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Der Pakt (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
355 Seiten
Ghost Verlag
978-3-9505110-0-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der Pakt -  Raphael Ragucci
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'Hab Angst vor dem Niedergang - ich weiß, dass er kommt, irgendwann. Ich weiß, dass alles hier vorbeigeht, ich hoff, ich nehm es hin wie ein Mann.' (Brief - Raf Camora) Reichtum. Luxus. Millionen von Fans - doch auf dem Zenit seiner Karriere beendet der immens erfolgreiche Ausnahmekünstler Raphael 'RAF Camora' Ragucci am 11.Januar 2019 seine Karriere, und hinterlässt für Fans ein grosses Fragezeichen über seinen Verbleib in der Musiklandschaft. Doch Raf, schon immer ein sehr in sich gekehrter Künstler, muss sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen... Erwachsen, refklekiert und schonungslos ehrlich berichtet er in seiner selbst geschriebenen Autobiographie von der unglaublichen bisherigen Reise seiner Karriere, die ihn aus einfachen Verhältnissen von West-Wien über Berlin nach Barcelona bis hin ins ferne Tokio bringt. Und erstmals vom Pakt mit dem Raben, der ihm zwar viel gegeben, aber auch extrem viel genommen hat.

Kapitel 4:


SKANDAL & DAS BRENNENDE


» B «


Unsere erste EP sollte wie unsere Crew heißen. Wir wollten der Welt zeigen, was wir lieben: Fünfhaus. Und was wir hassten: die Bezirke innerhalb des Wiener Gürtels. Ich produzierte die komplette EP selbst und schnappte mir einen Grafiker, um ein mehr oder weniger vorzeigbares Cover zu entwerfen. Damals gab es keine iPhones, kein Instagram, vielleicht ein bisschen YouTube. MySpace war gerade erst frisch am Kommen. Wir mussten also irgendwie zusehen, dass wir unsere Musik auf eigene Faust an den Mann brachten.

Mit unserem „Vertrieb“ fingen wir direkt da an, wo wir uns bestens auskannten: auf der Straße. Wir kopierten unsere Songs auf USB-Sticks und verteilten sie. Unsere Musik verbreitete sich auf der Straße und auf den Schulhöfen. Der Plan funktionierte. Wir fanden uns auf immer mehr MP3-Playern wieder und wurden im Bezirk von den Leuten erkannt. Zusammen mit ein paar anderen Crews wie SFU, OTK und Nazar entstand mit der Zeit der Ansatz einer Wiener Straßenrap-Szene. Unsere Crew „Skandal“ war ganz vorne mit dabei. Wien war unser Gebiet, unser Planet. Als Wiener war ich wie fast alle Hauptstädter gefangen im Mikrokosmos der eigenen Stadt. Allerdings wusste ich schon relativ früh, dass ich nur noch weiter nach vorne kommen würde, wenn ich diesen Mikrokosmos verlasse. Wien ist die zweitgrößte deutschsprachige Stadt, aber nicht der Nabel der Deutschrap-Welt. Doch alles, was außerhalb der Grenzen des Landes stattfand, war für mich unerreichbar. Noch – wiederholte ich immer wieder in meinen Gedanken. Deutschland schien dagegen hell wie die Sonne auf mich: das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, mit Berlin als betonschwerem Zentrum der deutschsprachigen Rap-Welt. Allein der Name dieser Stadt wog so viel, dass alles, für was diese Stadt stand, den gesamten Markt zu erdrücken schien. Aggro Berlin, Bushido, Paul Kalkbrenner, Rammstein, die Ärzte, Seeed. So viel Kreativität in einer Stadt. Wie bei einer Fußballaufstellung sah ich neben all diesen Top-Spielern einen leeren Platz in der Aufstellung.

Meinen Platz.

Ich musste nach Berlin, um zeigen zu können, was ich kann. Da war nur ein Problem – Berlin war 650 km weg –, zu weit, um dort selbst hinzufahren und meine USB-Stick-Taktik auch dort anzuwenden.

Leider kannte ich auch niemanden in Berlin, der mir damit helfen könnte. In Wien lief das einfach – ich knüpfte meine Connections normalerweise bei Battles in Hiphop-Clubs. So war ich das gewohnt. Doch ähnlich wie der Rest der Welt sammelte sich auch die deutschsprachige Rap-Szene zunehmend im Netz. Also packte ich alle Songs in ein ZIP-File und schaffte es, ein paar befreundete Wiener „Unternehmer“ zu überreden, ihnen „Werbeplätze“ für ihre Projekte in diesem ZIP-File zu sponsern. Dreist, aber ich brauchte das Geld für den nächsten Schritt meiner Strategie. Insgesamt sammelte ich so ganze 1.000 Euro, mit denen ich wiederum Leute bezahlen konnte, die für ein bisschen Geld alle Foren und Kommentarspalten der meisten deutschen Rap-Portale damit bombardierten. Alle halfen mit. Sogar meine kleine Schwester verteilte unsere Songs. Schon damals stand meine Schwester fest an meiner Seite. Wir sind zu 100 Prozent Geschwister. Sie ist acht Jahre jünger als ich. Sie ist bildhübsch, unfassbar straight und steht für ihre Familie ein. Als sie ein kleines Kind war, habe ich sie gewickelt und etwas später jeden Tag in den Kindergarten gebracht und wieder abgeholt. Jetzt half sie mir und meinen Freunden, unsere Musik in das Internet zu pushen. Nach wenigen Wochen gab es kein deutsches Forum, in dem unsere EP nicht präsent war. In manchen wurde darüber sogar diskutiert.

Ich spürte, dass mein Einfluss größer wurde und dass die Grenzen der Stadt für mich nicht mehr galten. Ich sah ein winziges Loch in der Wiener Glaskugel und zögerte nicht. Mein Freund Majestic und ich kratzten 100 Euro zusammen, um mit dem Bus nach Berlin zu fahren. Ohne Ziel. Ohne Plan. Ohne eine Strategie. Diese Linienbusse waren ungemütlich, grau und ohne Beinfreiheit.

Je nach Verkehrslage dauerte die Fahrt zwischen acht und zwölf Stunden. Ohne mobiles Internet dehnten sich diese Stunden ins Unendliche. Ich hörte Beats auf meinem iPod, schrieb Texte oder starrte aus dem Fenster. Berlin, ich komme.

Unser erster Aufenthalt war kurz, aber hinterließ enormen Eindruck. Die Stadt hatte einen ganz anderen Vibe. Hier war jeder auf sich alleine gestellt. Als Majestic und ich planlos mit der Ringbahn durch Berlin fuhren, lernten wir den Rapper Asek kennen, der gerade dabei war, sein Album zu promoten. Er beklebte die Innenräume der U-Bahnen mit Stickern, auf denen das Release-Datum stand. Asek war ganz anders als die Musiker, die ich aus Wien kannte: Er war offen, interessiert und verdammt gastfreundlich. Majestic und ich hatten unsere 100 Euro für das Busticket verballert und nicht einmal mehr genug Münzen für einen Berliner Kebab. Obwohl Asek uns gerade erst kennengelernt hatte, lud er uns zu sich zum Essen und Abhängen ein. In seiner kleinen Wohnung in Moabit machten wir Spaghetti al tonno, und er zeigte uns stolz sein „Büro“, das eigentlich nur aus einem großen Kalender an der Wand bestand. Aber: Schon damit schaffte er es, mich zu beeindrucken. Asek hatte fünf Releases auf den Markt gebracht, und jedes seiner Alben war auf Vinyl gepresst worden – ein großes Statussymbol für einen Rapper.

Als uns Asek am Ende unseres ersten Berlin-Trips zum Bus zurückbrachte, fuhren wir über die Oberbaum-Brücke und sahen über der Spree das riesige „Universal“-Logo auf einem Backsteingebäude prangen. Das war es. Ich hatte mein Ziel gefunden. Genau dort wollte ich hin. Ich fühlte mich wie ein italienischer Immigrant, der in den 30er-Jahren nach New York gekommen war und das erste Mal die Freiheitsstatue sah. Eine neue Heimat. Ein Neustart. Das sollte Berlin für mich sein.

Zurück in Wien, dachte ich nur noch an die Stadt an der Spree. Wien war bis dahin für mich das gesamte Universum und Fünfhaus das gleißende Zentrum gewesen. Ich fühlte mich eingeengt und wollte nur noch ausbrechen. Meine Träume waren immer schon gespickt von Symbolen. Ich träumte auch als Kind nicht nur in Szenen, sondern sah Zeichen und konnte sie von allen Seiten betrachten. Mich plagten immer schon Schlafstörungen und Träume, die so real schienen, dass sie mich manchmal tagelang aus der Bahn warfen. In diesem Herbst zwischen den Welten sah ich eines Nachts ein brennendes „B“ deutlich vor mir. Es war aber nicht irgendein „B“. Es war das Logo von Bushido. Mehr ein Blitzlicht als ein bewusster Traum. Es geisterte mir tagelang im Kopf herum, während ich im Studio saß und Beats baute. Bushido kroch damals wie ein Schatten von Berlin aus nach Österreich. Er leitete die Community quasi alleine über sein „Kingbushido-Forum“. Darin sah ich auch eine Chance für „Skandal“. Ich muss betonen, nie ein Fan seiner Musik gewesen zu sein. Ich hörte nur französischen Hiphop, weil ich mich mit deutschem Rap nur schwer identifizieren konnte. Aber ich hatte Respekt vor seiner Leistung.

Wie die Vorsehung es wollte, riss mich ein Anruf von Joshi aus meinen Gedanken.

„Bruder, Stickle hat mich gerade angerufen, er ist mit Chakuza in Wien. Die sind mit Bushido hier für eine Show!“, sagte Joshi. Stickle, ein Hiphop-Produzent aus Linz, und ich waren beim gleichen Label, Headquarter Records, auf dem unser erstes Album damals erschienen war. Mittlerweile arbeitete er gemeinsam mit Chakuza für Bushido.

„Ach was, krass“, erwiderte ich und dachte sofort an meinen Traum.

„Ja, Mann, Stickle hat uns eingeladen, wenn wir Bock haben, sollen wir kommen.“ „Ja, okay, lass uns hingehen“, sagte ich, immer noch perplex von diesem „Zufall“.

Am Abend standen wir vor der Eingangstüre des Konzerts vor D-Bo, dem damaligen Künstler- und Tour-Manager der Jungs. D-Bo kannte uns nicht und sah uns kritisch an.

„Wir sind Freunde von Stickle. Er hat uns eingeladen“, sagte Joshi.

„Das kann jeder erzählen“, sagte D-Bo. Joshi begann zu diskutieren und fragte, ob er in den Backstage gehen könne, um uns die Pässe für den Eintritt zu klären. Mir war die ganze Situation unangenehm. Nie in meinem Leben hatte ich versucht, mich irgendwo reinzusnitchen. Wenn wir in den Volksgarten nicht reingekommen waren, kletterten wir über die Zäune. Aber niemals hätte ich mit jemandem diskutiert, um mir Zugang zu einer Veranstaltung zu verschaffen – auch wenn wir in dem Fall sogar im Recht waren. Das war für mich das Gegenteil von „débrouillard“. Ein plumper Versuch. Ich wollte nur weg, aber Joshi blieb hartnäckig. Er überzeugte D-Bo tatsächlich, verschwand Richtung Backstage und kam mit unseren Pässen zurück. Ich danke ihm bis heute dafür. Denn das Konzert war für mich eine Erleuchtung. Der Club platzte aus allen...

Erscheint lt. Verlag 14.10.2021
Verlagsort Wien
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte Biographie • Deutschrap • Erfolgsgeschichte • Musik • Musiker • Persönlichkeitsentwicklung • RAF Camora • Rap • Raphael Ragucci
ISBN-10 3-9505110-0-8 / 3950511008
ISBN-13 978-3-9505110-0-0 / 9783950511000
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