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Die weißen Nächte (eBook)

Roman in 13 Geschichten

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1., Deutsche Erstausgabe
155 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-78210-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die weißen Nächte - Urszula Honek
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Über das Lieben und Hoffen von Menschen, die im Schatten stehen

Ein schläfriges Dorf am Fuß der Beskiden, ins Licht der Sommermonate getaucht. Freunde, die sich aus der Schule kennen, gehen auf Arbeitssuche, zwei schon mit dem Tod im Herzen. Ein kleines Mädchen steht seiner Großmutter beim Sterben bei, ohne es zu wissen. Eine unverheiratete junge Frau, die als einzige im nahegelegenen Städtchen zur Schule gegangen ist, will mehr vom Leben, als es ihr bieten kann. Sie alle, die mit existentiellen Krisen zu kämpfen haben, lassen mit ihrer je eigenen Stimme ein erzählerisches Mosaik aus dreizehn miteinander verknüpften Geschichten entstehen.

Im Dorf herrschen namenlose Ängste, die an Vergangenes rühren, aber auch Freundschaft, Empathie und Verbundenheit mit allem Lebendigen. Urszula Honek verfügt über eine ungemein reiche sprachliche Palette an Farben und Registern, um den sehnsüchtigen, traurigen, liebenden Menschen eine Aura zu geben. Eingebettet in die menschenleere, hügelige Waldlandschaft mit ihrer Stille und ihrem Licht verleiht sie ihnen eine ganz eigene Transzendenz.



Urszula Honek, Jg. 1987, wurde in Rac?awice/Beskiden im Südosten Polens geboren. Nach mehreren preisgekrönten Gedichtbänden legt sie mit <em>Die weißen Nächte</em> ihr erstes Prosawerk vor. Das Buch wurde mit zwei renommierten Preisen ausgezeichnet (Conrad-Preis; Ko?cielski-Preis) und stand auf der Longlist des Internationalen Booker Prize 2024.

Erlaubnis zur Landung


Ein Haus wie ein Hühnerstall, wenn man sich anlehnt oder dagegentritt, hat man das Gefühl, gleich stürzen alle Bretter zusammen oder brechen durch, so morsch ist alles. Dass es ihnen all die Jahre nicht auf den Schädel geknallt ist, versteh ich nicht. Vielleicht sind sie auf Zehenspitzen gegangen und wurden nie laut, weder beim Vögeln noch wenn sie Krach hatten, anders kann ich’s mir nicht vorstellen. Außerdem steht es auf dem Hügel, ganz an der Kante, direkt an der Kurve, wo’s nach Rożnowice geht. Wenn man mit dem Lastwagen vorbeifuhr, konnte man Pilot am Fenster abklatschen. Da drin muss alles gewackelt haben, wenn sie gegessen oder geschlafen haben, ich hätte das nicht lang ausgehalten, aber was sollen die Leute tun, wenn sie keine Wahl haben? Da gab’s ein Zimmer, Küche, der Abort auf dem Hof, und zwölf Mäuler zu stopfen, na ja, eher elfeinhalb, weil Pilot zählt bloß halb. Ob ich da öfter gewesen bin? Ach woher, ein- oder zweimal als Kind, Andrzej und ich haben uns mit Pilot meistens im Freien verabredet, im Gestrüpp, im Grodzki-Wald oder bei mir. Aber an das eine Mal, wo ich da war, kann ich mich gut erinnern, auch wenn ich erst fünf war oder so. Es ging wie in einen Schuppen, nicht wie in ein Haus, Erde unter den Füßen, Stroh kam aus den Wänden und hing von der Decke, der Putz war abgekratzt, aber das ist es gar nicht, woran ich mich am besten erinnere. Das erste Mal erschrak ich vor der Dunkelheit, weil ich bin am hellen Tag rein, und da drinnen war’s Nacht, kein Fenster im Flur, nur die Küche gegenüber vom Eingang, aber sie kam mir weit entfernt vor – und hell, als würde sie nicht zu diesem Haus gehören. Ich weiß nicht, ob es wirklich so war, aber irgendwas muss dran sein. Heute denke ich, wenn auch meine Zeit gekommen ist, denn von uns dreien bin nur ich noch übrig, dann gehe ich diesen Flur bis zum Ende.

Wer weiß, wenn Pilot den Teich und dieses Mädchen nicht so wahnsinnig gewollt hätte, vielleicht würde er dann noch leben.

Die Sonne geht hier langsam unter, nicht, dass es ruck zuck dunkel wäre und man die Hand vor den Augen nicht mehr sieht. Am Anfang verschwinden die Bäume in der Dämmerung, dann die Dächer, die Fenster, die Menschen, und am Ende die Kühe auf den Feldern. Die Welt wird rot, als hätte sie Feuer gefangen. Das macht einem Angst, aber hier und da kommt ein Dunkelblau durch, das versucht alles zu löschen, und gleich flattert das Herz weniger. Jeder Sommer bei uns beginnt und endet so, es sei denn, es gießt, dann ist alles grau, als hätten die Leute die Asche aus den Kohlenkästen in die Luft geblasen – so habe ich mir das schon als Kind vorgestellt. Wenn es gießt, kommen manchmal Störche auf die nassen Wiesen und versinken mit ihren dünnen Beinen so tief, dass sie sich nicht von der Stelle rühren können, ein komischer Anblick. Die Füchse – sie mag ich am liebsten – strecken dann eher die Köpfe aus dem Bau und beginnen schon am Tag zu kursieren, wie Taxis in den großen Städten, immer hin und her. Dieses Rot am Abend steigt mehr den Menschen zu Kopf als den Tieren, öfter als sonst schauen sie zum Himmel, ballen dann die Fäuste und gehen geradeaus, aber wenn man sie anhalten und fragen würde: »Wohin geht ihr denn?«, hätten sie keine Antwort. Sie würden dastehen wie aus dem Tiefschlaf gerissen, mit offenem Mund. An so einem Tag ging Pilot mit der Schaufel auf die Anhöhe und guckte, auf welcher Seite er anfangen könnte mit Graben. Reglos stand er in der roten Landschaft und reckte den Hals.

Er begann im Norden.

»Ich fang beim Feld von den Firlits an«, quakte er los, vor dem Laden, und zeigte sein Froschlachen.

Mehr nicht, nur diesen einen Satz. Er warf auch sonst immer den Kopf in den Nacken, aber wenn er lachte, sah es aus, als würde er gleich nach hinten kippen, denn sein Kopf hing dann noch tiefer, fast überm Arsch.

»Hey, Pilot, dich würden sie im Zirkus nehmen, du könntest einen Salto rückwärts machen«, sagten die Leute zu ihm, aber ich glaube, er wusste gar nicht, dass das zum Lachen war.

Ich hab sogar mal gesehen, verdammt, wie er diese Saltos geübt hat! Nicht als Kind, nein, da war er schon ein alter Gaul. Ich bin bei ihm vorbeigegangen, weil ich ihn paar Tage nicht beim Laden gesehen hab, und sonst ja jeden Tag, aber die Tür zur Hütte war zu. Ich gucke in den Schuppen, und da steht er, beugt sich zurück und macht Sprünge auf der Stelle. Ich war total baff. Ob er von Kind auf davon geträumt hat, mit irgendeiner Truppe rumzuziehen? Na ja, jeder hat so seine Träume, aber er war ziemlich dünn, ein Hänfling, und nicht besonders flink. Brunnen konnte er graben, das muss man ihm lassen, und wenn er nüchtern war, haben sie ihn eingestellt, ohne Bedenken, aber für so akrobatische Sachen taugte er nicht. Er löste kaum die Füße vom Boden beim Springen, und sieben von zehn Mal flog er auf die Schnauze. Ich stand da und konnte den Blick nicht abwenden, mal war mir zum Lachen, mal zum Heulen, schwer zu sagen.

Das erste Mal, dass ich nicht wusste, ob das mit ihm traurig oder lustig sein sollte – da waren wir noch klein, vielleicht in der zweiten Klasse. Manchmal kam er in die Schule, aber meistens nicht, er tauchte wochenlang nicht auf, und dann nur für kurze Zeit; Lesen hat er nie richtig gelernt, er konnte kaum seinen Namen schreiben. Ja, und die Lehrerinnen fragten Andrzej und mich, weil wir seine besten Freunde waren: »Wo ist denn Mariusz?«, denn so hieß Pilot. Aber wir senkten nur den Blick und zuckten die Achseln, wir wüssten es nicht, und das war die Wahrheit. Wir dachten, seine Alten hätten Arbeit für ihn und erlaubten ihm nicht, in die Schule zu gehen, aber dann stellte sich raus, dass es gar nicht so war. Er ging jeden Tag los, den Beutel über der Schulter, rief der Mutter sogar »Gott mit dir« zu, denn das hat man uns beigebracht, aber in den Unterricht kam er nicht. Und was war? Er ist sechs, sieben Stunden im Graben gelegen oder hat sich im Gebüsch versteckt, und als das herauskam, erschien er mit blauen Flecken am ganzen Körper in der Schule. So wie damals haben seine Alten ihn wohl noch nie verprügelt, obwohl sie ihn regelmäßig schlugen. Und wenn jemand fragte, warum er so lange nicht da war und woher er die blauen Flecken und den Schorf hatte, sagte er, er wäre im Krieg gewesen, hätte die Schützengräben bewacht oder wäre als Partisan durch die Wälder gezogen. Damals musste ich zum ersten Mal heulen und lachen, beides gleichzeitig. Und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, dann hat er sich das vielleicht gar nicht ausgedacht, es kann gut sein, dass er diesen Krieg wirklich erlebt hat, das Vaterland verteidigt, für Mutter und Vater auf den Feind geschossen. Wer weiß. Ich sag’s ganz offen: Ich hab ein paar Jahre bei den Deutschen verbracht, und obwohl die bekanntlich Lampenschirme aus Menschenhaut gemacht haben – solche wie Pilot werden dort heute geachtet, da kümmert man sich, saubere Kliniken, Krankenschwestern, duftendes Klopapier, man kriegt so viel Geld für die Krankheit, dass man nicht mehr arbeiten muss. Tja, so sollte es auch bei uns sein, und nicht, dass man sich an den Kopf tippt. So eine Krankheit ist sogar noch schlimmer, wie wenn man keine Beine hat, weil diese Krankheit sieht man nicht, der Mensch läuft ganz normal herum und hat das Gefühl abzuheben. Pilot hatte das schon immer, dass er plötzlich zu reden aufhört und nur noch auf einen Punkt starrt. Man konnte ihn dann anquatschen, aber er war schon weit weg, und dort ging’s ihm wohl nicht schlecht, jedenfalls – zurück wollte er nicht so schnell. Tja, aber wie er erzählt hat, dass er einen Teich graben will, da hat er losgelacht, und lauter als sonst, so ganz tief von innen, als würden ihm die Eingeweide flattern. Nur einmal hab ich ihn so lachen hören, zwanzig Jahre vorher, wie ich ihn mit dem Motorrad fahren ließ. Damals hat es mich gewundert, aber jetzt, wo ich älter bin und die Jungs nicht mehr sind, verstehe ich alles besser. Ja, und wie er das mit dem Teich sagt, da wird er ganz still und starrt in die Ferne, und dann ist er aufgestanden und gegangen, ohne ein Wort zu sagen. 

Und eines wunderschönen Morgens fing er an zu graben.

Ich bin ja nicht sentimental, aber einen besseren Tag hätte er sich nicht aussuchen können. Man muss ein bisschen hier leben, morgens hier aufwachen, um das zu verstehen. Die zur Arbeit müssen, sind schon vor sechs weg. Es wird still, die Kühe sind getränkt und stehen draußen auf den Feldern,...

Erscheint lt. Verlag 25.2.2025
Übersetzer Renate Schmidgall
Sprache deutsch
Original-Titel Białe noce
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte aktuelles Buch • Aura • Beskiden • Białe noce deutsch • Bücher Neuerscheinung • Conrad-Preis 2023 • Europa: Gebirge Berge Ebenen Küstenstreifen usw. • Europa: landschaftlich • existentielle Krisen • Gebirge • Johann-Heinrich-Voß-Preis 2017 • Karparten • Kościelski-Preis 2023 • Licht • Longlist International Booker Prize 2024 • Namenlose Ängste • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Osteuropa • Polen • Sehnsucht • Sommer • Stille • Tod • Trauer • Verlust • verwobene Geschichten • Waldlandschaft
ISBN-10 3-518-78210-X / 351878210X
ISBN-13 978-3-518-78210-1 / 9783518782101
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