Ausgewählte Werke: »Ich schicke meinen Schatten voraus« (eBook)
680 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-75719-2 (ISBN)
Marina Zwetajewa, neben Anna Achmatowa die bedeutendste russische Dichterin des 20. Jahrhunderts, war auch in ihrer Prosa unverkennbar Lyrikerin. Ob sie, wie in ihrer Tagebuchprosa, das Chaos der Revolutions- und Bürgerkriegsjahre schildert oder in ihren autobiographischen Erzählungen die verlorenenen Kindheitsparadiese aufruft, immer ist die Sprache - assoziativ, lyrisch, intensiv - die eigentliche Protagonistin.
Der Band versammelt Texte unterschiedlicher Lebensphasen: Die Moskauer Aufzeichnungen aus den Jahren 1917-1921 geben Zeugnis von den Revolutions- und Kriegswirren. »Über Deutschland« entwirft das Idealbild von einem Ort des Geistes, das während der Jahre ihrer Emigration rasch zerfallen wird. 1933, in der Not des Exils, beginnt Zwetajewa, sich in autobiographischen Erzählungen ihrer frühesten Erfahrungen zu versichern: behütete, doch unruhige erste Lebensjahre mit Stationen in Freiburg, Nervi und Lausanne, die überschattet waren vom frühen Tod der Mutter. Die »Erzählung von Sonetschka« vergegenwärtigt ihre Liebe zu der Schauspielerin Sofia Gollidej.
Mit der vorliegenden Auswahl gilt es die Prosa einer der größten europäischen Dichterinnen der Moderne neu zu entdecken, deren Leidenschaft und Dringlichkeit man sich kaum entziehen kann.
<p>Marina Zwetajewa, 1892 in Moskau geboren, ging 1922 in die Emigration, lebte in Berlin, Paris und Prag und kehrte 1939 in die Sowjetunion zurück. 1941 nahm sie sich in Jelabuga das Leben. </p>
Marina Zwetajewa, 1892 in Moskau geboren, ging 1922 in die Emigration, lebte in Berlin, Paris und Prag und kehrte 1939 in die Sowjetunion zurück. 1941 nahm sie sich in Jelabuga das Leben. Geboren am 2.1.1946 in Rimavská Sobota (Slowakei) als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen. Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest. Volksschule und Gymnasium in Zürich, 1964 Abitur. 1965-1971 Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg. 1971 Promotion (Dissertation: Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur, Herbert Lang Verlag, Bern 1973). 1971-1977 Assistentin am Slawistischen Institut der Universität Zürich. Seit 1977 Lehrbeauftragte der Universität Zürich. Außerdem Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin (Neue Zürcher Zeitung, DIE ZEIT). Ilma Rakusa ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt). Sie lebt in Zürich. Geboren am 2.1.1946 in Rimavská Sobota (Slowakei) als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen. Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest. Volksschule und Gymnasium in Zürich, 1964 Abitur. 1965-1971 Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg. 1971 Promotion (Dissertation: Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur, Herbert Lang Verlag, Bern 1973). 1971-1977 Assistentin am Slawistischen Institut der Universität Zürich. Seit 1977 Lehrbeauftragte der Universität Zürich. Außerdem Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin (Neue Zürcher Zeitung, DIE ZEIT). Ilma Rakusa ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt). Sie lebt in Zürich.
Oktober im Waggon
(Aufzeichnungen jener Tage)
Zweieinhalb Tage lang keinen Bissen, keinen Schluck. (Die Kehle wie zugeschnürt.) Die Soldaten bringen Zeitungen — auf rosa Papier gedruckt. Der Kreml und alle Baudenkmäler wurden gesprengt. Das 56. Regiment. Gesprengt wurden die Gebäude mit den Junkern und Offizieren, die sich nicht hatten ergeben wollen. 16 000 Tote. An der nächsten Bahnstation — schon 25 000. Ich schweige. Rauche. Mitreisende steigen, einer nach dem anderen, in die Züge in Gegenrichtung um.
Traum (2. November 1917, nachts)
Wir retten uns. Aus einem Keller heraus ein Mann mit Gewehr. Mit leerer Hand ziele ich. — Er lässt es sinken. — Ein sonniger Tag. Wir klettern auf irgendwelche Trümmer. S. spricht von Wladiwostok. Wir fahren in einer Equipage durch Ruinen. Ein Mann mit Schwefelsäure.
Brief ins Heft
Wenn Sie leben, wenn ich Sie noch einmal wiedersehen darf — hören Sie: Gestern, als wir uns Charkow näherten, las ich die »Südliche Heimat«. 9000 Tote. Ich kann Ihnen von dieser Nacht nicht erzählen, denn sie nahm kein Ende. Jetzt ist grauer Morgen. Ich bin auf dem Gang. Verstehen Sie doch! Ich fahre und schreibe Ihnen und weiß jetzt nicht — aber hier folgen Worte, die ich nicht hinschreiben kann.
Wir nähern uns Orjol. Ich habe Angst, Ihnen so zu schreiben, wie ich möchte, denn ich werde in Tränen ausbrechen. All das ist ein schrecklicher Traum. Ich versuche zu schlafen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen schreiben soll. Wenn ich Ihnen schreibe, gibt es Sie, denn ich schreibe Ihnen ja! Und dann — ach! — das 56. Reserve-Regiment, der Kreml. (Erinnern Sie sich an die riesigen Schlüssel, mit denen Sie zur Nacht das Tor abschlossen?) Doch das Wichtigste, Wichtigste, Wichtigste sind Sie, Sie selbst, Sie mit Ihrem Selbstzerstörungsinstinkt. Können denn Sie zu Hause sitzen? Und wenn alle zu Hause geblieben wären, dann wären Sie eben alleine gegangen. Weil Sie untadelig sind. Weil Sie es nicht ertragen können, dass andere getötet werden. Weil Sie ein Löwe sind, der seinen Löwenanteil: das Leben — hergibt für alle anderen, für Hasen und Füchse. Weil Sie selbstlos sind und Selbstschutz verachten, weil das »Ich« für Sie unbedeutend ist und weil ich all das von der ersten Stunde an wusste!
Wenn Gott dieses Wunder vollbringt — und Sie am Leben lässt, werde ich Ihnen folgen wie ein Hund.
Die Nachrichten sind verworren, ich weiß nicht, was ich glauben soll. Ich lese über den Kreml, die Twerskaja, den Arbat, das »Metropol«, den Wosnessenskaja-Platz, über Berge von Leichen. In der sozialrevolutionären Zeitung »Kursker Leben« vom gestrigen Tag (vom 1.), dass die Entwaffnung begonnen habe. Andere (von heute) schreiben von Kampf. Ich lasse mir jetzt nicht volle Freiheit zu schreiben, aber tausendmal sah ich, wie ich unser Haus betrat. Wird man in die Stadt hineingelangen können?
Bald sind wir in Orjol. Jetzt ist es ungefähr 2 Uhr mittags. In Moskau werden wir um 2 Uhr nachts sein. Und wenn ich das Haus betrete — und es ist niemand da, keine Menschenseele? Wo soll ich Sie suchen? Vielleicht gibt es auch das Haus schon nicht mehr? Die ganze Zeit habe ich das Gefühl: das ist ein schrecklicher Traum. Ich warte immerzu, dass gleich etwas geschehen wird und es weder Zeitungen noch sonst irgendetwas gegeben hat. Dass mir das träumt, dass ich aufwachen werde.
Meine Kehle ist zusammengepresst, wie von Fingern. Dauernd ziehe ich den Kragen zur Seite, auseinander. Serjoshenka.
Ich habe Ihren Namen hingeschrieben und kann nicht mehr weiter.
Drei Tage lang — mit niemandem einen Ton. Nur mit den Soldaten, damit sie mir Zeitungen kaufen. (Schreckliche rosa Blätter, unheilverkündende. Theater-Anschläge des Todes. Nein, Moskau hat sie rot gefärbt! Sie sagen, es gäbe kein Papier mehr. Es gab welches, aber jetzt ist es ausgegangen. Der eine sieht darin weiter nichts, der andere ein Zeichen.)
Einer schließlich: »Was ist Ihnen denn, Fräulein? Die ganze Strecke über haben Sie nicht ein Stück Brot gegessen, schon seit Losowaja fahre ich mit Ihnen. Ich schaue immer und denke: Wann wird denn unser Fräulein zu essen anfangen? Da denke ich, jetzt holt sie Brot heraus, nein — wieder das Heft und schreibt. Sie bereiten sich wohl auf eine Prüfung vor, wie?«
Ich, vage: »Ja.«
Der da spricht, ist ein Handwerker, schwarzhaarig, kohlschwarze Augen, schwarzbärtig, etwas von einem zärtlichen Pugatschow. Ein wenig unheimlich und angenehm. Wir unterhalten uns. Er beklagt sich über seine Söhne: »Nach dem neuen Leben sind sie verrückt, nach dieser Krätze. Sie, mein Fräulein, sind ein junger Mensch, Sie werden das vielleicht verurteilen, aber meiner Meinung nach ist dieser ganze rote Abschaum, sind diese unzüchtigen Freiheiten nichts anderes als eine Versuchung des Antichrist. Er ist der Fürst und hat große Macht, er hat nur auf die rechte Stunde gewartet, hat Kräfte gesammelt. Kommst du aufs Dorf, ist das Leben dort unkultiviert, das Weibervolk gräulich. ›Teufel, Narr! …‹ Hast du nicht acht, werfen sie mit Kohlstrünken. Aber was ist dir das für ein Narr, wenn er doch der eingeborene Fürst, das erschaffene Licht ist. Gegen ihn musst du nicht mit Kohlstrünken angehen, sondern mit Engelslegionen …«
Ein dicker Offizier steigt zu: rundes Gesicht, Schnauzbart, etwa fünfzig Jahre alt, ein wenig ordinär, ein wenig Stutzer. »Ich habe einen Sohn im 56. Regiment! Ich mache mir schreckliche Sorgen! Am Ende, denke ich, ist der Teufel mit ihm durchgegangen.« (Aus irgendeinem Grund beruhige ich mich sofort) … »Im Übrigen, mein Sohn ist kein Dummkopf: hat selbst keine Lust, sich in die Hölle vorzudrängeln!« (Augenblicklich vergeht meine Ruhe.) … »Er ist Ingenieur von Beruf, und wissen Sie, es ist doch ganz egal, für wen man Brücken baut: ob für den Zaren oder die Republik, — Hauptsache, sie tragen!«
Ich ertrage es nicht mehr: »Und ich habe meinen Mann im sechsundfünfzigsten.« — »Ihren Ma-ann? Sie sind verheiratet? Sagen Sie bloß! Das hätte ich nie gedacht! Ich dachte, Sie sind noch ein Fräulein und beenden gerade das Gymnasium. Im sechsundfünfzigsten also? Da machen Sie sich wohl auch große Sorgen?« — »Ich weiß nicht, wie ich die Fahrt durchstehen soll.« — »Das werden Sie schon! Und Sie werden sich wiedersehen! Aber erlauben Sie, hat so eine Frau — und geht in den Kugelhagel hinaus! Ihr Gatte wird sich schon nichts antun! Er ist wohl auch noch sehr jung?« — »Dreiundzwanzig.« — »Na sehen Sie! Und Sie machen sich Sorgen! Wenn ich dreiundzwanzig wäre und so eine Frau hätte … Aber selbst mit meinen dreiundfünfzig Jahren und ohne auch nur im entferntesten so eine Frau zu haben …« (Ich, in Gedanken: »Das ist es eben!« Aber aus irgendeinem Grund, obwohl ich mir deutlich der Unsinnigkeit bewusst bin, beruhige ich mich dennoch.)
Der Handwerker und ich verabreden miteinander, vom Bahnhof aus zusammen zu fahren. Und obwohl wir überhaupt nicht denselben Weg haben: er muss zur Taganka, ich in die Powarskaja, baue ich weiter darauf: Aufschub für die nächste halbe Stunde. (In einer halben Stunde sind wir in Moskau.) Der Handwerker ist meine Schutzwehr, und aus irgendeinem Grund scheint mir, dass er alles weiß, mehr noch, — dass er selbst einer aus der Heerschar des Fürsten ist (nicht umsonst — Pugatschow!) und dass er, gerade weil er ein Feind ist, mich (S.) retten wird. — Schon gerettet hat. — Und dass er mit Absicht in diesen Waggon eingestiegen ist, um mich zu beschützen und mir Hoffnung zu machen — und Losowaja will gar nichts besagen, er hätte auch einfach vor dem Fenster erscheinen können, bei voller Fahrt, mitten in der Steppe. Und dass er gleich in Moskau auf dem Bahnhof zu Staub zerfallen wird.
Noch zehn Minuten bis Moskau. Es wird schon ein ganz klein wenig hell — oder ist es nur der Himmel? Haben sich meine Augen schon an die Dunkelheit gewöhnt? Ich habe Angst vor dem Weg,...
| Erscheint lt. Verlag | 13.6.2018 |
|---|---|
| Übersetzer | Ilma Rakusa, Elke Erb, Marie-Luise Bott, Margarete Schubert |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Ausgewählte Werke I |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Ausgewählte Werke I deutsch • Bürgerkrieg • Dichterin • Emigration • Exil • Georg-Büchner-Preis 2020 • Johann-Heinrich-Merck-Preis 2025 • Kindheit • Kleist-Preis 2019 • Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Anerkennungspreis 1998 • Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich 2023 • Moskau • Osteuropa • Revolution • Russische Revolution |
| ISBN-10 | 3-518-75719-9 / 3518757199 |
| ISBN-13 | 978-3-518-75719-2 / 9783518757192 |
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