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Gassenjunge (eBook)

Meine Kindheit in Heidelberg - Handschuhsheim

(Autor)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
212 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-384-02528-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Gassenjunge -  VOY MIRO
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Voy Miro*, unter Fliegeralarm im Bombenhagel der letzten Kriegsmonate 1944 im Werksspital der Eisenwerke von Mährisch Ostrau (Tschechien) als Kind deutscher Eltern geboren, verlebte nach der Vertreibung aus der Heimat Kindheit und Jugend in Heidelberg, Handschuhsheim. *Autoren-Pseudonym 'Eine bewegende, spannende Lebensgeschichte, in welcher der Leser sich, sein Schicksal und unsere Welt wiedererleben kann. Dadurch treibt uns dieses Buch zu neuem inneren Wachstum.' Prof. Dr. Arno Gruen / Psychologe/ Psychoanalytiker/ Autor 'Beeindruckend Ihr sprachliches Vermögen, das die Rückkehr in die Kindheit zu einer literarischen Evokation werden lässt. Hier wird ganz deutlich, dass Sie sich dank der Sprache aus der eisigen Nacht hinübergerettet haben.' LKM / Literaturbetreuung Klaus Middendorf, München 'Voy Miro: wahrlich ein starker Erzähler!' Jürgen Mette, Theologe, Spiegel-Bestseller-Autor Entdecken Sie mehr auf meiner homepage: manfred-poisel.de

DIE JAHRE VERGINGEN …

Ich wurde wieder etwas mehr erwachsener; mehr noch: wurde Elvis-Fan. Auch Freddy hörte ich gern. Peter Kraus war bei mir nicht so angesagt, fand ihn aber ganz originell. „Wunderschöne Beine …!“ Ja, diesen Song hörte man im Radio damals oft. Schöne Beine? Da sagte keiner von uns Kerlen „Nee!“ Im Gegenteil: schöne Beine standen bei uns hoch im Kurs. Da konnte so manche „Schöne“ sich im Laufe der Zeit ein ganz eigenes „Album mit Pfeifmelodien“ zusammenstellen. Wo die hübsch Anzuschauenden auch wandelten: es gab immer irgendwo Jungs, die diesen herzerwärmenden Erscheinungen hinterher pfiffen. Das war eindeutig als Kompliment zu verstehen. Und die Angepfiffenen haben das auch als solches aufgefasst, haben es insgeheim angenommen, waren stolz drauf. (Heute ist sowas ja übergriffig!) Hätte ein Mädchen damals, in den 1950er Jahren, den Pfeifbolden zugerufen…Hey!, hört mal her, ihr jungen grünen Männer, den Mädchen hinterherpfeifen, das ist aber sowas von übergriffig!, da seid ihr noch ganz von „gestern“! Wir Jungs wären von unserem Ausblick gefallen, hätten, wegen scheinbar schlechten Hörens, zur Wiederholung des Gesagten gedrängt, hätten das girl verwirrt angestarrt, hätten ganz überraschend Urindrang verspürt, hätten die Mahnende als Begegnung der vierten Art wahrgenommen. Dann, so langsam, nachdem eine erfolgte Schockstarre uns wieder dem Leben freigegeben hätte, ja dann erst hätten wir uns gebogen. Vor Lachen! – Und somit auf diesen verbalen „Luftheuler“ nicht mal mehr zu pfeifen vermocht.

Unsere Idole, so fiel uns schnell auf, hatten ganz „andere“ Haare, andere Frisuren als wir: Geil, würde man heute sagen. Also „geile Frisuren“. Damals gab es das Wort geil zwar auch schon; man sprach dieses spezielle Empfinden aber nicht aus. Höchstens ganz leise in intimer Nähe. Oder wenn man(n) allein war: „Mann, ist das (oder die!) geil!“ Geil – das hatte einen Beigeschmack. So wie Beischlaf. Man fand eine Situation, die „schlüpfrig“ war, als geil. Lüsterne Gefühle, wollüstige Gedanken, laszive Gebärden, unzüchtige Handlungen – alles das war geil. Man dachte, nein, fühlte!, das Wort mehr, als dass man es sprach. Das Wort geil kam allein schon in seiner Aussprache geil, also unzüchtig, rüber. Und weil das alles rund um dieses Wort doch recht komplex war, damals!, geriet es wohl in eine Art Dornröschenschlaf. Vor einigen Jahren dann wurde es aus der Schmuddelecke befreit: wurde neu entdeckt: Die Jugend (und auch die Medien) fanden das Wort geil einfach nur geil. Dachten und fühlten komplexer dabei, als wir in unseren Buben- und Jugendjahren – und auch danach noch. Heute ist geil, besonders bei der Jugend, nicht mehr anrüchig „aufgeladen“ wie in meiner Zeit; es steht inzwischen für…super, toll, großartig, voll Spaß haben – ist also im Vergleich zu meinen Anfangsjahren domestiziert. Um nicht zu sagen: sterilsiert. Ein Philologe würde vielleicht sagen: sprachkulturell inzwischen „anders“ besetzt. Das ist der Grund, warum wir es heute auch öffentlich so oft hören; und lesen, es eigentlich schon inflationär gebraucht wird. (Die Meinung eines „Alten Weißen Mannes!“).

Mit dem eben Gesagten bin ich doch etwas abgeschweift. Also, wieder zurück zu Elvis. Zurück zu den Haaren. Auch wir wollten so haar-scharf aussehen wie unsere Idole. Genau! Wollten auch so daherkommen. Mit meinem Fassonschnitt war ich bei den Mädchen nicht so angesagt. Keine verknallte sich in mich. Und das, obwohl drumherum alles stimmte: Ivo Robic vom Plattenteller…mit Siebzehn fängt das Leben erst an…du wirst rot wenn ein Mann zu dir sagt… und auch die Cola mit Gin hatte schon Wirkung gezeigt; und der liebliche Schein der dicken Kerze hauchte Romantik pur in unser Setting. Sie wollte sich einfach nicht tiefer berühren lassen. Ich befürchtete Mundgeruch! Dem war aber nicht so wie ich später feststellte. Andere waren da schon weiter: Jürgen hatte eine tolle, wilde Locke, weit vorgeschoben, fast so wie bei Elvis. Und das, obwohl er mehr auf Peter Kraus stand als auf Elvis. Der Angeber: geküsst will er sie alle haben, die Schönen aus der Parallelklasse. Zu seiner Tolle meinte er: Die hält!!, brauchst dir keine Sorgen zu machen. A die häld, brachschda koa Soasche z’ mache!, tönte er selbstbewusst. Also, Bruder, fuhr er fort, einfach eine gute Frisiercreme rein und die Sache sitzt. Du hosch doch ähni?! Ja, aber, meine Haare müssen doch erst noch! Dess wärdd!, dess wärdd, schunn innä paa Wochä sindsi lang gnug, dann kannschda ah ä Elvis-Well owe nausschiehwe! Das war dann doch ein Schlüsselerlebnis. Ich ließ meine Haare wachsen, trug zu Hause meist eine Kappe drüber, damit das mit der zunehmenden Länge nicht so auffiel. Vater hatte ja so viel um die Ohren, da konnte er nicht auch noch ständig meinen Haarwuchs im Auge behalten!

Ja, und dann war auch für mich der Tag gekommen. Meine Haare hatten die erforderliche Überlänge! Jürgen war gerade bei mir! Allah!, auf gehts!, machte er mir Beine. In Mutters heimlicher Kosmetik-Ecke, unter den vielen Tuben, fand ich auf die schnelle was, das wie eine Frisiercreme aussah. Oder war es eine Fettcreme? Jürgen schmierte meine Haare ein. Zum Finale stylte er vorn eine Welle: eine tolle Tolle, die dann auch erstmal hielt. So, däss wäremol gschafft!, krönte er sein Werk. Im Spiegel sah ich ihn dann vor mir; ja, das ist er: Elvis! Genau so! Mann!, Jürgen, das ist ja super! Mein Haarmeister strahlte. Kannst ja die Frisur daheim normal machen… ärschta dann, wannd uffda Gass bischoda koz davohr, inda Näh vunn ähnerä „Schnuckelisch“ halt wo da gfällt!, allah!, du wehsch! Also, Jürgen meinte, dass ich die Welle erst auf der Gasse formen sollte, um daheim keine Probleme zu bekommen, in der Nähe von Mädchen, ich somit dann im passenden Augenblick gut aussehe, attraktiv bin. Musch halt schunnämohl dahähm voamm Spigl ühbä. Häbich ah gmacht!

Jürgen hatte recht. Die Holden machten Augen. Aber nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte. Man lachte mich aus. Die Tolle hielt nicht. Nicht in den entscheidenden Momenten. Da fiel sie in sich zusammen. Das sah dann richtig impotent aus. Ich habe lange gebraucht, um das richtig gut hinzukriegen. Und als Vater mich mal mit der Elvis-Welle erwischte, schaute er ziemlich irritiert. Mehr nicht. Glück gehabt! Vater tröstete sich wohl damit, dass er ja auf diese Weise eine Menge Friseurgeld für den Bengel einsparen könne. Und rechnen, das mussten wir alle zu jener Zeit. Übrigens: als ich dann ein Meister war im „Elvis-Welle-Legen“ und sie dann auch in den entscheidenden Momenten hielt, (länger hielt!), war das mit den Mädels leichter. Am Anfang wohlgemerkt! Beim Küssen jedoch musste man den Kopf immer etwas verdrehen damit die Welle nicht gleich bei den ersten intensiven Frontberührungen wie ein Schleier ins Gesicht fiel. War auf Dauer aber nicht haltbar.

Die tolle Tolle allein reichte natürlich nicht aus wenn wir mit „einer gehen“ wollten. Ich schuftete in den Ferien überall wo ich was bekam; hatte viele kleine „Baustellen“, wo ich richtig gut Taschengeld verdienen konnte. Habe Zeitschriften ausgetragen, bei den Gipsern mitgeholfen, bei den Maurern Zement-Säcke über die Leiter in die oberen Stockwerke geschleppt, habe mir „geistreiche“ Sprüche und billige Witze anhören müssen; nicht nur das: man erwartete, dass ich mitlache, mitröhre! Durfte keinesfalls als eingebildeter Studententyp rüberkommen, wollte nicht als der klassische Feind des Arbeiters betrachtet werden. Ich lernte, was Arbeiten bedeutet. Kam verdreckt, krumm und oft so kaputt nach Hause, dass ich sofort ins Bett fiel: ohne Essen, ohne Zähneputzen, ohne irgendwas. Die Klamotten habe ich dann gerade noch abgeworfen. Nachts machte ich mich dann über den Kühlschrank her – dann, als meine Eltern schon schliefen.

Kein Geld war mir jemals kostbarer, wertvoller, als dieses so schwer erarbeitete. Regelrecht erschuftet auf Baustellen, beim Kegel aufstellen, beim Putzen. Ich war mir für nichts zu schade. Meldete mich auf Zeitungsanzeigen, in denen Putzhilfen gesucht wurden. Und wenn die Hausfrauen, die „gehobenen“ wohlgemerkt, am Telefon erstaunt fragten … aber Sie sind doch ein Mann!, können Sie das überhaupt, also auch Toiletten reinigen?! Dann antwortete ich mit „kein Problem“ – habe ich schon öfter gemacht. Bin nämlich in die Lehre von meinem Vater gegangen, und da habe ich Putzen, Klopfen, Wischen, Saugen und all das gelernt. (Das habe ich natürlich nicht...

Erscheint lt. Verlag 20.9.2023
Verlagsort Ahrensburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Autobiografie • Heidelberg • Kindheit • Lebensgeschichte • Nachkriegsgeschichte • Nachkriegszeit
ISBN-10 3-384-02528-8 / 3384025288
ISBN-13 978-3-384-02528-9 / 9783384025289
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