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Tutti fratelli -  Lis Garde

Tutti fratelli (eBook)

Alle Brüder

(Autor)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
328 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-87-430-6564-7 (ISBN)
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Wie nur wenige andere Menschen hat Henry Dunant in seinem Leben Höhen und Tiefen durchlebt, Ruhm und Elend, Berühmtheit, aber auch Neid. Im Jahr 1863, als Dunant 35 Jahre alt ist, befindet er sich mit der Gründung des Roten Kreuzes auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Doch nur kurze Zeit später wird sein Leben durch ein Ereignis völlig auf den Kopf gestellt... Henry Dunant war Zeit seines Lebens ein Visionär, ein Mensch, der, von den damaligen, politischen Geschehnissen beeinflusst, verstand, seine Gedanken und Ideen in internationales Licht zu rücken. Die Verwirklichung dieser Ideen fand international großen Anklang und auf der ganzen Welt halfen sie dabei, Brücken zu anderen Menschen zu bauen. Dunant wollte Menschen durch seine Ideen miteinander zusammenführen, stets geprägt von Menschlichkeit und Brüderlichkeit. Für Henry Dunant war dies der Weg zu einer besseren Welt.

Lis Garde wurde am 28. Juni 1940 in Dänemark geboren und hat auf Lehramt studiert. Studium an der Alanus Kunsthochschule Bonn sowie an der Kunstakademie und Universität in Århus. Sie hält Vorträge für Amnesty International.

Bild 1


Kindheit und Schule


1828-1847


I

n dieser für Europa so bewegten Zeit kam Henri Dunant am 8. Mai 1828 zur Welt. Die Freude war groß in dem vornehmen Haus in der Rue Verdaine Nr. 268 (heute Nr. 12) in Genf, wo Dunant in eine vornehme, geachtete und wohlhabende Patrizierfamilie hineingeboren wurde.

Die zarte Anne-Antoinette, 27 Jahre alt, hatte das erste Kind der Familie geboren. Am Tag nach der Geburt erschienen drei angesehene Bürger der Rhonestadt auf dem Standesamt, um die Ankunft von Jean Henri Dunant anzuzeigen – der stolze Vater Jean Jacques Dunant, Ratsherr und erfolgreicher Kaufmann, der glückliche Großvater Henri Colladon, bekannter Forscher und Politiker, der als Pate dem Neugeborenen seinen Vornamen weitergab, und der andere Pate, Onkel David Dunant, Buchhändler und patriotisch gesinnter Schriftsteller und Moralist.

Der Vater des kleinen Henri, Jean Jacques Dunant, war ein überaus korrekter und verantwortungsvoller Mann. Er war Spross eines alten Patriziergeschlechts, dessen Angehörige bereits zur Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert einflussreiche Stellungen in der stolzen Stadt am Genfer See innehatten. Sein Handwerk hatte er von der Pike auf im Handelskontor seines kinderlosen Onkels in Marseille erlernt. Er bewies dem Onkel auf vielen Handelsreisen in ferne Städte seine Tüchtigkeit, so dass der ihn schliesslich zu seinem Alleinerben machte.

Mit 37 Jahren kehrte Jean Jacques in seine Heimatstadt Genf zurück, um hier eine Familie zu gründen. Ein Jahr später, 1827, heiratete er die zehn Jahre jüngere Anne-Antoinette Colladon, eine kleine, grazile, gutaussehende Frau mit dunklen Augen und trotz ihrer aristokratischen Herkunft ein bescheidener Mensch voller Milde und Begeisterungsfähigkeit.

Henri Dunants Vater war Mitglied des Conseil Représentatif der Republik, der später in einer demokratischeren Verfassung durch den Grand Conseil, den Großen Rat, ersetzt wurde. Beharrlich und einfühlsam engagierte er sich auch im Wohlfahrtswesen und sass der Chambre de tutelles et curatelles, einem Vormundschaftsrat für Waisenkinder vor.

Henri Dunants Mutter Anne-Antoinette, mit Kosenamen Nancy, entstammte der vornehmen französischen Familie Colladon, die seit dem 15. Jahrhundert im Königreich Frankreich hohe Positionen bekleidete. Doch war die protestantische Familie bereits während der religiösen Verfolgungen des 16. Jahrhunderts aus Bourges geflohen und hatte sich in der in Religionsfragen toleranteren Schweiz, eben in Genf, niedergelassen. Der Bruder der Mutter war der berühmte und wohlbekannte Ingenieur und Physiker Jean Daniel Colladon. Er wurde 1839 Professor in Genf und erforschte die Geschwindigkeit des Klangs im Wasser. Im Zusammenhang mit der Anwendung von Druckluft beim Bau des Tunnels zwischen dem Mont Cenis und dem St. Gotthardt wurde sein Name weltbekannt.

Die ersten sechs Monate seines Lebens brachte der kleine Henri im Wohnhaus in der Rue Verdaine zu, das der Familie Colladon gehörte. Das Haus lag mitten in Genf zwischen dem unteren Stadtteil der Krämer und dem bürgerlichen oberen Stadtteil mit der Universität. Henri wurde während einer der ruhigeren Perioden Genfs geboren; an der Universität blühten Wissenschaft und Kultur, und auch Handel und Industrie entwickelten sich rasch. Angetrieben wurde alles von der calvinistischen Überzeugung, dass Gott Fleiß liebt und Müßiggang straft. Die Armen hätten ihren Zustand selbst verschuldet. Diese Doktrin konnte die soziale Verelendung der Arbeiter zu Beginn der Industrialisierung jedoch nicht verhindern, und auch in Genf stieg die Zahl der Hungernden, der Bettler und der Waisen.

Ende 1828 erwarb die junge Familie das Landgut La Monnaie in Montbrillant, nicht weit von Cornavain, das damals noch eine ländliche Gegend war. Hier kamen in den folgenden sechs Jahren Henris vier Geschwister zur Welt: Sophie-Anne (1829), Daniel (1831), Marie (1833) und Pierre-Louis (1834).

Das Anwesen war groß und idyllisch gelegen mit freiem Blick auf den Mont Blanc. In den weitläufigen Park, den der Vater mit ausgesuchten Bäumen hatte bepflanzen lassen, lud Henris Mutter ab und zu die Kinder aus einem nahe gelegenen Kinderheim ein, damit sie sich unter Aufsicht ihrer Hausmutter zwischen den duftenden Bäumen und Pflanzen ein wenig erholten.

Dunant erinnerte sich zeit seines Lebens gern an diesen Ort, wo er eine glückliche Kindheit verbrachte:

„Mein Vater pflanzte an unterschiedlichen Stellen seltene Pflanzen und Bäume. Es bereitet ihm große Freude, den Ort mit exquisiten Düften zu verschönern; es war für ihn die bevorzugte Zerstreuung, denn sein Zuhause bedeutete ihm viel. Der Park stand voller Obstbäume, die ausgesuchte Früchte trugen – alles saftig und süß, wie ich sie nie wieder gefunden habe… Auch war es ein Ort, an dem Duftveilchen gediehen unter dem Moos im Sonnenschein.“

Dunants Eltern waren einander sehr zugetan und boten ihren Kindern ein harmonisches Familienleben, auch wenn der Vater durch seine ausgedehnten Handelsreisen oft lange weg war und ihre instabile Gesundheit die Mutter oft ans Bett band.

Die Mutter war eine begnadete Frau und hatte großen Einfluss auf ihren Sohn. Dunant sagt über seine Mutter: „Sie war die Liebe in Person, allzeit von allem angetan, das edel und gut war.“ Von ihr lernte Henri Menschenliebe, Opferbereitschaft, Edelmut und Ritterlichkeit – Eigenschaften, die ihn sein ganzes Leben lang antrieben.

Schon als Henri Dunant noch Kind war, ließ die Mutter ihn die Armut und das Elend der armseligen Wohnungen in den kleinen Strassen von St. Gervais miterleben. Henri brachte den Bewohnern Essen, las ihnen aus den Evangelien vor und spendete ihnen, so gut er das konnte, Trost und Freude. So entwickelte er durch seiner Mutter Einsatz für Arme und Kranke schon im Kindesalter ein Gefühl für Unglückliche und Notleidende. Selbst Sterbende im Krankenhaus von Bourg de Tour bekamen Besuch von dieser hingebungsvollen Frau und ihrem kleinen Sohn.

„Dort, in den schmuddeligen Behausungen in diesen engen schmalen Strassen erfuhr ich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht Unglück und Elend bei Menschen, deren Leben eine einzige Aneinanderreihung von Leiden und Entbehrungen jeglicher Art war. Menschen, die keine Liebe kannten, die das Gute nicht kannten und die das Herz im Menschen erst entdeckten, wenn es schmerzvoll und krampfhaft aufschrie. Mir wurde erstmals bewusst, dass der Einzelne ohnmächtig ist gegenüber Schreckgespenstern namens Unglück und Elend. Wenn vielleicht auch noch nebulös und undeutlich, so entstand aber gewiss damals schon, 1849 bei dem 21jährigen jungen Mann, der Gedanke, einen großen internationalen Verein zu gründen, der alle Arten von Unglück lindern sollte. Dieser Gedanke hat mich seitdem niemals mehr verlassen; das, was damals nur die träumerische Idee eines Jünglings war, nahm erst Jahre später Gestalt an.“

Henri spielte nur selten mit Gleichaltrigen, stattdessen verbrachte er viele Sonntagnachmittage damit, den Gefangenen in Genfs Gefängnis vorzulesen. So entwickelte Henri Dunant schon in jungen Jahren ein Mitgefühl für alles menschliche Erleiden und schärfte seinen Blick für die, die von Not bedrängt waren.

Später war Dunant auch der einzige junge Mann, der der Genfer Wohlfahrtsvereinigung angehörte, und er demonstrierte die idealistische und humane Einstellung, die einst seinen Namen weltberühmt machen sollte.

Henri verbrachte eine glückliche Kindheit auf dem Landgut La Monnaie. Doch ein ganz unbeschwerter und fröhlicher junger Mensch kann er angesichts eines zweifachen Drucks wohl schwerlich gewesen sein: auf der einen Seite durch das pietistische Elternhaus, andererseits durch die calvinistische Umgebung. Wie viele der damals bessergestellten Bürger waren auch seine Eltern Mitglied einer evangelischen Gesellschaft, die 1830 von Pastor Gaussen gegründet worden war. Diese Gesellschaft auf dem Boden der Erweckungsbewegung Réveil legte das Evangelium wörtlich aus, und die Mutter war Gaussens fromme und gelehrige Schülerin. Diese religiösen Vorstellungen machten auf das Kind und den Heranwachsenden großen Eindruck. Er war sehr feinfühlig und entwickelte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Als Vierjähriger, erinnert er sich, erzählte seine Mutter ihm die Fabel vom Wolf und vom Lamm, und er begann zu weinen, weil er es nicht ertragen konnte, dass das unschuldige Tier aufgefressen wurde. Eine andere Erinnerung betrifft Toulon, wohin die Familie 1836 auf einer Frankreichreise kommt. Der achtjährige Henri besucht mit seinen Eltern ein Gefängnis, in dem Gesetzesbrecher aus Genf ihre Strafe abbüssten. Aufgewühlt von dem Anblick der schlecht behandelten, in Ketten liegenden Gefangenen, beschloss er: „Wenn ich groß bin, schreibe ich ein Buch, um sie zu retten.“Dunant erinnert sich auch an eine Reise mit der Familie, bei der sie das Meer sahen:

„Der Himmel über der Provence war wunderbar blau und wolkenlos, und wir atmeten die herrlich duftende Luft ein. Meine Mutter konnte es nicht erwarten, das Meer zu sehen;...

Erscheint lt. Verlag 13.9.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 87-430-6564-3 / 8743065643
ISBN-13 978-87-430-6564-7 / 9788743065647
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