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Die böhmische Geige (eBook)

eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
132 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-384-02467-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die böhmische Geige -  Karl-Heinz Biermann
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'Die böhmische Geige' beschreibt den Aufstieg eines kleinen Jungen aus den Trümmern seiner zerbombten Heimatstadt bis hin zu einem berühmten Geigenvirtuosen. Eingebettet in die tiefe, liebevolle Beziehung zu seinem Großvater, dessen alte Geige die Initialzündung, der Grundstein für die Karriere seines Enkels bedeutet, sollte die Novelle nicht nur Musikinteressierte begeistern, sondern alle Leserinnen und Leser anrühren und bereichern

Karl-Heinz Biermann arbeitete für Zeitungen und Zeitschriften, war lange Jahre in der Chefredaktion der Zeitschrift 'BILD der FRAU' als Redakteur tätig. Er ist Autor der Romane 'Im Zeichen des Rosenmonds' und 'Am Ende des Himmels'. Im tredition-Verlag sind auch seine Erzählungen 'Das Tor zur Welt - Wundersame Geschichten rund um den Hamburger Hafen' und der biografische Essay 'About Jack' über den US-amerikanischen Schriftsteller Jack London erschienen, sowie der historische Roman 'Der englische Graf von Wittenbergen". Unter dem Pseudonym Henrik van de Beer hat Karl-Heinz Biermann eine Krimi-Trilogie geschrieben. Die drei Novellen sind als eBook bei neobooks.com erschienen. Unter dem Titel 'Der weite Weg zurück nach Pleasant Valley" ist nun die Fortsetzung des Romans 'Am Ende des Himmels" erschienen. Mit seiner Familie wohnt er in seiner seit der Jugendzeit geliebten Wahlheimatstadt Hamburg. Er ist Mitbegründer der Kunst und Wissenschaft Gruppe West.

Karl-Heinz Biermann arbeitete für Zeitungen und Zeitschriften, war lange Jahre in der Chefredaktion der Zeitschrift "BILD der FRAU" als Redakteur tätig. Er ist Autor der Romane "Im Zeichen des Rosenmonds" und "Am Ende des Himmels". Im tredition-Verlag sind auch seine Erzählungen "Das Tor zur Welt – Wundersame Geschichten rund um den Hamburger Hafen" und der biografische Essay "About Jack" über den US-amerikanischen Schriftsteller Jack London erschienen, sowie der historische Roman "Der englische Graf von Wittenbergen". Unter dem Pseudonym Henrik van de Beer hat Karl-Heinz Biermann eine Krimi-Trilogie geschrieben. Die drei Novellen sind als eBook bei neobooks.com erschienen. Unter dem Titel "Der weite Weg zurück nach Pleasant Valley" ist nun die Fortsetzung des Romans "Am Ende des Himmels" erschienen. Mit seiner Familie wohnt er in seiner seit der Jugendzeit geliebten Wahlheimatstadt Hamburg. Er ist Mitbegründer der Kunst und Wissenschaft Gruppe West.

Dunkelheit ist meine früheste Erinnerung, dann allmähliche Wahrnehmung der Welt um mich herum, vordergründig die Gesichter zweier Menschen, die bei mir sind. Es sind liebevolle Blicke, die von ihnen ausgehen, das Antlitz meiner Oma trägt warme Herzlichkeit und das meines Opas Bedacht und Würde – so wenigstens will ich es heute deuten. Eine gütige Erinnerung, ich muss damals so um die vier Jahre alt gewesen sein, man hatte mir den Namen Henrik gegeben.

Ich kann mich weder an eine Mutter noch an einen Vater erinnern. Zärtlichkeit leiblicher Eltern, ihre liebkosende Fürsorge ist mir fremd geblieben; meine Oma und mein Opa waren meine Eltern, einfache und rechtschaffende Menschen, beide mit schlesischen Wurzeln. Opa Karl war im Bergbau beschäftigt; durch einen Unfall ein Großteil seines Gehörs wie auch einen halben Finger seiner linken Hand verlustig, musste er als Teilinvalide zusammen mit seiner Frau Martha und der halbwüchsigen Tochter die oberschlesische Heimat verlassen, um als Beauftragter an der pommerschen Ostsee für den Küstenschutz zu dienen, bis in den letzten Kriegstagen die Zivilbevölkerung vor der herannahenden Roten Armee evakuiert wurde. Großvater hatte aufgrund seines Amtes großen Anteil an der Organisierung der Flüchtenden, bis auch er mit Oma Martha auf einem der letzten Schiffstransporte unversehrt Kiel erreichte.

Es muss Anfang der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts gewesen sein, als die anfängliche Dunkelheit um mich herum ins Licht wechselte, mein Bewusstsein einsetzte, mit vier Jahren, wie ich eingangs erzählte. Ich mache es auch daran fest, dass ich erstmalig Glockenklänge verspürte, sonore, eine mir bis dahin fremd gebliebene, wohlige Geräuschkulisse, die in eine kleine Wohnung im Schatten der Hamburger St.-Michaelis-Kirche drang. Wie ich später erfahren habe, waren die Großeltern mit ihrer Tochter schon bald nach Kriegsende von Kiel nach Hamburg gezogen. Hier, in der Großstadt mit seinem Hafen an der Elbe, wurde ich ein paar Jahre später geboren. Meine Mutter? Wahrscheinlich die Tochter meiner Großeltern. Erst viele Jahre später – ich war schon erwachsen – erklärte mir Opa Karl recht zögernd die Umstände, unter denen sich seine Tochter mit einem englischen Besatzungssoldaten eingelassen hatte. Eine unwillige Preisgabe, die meinen Großeltern Mühe bereitete, darüber zu reden.

Bereits im Kindergarten und auch danach in der Schule bereitete es wiederum mir Mühe, wenn andere Kinder mich hänselten, weder einen richtigen Vater noch eine richtige Mutter zu haben. Was sollte das heißen: richtige? Ich hatte doch welche, ich kannte keine anderen als Oma und Opa. Die Kinder verstanden es nicht, selbst manche Erwachsene nicht. Erst später begriff ich, dass es da Unterschiede gab, obwohl ich die größte Liebe meiner Großeltern erfuhr, die nur irgendwie möglich war. Ich erfuhr auch, dass andere Kinder es nicht leicht mit ihren Eltern hatten, besonders nicht mit den Vätern, die zumeist traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrt waren und ihren Frust oft mit brutaler Gewalt an ihrem Nachwuchs ausließen.

Ich dagegen genoss eine schöne Kindheit, hatte mich an die Gehässigkeiten der anderen Kinder gewöhnt; manche wurden sogar meine Spielkameraden, mit denen ich in der teils noch vorhandenen Trümmerlandschaft einer ausgebombten Stadt Fußball spielte. Auch Cowboy- und Indianer-Abenteuer waren angesagt, allerdings durfte ich von Haus aus keine Spielzeugwaffen besitzen, die Oma war strikt dagegen. Meine Freunde liehen mir welche aus, die ich dann wieder, bevor es zum Essen und Schlafen heimging, abgeben musste. Apropos Essen: Ich habe heute noch den Duft gebratener Hähnchen in der Nase, die auf dem Herd in der Wohnküche in der Pfanne schmurgelten. Oma hatte sie immer frisch auf dem Großneumarkt in der Nähe gekauft, und auch ihre selbst gemachten schlesischen Klöße bereiten mir heute noch in der Erinnerung herrlichen Genuss.

Mit der Zeit verlor ich die Gedanken daran, dass meine leibliche Mutter, die ich nie zu sehen bekommen habe, mich nach meiner Geburt nicht wollte, dass sie offenbar mit meinem mir unbekannten Erzeuger das Weite gesucht hatte. Wahrscheinlich war sie mit ihm nach England gegangen, so wie ich meinen Opa verstand.

Heute bin ich ein berühmter Geigenvirtuose, der in den Konzertsälen auf dieser Welt zu Hause ist. Der Gedanke daran, ob meine Mutter, wenn sie denn je davon erfahren hat, dass ich ein bekannter Violinist geworden bin, meine Konzerte besucht – auch das lässt mich unberührt. Ja, ich bin berühmt geworden, und es war ein weiter Weg dahin, oft ein dorniger. Aber lassen Sie mich zurückgehen, zum Anfang dieses Weges.

Opa Karl besaß ein alte Geige. So, wie er es mir erklärte, besaß er sie schon als Kind. Es war eine böhmische Geige. Es gehört ebenso zu meinen Erinnerungen, dass er manchmal auf diesem alten Instrument musizierte. Umständlich nahm er es aus dem Geigenkasten, stimmte nach Ermessen und spielte meist immer dasselbe einzige Stück. Es klang nicht nach schöner Musik, wie auch, Opa war auf einem Ohr taub und es fehlte ihm der Finger, der auf den Saiten die entsprechenden Töne hervorbringen sollte. Dennoch hörte ich artig zu, genau wie die Oma, die nebenher in der Küche hantierte. Bald legte er die Geige wieder in den Kasten zurück und widmete sich anderen Dingen, wie seinem Schachspiel, indem er die Züge übte, mit denen er sonntags morgens im Schachverein seine Gegner bezwingen wollte.

Die Großeltern besaßen bereits früh ein Fernsehgerät – der blaugrüne Schimmer, vom Bildschirm ausgestrahlt, muss mich damals sehr fasziniert haben, so heimelig wie er in Opas Zigarrenrauch durch die Stube waberte. Es gab nur eine Sendung, die ich sehen durfte, eine Serie über einen Jungen mit seinem Pferd. Sie wurde an einem bestimmten Wochentag ausgestrahlt, wie auch das übrige Programm damals sehr dürftig gewesen sein muss.

Meist sah Opa Sportübertragungen, und auch Oma sah interessiert zu. Ich jedenfalls freute mich jede Woche auf eine neue Folge des Jungen und seines Pferds, da ich ausgerechnet an diesem bestimmten Tag vom Geigenunterricht zurückkam. Ja, richtig, inzwischen hatte Opa mich bei einer Geigenlehrerin in der Nähe in unserem Stadtteil untergebracht. Er hatte eines Tages seine böhmische Geige genommen und sie mir in den Arm gegeben. Sie war für mich damals natürlich viel zu groß, und so bekam ich von der Geigenlehrerin eine sogenannte halbe Geige ausgeliehen. Finanziell muss Opa sich das geleistet haben können, wie auch das Honorar für die Unterrichtsstunden. Zu der Zeit war er noch im Büro beim Strom- und Hafenbau beschäftigt.

Dass ein Junge aus einer Arbeitergegend am Hafenrand zum Geigenunterricht ging, war etwas Außergewöhnliches, anders als es zum Beispiel bei den betuchten Familien in Blankenese der Fall gewesen wäre. Und so blieb nicht aus, dass andere Jungen und Mädchen, denen ich auf meinem Weg zur Geigenlehrerin begegnete, mich furchtbar bespöttelten und ärgerten, anders als meine engsten Spielkameraden, die akzeptierten mein Fernbleiben einmal in der Woche. An diesem Tag musste eben ein anderer ins Tor als ich, dem sie den Platz beim Fußball zwischen den Pfosten überlassen hatten, und ich spielte gern den Torwart. Nur Opa durfte davon nichts wissen, wegen der Verletzungsgefahr an meinen Fingern versteht sich.

Tatsächlich bekam ich einmal unglücklich einen Ball, der an meinen Mittelfinger sprang und ihn umknickte. Drei Tage sagte ich nichts angesichts des geschwollenen Gelenks, bis Opa mich zum Röntgen ins Hospital mitnahm – schwere Verstauchung wurde diagnostiziert. Ich schob es auf eine Rangelei in der Schule, und Opa sagte nichts dazu, auch, dass ich drei Wochen nicht auf der Geige spielen konnte. Heute weiß ich auch, dass mich die Lehrer in der Schule deswegen bewusst bei der Mannschaftsaufstellung für das Handballspiel übergingen, weil sie wussten, dass ich Geige spielte; damals hatte ich ihnen das übel genommen.

Als ich zehn Jahre alt war, nahm Opa mich mit in die Musikhalle in der Neustadt. Einer der besten Geiger der Welt gastierte in Hamburg, gab zwei Konzerte in der Laeiszhalle, wie das Konzerthaus am Karl-Muck-Platz auch genannt wurde. Der Name des Geigers klang für mich kleinen Jungen etwas fremdartig: Yehudi Menuhin. Opa musste dem Auftritt des Musikers wochenlang entgegengefiebert haben; einen so berühmten Geiger in natura hören zu können, muss für ihn überwältigend gewesen sein, galt dieser doch als Wunderkind, und Opa muss schon in seiner Jugend von ihm erfahren haben; Opa war übrigens sehr belesen.

Der berühmte Geiger aus Amerika spielte, soweit ich mich erinnere, das Violinkonzert Nr. 1 in g-Moll von Max Bruch, ich glaube es zumindest daran festmachen zu können, weil es Opas Lieblingskonzert war, wie er später oft betonte, und jetzt fällt mir ein, dass es Töne aus diesem Konzert waren, die Opa stets auf seiner alten böhmischen Geige hervorzubringen versuchte – was ihm natürlich nicht...

Erscheint lt. Verlag 18.1.2024
Verlagsort Ahrensburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Altonaer Balkon • Boston • Chicago • Geigen • Geigenvirtuose • Gstaad • Guarneri • Hamburg • Hamburger Michel • Hilversum • Hiroshima • Japan • Los Angeles • Ludwig van Beethoven • Max Bruch • Mendelssohn Bartholdy • Moskau • Mozart • New York • Philharmoniker • Pianistin • sarasate • Schallplattenaufnahmen • Shingsen • Storioni • Stradivari • Symphoniker • Tschaikowsky • Wien • Zürich
ISBN-10 3-384-02467-2 / 3384024672
ISBN-13 978-3-384-02467-1 / 9783384024671
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