Die Tochter des Bischofs (eBook)
542 Seiten
beTHRILLED (Verlag)
978-3-7325-5401-0 (ISBN)
Ein Sänger im Dienste des Bischofs und ein verschwundener Mönch, zu dem eine blutige Fährte führt ...
Aquitanien, Frühjahr 1183. Raymond, Sänger und Geschichtenerzähler, ist auf der Suche nach einem Brotgeber. Seine letzte Hoffnung ist der Bischof von Poitiers, der ihm schließlich eine ungewöhnliche Aufgabe stellt: Raymond soll Fermin, den verschwundenen Assistenten des Bischofs, wiederfinden. Als ein Mord entdeckt wird, ahnt der Sänger, dass Fermin etwas damit zu tun hat, doch alle Indizien sprechen dafür, dass Raymond selbst der Täter ist. Ihm ist klar: Er ist in eine Sache verwickelt, die dramatischer ist als alle seine Geschichten ...
Weitere historische Romane von Bestsellerautor Richard Dübell bei beTHRILLED: Im Schatten des Klosters, Die Die Braut des Florentiners und Krimis der Tuchhändler-Reihe.
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.
<p>Richard Dübell, geboren 1962, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Niederbayern und ist Träger des Kulturpreises der Stadt Landshut. Er zählt zu den beliebtesten deutschsprachigen Autoren historischer Romane. Seine Bücher standen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurden in 14 Sprachen übersetzt. Mehr Informationen über den Autor finden Sie auf seiner Homepage: <a href="http://www.duebell.de/" target="_blank">www.duebell.de</a> <br></p>
Richard Dübell, geboren 1962, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Niederbayern und ist Träger des Kulturpreises der Stadt Landshut. Er zählt zu den beliebtesten deutschsprachigen Autoren historischer Romane. Seine Bücher standen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurden in 14 Sprachen übersetzt. Mehr Informationen über den Autor finden Sie auf seiner Homepage: www.duebell.de
1.
Raymond traf beim Unterstand ein, als Arnaud dem Neugeborenen die Augen zudrückte.
Die Mutter war zu erschöpft, um mehr zu tun, als leise zu weinen. Carotte und die anderen Frauen der Gauklertruppe, deren Namen Raymond ebenso wenig geläufig waren wie derjenigen, die das tote Kind zur Welt gebracht hatte, schluchzten umso lauter. Arnaud sah zu Raymond auf, als dieser sich durch den Ring der Pilger hindurchdrängte, die gaffend um die Szene in der Ecke des Unterstandes herumstanden. Sie nickten einander zu.
»Er ist mit offenen Augen zur Welt gekommen«, sagte Arnaud, »aber gesehen hat er sie nicht mehr.«
»Die verfluchte Kälte«, erklärte Raymond.
Arnaud zuckte mit den Schultern. Eine der Frauen breitete eine feuchte Decke über die Mutter des toten Kindes und nahm sie in den Arm. Das leise Weinen veränderte sich nicht. Es klang so dünn, wie das Greinen des Neugeborenen hätte sein sollen, aber das Neugeborene lag still und stumm in Arnauds großen braunen Händen. Raymond fühlte, wie Bedauern in ihm aufstieg um das Leben, das keine Chance gehabt hatte, und sah weg.
Arnaud band mit geübten Bewegungen die Nabelschnur ab und richtete sich auf, den kleinen Leichnam in den Händen, ein großer, fast absurd muskulöser Mann mit olivfarbener Haut und langem, gekräuseltem Haar, der selbst in der Kühle des Frühlingsregens nicht zu frieren schien. Er sah sich um und winkte den Männern seiner Truppe zu, die sich etwas abseits mit betroffenen Gesichtern zusammendrängten.
»Es ist deins, Maus«, sagte er. »Nimm Abschied.«
Einer der Gaukler trat zögernd vor. Mit jedem Schritt, den er aus dem Halbdunkel des Hintergrunds nach vorn machte, verlor er ein paar Jahre, und als er vor Arnaud und Raymond stand, war er nur noch ein höchstens achtzehnjähriger Knabe, der sich bemühte zu erfassen, was eigentlich geschehen war – ein verwirrter Junge, der deutlich hinter dem üblichen abenteuerlichen Aussehen der Gaukler hervortrat, in seinem Fall mit Kalk und Fett gefärbtes und steil nach oben gekämmtes Haar sowie einer Menge Ohrringe in einem Ohrläppchen und einem Geißbärtchen an der Unterlippe. Sein Anblick versetzte Raymond einen Stich; der Junge kam ihm vor, als sei er nur wenige Jahre von dem Kind entfernt, das ihm Arnaud übergab. Maus starrte den Leichnam an, und seine Unterlippe begann zu zittern.
Arnaud wandte sich ab; die Pilger, die um ihn und seine Leute herumstanden, schien er kaum wahrzunehmen. Er war sein halbes Leben herumgezogen, um vor Publikum aufzutreten und seine Späße zu machen; Raymond vermutete, dass Arnaud es nur natürlich fand, wenn auch etwas vor Publikum stattfand, das weniger zum Lachen war. Ganz und gar nicht zum Lachen. Raymond fand es schwer, den Blick von dem blau angelaufenen Körper zu wenden. Maus schüttelte den Kopf wie jemand, der nicht wieder damit aufhören kann. »Was soll ich denn damit machen, was soll ich denn damit machen?«, flüsterte er.
Raymond klopfte Arnaud auf die Schulter und drängelte sich wieder nach draußen ins Freie. Der Regen fiel dicht und so kalt, dass seine Hände selbst in den feinen ledernen Handschuhen froren. Zusammenhanglos überlegte er, dass sich alle seine Instrumente wieder hoffnungslos verstimmt haben würden, bis er die nächste trockene Unterkunft erreichte. Was soll’s, dachte er dann, es ist ohnehin weit und breit niemand in Sicht, für den ich spielen könnte. Jean le Maréchal hatte die Großzügigkeit von Königin Aliénor und ihrem ältesten Sohn, Henri dem Jungen König, über alle Maßen gerühmt – doch das war zehn Jahre her, nichts war mehr so, wie es einst gewesen war, und Jean le Maréchal kämpfte auf der Seite des jungen Königs in der Normandie, anstatt Lieder zu komponieren oder auf den Turnierplätzen Frankreichs zu brillieren. Bernard de Ventadorn, der sich selbst ohne Scham als den begabtesten Troubadour bezeichnet hatte (»Es ist kein Wunder, wenn sich kein Sänger mit mir vergleichen kann!« – heiliger Hilarius, der Mann hatte ein gesundes Selbstvertrauen!) und mit seiner leidenschaftlichen Verehrung für die Königin ihrem Ehemann Henri Plantagenet schon auf die Nerven gegangen war, als Henri und Aliénor einander noch in Liebe verbunden waren, hatte sich ins Kloster zurückgezogen und bemühte sich, sein Leben zu bereuen. Raymond verachtete ihn, während er ihn gleichzeitig darum beneidete, ein warmes Plätzchen gefunden zu haben, ohne wie die meisten anderen seiner Zunft die Flucht nach Flandern, in die Champagne oder über die Pyrenäen an die spanischen Höfe anzutreten.
Hauptsächlich aber dachte er an das tote Kind, während er in den grauen Himmel spähte und den Regentropfen zusah, wie sie aus ihm herunterstürzten. Er blinzelte, als sie sein Gesicht trafen. Gott hatte es entstehen und heranreifen lassen, und dann hatte er es zu sich genommen, noch bevor es eine Chance gehabt hatte, etwas mit dem Geschenk des Lebens anzufangen. Wenn das Geschenk ein Irrtum gewesen war, dann hatte Gott ihn reichlich spät bemerkt. Raymond sah sich um, die schlammbedeckte Straße, die nassen Felder, die kümmerlichen Getreidehalme, zwischen denen immer noch viel zu viel triefend feuchte Erde zu sehen war (wenn sie nicht in einer Seenlandschaft aus flachen Pfützen standen, die das Grau des Himmel widerspiegelte), das unterentwickelte Laub an den Bäumen. Der Frühling war fast vorüber, und der Süden Frankreichs ertrank in Regen und erstarrte in der Kälte, und das nun schon das dritte Jahr hintereinander, der Herr stehe uns bei. Wo war das süße Aquitanien geblieben, reich an saftigen Weiden und prächtigen Wäldern, überquellend von Früchten und vom Wein süß wie Nektar? Raymond öffnete den Mund und ließ ein paar Regentropfen auf seine Zunge fallen, ohne durstig zu sein. Süß wie Nektar, ganz bestimmt. Wenn auch das ein Irrtum Gottes war, dann blieb zu hoffen, dass er auf ihn ein wenig schneller aufmerksam wurde.
Neben ihm räusperte sich jemand. Er wandte sich um. Carotte nickte ihm müde zu und rieb sich dann Tränen und Regen über das nasse Gesicht. Dutzende von Zöpfchen, die sie in ihr rotes Haar gedreht hatte, um zu verbergen, wie kurz es nach der letzten Läuseschur noch war, hingen traurig herab.
»Hallo Raymond«, sagte sie heiser, »ich dachte, du wolltest noch eine Weile in Chatellerault bleiben?«
Die Pilger begannen leise miteinander zu tuscheln. Sie trugen die breitkrempigen Hüte und schweren Mäntel, die als Wahrzeichen der Santiago-Pilger beliebt geworden waren, in den Händen lange Stöcke – unterwegs über die Berge nach Compostela, mit Poitiers und dem Grab der heiligen Radegonde als nächstem Ziel vor Augen.
»Wie ein Tier im Stall; ist das nicht eine Schande?«, erklärte eine Stimme aus ihrer Gruppe.
»Stimmt.«
»In der Kälte und dem Regen.«
»Da hatte es keine Chance.«
»Äääh, das arme Geschöpf.«
»Der heilige Jakob erbarme sich seiner.«
»Und der heilige Martin von Tours!«
»Amen.«
»Ihr müsst es beerdigen.«
»Wir werden euch helfen.«
»Es ist noch nicht mal getauft.«
»Wo sollen wir hier einen Diakon herbekommen?«
»Aber das ist doch nicht nötig; es ist doch ein Mönch unter uns.«
Raymond und Carotte drehten sich um. Die Pilger hatten in ihrer Mitte einen Raum um einen Mann entstehen lassen, der in seiner grauen Kutte und dem langen Reisestock genauso ausgesehen hatte wie einer von ihnen. Die Kapuze verbarg sein Gesicht fast vollständig.
Arnaud trat auf ihn zu. Der Gaukler überragte den Mönch beinahe um Haupteslänge. »Ist es wahr, bist du ein heiliger Bruder?«
»Erkennst du nicht, wenn ein Diakon Gottes vor dir steht?«, fragte der Kirchenmann. Seine Stimme war hell und brüchig; er war derjenige aus der Gruppe der Pilger, der das mit der Schande gesagt hatte. Raymond musterte seinen Rücken und begann zu ahnen, dass er es anders gemeint hatte, als seine Reisegefährten es auffassten.
»Dann hast du ja die Diakonweihe; noch besser.«
»Ich bin Diakon.«
»Das reicht, um die Taufe zu spenden, oder nicht?«
Der Diakon antwortete nicht.
»Würdest du …?« Arnaud deutete mit dem Daumen über die Schulter zu Maus hinüber, der mit seinem toten Sohn in den Händen immer noch völlig verloren dastand.
Der Diakon schüttelte stumm den Kopf.
»Warum denn nicht?«
Der Diakon zögerte ein paar Momente; wie es zuerst schien, aus Verlegenheit. Als er sprach, wurde klar, dass er nur nachgedacht hatte, ob er sich so weit herablassen sollte, Arnaud seine Gründe zu erklären. »Woher sollte einer wie du auch wissen, dass es dazu heiligen Werkzeugs bedarf?«, sagte er schließlich.
»Das einzige Werkzeug, das du brauchst, sind deine Hände«, erklärte Raymond und fragte sich selbst, weshalb er sich einmischte. »Öl und Weihwasser kannst du dir sparen, der Regen würde es ohnehin schneller abwaschen, als du Amen sagen kannst.«
Die Pilger nickten; ein paar ließen den Schatten eines Grinsens auf ihren bartstoppeligen Gesichtern erkennen. Der Diakon stand stocksteif vor Arnaud.
»Sind die beiden überhaupt Mann und Frau vor dem Sakrament?«, fragte er und deutete auf Maus und die Mutter des Kindes auf dem Boden.
Arnaud kratzte sich unter seinen langen Locken und blickte zu Boden. »Als ihm klar wurde, dass sie schwanger war, ist er nicht weggelaufen. Ich finde, das zählt. Oder nicht?« Sein breiter bretonischer Akzent ließ seine Worte ungeschickt wirken, und seine verlegene Körperhaltung tat ein Übriges. Raymond fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn er einfach gelogen hätte. Wie hätte das kleine Diakönchen den Unterschied bemerken sollen? Die Pilger spitzten die...
| Erscheint lt. Verlag | 13.3.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Historische Kriminalromane | |
| Schlagworte | Aquitanien • Bischof • Bote des Feuers • Crime • France • Frankreich • Historical • historischer Krimi • Historischer Kriminalroman • Historische Romane • Historischer Roman • Historisches Buch • Krimis • Minne • Minnesänger • Mittelalter (8.-15. Jh.) • Mönche • Mord • Mystery • Sänger |
| ISBN-10 | 3-7325-5401-5 / 3732554015 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5401-0 / 9783732554010 |
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