Autofriedhof Ratke (eBook)
290 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7519-4582-0 (ISBN)
Ralf Westhelle, Jahrgang 1964, lebt im Ruhrgebiet.
Der Autofriedhof Ratke in Grossholthausen
Der Autofriedhof von Hugo Ratke in Dortmund-Grossholthausen gehörte zu jener Sorte von Autofriedhöfen, die es vor Jahren noch allerorts gab. Sie lagen oftmals verkehrsungünstig, immer etwas versteckt, die Auswahl an Fahrzeugen, die als Teilespender in Frage kamen, war oftmals unbefriedigend. Allerdings, wurde man fündig, so waren die geforderten Preise durchweg niedrig und fundierte Einbauhinweise gab es kostenlos.
Gerade was alte, unmoderne und unbeliebte Fahrzeuge betraf, waren diese Art Autofriedhöfe für viele Eigentümer die einzige Möglichkeit, ihre alten Vehikel preiswert betreiben zu können, zumal Ersatz an Teilen im Autohaus nicht mehr zu bekommen war oder absichtlich überteuert wurde. Die Kunden mussten nur die Standorte jener Autofriedhöfe kennen, die vielerorts auch alte Werksgelände, Eisenbahngelände, Lagerschuppen oder auch Fabrikruinen für ihre Zwecke gebrauchten, weil diese billig waren und von niemanden sonst nachgefragt wurden. Die Betreiber solcher Autofriedhöfe waren durchweg älter und immer schmuddelig bis schmierig, was die spezielle Gewerbeform und der gehandelte Gegenstand mit sich brachten.
Kenner dieser Materie gaben den Autofriedhöfen häufig markante Spitznamen, so wurde Hugo Ratke in Grossholthausen als "Alter Schwindler" bezeichnet, was auf eine bestimmte Form der Kundenbetreuung schließen ließ.
Ein anderer Autofriedhof, im nahen Witten, wurde beispielsweise als der „Hundefritze" bezeichnet, dies, weil der Inhaber seinen Kunden stets mit zwei struppigen, großen Hunden entgegentrat, was seiner Attraktivität nur wenig förderlich war. In seltenen Fällen war auch Personal auf den Autofriedhöfen anzutreffen. Dieses Personal war weniger eindeutig als seine Arbeitgeber zu beschreiben, da sich die unterschiedlichsten Kreaturen hier versuchten. Allen gemeinsam war jedoch, dass ein gewöhnlicher Arbeitsplatz von ihnen kaum einzunehmen war, weil sie häufig vorbestraft, logen, faul, unzuverlässig oder ähnlich ungünstig markiert waren. Bei Ratke arbeitete seit Jahren niemand mehr als Schrotthelfer auf dem Hof. Die Kunden setzten sich zum überwiegenden Teil aus Sparsamen, Studenten und Lehrlingen, aus Technikbegeisterten oder Allerwertsinteressierten zusammen, denen die spezielle Mobilität per intaktem Altauto ein dauerndes Anliegen war.
Ratke galt unter den Experten der Branche seit Jahren als zuverlässig und besser sortiert als der Durchschnitt. Bei ihm kam es in seltenen Fällen sogar dazu, dass ein komplettes und fahrtüchtiges Fahrzeug am Stück verkauft wurde. Auch hatte Ratke einige Stammkunden, die während der Betriebsperioden ihrer Fahrzeuge immer mal wieder ein Teil von ihm kauften oder ihn um Rat angingen. Stammkunden zeugten in dem hier beschriebenen Gewerbe von einer gewissermaßen nachgewiesenen Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit des Autofriedhofbetreibers und sicherten ihm regelmäßige Einkünfte. Das der eine oder andere Autofriedhofsbetreiber Stammkunden hatte oder nicht, ob er Fahrzeuge vollständig verkaufte oder mal wieder Widerstände durch die Polizei erfuhr, war in der Branche regelmäßig rasch bekannt. Waren die Friedhofsbetreiber gezwungen raus zu fahren, um beispielsweise ein Altauto abzuholen, richteten sie diese Kundenfahrten gerne so ein, dass sie an ihrer Route an möglichst vielen anderen Autofriedhöfen vorbei kamen. Auf einem Blick sah man gleich, was los war. Ratke selbst hielt auch schon mal an, ging auf den Hof und quatschte mit den Inhabern, die er schon seit Jahrzehnten kannte. Hatte Ratke dazu noch einen attraktiven Wagen aufgeladen oder im Schlepp, machten diese Besuche doppelt so viel Spaß, konnte man doch von seinen wirtschaftlichen Erfolgen erzählen.
Der bevölkerungsschwache Ortsteil Grossholthausen liegt im Süden der Großstadt Dortmund. Das bergig gelegene Grossholthausen ist zum überwiegenden Teil durch Land- und Forstwirtschaft sowie einer landschaftlich reizvollen Lage bestimmt. Zum Zeitpunkt der hier beschriebenen frühen Ereignisse, wurde die Autobahn 45, welche von Dortmund nach Frankfurt am Main führt, im südlichen Bereich der Stadt Dortmund fertig gestellt und zerschnitt Grossholthausen an seiner westlichen Grenze.
Ratkes Betriebsfläche lag gleich hinter dem Gasthaus ZUR ALTEN EICHE im Ort und dessen einprägsamen Anbau, einem im letzten Krieg ausgebrannten Tanzsaal, der das Auffinden und das Erfragen jenes Ortes stets erleichterte. Ratkes Büro und Wohnung lagen an der rückwärtigen Seite von Gasthaus und angrenzender Tanzsaalruine. Wohnung und Büro waren nach dem Krieg provisorisch im rückwärtigen Teil des Tanzsaales errichtet worden. Die ganze Wohnräumlichkeit bestand nur aus zwei gleich großen und schlecht belichteten Räumen. Die Toilette befand sich außerhalb der Wohnung. Im Hof von Ratkes Autofriedhof standen große alte Kastanien, die diesem das Sonnenlicht nahmen. Die Zufahrt zu Ratkes Hof ging von der ansteigenden Straße neben dem Gasthaus ab, welche in Verlängerung zum Waldfriedhof und zum Bahnhof Grossholthausen führte. Einen Namen besaß diese Straße nicht. Gegenüber von Ratkes Hofzufahrt lag ein Acker, der an zwei Seiten vom Waldfriedhof eingefasst wurde. An Ratkes Hof grenzte hinten bergan ein verwilderter Garten und an diesen wiederum grenzte ein ummauertes Grundstück mit Hühnerhaus, auf dem Berge von alten Autoreifen und anderem Zeugs lagerten und scheinbar keinen Besitzer hatten. Vielen in Grossholthausen war dieses Grundstück, welches gegenüber vom Friedhof und dessen Eingang lag, auch als alter Schießstand bekannt.
Hugo Ratke war, als das hier erzählte Unglück geschah, vierundsechzig Jahre alt, mittelgroß, mager, ausgezehrt und ebenso schmuddelig wie seine Zunftkollegen. Als ständige Kopfbedeckung trug er eine schräge Schlägermütze. Er nahm sie nur ab, wenn er zu Bett ging. Sein Charakter war ein Cocktail aus der Veranlagungen zu kriminellem Tatendrang, einer gewieften Bauernschläue, der latenten Angst erkannt zu werden, und der behänden Energie, sich möglichst in keine soziale Ordnung und Verpflichtung einzufügen, um hier verantwortlich und gestaltend mitzuwirken, da so ein bestimmter, ihm lebenswichtiger, Handel unterbunden wurde. Denn der Handel, egal mit was, das hatte Hugo Ratke bereits als Kind in seiner Heimatstadt Essen erfahren, ist die bequemste Art an das Geld der Leute zu kommen. Menschen wie er fanden sich bestens in allgemein ungünstigen Zeiten, wie in Kriegen oder Nachkriegsjahren, zurecht. Sein Instinkt lenkte ihn sicher durch Zeiten in denen gesellschaftliche Konventionen, Religion oder Moralkategorien wenig gefragt waren. In Zeiten der allgemeinen Sättigung, des wirtschaftlichen Wachstums und der kalkulierbaren Kontinuität, wirkten Gestalten wie Hugo Ratke wie die Verlierer dieser Epoche. In Wirklichkeit warteten sie nur, denn ihre Zeit kam.
Der hauptsächliche Zweck seines Gewerbes war es, Autos, zumeist ältere, verunfallte oder aus anderen Gründen preiswert gewordene, zu erwerben, diese zu reparieren, um sie mit Gewinn wieder zu veräußern, oder aber gleich, wenn nachgefragt, brauchbare Einzelteile anzubieten. In der Automobilbranche war Ratke seit 1945 in dieser Art tätig. Es ging die Vermutung, und am Stammtisch im angrenzenden Wirtshaus wurden Details hierzu erzählt, dass Ratkes Geschäfte häufig gesetzwidrig waren, da Betrug und Verdunkelung die Geschäftsidee leiteten. Aktuelle und anschauliche Beweise hierfür fanden sich jedoch nicht mehr. Seine Frau Erika war oftmals launisch und keifte schrill, was dann auch im Wirtshaus deutlich zu hören war. Stammkunden dort nahmen diese Geräusche schon nicht mehr wahr, zumal die Themen keine Abwechslung boten. Von vielen älteren Menschen im Ort wurde Frau Ratke stets bemitleidet. Es hieß da oft, die arme Frau, ja, die hat was mitgemacht oder der olle Ratke, das Schwein, der hat die auf dem Gewissen, dem müsste man mal dies und jenes antun… Fragte man mal als junger Mensch nach, wieso das so und so wäre, so wurde meistens geantwortet, das verstehst Du noch nicht, Kind, dazu müsstest Du den ollen Ratke länger kennen, dann würdest Du so manches ahnen... und überhaupt...
Was in den fünf bergigen Straßen von Grossholthausen allgemein bekannt war, war die Tatsache, dass Frau Ratke vor ihrer zweiten Ehe mit besagtem Hugo Ratke in besseren Verhältnissen gelebt haben soll, dies im nahen Herdecke-Schnee, zusammen mit einem gewissen Gottfried Trautmann. Auch soll sie früher eine sehr liebe, hübsche und umgängliche Frau gewesen sein, etwas, was später kaum mehr zu erahnen war, da sie nie richtig sprach, sondern die einfachsten Mitteilungen in einer Rhetorik hervorbrachte, die den Angesprochenen stets als Täter einer auf sie gerichteten, gemeinen Tatabsicht überführte und anklagte. Wollte etwa ein Junge aus der Gegend herabgefallene Kastanien aufsammeln, die auf der Straße vor ihrem Hoftor lagen, konnte es passieren, dass Frau Ratke ihn anging: "So, Du böses Kerlchen, Du klaubst die also immer zusammen! Bist Du nicht der Kurze vom ollen Holthaus? Was? Das wir die auch dringend brauchen, ist Euch allen ja kackegal, schleppt nur alles gleich...
| Erscheint lt. Verlag | 29.5.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Historische Kriminalromane | |
| Schlagworte | Arbeiter • Arbeiter, Arbeitslose • Arbeiter, Arbeitslose, Strolche • Autofriedhof • Autofriedhof, Schrottplatz • Dortmund • Dortmund, Ruhrgebiet • Kriminalroman • Milieu • Milieu, Arbeiter • Milieu, Verbrechen, Hinterhof • Milieu, Verdunkelung • Ruhrgebiet |
| ISBN-10 | 3-7519-4582-2 / 3751945822 |
| ISBN-13 | 978-3-7519-4582-0 / 9783751945820 |
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