lt;p>Jeden Morgen steht er vor dem Spiegel und mißt seine Bauchnabeltiefe. Jeden Abend modelliert er im Fitness-Studio seinen Muskelpanzer: immer auf dem Weg zur »Alpha-Anatomie«. Brusthaar rasieren oder nicht - das ist die Frage, die unserem Helden nachts den Schlaf raubt. Philipps Leben bewegt sich zwischen Diät und Dauerflirt, Trizeps und Transatlantikflügen. Mit Körper und Karriere, Frauen und Erfolg jongliert er meisterhaft. Diesem Solisten ist nichts wichtiger als Wirkung.
Ein Global Player auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Doch hinter dem selbstherrlichen Spiel ist Unternehmensberater Philipp ein Getriebener: Der Kinderwunsch seiner Dauerverlobten und Mentorin Isabell beunruhigt ihn genauso wie der Kollege, der ihm den Aufstieg zum »Juniorpartner« streitig macht. Und da ist diese dumme Geschichte mit Weinheimer, von dem er inzwischen regelrecht verfolgt wird ... Der Siegeszug des modernen Karriere-Athleten durch die »Olympiade des Lebens« wird zur Hetzjagd.
John von Düffel, geboren 1966 in Göttingen, promovierte 23-jährig über Erkenntnistheorie und war danach als Theater- und Filmkritiker, als Schauspieldramaturg und Übersetzer tätig. 1998 schrieb er seinen Debütroman ›Vom Wasser‹, eine große Hommage an das fließende Element, und wurde dafür u.a. mit dem aspekte-Literaturpreis des ZDF ausgezeichnet. Zur Zeit arbeitet er als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und ist Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste.
"Noch fünf Millimeter. Ich darf gar nicht daran denken, dass es am Anfang sieben waren - oder mehr, zu einer Zeit, als ich noch nicht gemessen habe! Eigentlich könnte ich ganz zufrieden sein. Aber ich bin's nicht. Ich will meinen Nabel auf Null bringen. Ich hasse es, in ein Loch zu starren, wenn ich mir meine Bauchpartie ansehe. Eine verdammte Grube. Oder ein Grübchen, mittlerweile. Es lenkt von meinen Bauchmuskeln ab. Ich muß unbedingt an meiner Nabeltiefe arbeiten.
Ich mache spontan fünfzehn Crunches in Superzeitlupe und schließe drei Sätze à zwanzig Liegestützen an. Klassisch und mit versetzten Armen. Man soll den Fitness-Impuls nie unterdrücken. Währenddessen schaue ich mir meine Oberarme an und meine Laune steigt. Ich bin kein Bizeps-Fanatiker. So ein Bizeps ist im Grunde nur eine Beule. Aber mein Trizeps ist wirklich sehenswert. Ein echter Reliefmuskel. Nichts modelliert einen Oberarm so eindrucksvoll wie ein gut trainierter Trizeps.
Ich stelle mich wieder vor den Spiegel un d finde auf Anhieb meinen Nabel nicht. Meine Laune bessert sich zusehends. Der erste Blick zählt. Ich bin ein großer Anhänger des ersten Blicks. Nichts ist mysteriöser als die Frage, wie man im ersten Augenblick auf einen anderen Menschen wirkt. Dazu muss man alles vergessen, was man von sich weiß. Man darf sich noch nie gesehen haben.
Ich starre eine Weile auf das Regal mit den Pflegeserien und versuche mich zu erinnern, wann, wo und warum ich was gekauft habe. Dann schwenke ich wie zufällig auf den Spiegel. Wieder nichts. Erst bei näherem Hinsehen entdecke ich meinen Nabel etwas unterhalb der mittleren Bauchmuskeln in meinem durchtrainierten Sixpack. Näheres Hinsehen zählt auch, aber nicht so wie der erste Blick, der Blickfang. Wenn man die Leute dazu bringt, näher hinzusehen, ist das Ziel schon so gut wie erreicht.
Im Großen und Ganzen kann ich mit dem Trainingsstand leben. Bis jetzt! Mein Nabel macht wirklich Fortschritte. Er ist nicht mehr das Loch, das er mal war. Wenn ich das S ixpack etwas anhebe, sieht man, dass er leicht schräg verläuft. An der Unterseite ist er ein wenig flacher. Weiter oben sinkt er um etwa zwei Millimeter ab - die Stelle, an der ich immer messe. Neu ist das Häutchen, das sich um den oberen Rand spannt. Dreieinhalb Monate habe ich gebraucht, um das herauszuarbeiten. Ein entscheidendes Detail, weil es den ganzen Nabel straff erscheinen läßt. Ich weiß nicht, ob es einen Namen dafür gibt. Sollte es aber!
Wie wäre es mit "Nabellid"?
Ein solches Nabellid ist eine echte Errungenschaft. Es unterscheidet einen durchtrainierten Nabel von den formlosen Kratern im Fleisch. Es zieht eine klare Grenze zwischen den schwammig weichen Bauchhöhlen und dem Nabel mit Kontur. Und es verleiht der ganzen Bauchpartie einen besonderen Charakter, wenn sich das Nabellid über dem Grübchen ein klein wenig wölbt. Nur eine Idee. Irgendwie wirkt das sehr raffiniert.
Ich bin von meinem Anblick hell begeistert und mache noch einmal fünfzehn Crunches ..."
| Erscheint lt. Verlag | 1.8.2003 |
|---|---|
| Reihe/Serie | dtv Literatur | dtv Taschenbücher |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 120 x 191 mm |
| Gewicht | 217 g |
| Themenwelt | Literatur ► Comic / Humor / Manga ► Humor / Satire |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Alphatier • Belletristik • Deutschsprachige Gegenwartsliteratur • Egoist • Egomane • Eitelkeit • Erfolg • Fitnesswahn • Gegenwartsliteratur • Karrierewahn • Karrierist • Kontrollfreak • Körperkult • Satire • Selbstsucht • Turbo-Egoist • Unternehmensberater |
| ISBN-10 | 3-423-13111-X / 342313111X |
| ISBN-13 | 978-3-423-13111-7 / 9783423131117 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
aus dem Bereich