Der tote Antiquar von Limehouse (eBook)
319 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7517-6125-3 (ISBN)
London, 1871. Jacob Jacobus ist ein wahrhaft berüchtigter Antiquar mit einem Laden im zwielichtigen Viertel Limehouse, ein schlitzohriger Halunke, Vertrauter von Gaunerbanden - aber auch Augen und Ohren für Scotland Yard. Inspector Benjamin Ross sucht ihn regelmäßig auf, um an Informationen zu kommen. Auch jetzt, als er den spektakulären Diebstahl eines Diamanthalsbandes aufklären muss, eines wertvollen Erbstücks der Familie Roxby. Doch Jacobus ist tot, jemand hat ihm die Kehle aufgeschlitzt. Hängen der Mord und der Diebstahl miteinander zusammen? Ben und seine Ehefrau Lizzie ermitteln wieder einmal gemeinsam und kommen bald einem tragischen Geheimnis auf die Spur ...
<p><strong>Ann Granger</strong> war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe, die mit der Jessica-Campbell-Reihe fortgesetzt wird, sowie der siebenbändigen Fran-Varady-Reihe. Zudem schreibt sie an der Lizzie-Martin-und-Benjamin-Ross-Serie, die im viktorianischen England spielt.</p>
Kapitel Zwei
Es war gut, dass ich nicht länger bei Jacobus geblieben war. Bei meiner Rückkehr zu Scotland Yard wurde ich von Sergeant Morris abgefangen, noch bevor ich meinen Schreibtisch erreichen konnte. Er tauchte plötzlich auf und versperrte mir den Weg und wirkte aufgeregt und übellaunig. Das war nicht ungewöhnlich, und als er mich entdeckte, schien dies seine Laune zu bessern. Wenn er sich über meine Ankunft freute, dann war ich auf der Hut. Was war hier passiert?
»Gut, dass Sie gekommen sind, Sir!«, knurrte er in einem Tonfall, den er für ein Flüstern hielt. »Der Superintendent fragt schon seit einer halben Stunde nach Ihnen. Es ist eine Dame bei ihm!«
»Alt oder jung?«
»Sie ist in einem gewissen Alter«, sagte Morris in dem Versuch, galant zu klingen. Es klappte nicht, und er gab es auf. »Und sie hat ein bisschen Geld, so wie sie aussieht. Sie sollen gleich reinkommen, Sir.«
»Irgendeine Ahnung, worum es geht, Sergeant?«
»Ich weiß nur«, antwortete Morris, »dass Smaragde im Spiel sind.«
Nicht schon wieder ein Diebstahl in einem wohlhabenden Haus! »Einzelne Steine oder Schmuck?«, fragte ich resigniert. Jeder Beamte, den wir hatten, war bereits damit beschäftigt, einen Juwelendieb zu fassen oder seine Beute zu finden. Im Stillen verfluchte ich ›die Saison‹ und all die zusätzliche Arbeit, die sie uns bescherte.
»Ein Familienerbstück«, erklärte Morris. »Zumindest meint die Dame das. Sie sagen alle, dass es Familienerbstücke sind, die verschwunden sind. Man ist ein Niemand, wenn man nicht ein oder zwei Familienerbstücke in der Wohnung herumliegen hat. Mrs. Morris hat eine Teekanne, die zur Zeit des zweiten Königs Georg in die Familie kam, wie sie sagt. Sie legt großen Wert darauf, obwohl ich nichts Besonderes darin sehe. Aber so ist das mit Erbstücken: Sie müssen einem nicht gefallen, man muss sie nur besitzen. Oder wenn man wirklich reich ist, muss man sie einfach nur gestohlen bekommen. Wenn niemand versucht, einen zu bestehlen, bedeutet das, dass man nichts hat, was es wert wäre, gestohlen zu werden, und die Reichen wollen nicht, dass man das von ihnen denkt. Andererseits wollen sie alle, dass das Zeug gefunden und zurückgegeben wird – und zwar möglichst sofort. Zögern Sie nicht, Sir, ich bitte Sie! Der Superintendent ist ganz schön aufgebracht. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, denn mehr weiß ich auch nicht darüber! Die Dame«, schloss er mit gequälter Stimme, »hat es nicht für angebracht gehalten, mich ins Vertrauen zu ziehen.«
Wie Jacobus war auch er also im Dunkeln gelassen worden.
*
Als ich Dunns Büro betrat, fand ich nicht eine, sondern zwei Frauen vor, zwischen denen eindeutig ein gewisser Standesunterschied bestand. Dominiert wurde der Raum von einer beeindruckenden Dame in fortgeschrittenem mittlerem Alter (meiner Schätzung nach). Ich bin kein Experte für Damenmode; in diesem Punkt bin ich auf die Angaben meiner Frau angewiesen. Ich kann nur sagen, dass ich froh bin, dass die Krinoline ihre Popularität verloren hat. Die Röcke dieser Besucherin, die früher durch den Rahmen gestützt worden wären, waren nun zu einem Wasserfall aus Stoff zurückgezogen, der nach hinten unter die Taille ragte. Sie trug eine Samtjacke mit Bortenbesatz und einen Hut mit schmaler Krempe und viel Tüll, welcher wie ein Turban um die Kalotte gewickelt war. Unter dem Hut taxierte mich ein Paar sehr aufgeweckter Augen. Dann, als ob wir bemerkten, dass jeder von uns den anderen musterte, richtete sie ihren Blick abrupt wieder auf Superintendent Dunn.
Ich taxierte kurz die Dame in ihrer Gesellschaft. Ich verwende das Wort mit Bedacht, denn eine bezahlte Gesellschafterin war sie eindeutig. Ich schätzte sie auf etwa fünfzig Jahre, vielleicht ein oder zwei Jahre weniger, eine unscheinbare Frau, aber mit derben Gesichtszügen und intelligenten Augen. Auch ihr Kleid war unscheinbar, geradezu von einer gewissen Strenge. Sie hatte es offensichtlich für diese Zusammenkunft angelegt. Ihr allgemeines Auftreten ließ mich vermuten, dass sie schon seit einiger Zeit in Diensten der Beschwerdeführerin stand. Es war keine Beschäftigung, die ich irgendeiner Frau gewünscht hätte.
Ebenfalls anwesend war Constable Biddle, der diskret in einer Ecke saß und ein aufgeschlagenes Notizbuch auf dem Knie hatte. Ich bin mit Biddle gut bekannt. Er gehört nicht nur zur Truppe hier im Yard, sondern geht auch seit ein paar Jahren mit unserem Hausmädchen aus, trotz der energischen Einwände seiner besitzergreifenden Mutter.
»Ah, Ross!«, rief Dunn aus. »Da sind Sie ja endlich!«
Er wirkte etwas mitgenommen. Er wandte sich an die Besucherin und sagte: »Darf ich Ihnen Inspector Ross vorstellen, Ma’am? Er ist einer unserer erfahrensten Beamten.«
Der angriffslustige Blick unter dem Tüllturban wurde wieder auf mich gerichtet. »Soso«, sagte sie. »Weiß er, warum ich hier bin?«
Ich nahm es auf mich, selbst zu antworten; ich mag es nicht, wenn man sich indirekt an mich wendet. »Nicht in allen Einzelheiten, Ma’am. Der Sergeant teilte mir mit, dass es um verschwundene Edelsteine geht, aber das ist alles.«
Es war nicht beabsichtigt gewesen, aber es war mir gelungen, die Besucherin zu verärgern.
»Dies ist kein einfacher Diebstahl!«, versetzte sie. »Es handelt sich um ein außergewöhnliches Collier aus Smaragden und kleineren Diamanten, eingefasst in Gold, das in Südamerika für die Urgroßmutter meines verstorbenen Mannes angefertigt wurde. Sie stammte aus einer wohlhabenden brasilianischen Familie. Er schenkte es mir zu unserer Vermählung. Jetzt ist es aus meinem Haus gestohlen worden. Sie werden verstehen, dass ich mir Sorgen um seinen Verbleib mache und es so schnell wie möglich zurückhaben möchte. Ich habe Superintendent Dunn alles erklärt, und der junge Mann dort drüben hat sich alles notiert.«
Aus dem Augenwinkel heraus konnte ich eine kurze Regung im Gesicht ihrer Begleiterin wahrnehmen. Ich war mir nicht ganz sicher, was es war, aber es mochte Unmut sein.
»Diese Dame«, beeilte sich Dunn, die Zügel des Gesprächs in die Hand zu nehmen, »ist Mrs. Charlotte Roxby.«
»Es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Roxby.« Ihre Miene wurde weniger frostig, und sie nickte mir recht huldvoll zu. Leider verspielte ich sofort jedes Quäntchen ihrer Billigung, als ich so höflich wie möglich fragte: »Und die andere Dame?«
»Meine Gesellschafterin, Miss Chalk!«, blaffte Mrs. Roxby.
Miss Chalk blickte kurz auf, sah mich an und senkte dann den Blick wieder auf die gefalteten Hände in ihrem Schoß. Nun, dachte ich, mit ihr zu reden würde sich sicher lohnen. Sie weiß wahrscheinlich alles, was es über die Familie zu wissen gibt. Ich mochte Mrs. Roxby ohnehin jetzt schon nicht und würde auch nicht alles für bare Münze nehmen, was sie sagte. Ja, ich würde unter vier Augen mit der Gesellschafterin sprechen müssen. Aber eine Frage hatte ich, die sofort gestellt werden musste.
»Darf ich fragen, Ma’am, ob das Collier normalerweise in einem Banktresor aufbewahrt wird, oder ob es für gewöhnlich im Haus vorzufinden ist?«
»Es wird in einem ausgezeichneten Safe in meinem Haus aufbewahrt!«, erwiderte sie bissig. »Wenn es in einem Banktresor aufbewahrt würde, müsste es jedes Mal, wenn es benötigt wird, von dort geholt und am nächsten Tag zurückgebracht werden. Ich wohne in Hampstead. Der Weg über die Heide kann sehr einsam sein; es wäre eine Einladung zur Straßenräuberei. Es ist – war – in meinem eigenen Safe besser aufgehoben.«
Die Ironie dieser letzten Bemerkung entging niemandem im Raum. Die Dame errötete, und Miss Chalk sah kurz so aus, als genösse sie es, dass ihre Arbeitgeberin kurzzeitig die Fassung verlor.
»Ich werde Inspector Ross mit den bekannten Einzelheiten vertraut machen, Ma’am«, schaltete Dunn sich frostig ein.
»Ich erwarte, dass Sie mich in meinem Haus in Hampstead aufsuchen, Inspector, morgen um halb drei«, sagte Mrs. Roxby zu mir. »Dann können Sie mich über Ihre Fortschritte in dieser Angelegenheit auf den neuesten Stand bringen. Ich danke Ihnen, Superintendent Dunn, für Ihre freundliche Unterstützung.«
Und damit ging sie, die schweigsame Miss Chalk im Schlepptau.
»Gehen Sie und schreiben Sie Ihre Notizen für den Inspector ins Reine, Constable!«, befahl Dunn Biddle, der folgsam mit seinem Notizbuch in der Hand aus der Tür wieselte.
»Wo waren Sie bloß, Ross?«, schnauzte Dunn mich an. »Diese Frau hat nicht den geringsten Respekt vor Rang oder Prozedere! Ich komme mir vor, als hätte ich vor einem Kriegsgericht gestanden!«
»Ich habe den alten Jacobus aufgesucht, wie Sie es vorgeschlagen haben, wegen der Juwelendiebstähle, die sich in letzter Zeit ereignet haben. Er hat natürlich jede Kenntnis davon abgestritten. Aber er weiß, dass ich seine Aktivitäten beobachte, und wenn jemand an ihn herantritt –«
»Schon gut«, unterbrach mich Dunn. Er sah stets mehr wie ein Gutsbesitzer aus denn wie ein hoher Polizeibeamter. Er war von stämmiger Statur und trug gerne Tweed. Sein Haar war borstig und sehr kurz geschnitten, und sein Teint, normalerweise gerötet, glich in diesem Moment eher dem eines Cholerikers. »Konzentrieren wir uns für den Moment auf Mrs. Roxby.«
Er hielt inne, um eine Porträtfotografie in die Hand zu nehmen, und reichte sie mir. »Der verschwundene Schmuck.«
...| Erscheint lt. Verlag | 23.12.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Viktorianische Krimis |
| Übersetzer | Axel Franken |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Old Rogue of Limehouse |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Historische Kriminalromane | |
| Schlagworte | Anne Perry • Cosy Crime • England • Ermittlerduo • historischer Krimi • Hobbydetektivin • Krimis • Mord • Scotland Yard • Viktorianischer Krimi • Viktorianische Zeit |
| ISBN-10 | 3-7517-6125-X / 375176125X |
| ISBN-13 | 978-3-7517-6125-3 / 9783751761253 |
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