Das dritte Auge (eBook)
CCCXXXII, 338 Seiten
BookRix (Verlag)
978-3-7487-3796-4 (ISBN)
Kapitel 1 - Die frühen Tage daheim
«O nein, o nein! Vier Jahre alt und kann sich immer noch nicht auf dem Pferd halten! Aus dir wird nie ein richtiger Mann werden! Was wird dein erlauchter Vater wohl dazu sagen?» Damit verpasste der alte Tzu dem Pony – und dem unglücklichen Reiter – einen kräftigen Schlag auf den Hinterteil und spuckte in den Staub.
Die goldenen Dächer und Kuppeln des Potala glänzten im hellen Sonnenschein. Etwas näher im Vordergrund kräuselte sich das blaue Wasser des Schlangentempelsees und markierte den eingeschlagenen Weg eines Wasservogels. Vom steinigen Pfad etwas weiter hinten ertönten die Rufe und Schreie der Männer, die die trägen, eben aus Lhasa ausziehenden Yaks zur Eile antrieben. In der Nähe erklang das tiefe durch die Brust fahrende «Bmmn, Bmmn, Bmmn» der Basstuben, die die Musikanten-Mönche etwas abseits von der Menschenmenge auf dem Felde übten.
Doch für solch gewohnte Alltäglichkeiten hatte ich keine Zeit. Ich musste die schwierige Aufgabe lösen, mich auf meinem widerspenstigen Pony zu halten. Nakkim hatte anderes im Sinn. Er wollte frei von seinem Reiter sein, frei, um zu grasen, sich auf dem Rücken zu wälzen und die Beine in die Luft zu strecken.
Der alte Tzu war ein missmutiger und schrecklicher Zuchtmeister. Sein ganzes Leben lang war er streng und hart gewesen. Nun als Aufpasser und Reitlehrer eines kleinen Jungen von vier Jahren, verlor er bei seinen Bemühungen oft die Geduld. Als einer der Männer aus Kham war er wie die andern wegen seiner Größe und Körperkraft ausgewählt worden. Er war über zwei Meter groß und dementsprechend breit. Dick ausgepolsterte Schultern verstärkten den Eindruck seiner Breite noch. Im Osten von Tibet gibt es ein Landkreis, wo die Männer ungewöhnlich großgewachsen und stark sind. Viele waren über zwei Meter groß, und diese Männer wurden ausgesucht, um sie in allen Lamaklöstern als Polizeimönche einzusetzen. Sie polsterten ihre Schultern aus, um noch mächtiger in Gestalt zu erscheinen, und um noch grimmiger auszusehen, schwärzten sie ihre Gesichter. Sie trugen lange Wanderstäbe bei sich, die sie gegen jeden unglücklichen Missetäter einzusetzen bereit waren.
Tzu war ein Polizeimönch gewesen, jetzt aber versah er als Kinderbetreuer eines Adligen seinen Dienst. Viel zu behindert, um lange zu Fuß gehen zu können, machte er alle seine Reisen zu Pferd. Im Jahre 1904 waren die Engländer unter Oberst Younghusband in Tibet eingefallen und hatten viel Schaden angerichtet. Offenbar meinten sie, die einfachste Art, wie man sich unsere Freundschaft sichern könnte, sei, unsere Häuser zu zerstören und unsere Leute zu töten. Tzu war einer der Verteidiger gewesen, und im Gefecht war ihm ein Stück von seiner linken Hüfte weggeschossen worden.
Mein Vater war einer der führenden Männer in der tibetischen Regierung. Seine Familie und die meiner Mutter gehörten zu den oberen zehn Familien, daher hatten meine Eltern einen bedeutenden Einfluss in den Angelegenheiten des Landes. Später werde ich noch etwas eingehender auf unsere Regierungsform eingehen.
Mein Vater war ein großgewachsener, stattlicher Mann, über einen Meter achtzig groß. Er durfte auf seine Stärke stolz sein. In seiner Jugend konnte er ein Pony vom Boden aufheben, und er war einer der Wenigen, der es mit den Männern aus Kham im Ringkampf aufnehmen konnte und als Bester abschnitt.
Die meisten Tibeter haben schwarzes Haar und dunkelbraune Augen. Mein Vater war eine Ausnahme, sein Haar war kastanienbraun und seine Augen grau. Oft brach er plötzlich in Wut aus, ohne dass wir wussten, warum.
Wir sahen unsern Vater selten. Tibet hatte unruhige Zeiten durchgemacht. Als die Engländer bei uns eindrangen, flüchtete der Dalai Lama in die Mongolei und ließ meinen Vater und andere Kabinettsmitglieder zurück, um in seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte zu führen. 1909 kehrte der Dalai Lama nach Lhasa zurück, nachdem er Peking besucht hatte. Durch den Erfolg des englischen Einmarsches ermutigt, erstürmten 1910 die Chinesen Lhasa. Wieder zog sich der Dalai Lama zurück, diesmal nach Indien. Die Chinesen wurden 1911, in der Zeit der chinesischen Revolution, aus Lhasa vertrieben, doch Zwischenzeitlich hatten sie furchtbaren Frevel gegen unser Volk begangen. 1912 kehrte der Dalai Lama wieder nach Lhasa zurück. Während seiner ganzen Abwesenheit, in jenen äußerst schwierigen Tagen, mussten mein Vater und die andern Kabinettsmitglieder die volle Verantwortung für Tibet übernehmen. Unsere Mutter pflegte zu sagen, Vater sei danach nie mehr der gleiche gewesen. Jedenfalls hatte er keine Zeit für uns Kinder, und wir kamen nie in den Genuss von väterlicher Zuneigung. Vor allem ich schien seinen Unwillen zu erregen und wurde der spärlichen Barmherzigkeit Tzus überlassen, «auf Biegen oder Brechen», wie mein Vater sagte.
Tzu empfand meine armselige Leistung auf dem Pony als persönliche Niederlage. In Tibet lernen kleine Jungen der Obererschicht schon reiten, bevor sie richtig gehen können. Die Fertigkeit im Sattel ist in einem Land, in dem es keinen Verkehr auf Rädern gibt und wo man alle Reisen zu Fuß oder zu Pferd bewältigen muss, etwas Wesentliches. Tibetische Adlige üben sich Stunde um Stunde, Tag um Tag in der Reitkunst. Sie können auf dem schmalen hölzernen Sattel eines galoppierenden Pferdes stehend zuerst mit dem Gewehr auf eine sich bewegende Scheibe schießen und es dann gegen Pfeil und Bogen austauschen. Manchmal galoppieren geschickte Reiter in Formation quer über die Ebenen und wechseln die Pferde, indem sie von Sattel zu Sattel springen. Ich allerdings fand es im Alter von vier Jahren schwer, mich überhaupt auf einem einzigen Sattel zu halten.
Nakkim, mein Pony, war gescheckt. Er hatte einen langen Schwanz und einen kleinen, intelligenten Kopf. Er kannte erstaunlich viele Methoden, um einen unsicheren Reiter abzuwerfen. Einer seiner beliebtesten Tricks war, eine kurze Strecke vorwärts zu laufen, dann plötzlich bockstillzustehen und den Kopf zu senken. Wenn ich dann rettungslos über seinen Nacken und weiter bis zu seinem Kopf hinabrutschte, pflegte er ihn mit einem Ruck hochzuheben, sodass ich regelrecht einen Purzelbaum schlug, bevor ich den Boden berührte. Dann stand er da und betrachtete mich mit einer heuchlerischen Liebenswürdigkeit.
Tibeter reiten nie im Trab, die Ponys sind klein, und ein Reiter auf einem trabenden Pony sieht lächerlich aus. Meistens genügte ein guter Passgang, und der Galopp wird zu Übungszwecken geritten.
Tibet war ein theokratisches Land. Wir hatten kein Verlangen nach dem «Fortschritt» draußen in der Welt. Wir begehrten nichts anderes, als uns der Meditation widmen zu können, und fähig zu sein, die Grenzen des physischen Körpers zu überwinden. Unsere weisen Männer hatten schon seit Langem klar erkannt, dass es dem Westen nur nach unsern Schätzen gelüstet, und sie wussten auch, dass der Friede dann das Land verlassen würde, wenn es Fremde betraten. Das Eindringen der Kommunisten in Tibet hat jetzt bewiesen, dass das richtig erkannt worden war.
Unser Anwesen in Lhasa lag im vornehmen Lingkhor Ortsteil neben der Ringstraße, die rings um Lhasa herum und in den Schatten der Berggipfel führte. Es gibt drei Straßengürtel, die äußere vor allem, die Lingkhorstraße, wird viel von den Pilgern benutzt. Wie alle Häuser in Lhasa war auch das unsere zu der Zeit, als ich geboren wurde, auf der zur Straße gewandten Seite zwei Stockwerke hoch. Niemand darf auf den Dalai Lama herabschauen, daher beträgt die höchste erlaubte Höhe eines Hauses zwei Etagen. Da sich das Höhenverbot jedoch nur auf eine einzige Prozession im Jahr beschränkte, haben viele Häuser ungefähr elf Monate lang einen leicht abnehmbaren Holzaufbau auf ihren flachen Dächern.
Unser Haus war vor vielen Jahren aus Stein gebaut worden. Es hatte die Form eines hohlen Quadrats und umschloss einen sehr großen Innenhof. Unsere Tiere waren im Erdgeschoss untergebracht, und wir wohnten oben. Wir waren sehr begünstigt, wir besaßen eine Treppe aus Stein, die in die oberen Zimmer führte. Die meisten tibetischen Häuser haben eine Leiter oder, in den Bauernhöfen, eine mit Kerben versehene Pfostenleiter, die man nur mit großem Risiko für seine Schienbeine benutzte. Denn diese eingekerbten Pfostenleitern wurden durch den Gebrauch sehr glatt und rutschig. Die mit Yak-Butter eingefetteten Hände übertrugen das Fett auf den Pfosten, und wenn der Bauer das nicht bedachte, dann kam er mit einer Schnelllandung wieder unten am Boden an.
Während der Invasion der Chinesen im Jahre 1910 war unser Haus teilweise zerstört worden. Die Innenmauern des Gebäudes waren beschädigt. Mein Vater ließ es vier Stockwerke hoch wieder aufbauen. Es gewährte keinen Ausblick über die Ringstraße, und wir konnten folgedessen nicht auf den Kopf des Dalai Lama hinabschauen, wenn er in der Prozession an unserem Haus vorbeizog; daher wurden keine Einwände erhoben.
Das Tor, durch das man unsern zentralen Innenhof betrat, war schwer und vor Alter schwarz. Die chinesischen Angreifer hatten die massiven Holzbalken nicht bezwingen können, so hatten sie anstelle eine Mauer niedergerissen. Direkt über diesem Eingangstor...
| Erscheint lt. Verlag | 28.8.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Esoterik / Spiritualität | |
| Schlagworte | Buddhismus • Esoterik • Lamaismus • Tibet |
| ISBN-10 | 3-7487-3796-3 / 3748737963 |
| ISBN-13 | 978-3-7487-3796-4 / 9783748737964 |
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