Gleich in die Fresse (eBook)
282 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-9054-8 (ISBN)
Nach den Lebensjahren plagt mich kein schlechtes Gewisses, oder ich ertränke ihn einfach mit diesem herrlichen Blubb der sich Champagne nennt. Gut. Vielleicht ist die Rache dieses dumpfe Scheissgefühl, was sich durch jeden Rausch kämpft, und was Psycho-Docs depression nennen, was mich am Vergessen hindert...gerade vergessen ist manchmal die Lösung, oder sich vor den Marterpfahl des Christentums zu werfen, dem Kreuz, und um Vergebung zu bitten... Alles Scheissegal denke ich, oder auch nicht..
Nach vielen Erfahrungen aus dem Leben berichtet. Heute 50 Jahre alt- Berufstätig und immer auf der Suche nach dem warum. Wohnhaft in Süddeutschland- setze ich mich mit den Lebensfragen auseinander- suche Antowrt in Religion- Literatur und Menschenkontakt. Verheiratet -zwei Kinder
2.Kapitel: Turnschuhe
Mutter kochte für uns mittags oft Polenta mit Dickmilch. Das roch komisch, aber schmeckte. Damals waren die Küchen klein, aber der Esstisch wurde da immer noch reingezwängt. Im Wohnzimmer wurde nur am Wochenende gegessen, und es durfte nichts auf den Teppich fallen.
Vater erlaubte uns dann in den Fußballverein zu gehen. Er konnte manchmal positiv überraschen. Das erste Training war etwas Magisches, holte mich aus der Lethargie. Auf dem Rasenplatz waren Hütchen aufgestellt, der Trainer im Sportanzug und Trillerpfeife.
Die Spiele an den Wochenenden gegen die umliegenden Vereine und Dörfer waren immer ein Erlebnis besonderer Art. Die Anfahrt, das Anziehen der Vereintrickots, die Zuschauer, der Platz, das Fremde, alles gehörte zu diesem Spiel, Gefühle, die ich festhalten wollte. Aber Fußball hat für so etwas keinen Sinn. Es heißt auf dem Platz sein, wach und auf Zack, das ist Ballsport, fast so wie heute im Leben, oder schon immer.
Träumer verlieren im Spiel um die große Aufmerksamkeit.
Natürlich war auch hier mein Leistungsnachweis überschaubar. Krampfen, Trippeln, den Ball haben wollen, erfordert Selbstvertrauen, sich in der Gruppe behaupten, seinen Platz finden, alles eine Nummer zu groß.
Doch ein Tor gelang mir. Ein Traum, oder Träumertor. Es war das einzige in diesem einen Spiel, und überhaupt in meiner Karriere.
Der Ball prallte nach einer Ecke an meinen Fuß, und von dort im Bogen in den Winkel des hinteren Torpfostens. Ein Traumtor, von einem Träumer gemacht, der den Ball nicht mal kommen sehen hat. Man kann natürlich die alte Fußballerweisheit ausgraben und behaupten, der Junge weiß wo er stehen muss.
Es gefiel mir auch sonst, obwohl ich wenig Zugang zu diesen Gruppengebahren fand, und keine Beziehungen zu den Mitspielern hatte, oder mit ihnen kommunizierte. Diese lebte ich vor dem heimischen Spiegel aus. Darin gefiel ich mir.
Die Unruhe im Hause steigerte sich. Der Kochtopf in Vaters Kopf gewann wieder an Hitze. Schwester wurde immer aufmüpfiger und wehrte sich gegen Ihn.
Kurz vor dem Überkochen seines Kessels floh Bruder aus der Wohnung, und ich holte ihn unter der Kellertreppe wieder nach oben. Er kauerte sich dort ins Eck. Hin und wieder klopften die Nachbarn an die Wand, wenn es zu laut wurde, und Vater Schwesters Türe fast zusammentrat, um in ihr Zimmer zu gelangen.
Mutter saß dann meist nur apathisch da und sagte kein Wort. Sie hatte auch nichts zu sagen, sonst wäre Vaters Hass auf sie gekommen.
Als sich Schwester beim Jugendamt beschwerte, bekam sie zur Antwort, sei dankbar und höre auf deine Eltern.
Wenigstens schien der Fußball uns mit Vater ein wenig Gemeinsamkeit erleben. Als der 1.Club der Stadt mit seiner Profimannschaft ein Benefizspiel gratis in einer Umlandgemeinde anbot, fuhren wir mit meinem Bruder dorthin.
Nachdem dem Spiel wollte Vater sofort nach Hause fahren; ich wollte Autogramme, und blieb einfach mit meinem Bruder am Ausgang, um auf die Spieler zu warten. Da das dann länger dauerte, kam Vater und sagte: Sofort gehen wir: Ich widersprach. Er schnappte meinen Bruder und verschwand.
Nach einer Weile kamen die Spieler, verteilten Autogramme und gingen, wie die Zuschauer und Autogrammjäger. Der Parkplatz war alsbald leer. Unsicherheit, Angst war das Nächste, was ich fühlte. Jetzt, wo alle weg waren, konnte ich mich nicht mehr an dem Licht der Stars festhalten.
Ich wachte aus diesem begeisterten Zustand auf, und der Gefühlsaufzug schoss nach unten in den Keller. Es war ein Sommertag, die Dämmerung kroch langsam in ihn hinein, wie sich in mir Hilflosigkeit, Verlassen sein ausbreitete. Ich wartete, dachte Vater kommt sicher zurück und holt mich. Niemand kam.
Ich rannte 10 Km die Autobahn entlang, zurück in die Stadt. Außer dass einzelne Autos hupten, geschah nichts.
Diesem Erlebnis war ein schreckliches Gefühl gefolgt. Es wurde ein prägendes. Heute verbringen 12-13-Jährige fast ganze Nächte alleine in einer Großstadt, ich war auf so etwas nicht vorbereitet.
Viele Jahre später rannte ich im Drogenrausch nach einer Techno-Party 15 Km die Autobahn zurück. Ich hatte ein Flashback zu dieser Situation bekommen. Heute noch lebt dieser Eindruck, wie eine verlassene emotionale Ruine in mir. Ich glaube, das Fundament dieses Schmerzes ist unveränderbar, wie eine Blockchaine.
Vielleicht hat mich das so getroffen, weil die Umstände permanent so unsicher waren, und dieses stehen lassen war einfach das durchtrennen eines der letzten Seile, an denen ich noch hing.
Ich bin damals bis nach Hause gekommen. Vor der Türe traf ich meine Eltern, die mich gerade suchen gehen wollten. Es war mittlerweile finstere Nacht geworden. Meine Mutter weinte, als sie mich sah; ich musste dann auch furchtbar weinen, und an sie klammern. Nächsten Tag verlor man kein Wort mehr über die Sache.
In meiner Klasse waren wir vierzig Schüler. In Waldorfschulen ist der Umfang der Klassen oft so. Kritiker sehen hier ursächlich ökonomische Gründe, weniger der, der Willens und der Charakterbildung der Schüler
Ich verstand in großen Gruppen. Der Vorteil ist: Jeder findet einen Freund oder eine Freundin; es ist alles vermischt: Akademiker, Künstler, Arbeiter oder Angestellten-Kinder. Auch bei den Lebensformen waren da Veganer, Selbstversorger, Kommunisten, Grüne, Eltern die mit ihren Kindern in Kommunen lebten, oder auf Aussiedlerhöfen. Einige trugen auch nur selbstgenähte oder gestrickte Kleider.
In so einem Gemischtwarenladen fallen Abweichungen jeglicher Art nicht so auf. Die intellektuelle Spannbreite zog sich ebenfalls durch jedes Schulniveau. Manche, mich eingeschlossen konnten erst ab Klasse ¾ lesen und die Grundrechenarten lösen. Trotz oder vielleicht deshalb hatten wir eine so gute und homogene Klassengemeinschaft, bis auf einige Abweichler, die sich aber selber zu Außenseitern machten.
Ich hatte da noch viele Freunde, wurde auch oft zu Geburtstagen eingeladen, und verbrachte Nachmittage mit den Schulfreunden. Bei den Fußballsachen war ich von vielen bewundert, tat ich mich doch da als Rebell gegen die Schulregeln hervor. Auf dem Gelände der Waldorfschulen war es nämlich verboten, den Ball mit dem Fuß zu treten. Diese Regel galt auch außerhalb der Schulzeit und betraf den Schuleigenen Sportplatz ebenso. Da ich wiederholt des nachmittags kickend erwischt wurde, brummte man mir einige Strafarbeiten auf, die solche Überschriften wie,“warum tritt man einen Ball nicht mit dem Fuß „hatten.
Es war wohl das Bedürfnis, oder die Seelenverwandtschaft, das unbewusste Leid, dass mich hin zu den einzig beiden Außenseitern, Ambrosius und Ragnar zog. Vielleicht war es auch das unausgesprochene Gefühl, das Verstehen im Schweigen, und der Trieb, etwas dagegen zu Tun. Nur wer Leid erfahren hat, kann sich mit dem Leidenden verbrüdern.
Mit Ambrosius, der auch in unmittelbarer Nähe zu mir wohnte, war ich bereits des Nachmittags häufiger auf Diebstahltour durch die Supermärkte gezogen.
Er wurde, da seine Eltern schon im fortgeschrittenen Alter waren und jeglichem Stress nicht mehr gewachsen waren, in ein Internat gegeben.
Jahre später kehrte er zurück, und unsere kriminelle Karriere sollte sich dann schnell vertiefen.
Ragnar hatte eine Hasenscharte. Er säuselte und quietschte mehr, als dass er sprach. Er war ungepflegt und stank häufig. Wie ich kam er aus einem sozialen Wirrwarr. Sein Vater war ein zwei Meter großer Hüne, der schneller jähzornig wurde, als ein Blitz vom Himmel kam. Seine Mutter eine, eine ungepflegte Frau, die eher einem Schwamm glich, mit einer Perücke auf dem Kopf.
Sein Bruder, ein paar Jahre älter, war auf der Schule ein berüchtigter Dieb, der mit Alkohol und Zigaretten in Verbindung gebracht wurde. Die Schwester trieb sich schon mit ihren vierzehn Jahren im Punk und Straßenmilieu herum.
Mit Ragnar teilte ich auch das Schicksal, die Kleider der älteren Geschwister, bei mir nur die Schwester, tragen zu müssen.
Es betraf vor allem die Schuhe, hin und wieder auch Pullover und Hosen. Gerne verzierte meine Schwester ihre Schuhe mit Herzen und Namen irgendwelcher Angebeteten. Trotz Waschmaschine war alles Sicht und lesbar. Eddingstifte waren damals schon waschfest. Die Treter sahen jetzt einfach nur verwaschen aus, wie einmal den Verdauungskanal durchgejagt und wieder ausgeschissen.
So trug ich meiner Schwester ihre Lieblings Jungs weiter über den Asphalt spazieren, und mein Kopf erinnerte an eine Tomate, wenn das einer sah oder einen Witz machte.
Das kleine Glück, welches mir hold blieb war, der Markenzwang von heute, dass Zeigen müssen teurer Kleidung war noch nicht ausgeprägt. In der jetzigen Zeit wäre ich wohl ein gefundenes Fressen für die Mobber.
Mein Bruder hatte wiederum das Glück, dass die Schuhe nach meiner Nutzungszeit nur noch als Bündel der Verwertung zugeführt werden konnten. Er bekam dann Neue.
Sinnvolles, wie Kleiderbörsen wurden erst
viel später entdeckt. Damals trug man nicht fremde Kleider, man lud sie als Psycho-Druck den Geschwistern aufgestellt. So war das Leben als Mittlerer wie ein großer Arsch, wobei man aber dessen Ausgang war. Vor allem in diesem Punkt, war ich als Sandwich-Kind, wie das Europa der 80er-Jahre.Links der Ostblock, Rechts der Westen und dazwischen die Hoffnung der Welt, Europa.
Rechts und Links zofften sich, abgekriegt hätte es die Mitte. Den ganzen Müll lud man hier ab.
So lumpten Ragnar und ich nach der Schule herum, und suchten Spannung und Erfolg in unser Leben zu bringen. Wir klauten, bedrohten schwächere Schüler auf dem Heimweg, oder ärgerten...
| Erscheint lt. Verlag | 17.4.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Schlagworte | ALS • Gewalt • Medizin |
| ISBN-10 | 3-7541-9054-7 / 3754190547 |
| ISBN-13 | 978-3-7541-9054-8 / 9783754190548 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
E-Book Endkundennutzungsbedinungen des Verlages
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich
