Ein Arzt aus Lhasa (eBook)
CCLXIV, 286 Seiten
BookRix (Verlag)
978-3-7487-3593-9 (ISBN)
Kapitel 1 - Hinaus ins Unbekannte
Nie zuvor war mir so kalt gewesen. Nie zuvor hatte ich mich so hoffnungslos und so elend gefühlt. Selbst in der Einöde auf dem sechstausend Meter über dem Meeresspiegel gelegen Chang-Tang-Hochgebirge, wo einem die splittbeladenen Winde mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt an jede exponierte Hautstelle peitschte und sie blutig schlug, war es mir wärmer vorgekommen als jetzt. Dort war die Kälte nicht so bissig gewesen wie jetzt diese angsteinflößende Eiseskälte, die ich in meinem Herzen spürte. Ich verließ mein geliebtes Lhasa. Als ich mich umdrehte und nochmals zurückschaute, sah ich winzige Gestalten auf den goldenen Dächern des Potala, und über ihnen hüpfte und tanzte einsam ein Drachen im leichten Wind. Er hüpfte und tanzte, so als riefe er mir zu: «Lebe wohl, deine Tage des Drachenfliegens sind nun vorbei. Auf zu weit ernsteren Dingen.»
Für mich hatte dieser Drachen eine symbolische Bedeutung. Ein Drachen hoch oben in der unendlichen Weite des blauen Himmels, der nur durch eine dünne Schnur an sein Haus gebunden war. Ich ging fort in die unendliche Weite der Welt jenseits von Tibet, nur durch die dünne Schnur meiner Liebe für Lhasa gebunden. Ich zog hinaus in die fremde, schreckliche Welt jenseits meines friedlichen Landes. Mir war schwer ums Herz, als ich meinem Zuhause den Rücken kehrte und zusammen mit meinen Begleitern in das mir große Unbekannte ritt. Auch sie waren unglücklich, aber ihr Trost war die Gewissheit, dass sie sich wieder auf den Heimweg begeben konnten, sobald sie mich im tausendsechshundert Kilometer weit entfernten Chungking zurückgelassen hatten. Sie kehrten zurück mit dem tröstlichen Wissen, dass jeder Schritt sie der Heimat wieder ein Stück näherbrachte. Ich dagegen musste immer weiter in mir unbekannte Länder weiterziehen und zu fremden Menschen gehen und noch fremdartigere Erfahrungen machen.
Die Prophezeiung, die in meinem siebten Lebensjahr über meine Zukunft gemacht worden war, hatte diesbezüglich ergeben, dass ich in ein Lamakloster eintreten und erst als Chela, dann im Range eines Trappas und so weiter ausgebildet werden sollte, bis ich zu gegebener Zeit die Prüfung zum Lama bestehen konnte. Danach, so hatten die Astrologen errechnet, würde ich Tibet, mein Zuhause und alles, was ich liebte, verlassen, und wie wir es bezeichneten, in das barbarische China ziehen. Ich würde nach Chungking reisen und studieren, um Arzt und Chirurg zu werden. Nach den Worten der Astrologenpriester würde ich in Kriege verwickelt werden. In die Gefangenschaft fremder Völker geraten. Ich würde mich gegen alle Versuchungen und alles Leid behaupten müssen, um denjenigen zu helfen, die Not litten. Sie hatten mir geweissagt, dass mein Leben hart sein würde. Dass Leid, Schmerzen und Undankbarkeit meine ständigen Begleiter sein würden. Wie recht sie doch hatten!
Mit diesen keineswegs frohen Gedanken gab ich die Weisung, weiterzureiten. Kurz nachdem Lhasa aus unserem Blickfeld entschwunden war, stiegen wir vorsichtshalber von unseren Pferden und vergewisserten uns nochmals, ob mit den Pferden alles in Ordnung war. Wir überprüften ihre Sättel, dass sie richtig saßen und die Gurten nicht zu fest, aber auch nicht zu locker angezogen waren. Wir wollten unsere Pferde während der Reise stets als unsere Freunde behandeln. Deshalb mussten wir für sie mindestens genauso gut sorgen wie für uns selbst. Nachdem alles erledigt war und wir die beruhigende Gewissheit hatten, dass es unseren Pferden gutging, stiegen wir wieder auf, richteten unsere Blicke entschlossen nach vorne und ritten weiter.
Es war Anfang 1927, als wir Lhasa verließen. Wir machten uns gemächlich auf den Weg nach Chotang, das am Brahmaputra Fluss lag. Wir hatten uns lange und eingehend über die geeignetste Route unterhalten. Diese am Fluss entlang über Kanting war uns als die Beste empfohlen worden. Der Brahmaputra ist ein Fluss, den ich gut kenne. Ich habe eine seiner Quellen in einem Gebiet des Himalajas überflogen, als ich das Glück gehabt hatte, in einem menschentragenden Ein-Mann-Drachen zu fliegen. Wir in Tibet betrachteten den Fluss mit Verehrung, aber nicht mit der Ehrfurcht, die ihm woanders entgegengebracht wurde. Hunderte von Kilometern entfernt, wo er in den Golf von Bengalen strömte, hielt man ihn für heilig, fast so heilig wie Benares. Es sei der Brahmaputra gewesen, so hatte man uns erklärt, der die Bucht von Bengalen erschaffen hätte. In den frühen Tagen der Geschichte floss der Fluss sehr schnell und er war auch sehr tief. Er strömte in einer nahezu geraden Linie von den Bergen herunter und riss die lockere Erde mit sich fort und ließ die wundervolle herrliche Bucht erstehen. Wir folgten dem Fluss durch die Pässe nach Sikang. In den alten Zeiten, den glücklichen Zeiten, als ich noch sehr jung war, war Sikang noch ein Teil von Tibet, eine Provinz von Tibet. Dann fielen die Briten in Lhasa ein, und danach fühlten sich auch die Chinesen dazu ermutigt und fielen in Sikang ein und eroberten es. Mit mörderischer Absicht drangen sie in diesen Teil unseres Landes ein, töteten, vergewaltigten, plünderten und brachten Sikang unter ihre Gewalt. Sie setzten chinesische Beamte ein. Beamte, die anderswo in Ungnade gefallen waren und dadurch bestraft wurden, dass man sie nach Sikang versetzte. Zu ihrem Unglück gewährte ihnen die chinesische Regierung keine Unterstützung. Sie mussten allein zurechtkommen, so gut sie eben konnten. Wir fanden, dass diese Chinesen bloß Marionetten waren, hilflose, untaugliche Männer, über die die Tibeter lachten. Natürlich taten wir von Zeit zu Zeit so, als würden wir den chinesischen Beamten gehorchen, aber es geschah nur aus Höflichkeit. Sobald sie uns den Rücken zudrehten, gingen wir wieder unsere eigenen Wege.
Tag für Tag zog sich unsere Reise hin. Wir rasteten immer dann, wenn wir ein Lamakloster erreichten, in dem wir die Nacht verbringen konnten. Da ich ein Lama war, sogar ein Abt und eine anerkannte Inkarnation, bereiteten uns die Mönche immer den allerbesten Empfang vor, den sie uns bieten konnten. Darüber hinaus reiste ich unter dem persönlichen Schutz des Dalai Lama. Das viel zählte.
Wir machten uns wieder auf den Weg und erreichten Kanting. Das ist eine berühmte Marktstadt, die für ihren Yakhandel bekannt war. In erster Linie aber berühmt als Exportzentrum für den Ziegeltee, den wir in Tibet so bekömmlich finden. Dieser Tee wurde aus China importiert. Er bestand nicht nur aus den gewöhnlichen Teeblättern, sondern er war mehr oder weniger ein chemisches Gebräu, das Tee, Zweigstücke, Soda, Salpeter und ein paar andere Zutaten enthält. In Tibet gibt es kein reichhaltiges Nahrungsangebot wie in anderen Teilen der Welt. Unser Tee musste sowohl als eine Art Suppe wie auch als Getränk dienen. In Kanting wird der Tee gemischt und in Blöcke oder zu Ziegeln, wie sie gewöhnlich genannt werden, gepresst. Diese Ziegel besaßen eine bestimmte Größe und ein bestimmtes Gewicht, sodass sie auf die Pferde und später auf die Yaks geladen werden konnten, die sie dann über das hohe Gebirge nach Lhasa transportierten. Dort wurden sie auf dem Markt verkauft und weiter durch ganz Tibet transportiert.
Teeziegel mussten eine bestimmte Größe und Form haben. Sie mussten aber auch speziell verpackt werden, damit sie keinen Schaden nahmen, wenn ein Pferd aus Versehen einmal in einer seichten Gebirgsfurt straucheln und der Tee in den Fluss fallen sollte. Diese Ziegel wurden fest in Rohhäute, oder in Rohleder, wie es manchmal genannt wird, eingepackt, und dann sofort ins Wasser getaucht. Danach wurden sie zum Trocknen auf die Felsen in die Sonne gelegt. Währenddem sie trockneten, schrumpften die Häute. Sie schrumpfte erstaunlich stark und pressten den ganzen Inhalt enorm fest zusammen. Die Häute nahmen ein bräunliches Aussehen an und wurden so hart wie Bakelit, oder noch viel härter. Jedes dieser Lederbündel könnte man, wenn sie trocken waren, den Berghang hinunterrollen lassen, wo sie unten sicher und unbeschädigt landeten. Sie konnten auch in den Fluss fallen und dort vielleicht einige Tage liegenbleiben, und wenn man sie wieder herausfischte und trocknete, blieb alles noch intakt. Sie waren wasserdicht, und von daher konnte nichts verderben. Unsere Teeziegel in ihren getrockneten Häuten gehörten zu den hygienischsten Verpackungen der Welt. Der Tee wurde außerdem oft als Zahlungsmittel benutzt. Ein Händler, der kein Geld auf sich trug, konnte ein Stück Tee abbrechen und es eintauschen. Niemand musste sich Sorgen um Bargeld machen, solange er Teeziegel dabei hatte.
Kanting beeindruckte uns mit ihrem geschäftigen Treiben. Wir waren nur an unser heimatliches Lhasa gewöhnt. Hier in Kanting aber gab es Leute aus vielen weit entfernten Ländern: aus Japan, Indien oder Burma und Nomaden von weit jenseits des Taklagebirges. Wir schlenderten über den Marktplatz. Mischten uns unter die Händler und lauschten deren fremden Stimmen und unterschiedlichen Sprachen. Wir begegneten Mönchen anderer Religionen, den Zen-Buddhisten und noch anderen. Danach machten wir uns, wundernd über die neuen Eindrücke, auf den Weg zu einem kleinen Lamakloster außerhalb von Kanting. Hier wurden wir bereits erwartet. In der Tat waren unsere Gastgeber schon etwas besorgt, weil wir noch nicht angekommen waren. Wir erklärten ihnen umgehend, dass...
| Erscheint lt. Verlag | 13.4.2020 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Esoterik / Spiritualität | |
| Schlagworte | Atemtechnik • Buddhismus • Esoterik • Lamaismus • Tibet |
| ISBN-10 | 3-7487-3593-6 / 3748735936 |
| ISBN-13 | 978-3-7487-3593-9 / 9783748735939 |
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