Grandhotel Giessbach (eBook)
496 Seiten
Emons Verlag
978-3-96041-776-7 (ISBN)
Geboren 1977 und aufgewachsen im Schweizer Kanton Aargau, arbeitet Phil Brutschi seit 2001 als Bauingenieur und Senior Projektleiter. Parallel schuf er zahlreiche Songtexte, Sketche, Drehbücher und Skripte für Werbe- und Filmproduktionen.
Geboren 1977 und aufgewachsen im Schweizer Kanton Aargau, arbeitet Phil Brutschi seit 2001 als Bauingenieur und Senior Projektleiter. Parallel schuf er zahlreiche Songtexte, Sketche, Drehbücher und Skripte für Werbe- und Filmproduktionen.
PROLOG
Montag, 9. Mai 1910, später Nachmittag
Claudette juckte es an fünf Stellen ihres Körpers, aber sie wagte es nicht, sich zu kratzen. Sie kauerte auf einer Mischung aus Kies, Staub und undefinierbarem Moder, in dem vereinzelte braune Gräser steckten. Claudette konnte sich keine Vorstellung machen, wie in dieser schattigen Welt jemals hatten Pflanzen sprießen können. Spinnweben und Fetzen von etwas, was vermutlich einst Spinnweben gewesen waren und jahrelang Dreck und Insektenpanzer gesammelt hatte, hingen von den Holzdielen, die sich unmittelbar über ihrem Kopf hinzogen. Der Rock ihrer Mägdeuniform war ihr bis zur Wade hochgerutscht, und sie hatte das Gefühl, als krabbelte und wuselte das Ungeziefer überall um sie herum.
Unbedeutende Widrigkeiten, mahnte sie sich durchzuhalten.
Dass Claudette das erste Opfer in einer Reihe von Opfern sein sollte, die die gerade erst beginnende »Giessbach-Affäre« noch forderte, konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen. Erste Opfer ahnten nie, was das Schicksal für sie bereithielt. Und doch hätte Claudette die Gefahr, der sie sich gerade aussetzte, besser einschätzen sollen. Je höher das Risiko, umso höher der Ertrag, hieß es zwar immer, und daran hielt sie eisern fest, aber manchmal war der Preis für Leichtsinn auch einfach zu hoch.
Über ihrem Versteck scharrten zwei Paar blank polierte Schuhe auf den Dielen. Sie gehörten Émile Lambert, dem Chef des französischen Geheimdienstes, dem Deuxième Bureau, und seinem Gegenüber Alain Le Fèvre. Es war ein milder Frühlingsabend in der Provence, und die beiden saßen gerade einmal zwei Armlängen von ihr entfernt in der Laube von Lamberts Landhaus an einem roh gezimmerten Tisch bei Wein, Brot und ein paar auserlesenen Käsesorten.
»Was ist der eigentliche Grund für die Einladung auf Ihren Landsitz?«, fragte Le Fèvre, der amtierende Verteidigungsminister Frankreichs.
»Ich brauche einen größeren Etat«, erwiderte Lambert offen heraus, und Claudette erspähte durch einen Spalt im Holzboden, wie er sich ein Stück Brie von der Käseplatte klaubte.
»Sie haben mich eingeladen, bloß um mich um Geld anzubetteln?« Die Empörung Le Fèvres wirkte gekünstelt.
»Uns fehlt es hinten und vorne.«
»Dann sparen Sie! Sie wissen ja selbst, dass der öffentliche Druck uns genötigt hatte, das Deuxième Bureau nach dem Debakel der Dreyfus-Affäre zu schließen.«
Dem Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus wurde vorgeworfen, militärische Geheimnisse an das Deutsche Reich weitergeleitet zu haben, und die Justiz hatte ihn wegen Landesverrats zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Als zwei Jahre später Beweise für seine Unschuld auftauchten, wurden diese von höchster Stelle vertuscht. Doch sie sickerten durch, und der öffentliche Aufruhr war immens. Die Öffentlichkeit forderte, dass einige hochrangige Köpfe rollten. So hatte auch das Deuxième Bureau aufgrund seiner Verwicklungen in die Affäre seine Tore schließen müssen.
»Das ist jetzt elf Jahre her«, gab Lambert zu bedenken.
»Sie können froh sein, dass wir das Bureau überhaupt wieder reaktivieren konnten. Wenn auch nur inoffiziell. Ich habe mich immer für Sie eingesetzt, doch kann ich dafür auch nicht mehr als die mir zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen. Bleiben Sie dabei, kleine Baguettes zu backen, Lambert. Halten Sie Ihren Geheimdienst noch eine Zeit lang geheim.«
Unter ihnen begannen allmählich Claudettes Schenkel zu brennen, viel zu eng war ihr Horchposten. Auch wenn sie nicht gerade groß gewachsen war, musste sie bald ihre Beine ausstrecken, ganz sachte, ohne auf dem Kies ein Geräusch zu verursachen. Doch noch biss sie sich durch. Viel mehr beschäftigte sie, dass sich ihre Geduld nicht auszuzahlen schien. Den gesamten Abend lang hatten die beiden Männer gespeist und über Belanglosigkeiten wie Pferderennen, die Fischerei und die Regeln beim Péton palavert. Nun zeichnete sich allmählich ab, dass Claudette heute keine nachrichtendienstlichen Informationen mehr aufschnappen würde.
Sie nahm ihren Notizblock zur Hand und den weichen Bleistift – damit die Belauschten das Kratzen auf dem Papier nicht hören konnten – und notierte: »Grund des Treffens: Lambert bittet den Minister um mehr Geld«.
Zwischen den Spinnweben erblickte sie das frech grinsende Skelett eines Kleintieres – einer Maus oder einer Kröte, sie kannte sich bei Skeletten nicht aus.
»Ihre Zeit wird kommen, mein Freund. Gedulden Sie sich!« Le Fèvres Stimme hatte einen beschwichtigenden Ton angenommen.
»Bei unserer Aufgabe geht es um die nationale Sicherheit. Es wäre unverantwortlich, alles den Cretins der Sûreté nationale zu überlassen«, gab Lambert zu bedenken.
»Denken Sie nicht, Sie überdramatisieren?«
»Keineswegs. Wir sind da etwas auf der Spur. Wenn wir diese Angelegenheit aufdecken, können wir mit Pauken und Trompeten zurück an die Öffentlichkeit.«
Kommt da doch noch etwas? Claudette spitzte die Ohren.
»Von welcher Angelegenheit sprechen Sie?«, wollte der Minister wissen.
»Es tut mir leid, Monsieur Le Fèvre, aber dazu haben Sie nicht die erforderliche Sicherheitsklassifizierung.«
»Wenn Sie meine Hilfe wollen, dann müssen Sie mir auch etwas anbieten.«
Lambert überlegte. Er griff nach seinem Glas, nahm einen gehörigen Schluck und sagte: »Der 1903er Château de Balroq harmoniert vorzüglich mit dem Camembert, finden Sie nicht?« Er schmatzte vernehmlich. »Ich darf Ihnen wirklich nichts verraten. Aber Sie kennen ja bereits die Liste der vom Deuxième Bureau überwachten Personen, die regelmäßigen Kontakt zum Deutschen Kaiserreich pflegen. Unter ihnen ist ein Friedrich Klemens.«
Claudette notierte sich den Namen. Es schien, als würde sie doch noch etwas von Interesse aufschnappen. Ihr Herz begann so sehr zu pochen, dass sie fürchtete, die beiden Belauschten könnten es hören.
Le Fèvre erinnerte sich. »Klemens. Schweizer Großindustrieller. Schokoladenbaron. Man hat ihn des Öfteren in der Gesellschaft eines deutschen Generalleutnants beobachtet.«
»Wahrscheinlich wissen Sie auch bereits, dass er einen Kongress in seinem eigenen Nobelhotel in den Alpen in die Wege geleitet hat«, mutmaßte Lambert.
»Gewiss. Der Kongress für Zukunftsbetrachtungen. Offizieller Veranstalter ist die Orion-Gesellschaft für Fortschrittsfragen, ein Zusammenschluss von Wirtschaftskapitänen und hohen Tieren der Politik. Sie üben großen Einfluss auf die Schweiz und weit über die Grenzen hinaus aus. Aber was soll mir das sagen?«
»Wie gesagt, Sie verfügen nicht über die erforderliche Klassifizierung.« Wieder schien Lambert um einen Entschluss zu ringen. »Aber es wäre denkbar, dass Sie zufällig über dieses Schreiben hier gestolpert sind.«
Claudette hörte etwas rascheln, als würde Lambert ein Papier aus seinem Jackett ziehen, es auffalten, auf den Tisch klatschen und glatt streichen.
»Ein Telegramm?«, fragte der Minister und las vor: »›Beginn Kongress im Giessbach in fünf Tagen. Klemens erwartet deutsche Delegation. Kann Beweismittel beschaffen. Bitte um weitere Instruktionen.‹ – Sie haben einen Agenten im Grandhotel Giessbach stationiert?«
Lambert schwieg.
Le Fèvre überlegte. »Es wundert mich, dass eine deutsche Delegation in den Kongress eingeladen wurde. Für gewöhnlich kümmern sich die Eidgenossen um ihre eigenen Angelegenheiten.«
Lambert ging nicht darauf ein und ließ den Minister seine eigenen Schlüsse ziehen.
»Mir ist nicht bekannt, dass jemand von uns eingeladen wurde. Ich hätte es durch interne Bulletins erfahren müssen. Wie ist es mit den Engländern?«
Zwischen den Dielen hindurch sah Claudette, wie Lambert den Kopf schüttelte.
»Die Österreicher? Die Russen?«, fragte Le Fèvre weiter.
Wieder schüttelte Lambert den Kopf.
»Das gefällt mir nicht. Deutschland rüstet schon seit einiger Zeit zum Krieg, auch wenn sie vorgeben, es wären reine Verteidigungsmaßnahmen. Bloß eine Reaktion auf die Aufrüstung Großbritanniens.«
»Sie verstehen also die Brisanz dieser Angelegenheit?«, fragte Lambert.
Claudette schwellte die Brust. Es machte sie stolz zu hören, wie das Deutsche Kaiserreich die Franzosen erzittern ließ.
Als Magd war es ihr möglich, sich auf dem Anwesen frei zu bewegen. Bevor sie hier mit der Arbeit beginnen durfte, hatte sie eine personelle Überprüfung über sich ergehen lassen müssen. Die hatte sie mit Leichtigkeit bestanden – wer rechnete schon damit, dass ein einfaches Mädchen aus der nördlichen Provence für den deutschen Nachrichtendienst arbeitete?
Fernab vom nächsten Dorf lag Lamberts Anwesen eingebettet in eine idyllische Landschaft von Heiden und Ufergehölz. Claudette verrichtete einfache Arbeiten im Haus, im Garten oder in den Stallungen. Abends konnte sie müde und zufrieden in ihr Bett fallen. Doch wenn der Hausherr hier residierte, erhaschte sie so manche für das Kaiserreich verwertbare Information.
Claudettes Liebhaber Heiner hatte sie dazu bewogen, für den deutschen Nachrichtendienst zu arbeiten, und war nun ihr Verbindungsmann. Was man nicht alles für die Liebe tat. Und natürlich auch fürs Geld. Sie verdiente fürstlich für ein Mädchen vom Lande. Heiner hatte sie ausgebildet und meinte, sie sei ein Naturtalent, neige allerdings zum Leichtsinn. Er hatte ihr stets eingebläut, sich zweifach oder dreifach abzusichern, anstatt zu improvisieren. Dabei war gerade die Improvisation ihr Talent. So träumte sie davon, den ganz großen Coup zu landen. Wollte eines Tages mit den besten Spionen an den größten Fällen arbeiten.
»Wie gedenken Sie in der Giessbach-Angelegenheit...
| Erscheint lt. Verlag | 27.7.2021 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Grandhotel Giessbach |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Historische Kriminalromane | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Automobilindustrie • Belle Époque • Berner Oberland • Elektroauto • Geheimdienst • Giessbach • historischer Spionageroman • Krieg • Liebe und Leidenschaft • literarisch • Schweiz • Spannung • Spionage • Technik • verschmähte Liebe • Verschwörung |
| ISBN-10 | 3-96041-776-4 / 3960417764 |
| ISBN-13 | 978-3-96041-776-7 / 9783960417767 |
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