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Preußenschlag (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
271 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-8738-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Preußenschlag -  Gunnar Kunz
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Berlin, 1932. Hitler bekommt die deutsche Staatsbürgerschaft zugeschanzt, auf den Straßen tobt der SA-Terror, Franz von Papen und das 'Kabinett der Barone' gelangen an die Macht. In Berlin wird auf brutale Weise ein Mann erschlagen, der Täter lässt eine Mütze und einen Uniformknopf der zaristischen Armee am Tatort zurück. Ein Drohbrief weist auf einen Racheakt hin, dessen Ursprung in der Vergangenheit des Opfers zu finden sein muss. Kommissar Gregor Lilienthal ermittelt gemeinsam mit seiner Frau Diana und seinem Bruder Hendrik und stößt dabei auf die drei Brüder des Toten, die ein dunkles Geheimnis mit sich herumtragen. Dann geschieht ein zweiter Mord, von derselben Hand. Worin besteht der Zusammenhang zwischen den beiden Opfern, die sich nicht gekannt zu haben scheinen? Warum haben sie ihrem Mörder trotz der Drohbriefe die Tür geöffnet? Für wen ist die Botschaft bestimmt, die der Täter mit Blut auf der Stirn der Toten hinterlassen hat, das Wort Rache? Und während in den Ermittlern der Verdacht reift, dass weitere Menschen in Gefahr sind, rüsten sich die Republikfeinde in der Politik, um Preußen, die demokratische Bastion des Reiches, zu Fall zu bringen.

Gunnar Kunz hat vierzehn Jahre an verschiedenen Theatern in Deutschland gearbeitet, überwiegend als Regieassistent, ehe er sich 1997 als Autor selbstständig machte. Seither hat er etliche Romane und über vierzig Theaterstücke veröffentlicht, außerdem Kinderbücher, Hörspiele, Kurzgeschichten, Musicals und Liedertexte. 2010 wurde er für den Literaturpreis Wartholz nominiert.

Gunnar Kunz hat vierzehn Jahre an verschiedenen Theatern in Deutschland gearbeitet, überwiegend als Regieassistent, ehe er sich 1997 als Autor selbstständig machte. Seither hat er etliche Romane und über vierzig Theaterstücke veröffentlicht, außerdem Kinderbücher, Hörspiele, Kurzgeschichten, Musicals und Liedertexte. 2010 wurde er für den Literaturpreis Wartholz nominiert.

1



Montag, 8. Februar – Donnerstag, 17. März 1932



Das Schachspiel um die Macht beginnt.

Joseph Goebbels (Tagebuch vom 7.1.1932)



1


Berlin war nicht gerade als Hochburg des Karnevals bekannt; es gab keine Umzüge, keine Straßenveranstaltungen, wohl aber Kostümbälle. Deshalb kamen Hendrik, Diana und Lissi am Rosenmontag in der Abenddämmerung allerlei verkleidete Gestalten entgegen, die wohl auf dem Weg zu einem dieser Bälle waren. Vor allem Maharadschas, indische Fürsten und Haremsdamen waren beliebt, Letztere trotz der Kälte leicht bekleidet, aber auch Cowboys, Türken und Damen in Rokokokostümen. Die Maskenverleiher machten offenbar gute Geschäfte.

Diana sah allerdings kaum weniger verkleidet aus in ihrem Abendensemble aus Hosenkleid, Bolerojäckchen und Pumps. Wenigstens passten ausnahmsweise die Einzelteile zusammen, wenn man vom »Chinesendeckel« absah, einem Hut mit altchinesischen Stickereien, den sie mit Fransen aufgeputzt hatte. Die Frauen der kostümierten Gruppe amüsierten sich sichtlich über ihren Anblick.

Lissi, die auf der Kante des Bordsteins balancierte und dafür ständig mit Applaus bedacht werden wollte, hatten es besonders zwei Pierrots angetan. Sie blieb stehen und staunte die beiden mit offenem Mund an, sodass die Männer in Gelächter ausbrachen.

Einer beugte sich zu ihr hinunter. »Gefällt dir mein Kostüm?«

Stumm nickte sie und berührte die aufgemalte Träne in seinem Gesicht. »Warum weinst du?«

»Ich weine und ich lache. Weil das Leben traurig und komisch zugleich ist.«

Der andere Pierrot bemühte sich, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und machte Faxen, zappelte herum und bewegte sich wie eine Marionette.

Lissi kicherte. »Du bist lustig«, sagte sie.

»Vielen Dank, kleine Dame!«

Die beiden Pierrots verbeugten sich und setzten mit ihren Freunden den Weg fort. Noch eine ganze Weile war Gelächter aus der Gruppe zu hören. Auch Hendrik, Diana und Lissi gingen weiter, wobei Lissi den Marionettengang des Pierrots imitierte.

Hendrik schmunzelte. Seine Nichte war jetzt dreieinhalb Jahre alt und hatte ihre Entführung im letzten Jahr offenbar gut überstanden, jedenfalls zeigte sie keine Scheu mehr vor Fremden.

Diana bedachte ihre Tochter mit einem liebevollen Blick und strich ihr über den Kopf. »Wir beide fahren jetzt nach Hause, Schatz. Es ist schon spät.«

»Gar nicht«, erwiderte Lissi, aber mehr aus Routine als aus echtem Protest.

Hendrik hatte vor, noch kurz bei seinem Bruder vorbeizuschauen, und verabschiedete sich von ihnen. Es fing an zu nieseln, deshalb beeilte er sich, zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz zu gelangen.

Wie üblich war Gregor noch im Büro in eine Akte vertieft und erwiderte Hendriks Gruß mit einem Knurren. Er wirkte mal wieder wie ein Bankbeamter auf einer Beerdigungsfeier. Locker würde er wohl nie werden, geschweige denn jemanden mit einem »Guten Abend!« begrüßen.

Hendrik ging zur Fensterbank, um zu sehen, welche Pflanzen sein Bruder diesmal auf dem Gewissen hatte. So hartnäckig Gregor auch versuchte, sein Büro mit etwas Grünem aufzulockern, er hatte einfach kein Händchen dafür. Selbst die Kakteen vom letzten Jahr waren ihm eingegangen. Diesmal standen die Blumentöpfe in Eimern voller Wasser, und unter der Oberfläche vegetierten Kresse, Liebstöckel und Rosmarin vor sich hin.

»Was, um alles in der Welt, ist das?«, erkundigte sich Hendrik.

»Ich probiere eine neue Gießstrategie aus«, brummte Gregor, ohne den Blick von seiner Akte zu heben. »Nennt sich Tauchmethode.«

»Und du meinst, unter Wasser gedeihen deine Pflanzen besser?«

Gregor winkte ab. »Ich habe vergessen, die Töpfe wieder rauszunehmen. Mach’ ich nachher.« Unvermittelt sah er auf. »Der Grund deines Besuchs?«

Hendrik setzte sich ihm gegenüber, und seine zur Schau getragene Unbeschwertheit fiel in sich zusammen. »Ich bin beurlaubt«, sagte er. »Ich hab’s Diana gerade erzählt. Bis zum Ende des Semesters.«

Gregor hob eine Augenbraue.

»Du weißt ja, dass ich eine Auseinandersetzung mit dem Rektor hatte wegen des Krawalls vor zwei Wochen.«

»Genauer gesagt, weil du dich an der Schlägerei beteiligt hast.«

»Ich weiß, nicht gerade ein Ruhmesblatt für mich. Vielleicht wird es ein Disziplinarverfahren geben. Einer der Studenten will mich wegen Körperverletzung anzeigen. Die Hakenkreuzler haben die Sache zum Anlass genommen, einmal mehr meine Entlassung zu fordern.«

»So einfach geht das aber nicht.«

Hendrik zuckte die Achseln. »Jedenfalls bin ich erst mal beurlaubt. Der Rektor will ›keinen Ärger provozieren‹. Er war froh, als ich seine Entscheidung ohne zu murren hingenommen habe. Ein Unruheherd weniger, hat er sich wohl gedacht.«

»Das klingt verbittert.«

»Bin ich auch. Die Nazis zerstören alles, was wertvoll ist, und niemand greift ein. Du weißt es doch selbst: Deine Kollegen haben nach dem Radau gerade mal sieben Studenten festgenommen, von denen nur einer dem Nationalsozialistischen Studentenbund angehört. Vergangenen Mittwoch hat der Senat der Universität getagt und die Verweisung von vier Studenten beschlossen, darunter zwei republikanische, die sich lediglich gegen die Angriffe der Nazis gewehrt haben. Am Donnerstag haben die Hakenkreuzler wieder randaliert, in der 11-Uhr-Pause, dem mittlerweile traditionellen Zeitpunkt für Nazikrawalle. Eine halbe Stunde konnten sie ungestört Parolen brüllen und republikanische Kommilitonen attackieren, ehe die Polizei eingriff, obwohl die vorbeugend vor der Universität Aufstellung genommen hatte.«

»Die Kollegen haben mir davon erzählt.«

»Es geht immer so weiter, Gregor. Nach jedem Krawall wird angekündigt, man werde künftig scharf durchgreifen, aber in der Praxis werden bloß ein paar wenige Studenten relegiert, wobei es dann auch noch zum Teil die Falschen trifft, mehr geschieht nicht. Das Innenministerium müsste die Auflösung des Nationalsozialistischen Studentenbunds verfügen, aber auch dort sieht man tatenlos zu, wie radikale Dummbolzen die Lernwilligen terrorisieren und den Universitätsbetrieb lahmlegen.«

Gregor wollte etwas erwidern, wurde jedoch daran gehindert, weil Edgar Ahrens, sein Assistent, hereinstürzte. »Ein Mord in Lankwitz«, keuchte er. »Ein gewisser Bernhard Goetz wurde erschlagen. Wir müssen sofort hin.« Dann erst nahm er Hendrik wahr. »Guten Abend, Professor«, sagte er, wandte sich jedoch sofort wieder Gregor zu. »Das wird dir den Feierabend versalzen. Nach allem, was ich dem Anruf entnehmen konnte, ein Fall mit obskuren Begleiterscheinungen.«

Gregor stand auf. Sah seinen Bruder an. »Komm mit«, meinte er dann.

Das kam unerwartet! Zwar hatte Gregor in den letzten Jahren seinen Widerstand gegen das Interesse der »Amateure« an seinen Kriminalfällen aufgegeben, aber dass er Hendrik regelrecht aufforderte, ihn zu einem Tatort zu begleiten, war doch ungewöhnlich. Offenbar machte er sich größere Sorgen um ihn, als er zeigte, und gedachte, ihn auf diese Weise von seinen Problemen abzulenken. Oder ihm Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen.

Hendrik zögerte. Diana war diejenige, die von Mord und Totschlag nicht genug bekommen konnte. Er selbst hatte von Gewalttätigkeiten und ihren Folgen eigentlich die Nase voll. Andererseits machte ihn Edgars Andeutung der »obskuren Begleiterscheinungen« neugierig. »Wenn du meinst«, sagte er deshalb und stand ebenfalls auf. Dass ihn der neue Fall seines Bruders aus seiner gedrückten Stimmung reißen würde, hielt er allerdings für unwahrscheinlich.



2


Sehe ich zu schwarz?, fragte sich Hendrik auf dem Weg zum Tatort. Vielleicht lag es bloß an seiner persönlichen Betroffenheit, dass er die Zustände in Deutschland in den finstersten Farben sah. Dass die Nationalsozialisten Konflikte absichtlich eskalieren ließen und dabei auf keinen nennenswerten Widerstand trafen, war allerdings Realität, und nicht nur an der Universität.

Gestern hatten sie eine groß angelegte Aktion gegen politisch Andersdenkende durchgeführt, insbesondere in den Arbeitervierteln. Blutige Ausschreitungen waren die Folge gewesen. In Schöneberg hatten hundert mit Stuhlbeinen und Totschlägern bewaffnete Nazis ein Bockbierfest gesprengt und dabei unter anderem einen Polizeiwachtmeister, der eingreifen wollte, schwer verletzt. Im Norden der Stadt war es zu einem Zusammenstoß mit Kommunisten gekommen, wobei ein junger Nationalsozialist getötet wurde.

Wie um diesen Verbrechern auch noch seinen Segen zu erteilen, hatte Reichswehrminister Groener den Erlass, nach dem Mitglieder staatsfeindlicher Parteien nicht in die Reichswehr aufgenommen werden durften, für die Nationalsozialisten aufgehoben. In Zukunft galten diese also im Gegensatz zu den Kommunisten nicht länger als Staatsfeinde und erhielten die Chance, ihre propagandistische Wühlarbeit offen innerhalb der Reichswehr auszuüben. Dabei konnte sich Groener darauf berufen, dass inzwischen ja auch Reichskanzler Brüning Hitler zu Sondierungsgesprächen empfangen und damit als Verhandlungspartner anerkannt hatte.

Bei jener Zusammenkunft war es vor allem um das Amt des Reichspräsidenten gegangen. Hindenburgs Amtszeit näherte sich dem Ende, und Brüning hätte gern, dass der Reichstag dem alten Feldherrn per Verfassungsänderung das Amt auf Lebenszeit zusprechen würde, um einen konfliktbeladenen Wahlkampf des gesundheitlich angeschlagenen Hindenburg zu vermeiden, vor allem aber, weil er hoffte, weiterhin auf dessen Unterstützung bei den Notverordnungen...

Erscheint lt. Verlag 2.1.2023
Reihe/Serie Kriminalroman aus der Weimarer Republik
Kriminalroman aus der Weimarer Republik
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Krimi / Thriller / Horror Historische Kriminalromane
Schlagworte 30er • Berlin • Historischer • Jahre • Krimi • Kriminalroman • Republik • Weimarer
ISBN-10 3-7549-8738-0 / 3754987380
ISBN-13 978-3-7549-8738-4 / 9783754987384
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