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Zur eigenen Lebensgeschichte (eBook)

Autobiographische Aufsätze
eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
175 Seiten
Musaicum Books (Verlag)
978-80-272-0604-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Zur eigenen Lebensgeschichte -  Leopold von Ranke
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In 'Zur eigenen Lebensgeschichte' bietet Leopold von Ranke den Lesern einen faszinierenden Einblick in sein eigenes Leben und seine einzigartige Perspektive auf die Welt. Mit seinem prägnanten und detailreichen Schreibstil präsentiert er seine Memoiren als ein Werk der historischen Betrachtung, das ebenso persönlich wie informativ ist. Ranke, als führender Vertreter der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts, erzählt von seinen Begegnungen mit den großen Persönlichkeiten seiner Zeit und reflektiert über die Bedeutung von Geschichte und Erinnerung. 'Zur eigenen Lebensgeschichte' ist ein literarisches Juwel, das sowohl historisch interessierte Leser als auch Liebhaber autobiografischer Literatur gleichermaßen ansprechen wird.

2. Dictat vom Mai 1869


Aufenthalt in Frankfurt a.O

Ich war noch ziemlich jung und sah noch jugendlicher aus, als ich die Stelle eines Oberlehrers an dem Gymnasium in Frankfurt a.O. antrat. Ich langte gegen Ende der Sommerferien an und hatte noch Zeit, die Umgegend zu durchstreifen und mehr mit den Bäumen und Höhen als mit den Menschen Bekanntschaft zu machen. Die Lage des Ortes befriedigte mich vollkommen. Ein großer Strom, eine waldbewachsene Hügelkette, welche die Region, in der die Stadt erbaut ist, an dessen linker Seite umgiebt, kleine Thaleinschnitte, von Bächen durchflossen oder zwischen denselben; in einer der Vorstädte ein langer Lindengang mit weitem Platze daran. Ferner einige Denkmale in einem verlassenen Kirchhof, die an alte Zeiten gemahnten, z.B. die des Herzogs Leopold von Braunschweig, der hier einen durch ein prächtiges Stück Poesie gefeierten Tod in den Wellen fand; ein Marktplatz, der die Tage der Hanse, mit welcher Frankfurt in einer entfernten Verbindung stand, vergegenwärtigte; eine prächtige Pfarrkirche, die ebenfalls an die Zeiten städtischer Macht erinnerte; endlich auch eine kleinere, Unterkirche genannt, zu der die Schule gehörte: hier war es, wo ich die erste Bekanntschaft mit einigen meiner künftigen Collegen machte. Das allerangenehmste jedoch, was ich vorfand, war für mich die Westermannsche Bibliothek. Sie war in den Räumen des alten Universitätsgebäudes aufgestellt; sonst war dies freilich, obwohl es noch mit den Abzeichen seiner religiösen Stiftung prangte, damals in einem sehr verwilderten Zustand; es diente wirthschaftlichen Zwecken. Zwischen Haufen von Stroh und Reliquien von allerlei sonstigen Gewächsen, auf einem durch aufgelegte Bretter ergänzten Gange, gelangte man in einen großen Saal, der, mit Büchern angefüllt, einen um so besseren Eindruck machte. Ein ehemaliger Professor der Universität hatte die Sammlung zu seinem eigenen Gebrauch gemacht und sie dem Gymnasium durch Testament hinterlassen. Da ich, obwohl aus einer gelehrten Stadt kommend, doch niemals freien Zutritt zu einer größeren Bibliothek gehabt hatte, so sah ich mit um so größerem Vergnügen diese, die ganz eigens, wie man mir sagte, den Lehrern der Anstalt gewidmet war. Wieviel Bücher, von denen ich bisher bloß gehört hatte, bekam ich da in die Hände! Unter anderen machte mir ein wohlerhaltenes Exemplar des Dio Cassius von Reimarus viel Eindruck. Aber auch aus allen anderen Zweigen historischer, philologischer und allgemeiner Wissenschaft fand ich die trefflichsten Werke vor, die mir die Aussicht auf künftige Studien gaben, wie ich sie zu machen wünschte. Denn darauf war meine Seele hauptsächlich gerichtet, obwohl ich mein Amt, zu dem ich in Leipzig in dem philologisch-pädagogischen Seminar schon einigermaßen vorbereitet worden, zugleich wirklich als meinen vornehmsten Beruf ansah.

Die Ferien gingen zu Ende. Der Director traf ein. Es war mein alter Bekannter aus diesem Seminar, Ernst Poppo; damals schon ein namhafter Mann durch seine Thucydideischen Studien, eben erst 24 Jahre alt und bereits an die Spitze dieser Schule berufen, aus der er nun etwas Rechtes in seinem Sinne zu machen gedachte. Er war nicht so ausschließend Philolog, wie man ihm wohl nachsagte. Er verstand, was damals nicht gewöhnlich war, Englisch und las es gern. In seiner Jugend hatte er in einem Lesekreis, an dem sich sein Vater, Archidiaconus in Guben, betheiligte, Bekanntschaft mit der laufenden politischen und allgemeinen Literatur gemacht und seine Richtung, welche im allgemeinen eine liberale war, genommen. Dann an der Universität Leipzig studierend, hatte er sich mit großer Entschiedenheit den philologischen Bestrebungen der Hermannschen Schule hingegeben, weniger jedoch der Beschäftigung mit den Poeten, welche die anderen alle vollkommen einnahm, als mit den Prosaikern, die er zu emendiren suchte. Ich besinne mich noch, wie er damals als junger Magister auf dem Katheder stand, streitfertig und jedem Gegner gewachsen: eine lange hagere Gestalt, den Ehrendegen etwas linkisch an der Seite. Er war ein besserer Grieche, als wir anderen alle; er sprach sogar griechisch. Daß er das auch in der Schule einzuführen suchte, hat ihm an seinem pädagogischen Rufe geschadet; doch war er keineswegs so pedantisch, wie man gesagt hat. Er besaß entschieden Gabe für den Unterricht in dessen essentiellen Zweigen und genoß eine große Autorität in jeder Beziehung. Uebrigens ein trefflicher Mann, ohne Falsch; kein fremdartiges Bestreben kam in seine Seele; die Schule emporzubringen, war seine einzige Idee. Daß er mich für geeignet hielt, ihn dabei zu unterstützen, gereichte mir zu großer Genugthuung, und ich war entschlossen, mein Bestes dafür zu thun.

Dem Director zunächst stand ebenfalls ein ehrenwerther Mann als Prorector, der Mathematiker Schmeißer. Er hatte Verdienste um die Methode, und ich besinne mich, daß der Mathematiker Jacobi mir ihn später als einen Mann genannt hat, der eine neue Bahn des Unterrichts eingeschlagen habe. Mein nächster College war Oberlehrer Stange, nicht viel älter als Poppo, der schon länger als Alumnatsinspector – denn mit der Schule war ein kleines Alumnat verbunden – fungirt hatte, Sohn eines Professors in Halle, ein Mann von ruhiger Außenseite, etwas verlegen und wenig versprechend, der aber die ausgebreitetsten Kenntnisse besaß und besonders nach der Seite hin, die uns anderen immer ein fremdes Land geblieben war, den Naturwissenschaften. Er liebte und pflegte Blumen und pachtete wohl ein kleines Ackerstück um die halbe Stadt, wie man die nächsten Anhöhen nannte, um mit einem Freunde in Gemeinschaft diesen seinen Hang zu befriedigen. Er war eine tiefe, von Ehrgeiz freie, mittheilsame, grundehrliche Natur und keineswegs ohne inneren Schwung. Wie oft sind wir etwa nach einem heiteren Gelag unter jenen Linden der Vorstadt in der Nacht spazieren gegangen und haben uns nicht allein, wie ein Alter sagt, dieses leuchtenden Dunkels erfreut, sondern zugleich die mannigfaltigsten, von verschiedenen Seiten kommenden Ansichten ausgetauscht und die Welt nach unseren Begriffen vor uns entstehen lassen! Bald überließ er mir einen Theil seiner Wohnung, in die ich neben ihm einzog. Wir vier waren die oberen Lehrer, alle unverheirathet, was denn ein noch ziemlich an das Studentenleben erinnerndes Verhältniß veranlaßte. Eigentlich muß ich sagen, daß ich dort in Frankfurt mehr davon genoß, als in Leipzig; mit einem, wenn auch nicht großen, Gehalt versehen, konnte man sich etwas mehr regen, als dort. Den Einwohnern fiel es auf, wenn wir lebhaft und in vieler Eintracht, unaufhörlich sprechend und disputirend, unsere Spaziergänge machten.

Um von den geselligen Verhältnissen auch einmal zu reden, so war es ein großes Ereigniß, nicht allein für mich, sondern besonders auch für Stange, daß mein Bruder Heinrich, ehe ich, wie man sagt, dort noch warm geworden war, bei uns eintraf und bei mir wohnte. Er war erst in seinem zwanzigsten Jahr; man wollte kaum glauben, daß er seine Studien bereits absolvirt hatte. Er war, man möchte sagen, vollkommen schön und gewann alle Herzen durch Liebenswürdigkeit und jugendliche Anmuth. Er theilte im allgemeinen meine Studien, doch war er mehr geborener Pädagog als ich; wie er denn auch nach kurzer Zeit zum Unterricht herangezogen wurde; er nahm dann selbständig an einer pädagogischen Anstalt in der Stadt Antheil. Der Bewegung, die damals in den Gemüthern der Jugend obwaltete, stand er einen Schritt näher als ich; er gesellte sich den Turnern mit Entschiedenheit bei und brachte mich erst dadurch in eine gewisse Verbindung mit dem Thun und Treiben derselben. Wir sahen Jahn in dem goldenen Löwen, einem Gasthof zu Frankfurt, als er von einer Turnerfahrt aus Schlesien zurückkam, mit ansehnlicher Begleitung junger Leute. Auch auf mich machte er durch seine mannhaft zuversichtliche Erscheinung einen gewissen Eindruck; mein jüngerer Bruder schloß sich ihm mit unbedingter Hingebung an. Ebenso war er von den kirchlichen Strömungen lebendiger berührt, als ich; doch neigte er sich ursprünglich, wenn ich dies verrathen darf, mehr den vom Positiven abweichenden Gesinnungen zu. Er war von der Friesschen Philosophie mehr berührt worden, als ich; ich war, wenn ich mich nicht irre, gläubiger, als er. Allein gar bald kämpfte sich in ihm die ihm eingepflanzte religiöse Gesinnung unter den gewaltigsten inneren Seelenbewegungen durch; er wurde sogar krank darüber. Nach einiger Zeit sah man ihn fleißig, sein Gesangbuch unter dem Arme, nach der Kirche gehen, obwohl er da nicht viel Nahrung für seine Sinnesweise fand. Ich dagegen war niemals, was man sagte, kirchlich gesinnt, obgleich niemand die Bibel und selbst das Neue Testament höher schätzen und tiefer verehren konnte, als ich.

Ich muß nun wohl auch von meiner Theilnahme an dem Unterrichte, was doch die Hauptsache war, ein Wort sagen. Ich unterrichtete, wie ich denn auch zu etwas anderem nicht fähig gewesen wäre, in den drei höchsten Klassen, namentlich in der dritten. Ich kann nicht beschreiben, wieviel Vergnügen mir die Empfänglichkeit gerade dieses Alters für die Erzählungen weltgeschichtlichen Inhalts, die ich vortrug, gemacht hat. Eine bloß jugendlich-kindliche Theilnahme, die sich aber dann in schriftlichen Reproductionen des Gehörten als fruchtbar erwies. An und für sich gereichte mir die Durcharbeitung des universalhistorischen Stoffes, die dazu nothwendig war, zum größten Nutzen und Vergnügen. Dann wurde in den höheren Klassen Homer und Horaz traktirt; die Freude der Jugend an den homerischen Darstellungen, sowie nur die ersten Schwierigkeiten überwunden sind, ist unbeschreiblich. Wir lasen einiges sehr genau, anderes rasch und vielleicht flüchtig, was uns jedoch den großen Inhalt um so näher brachte....

Erscheint lt. Verlag 7.8.2017
Verlagsort Prague
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Essays / Feuilleton
Schlagworte authentisch • Bismarck • Briefe • Erinnerungen • Friedrich Schiller • Geschichte • Geschichtswissenschaft • Heinrich von Sybel • Heinrich von Treitschke • Historiker • Johann Gustav Droysen • Lebensbegegnisse • Max Lenz • Max Weber • Objektivität • Preußen • Selbstbiografie • Theodor Mommsen • Thomas Macaulay • Wilhelm von Humboldt
ISBN-10 80-272-0604-9 / 8027206049
ISBN-13 978-80-272-0604-9 / 9788027206049
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