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Der Ort, den wir Heimat nannten (eBook)

Flucht und Vertreibung von Felizitas Reimann

(Autor)

eBook Download: EPUB
2023 | 2. Auflage
234 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-3177-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der Ort, den wir Heimat nannten -  Alina Arnold
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Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt Felizitas Puche ihre persönlichen Erlebnisse der Nachkriegszeit Revue passieren zu lassen. 1926 als Felizitas Reimann geboren und aufgewachsen in Glatz, nach einer unbeschwerten Jugend 1946 aus ihrer Heimat vertrieben und gestrandet in den Nachkriegswirren Westdeutschlands, musste Felizitas bereits in jungen Jahren viele Hindernisse überwinden. Ihre dabei gesammelten Erinnerungen und Erlebnisse zeichnen ein detailliertes Bild über das bemerkenswerte Schicksal einer jungen Frau, ihrer nie enden wollenden Stärke und über die systematische Vertreibung und Flucht ihrer deutschen Leidensgenoss*innen aus den ehemaligen Ostgebieten nach 1945. Felizitas Puche geb. Reimann nimmt uns mit in einen fast vergessenen Teil der deutschen Geschichte und zeigt uns hautnah, wie sich das Leben von Millionen von Menschen nach der deutschen Kriegsniederlage brutal veränderte und wie Gewalt, Willkür und Demütigungen Einzug in ihren Alltag hielten.

Kapitel 1


Die letzten Tage des Krieges

Die lange und kraftzehrende Geschichte meiner Vertreibung und Flucht fand ihren Anfang in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges.

In den letzten Kriegstagen war es in Glatz ein schauerliches Dasein. Die Stadt wurde überflutet von einer zähen Masse deutscher Soldaten. Der Großteil dieser Männer schien abgerissen, äußerlich mitgenommen, zerlumpt und physisch komplett am Ende. Man sah, dass sie einfach kaputt waren. Sie wollten Nichts, als diesem blutrünstigen und um sich schlagenden Monster namens Krieg endlich entfliehen. Sie rannten weg von der Front, raus aus Glatz und weg von den Russen, die ihnen dicht auf den Fersen waren. Beim Anblick der Soldaten fiel mir schnell auf, dass relativ wenig Männer tatsächlich zu Fuß durch die Straßen schritten. Die Meisten von ihnen bewegten sich motorisiert fort. Sie zogen mit Pkws, Lastwagen und vielen, vielen Panzern durch die engen Straßen. Panzer haben mich schon als Jugendliche vor dem Krieg immer besonders stark beeindruckt. Jetzt waren sie, wie die Lastwagen, behangen mit großen, zerfetzten Trauben von heruntergekommenen Soldaten und schoben sich vollbeladen stetig Stück für Stück der Stadtgrenze entgegen. Auch wenn man es versucht hätte mit aufzuspringen, auf den Panzern war kein freier Fuß mehr unterzukriegen.

Meine Heimatstadt Glatz wurde also binnen weniger Tage überrollt von einer fliehenden Masse an deutschem Militär und das Einzige, was wir Bewohner tun konnten, war hilflos dabei zusehen.

Naja, ein bisschen mehr als nur zusehen, taten wir Bewohner von Glatz dann doch. Ordentlich aufgereiht standen an diesen fürchterlichen Tagen viele Zivilisten am Straßenrand und versuchten den vorbeiziehenden Soldaten Zigaretten, geschmierte Brötchen oder Bierflaschen zuzustecken. Wir wollten den armen Männern helfen und die meisten nahmen diese kleinen Gesten der Hilfsbereitschaft auch bereitwillig an. Die Männer griffen bei dem angebotenen Wegproviant ohne zu zögern zu, aber zu wirklichen zwischenmenschlichen Reaktionen waren die erschöpften Soldaten nicht mehr imstande. Monoton dreinblickend und schon fast mechanisch schoben sie ihre Arme aus, nahmen die Spenden an sich und fuhren weiter. Es war gespenstisch. Die jungen Soldaten zeigten kein Interesse mehr an ihrer Umwelt. Sie sprachen nicht mit uns und sie sprachen auch nicht untereinander. So viele Menschen liefen an uns vorbei und doch hörte man kein Wort. Der Krieg hatte die Männer in untote Wesen verwandelt. Untote Wesen, die fremdbestimmt und apathisch mit letzter Kraft ihre zerschossenen Füße über den Boden schliffen.

So schnell sie konnten durchquerten die grünen Soldatengruppen Glatz. Nur ein Gedanke vereinte sie: „Bloß weg, bloß weg vom Russen!“. Alle Bewohner der Stadt wussten, dass mit einem bevorstehenden Kriegsende auch der Russe vor unseren Stadtmauern stand. Seit Wochen schon scharrte die Rote Armee mit den Hufen. Auch wenn in Glatz bisher selbst kein Schuss fiel, hörte man jeden Tag den fernen Kanonendonner der Sowjets immer näherkommen. Man spürte die Front immer deutlicher und neuerdings kreisten sogar Flugzeuge stotternd über den Dächern der Stadt. Zwar blieb Glatz bis jetzt einigermaßen verschont, es waren nur einmal Bomben auf den Hauptbahnhof gefallen, die kaum etwas angerichtet hatten, aber alle wussten, dass dieser Angriff erst der Anfang war. Die ganze Situation war fürchterlich.

In der Zivilbevölkerung von Glatz ging währenddessen die Parole um: „Glatz wird verteidigt!”. Glatz besitzt seit Jahrhunderten eine große Festungsanlage, die für die Verteidigung der Stadt und für den Verlauf des Krieges naturgemäß wichtig war. Von 19371945 war dort das Infanterieregiment Nr. 38 unter der Leitung verschiedener Führungen stationiert. Unter ihnen gab es einen Festungskommandanten, der Glatz in diesen letzten Kriegstagen um jeden Preis verteidigen wollte. Die Verteidigung der Stadt mit Hilfe der Festung spiegelte von Anfang an ein schon fast wahnwitziges Unterfangen wider. Die Russen standen schon fast vor den Stadtmauern und sie rückten jeden Tag unter donnergrollenden Kanonenschüssen Stück für Stück etwas näher. Viele Bewohner der Stadt sträubten sich, blind in dieses letzte und doch so sinnlose Gefecht zu rennen.

Der katholische Pfarrer von Glatz, Pfarrer Monse, vertrat dieselbe Einstellung. Warum sollten wir uns verfeuern lassen, wenn die Lage doch sowieso schon so aussichtlos und der Krieg schon verloren war? Pfarrer Monse versuchte den leitenden Festungskommandanten mehrfach zur Vernunft zu bringen. Trotz aller Bemühungen war die Lage aussichtslos. Der Kommandant war davon besessen, Glatz bis zum letzten Mann zu verteidigen, egal welche Opfer dafür erbracht werden müssten. Er wollte Glatz nicht ohne Kampf übergeben. Jeder wusste, dass der Krieg am 8. Mai zu Ende sein wird und trotzdem wurden, nach Befehl des Kommandanten, noch bis in die letzten Tagen der Kämpfe große Panzersperren um die Stadt errichtet. Der Kommandant wollte einfach nicht aufgeben. In seiner Vorstellung war er dazu verpflichtet Glatz bis zum Äußersten zu verteidigen. Ob diese verheerende Entscheidung aus seiner jahrelangen ideologischen Verblendung heraus gefällt wurde oder ob er die Scherben seiner militärischen Laufbahn nicht akzeptieren wollte, es ist nur eins sicher, durch die Befehle eines einzigen fanatischen Mannes haben in diesen Tagen viele weitere unschuldige Menschen sinnlos zu unserem Herrn zurückgefunden.

Trotz der täglichen Angst und Ungewissheit gab es an manchen Tagen im umzingelten Glatz einen gewissen Alltag. So gingen zum Beispiel meine Familie jeden Abend im Mai in die Maiandacht. Was an Bevölkerung bis jetzt noch mutig in Glatz ausharrte, das ging regelmäßig in die Messe. Was blieb uns denn sonst auch anderes übrig, als in dieser von angstdurchtränkten Situation zu Gott zu beten? Wir haben zum Herrgott gefleht und gebetet, er möchte uns doch beschützen vor diesen Russen und auch den sturen Festungskommandanten zur Einsicht kommen lassen. Wir wussten ja alle, die Russen kommen so oder so. Mit einem weiteren Kampf würde in der Stadt und für die Menschen doch noch alles schlimmer gemacht.

Viele Menschen flohen schon aus Glatz, bevor die Russen überhaupt einen Fuß auf den Stadtgrund setzen konnten. Sie waren nicht willig durch sowjetisches Bomben zu sterben oder später von einem russischen Gewehr aus nächster Nähe erschossen zu werden. Durch unsere Straße fluteten ganze Ströme von Flüchtlingen in die umliegenden Dörfer. Man sah viele verängstigte Frauen mit kleinen Kindern und Babys auf den Armen. Sie schoben Kinderwagen und Leiterwagen mit Betten drin und Fahrräder vor sich her. Sie liefen um ihr Leben und was sie aus ihrem alten Dasein noch mitnehmen konnten, schleppten sie mit bloßen Händen hinter sich her. Es war grausig mit anzusehen.

Meine Familie stellte sich zu anfangs gar nicht die Frage, ob wir flüchten sollten. Mein Vater hatte einen großen Installateurbetrieb, meine Mutter ein gutlaufendes Geschäft für Haushaltswaren und unsere drei Mietshäuser konnten wir auch nicht so einfach allein lassen. Ich kenne eigentlich keinen Geschäftsmann oder privilegierten Menschen aus Glatz, welcher viel Besitz hatte und trotz allem einfach so geflüchtet ist. Es war für alle Glatzer eine ganz schauerliche Angelegenheit. Wir wurden vor die Wahl gestellt. Alles zurücklassen oder blind darauf vertrauen, dass schon alles mit den einmarschierenden, russischen Truppen gut gehen werde. Was sollte man tun? Es konnte sich ja zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorstellen, wie verheerend diese Geschichte für die Meisten von uns enden würde.

Am 8. Mai selbst, dem Tag der Kapitulation und späteren Befreiung Deutschlands, wurde es dann hektisch in Glatz. Es ging immer noch die Parole in der Stadt um: „Glatz wird um jeden Preis verteidigt!”. Vorsorglich schaffte meine Familie sämtliches Fluchtgepäck in den Keller. Unser sogenanntes Fluchtgepäck bestand aus vollgestopften Rucksäcken und Bettpaketen. Bettpakete wiederrum waren Federbetten zusammengerollt in enge Würste, die über die festgepackten Rucksäcke gelegt wurden. Wir hatten auch sogenannte Fliehtaschen. Fliehtaschen waren große Taschen aus festem Stoff genäht, die man sich schräg über den Körper hängte, sodass rechts und links weiterer Stauraum für kleinere Gepäckstücke entstand. Man hat halt gesehen, dass man möglichst viel auf einem minimalen Raum eingepackt hat und alles am Körper mitnahm, was man tragen konnte. Unser ganzes Fluchtgepäck wurde also am Tag des 8. Mai von uns vorsorglich in den Keller geschafft. Wie erwartet, wurde dann auch kurze Zeit später von den Behörden die Meldung durchgegeben: „Die Bevölkerung zum Schutz in die Keller!”. Wenn uns solche offiziellen Meldungen der Luftschutzkommission erreichten, sträubten meine Tante Illala und ich uns vehement mit der restlichen Familie hinunter in die dunklen Keller zu steigen. Um in unsere Kellerräume zu gelangen, musste man erst durch einen kleinen Durchgang gehen. Über diesem Gang lag eine Grotte mit einer Lourdes Mutter Gottes und...

Erscheint lt. Verlag 18.10.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte Flucht • Glatz • Grafschaft Glatz • Schlesien • Vertreibung • Zeitzeugenberichte • Zweiter Weltkrieg
ISBN-10 3-7568-3177-9 / 3756831779
ISBN-13 978-3-7568-3177-7 / 9783756831777
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