblich treu zur Seite standen. Wer war der Mann, der über vier ebenso erbittert wie zwecklos Krieg führte? In welche historische Zusammenhänge ist er einzuordnen? Wie in einem Brennpunkt hat Lettow-Vorbeck zwei historische Stränge gleichzeitig repräsentiert und verknüpft: den europäischen Kolonialismus und spezifische Eigenarten deutscher Geschichte. Sein skrupelloser persönlicher Ehrgeiz und Machtwille stellten die Brücke des einen zum anderen dar. Das Buch ist vorrangig für historisch interessierte Laien geeignet.

1. Zur Thematik und Fragestellung


Die ganze Kolonisationspolitik ist
ein Blödsinn. Jeder hat sich da zu
bewähren, wohin ihn Gott gestellt
hat, nicht in einem fremden Nest.

Theodor Fontane 1

In den Jahren des Ersten Weltkriegs avancierte Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964) zu einem der berühmtesten deutschen Generäle. Jahrzehntelang galt er als „im Feld unbesiegt“, ein ritterlicher Kämpfer, dessen afrikanische Soldaten ihm „treu“ zur Seite standen.

Lettow-Vorbecks „Ehrenhaftigkeit“ sollte den deutschen Anspruch untermauern, die 1918/19 verlorenen Kolonien zurückzuerhalten. Dass ihn sogar ehemalige britische Kriegsgegner verehrten, trug zu dieser Legende ebenso bei wie die romantische „Heia-Safari!“-Exotik des weit entfernten afrikanischen Kriegsschauplatzes. Noch in den 50er-Jahren hörten Tausende die Afrika-Vorträge des alten Generals.

Von August 1914 bis Ende November 1918 hatte Lettow-Vorbeck die Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ gegen alliierte Truppen verteidigt. Am Ende ging Deutsch-Ostafrika dennoch verloren – wie die übrigen deutschen Kolonien, die meist schon nach wenigen Monaten aufgaben.

Auch die – letztlich zwecklose – Verteidigung Kiautschous gegen eine große Übermacht bis November 1914 und das Abtauchen des Hauptmanns Hermann Detzner mit wenigen Getreuen im Busch von Papua-Neuguinea stilisierte die kaiserliche Propaganda zu ähnlichen, längst vergessenen Mythen. (Berühmt wurde der „Flieger von Kiautschou“, Günter Plüschow, der ein „Ehrengrab“ auf dem Parkfriedhof Berlin/Lichterfelde erhielt).

Anders als Detzner oder Plüschow verbreitete jedoch Lettow-Vorbeck seit 1918/19 eine politische Botschaft. Intensiv propagierte der General in der deutschen Öffentlichkeit das Prinzip der kolonialen Herrenrasse, forderte „Lebensraum“ zu gewinnen, bejahte Krieg und Großmachtpolitik, bekämpfte die Demokratie und lobte den Nationalsozialismus.

Wegen seiner Teilnahme am Kapp-Putsch wurde Lettow-Vorbeck 1920 aus dem Militär entlassen. Unentwegt agitierte er mittels Büchern und Vorträgen für seine kolonialimperialistischen Träume. Bis er starb, genoss Lettow-Vorbeck in Teilen der deutschen Öffentlichkeit ein hohes Ansehen. Zwei deutsche Universitäten verliehen ihm 1919 die Ehrendoktorwürde.

Noch 1956 erhielt Lettow-Vorbeck die „Ehrenbürgerschaft“ seiner Geburtsstadt Saarlouis. Mehrere Kasernen und Straßen trugen seinen Namen. Der bei Lettow-Vor-becks Beerdigung anwesende damalige Bundesverteidigungsminister von Hassel pries ihn als Vorbild für junge Soldaten.

Dabei war Lettow-Vorbecks Krieg, militärstrategisch gesehen, ein Fehlschlag. Sein Ziel, möglichst viele alliierte Truppen in Afrika zu binden, um sie vom europäischen Kriegsschauplatz fernzuhalten, hat er schon deshalb nicht erreicht, weil die alliierten Soldaten, gegen die er kämpfte, aufgrund ihrer Bewaffnung und Ausbildung in Europa nicht hätten eingesetzt werden können. Lettow-Vorbecks zum Scheitern verurteilter Krieg hat insgesamt etwa 700 000 Zivilisten das Leben gekostet und ganze Landschaften verheert.

Am Ende hat ideologisch und politisch motiviertes Wunschdenken die Lettow-Vorbeck-Saga erschaffen.

Zur Lettow-Vorbeck-Legende trug wesentlich die vermeintliche „Treue der Askaris“ bei, also jener afrikanischen Soldaten, die Lettow-Vorbeck in Ostafrika unterstützten. Diesen Mythos, den Lettow-Vorbeck selbst geschaffen hat, galt bis weit nach 1945 als eine der Rechtfertigungen deutscher Kolonialpolitik. Die Askari-Legende soll mit der Wirklichkeit in Deutsch-Ostafrika verglichen werden.

Wer war der Mann, der über vier Jahre ebenso erbittert wie sinnlos Krieg führte? In welche historische Zusammenhänge ist er einzuordnen? Das deutsche Kolonialreich existierte nur von 1884 bis 1918. Verglichen mit den jahrhundertealten, riesigen Kolonialreichen der Briten, Franzosen, Niederländer und Spanier blieb die überseeische Expansion der Deutschen marginal. (Im Fall eines deutschen Sieges wären allerdings viele Ländereien hinzugekommen).

Die Größe und Dauer des deutschen Kolonialbesitzes genügen jedoch nicht zur historischen Beurteilung. Vielmehr gilt es, Fragen zu beantworten, die den europäischen Kolonialismus generell betreffen. Gibt es überhaupt eine spezifisch deutsche koloniale Vergangenheit? Offenbarte sich gerade in den Kriegsjahren 1914/18 der wahre, auf Zwang und Gewalt errichtete Charakter jeglicher Kolonialherrschaft? Als Persönlichkeit der allgemeinen Kolonialgeschichte wurde Lettow-Vorbeck eher selten wahrgenommen.

Genau hier liegt der zentrale Schwachpunkt der Lettow-Vorbeck-Biografien von Eckard Michels (2008) und Uwe Schulte-Varendorff (2006) 2. Beide vertreten die gleichen Thesen; sie betrachten Lettow-Vorbeck hauptsächlich als Phänomen der deutschen Militärgeschichte. Dem Leser wird ein altpreußischer Offizier vorgestellt, der wegen seiner „militaristischen“ Prägung Ostafrika verwüstete. Dabei wird nicht nur ausgeblendet, dass Zivilisten die deutsche Kolonialpolitik in Gang gesetzt hatten.

Michels und Schulte-Varendorff ignorieren, dass Motive und Ziele, die deutsche Kolonialisten bewogen, nach Afrika zu gehen, denen in Westeuropa völlig glichen. Sogar die Doktrin von der „Herrenrasse“ wurde nicht in Deutschland erfunden. Bei der deutschen Kolonialpolitik standen Briten und Franzosen gleichsam Pate. Auch hinsichtlich der Grausamkeit gab es keine messbaren Unterschiede. Man denke an die Gräuel in Belgisch-Kongo! Lettow-Vorbeck, der deutsche Kolonialismus überhaupt, dürfen nicht aus ihrem wichtigsten Bezug, dem europäischen Imperialismus, herausgelöst werden.

Eben dieser grundlegende Fehler unterlief Lettow-Vorbecks Biografen; deshalb haben sie die historische Bedeutung dieses Offiziers und Kolonialisten nicht voll erkannt. Auch ohne ihn wären Deutschlands überseeische Besitzungen verloren gegangen. Lettow-Vorbecks persönliches Scheitern wird erst dadurch zu einem historischen Ereignis, weil mit ihm eine ganze Epoche zugrunde ging: der prinzipiell verfehlte europäische Imperialismus.

Dass die deutsche Kolonialpolitik nach wenigen Jahrzehnten endete, nahm den Untergang des gesamten „imperialistischen“ Systems lediglich vorweg. Mit alledem hing das preußisch-deutsche Militärwesen nur partiell zusammen. Die traditionelle preußische Staatsräson stand der kolonialen Idee eher fremd und skeptisch gegenüber. Schon darum wird die begrenzte Perspektive der beiden genannten Historiker den Tatsachen bloß teilweise gerecht.

Insofern sich Lettow-Vorbeck als Kolonialist definierte, lohnt es sehr, ihn beim Wort zu nehmen und den europäischen Imperialismus, seine Ursachen und Folgen, näher zu betrachten. Auch sind die wichtigsten Realitäten in den deutschen Kolonien zu schildern.

Selbstverständlich ist die Bedeutung Lettow-Vorbecks für die deutsche Geschichte genauso zu betonen. Spezifisch `deutsch` war bereits die Art und Weise, in der Lettow-Vorbeck Krieg führte. Er kämpfte in aussichtsloser Position, scheute auch das sinnloseste Opfer nicht, lehnte diplomatische Lösungen ab.

Diese `militaristische` Gesinnung wies Parallelen zur Schlussphase des Zweiten Weltkriegs auf. Trotz vorhersehbarer Niederlage verlangte Lettow-Vorbeck noch 1944, den Krieg fortzusetzen. Auch die kolonialistische „Lebensraum“-Idee entsprach manchen Vorstellungen der Nationalsozialisten. Lettow-Vorbecks Rasseideologie und sein autoritär-monarchistisches Staatsprinzip sollen ebenfalls berücksichtigt werden.

Nach 1918 wollte Lettow-Vorbeck Deutschland gemäß solcher Anschauungen gestalten. Der General betrachtete sich als Opfer eines „Dolchstoßes“ und versuchte, die Demokratie zu beseitigen, indem er den Kapp-Putsch unterstützte. Lettow-Vorbeck war daran beteiligt, einen neuen Krieg vorzubereiten.

Daher ist die Rolle zu erörtern, die der „Afrikakämpfer“ bei der „Besetzung“ Hamburgs 1919 spielte, der Kapp-Putsch, Lettow-Vorbecks schon erwähnte Propaganda, die dem Neuerwerb deutscher Kolonien diente, nicht zu vergessen seine Tätigkeit als DNVP-Abgeordneter des Reichstags.

Obwohl der adelige Offizier die `Massen` verachtete, ging er mit den Nationalsozialisten großenteis konform. Lettow-Vorbeck, ein notorischer Kolonialist, spielte allerdings seit 1933 nur eine untergeordnete Rolle; die Nationalsozialisten interessierte erstrangig der „Ostraum“. Jedoch feierte ihn das „Dritte Reich“ als „heldenhaften und vorbildlichen“ Soldaten. In der letzten Lebensphase (1945-1964) blieb er bis zum Tod uneinsichtig.

Wie in einem Brennpunkt hat Lettow-Vorbeck zwei historische Stränge gleichzeitig repräsentiert und verknüpft: den europäischen Kolonialismus und spezifische Eigenarten deutscher Geschichte. Sein skrupelloser persönlicher Ehrgeiz und Machtwille stellten die Brücke des einen zum anderen dar.

Alle hier dargelegten Fakten und Zitate, sofern sie Lettow-Vorbeck betreffen, basieren auf der Sekundärliteratur und seinen eigenen...

Erscheint lt. Verlag 15.1.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7693-9454-2 / 3769394542
ISBN-13 978-3-7693-9454-2 / 9783769394542
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