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Erlöse mich von dem Bösen (eBook)

Ein junges Mädchen in den Fängen einer sadistischen Mutter

(Autor)

eBook Download: EPUB
2020 | 1. Aufl. 2020
314 Seiten
Lübbe (Verlag)
978-3-7325-8340-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Erlöse mich von dem Bösen - Alloma Gilbert
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Alloma Gilbert kam aus schwierigen Verhältnissen. Dennoch war ihre frühe Kindheit von Liebe geprägt. Doch als das kleine Mädchen in die Fänge von Eunice Spry geriet, wurde ihr Leben zur Hölle. Essensentzug, brutale Prügelstrafen, Würgen bis zur Bewusstlosigkeit - Englands vielleicht grausamste Pflegemutter quälte und misshandelte Alloma und ihre Geschwister vom ersten bis zum letzten Tag. Erst Jahre später, nachdem sie schon lange ausgezogen war, sollte Alloma die Kraft finden, sich gegen ihre tyrannische Pflegemutter zur Wehr zu setzen. In diesem erschütternden Buch schreibt sie ihre dramatische Geschichte auf.

1
Zeit für die Wahrheit


Es liegt an ihren Augen. Ich ertrage es nicht, ihr in die Augen zu sehen. Ein abweisendes, totes Grau. Ein Blick, der sich bis tief in meine Seele bohrt. Ein Blick, der dafür sorgt, dass ich verloren bin. Ich weiß, ich werde nachgeben. Ich werde ihr jedes ihrer gehässigen Worte glauben, die sie mir entgegenspuckt und die mir mit jeder ihrer Anschuldigungen einen Stich ins Herz versetzt.

»Du bist elender Abschaum. Du bist das Kind des Teufels. Dir muss eine Lektion erteilt werden, die du niemals vergessen wirst.«

Ich habe aufgehört zu atmen. Hastig schnappe ich nach Luft, und dann nehme ich wieder alles um mich herum wahr. Ich sitze in einem glänzenden schwarzen Wagen, auf dessen Rückbank ich verzweifelt im Nichts zu verschwinden versuche. Er biegt auf den Avis-Kundenparkplatz ein.

Gott sei Dank sind die Scheiben schwarz getönt. Obwohl es auf dem Platz vor dem Autoverleiher düster ist, kann ich ein paar Leute wiedererkennen, von denen ich weiß, dass sie auf mich warten. Dann wird die Tür langsam geöffnet. Ich atmete erleichtert auf, als ein freundlich lächelndes Gesicht auftaucht. Es ist Detective Constable (DC) Victoria Martell, die zu mir nach hinten kommt, während ein Polizist vorne einsteigt.

Die DC trägt einen eleganten schwarzen Anzug und dazu passende Schuhe. Sie macht immer einen sehr geschäftsmäßigen Eindruck, aber gleichzeitig hat sie etwas Glamouröses an sich. Ein Hauch von Parfüm weht mir entgegen, als sie sich zu mir umdreht. Sie hat ein attraktives Gesicht, eingerahmt von langen dunklen Haaren. »Wie geht es Ihnen, Alloma?«, fragt sie mich und berührt ganz leicht meine Hand.

Ich bin so froh, dass sie da ist. Sofort kann ich wieder ruhiger und gleichmäßiger atmen. Ich muss schlucken und versuche zu antworten, aber mir will kein Wort über die Lippen kommen. Meine Zunge fühlt sich wie ein riesiger Schwamm an, mir dreht sich der Magen um. Nach einer unruhigen, von Albträumen geplagten Nacht war ich morgens aufgewacht und hatte nicht mal mein Frühstück runterkriegen können. Jetzt rumort mein Magen, aber nicht etwa, weil ich Hunger hätte. Mir ist einfach übel, und gleichzeitig fühle ich mich leer.

Um mich abzulenken, spiele ich mit meiner hübschen Perlenhalskette. Panik beginnt sich in mir zu regen. Ich mag das Gefühl der bunten Glasperlen, wenn ich sie nervös zwischen meinen Fingern hin und her rolle. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich durchziehen kann. Ich werfe DC Martell einen verstohlenen Blick zu, während der Motor schnurrend angelassen wird und wir hinausgleiten in den morgendlichen Berufsverkehr von Bristol. Sie macht einen sehr entschlossenen Eindruck, während ich am ganzen Leib zittere.

Rosa Blüten hängen dicht gedrängt an den Zweigen der Bäume, die Blätter leuchten in frischem Grün. Der Frühling fängt in diesem Jahr früh an. Ich liebe es einfach mitanzusehen, wie die Natur wieder zu neuem Leben erwacht. Diese Jahreszeit fasziniert mich, und ich möchte jetzt nur zu gern im Garten hinter meinem Haus sitzen, um die frische Luft und die hübschen Frühlingsblumen genießen. Aber noch lieber halte ich meine wunderschöne kleine Tochter Ivy in meinen Armen und drehe mich mit ihr im Park immer wieder im Kreis. Oder ich höre ihr zu, wie sie begeistert kichert, wenn sie eine unserer sechs Katzen streichelt.

Ehrlich gesagt, wäre ich in diesem Moment lieber an jedem anderen Ort der Welt, anstatt zum Gericht gefahren zu werden, wo mich ein düsterer Tag erwartet.

»Sie sehen schick aus, Alloma, sehr elegant.« DC Martell lächelt mich aufmunternd an, während sich der Wagen Stück für Stück durch den Berufsverkehr bewegt. »Ich bin froh, dass Sie sich etwas Geld borgen konnten, um einkaufen zu gehen.«

Ich schaue auf meine Beine und auf die ungewohnte braune Hose, die ich heute anhabe. Ich sehe die Ärmel meiner hellbraunen Jacke und die Manschetten meiner schneeweißen Bluse. Formale Kleidung, die so ganz anders ist als mein üblicher lässiger Stil aus Jeans und Glitzershirts. Das einzige Zugeständnis an mein »wahres Ich« sind die langen, funkelnden »Zigeuner«-Ohrringe. Mein lockiges schwarzes Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebändigt, ich spiele nervös mit dem Haarband. Ich versuche tiefer und ruhiger zu atmen, so wie man es mir beigebracht hatte, als ich mit Ivy in den Wehen lag. Dennoch kann ich einfach nicht still sitzen.

Auch wenn DC Martell neben mir sitzt und Ruhe ausstrahlt, kann ich mich immer noch gut an jene knorrigen Hände um meinen Hals erinnern, die mich am Reden hindern und mir das Leben nehmen wollten, nur um mir »eine Lektion zu erteilen«. Als ich mir vor Augen halte, dass meine Pflegemutter Eunice Spry – es sind ihre beängstigenden Hände – sich in Polizeigewahrsam befindet, kann ich mich endlich dazu durchringen, meine Stimme ertönen zu lassen, auch wenn sie ein bisschen kratzig und ausgedörrt klingt. »Danke, Victoria. Aber sind Sie sich wirklich sicher, dass da ein Sichtschirm sein wird?«

DC Martell sieht mich mit sanfter Miene an. »Ganz sicher, Alloma. Außerdem wird sie nach Ihnen reingebracht, also werden Sie ihr Gesicht nicht zu sehen bekommen. Versprochen.«

Ich nicke bedächtig und versuche, das alles zu erfassen. O Gott, ich hoffe, Sie haben recht, überlege ich. Denn wenn sie mich sehen kann, dann kann sie mich bezwingen. Sobald mich ihr Blick erfasst, werde ich wieder glauben, dass ich schlecht bin, schmutzig, böse. Es passiert auf der Stelle. Ich kann mich in ihrer Gegenwart nicht zusammenreißen.

Sobald sie sich irgendwo in der Nähe befindet, habe ich das Gefühl, dass ich ein ganz schrecklicher Mensch bin.

»Vergessen Sie nicht, dass ich das Geständnis auf Video mitgeschnitten habe, das Sie in meiner Gegenwart gemacht haben. Sie werden nicht wieder all diese grässlichen Details schildern müssen«, sagt die DC.

Wie könnte ich das vergessen? Aber sie wird da sein, geht es mir durch den Kopf. Sie wird es wissen.

Sie wird voller Hass in meine Richtung sehen. Durch den Schirm hindurch wird sie versuchen mich einzuschüchtern. Sie ist sehr gut darin. Und wenn sie mich reden hört, wird sie mich eine Lügnerin nennen und alles von sich weisen, was ich ihr vorwerfe. Eines ist sicher: Sie wird mir niemals verzeihen. Ich kann mir vorstellen, wie sich diese stahlharten Augen mir mit berechnender Boshaftigkeit zuwenden. So wie sie es mindestens schon tausendmal gemacht haben, als ich noch klein war. Ich merke, wie mir ein Schauer über den Rücken läuft.

»Fühlen Sie sich wirklich gut, Alloma? Sie sind kreidebleich.« DC Martell beugt sich zu mir vor. Mein Make-up kann noch so perfekt sitzen, trotzdem kann es meine Blässe offenbar nicht kaschieren. Ich habe solche Angst, dass ich nicht sprechen kann. Meine Stimme lässt mich oft im Stich, wenn ich mich fürchte. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich die meiste Zeit unter Gewaltanwendung dazu gezwungen wurde, den Mund zu halten oder gar nicht erst mit Reden anzufangen.

Plötzlich biegen wir in eine Toreinfahrt ein und nähern uns dem Hintereingang eines Bauwerks im Regency-Stil: Bristol Crown Court, das Gerichtsgebäude. DC Martell hatte mir bereits davon erzählt, dass wir den Reportern und Fotografen aus dem Weg gehen müssen, die sich vor dem Gebäude versammelt haben. Dann drehte sich der Polizist, der vorn saß, zu mir um und erklärte mir, dass sie besonders vorsichtig sein müssen, weil mein Fall eine so große Sache ist. So groß wie der Fall Fred West im benachbarten Gloucester.

Das macht mir nur noch mehr Angst. Ich bin nicht tot, denke ich. So schlimm ist es nicht gewesen.

Niemand ist an der Art gestorben, wie Eunice uns behandelt hat – auch wenn wir oft gedacht haben, dass wir das nicht überleben werden.

Der Wagen hält an, die Tür wird geöffnet. DC Martell steigt aus und führt mich zu einer Gruppe von Beamten in Uniform. Als wir im Gebäude sind, werde ich von den Sicherheitsleuten abgetastet, weil meine Gürtelschnalle und die Ohrringe den Metalldetektor anspringen lassen. Ich bin sehr nervös, weil mein Kreuzverhör ansteht. Obwohl in meiner Aussage alles steht, was es zum Fall zu sagen gibt, habe ich Angst, dass ich irgendetwas vergesse oder vielleicht vor Angst tot umfalle.

Die schroffe Gerichtsmitarbeiterin sagt mir, ich dürfe mit niemandem über meine Aussage reden. Dann bringt sie mir eine Tasse Tee und ich bitte sie um Berge von Zucker. Ich brauche diese Energie, da ich heute noch nichts gegessen habe. Ich werde ohne eine Spur von Mitgefühl darauf hingewiesen, dass ich möglicherweise den ganzen Morgen warten muss, bis ich an der Reihe bin. Ehrlich gesagt, wäre es mir auch egal, wenn man mich nicht aufrufen würde. Ich fürchte mich davor, befragt zu werden und vor so vielen fremden und wichtig dreinblickenden Menschen reden zu müssen. Aber es gefällt mir auch nicht, in dieser winzigen Kammer sitzen und warten zu müssen, daher sollte es besser bald losgehen.

Nachdem ich so viele Jahre schweigend gelitten habe – ich war sechseinhalb, als ich zu Eunice kam –, werden ein...

Erscheint lt. Verlag 28.7.2020
Übersetzer Ralph Sander
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Original-Titel Deliver me from Evil
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 20. - 21. Jahrhundert • Christopher Spry • Du nanntest mich Teufelskind • England / Großbritannien • Erfahrung • Erfahrungsbericht • Erfahrungsbücher • Eunice Spry • Ich war Kind C • Kind C • Memoire • Schicksal • Spry • Spy • Victoria Spry
ISBN-10 3-7325-8340-6 / 3732583406
ISBN-13 978-3-7325-8340-9 / 9783732583409
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