Den Koffer trag ich selber (eBook)
397 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-75341-4 (ISBN)
Ein Leben, das gar nicht erst hätte anfangen sollen, wird allen Widerständen zum Trotz bunt und spannend. Gerade weil Abschiede dieses Leben immer begleiten, werden ihnen Begegnungen und Geschichten entgegengesetzt. Doch das Gefühl, Teil eines Spiels zu sein, bleibt über die Jahre ein steter Begleiter. Eva Demski sammelt andere Leben, bekannte und unbekannte, Galionsfiguren der Literatur wie Reich-Ranicki, Koeppen, Kempowski, Rose Ausländer erzählen ihr von sich, sie sucht aber auch immer wieder nach Außenseitern und findet sie. Ihren eigenen Club der toten Dichter hat sie auch. Lebensbasis ist eine nach Weihrauch und Zigaretten riechende Kindheit in Regensburg, das Theater und das Jungsein mitten in politisch unruhigen Zeiten. Die werden noch unruhiger, als ihr Mann, ein RAF-Anwalt, plötzlich stirbt und die Polizei sich für sie interessiert.
Ein sehr persönliches Buch: Unsentimentale Erinnerungen aus einem Leben mit vielen schönen und bösen Überraschungen, Momentaufnahmen, die die deutsche Geschichte der vergangenen Jahrzehnte widerspiegeln.
Eva Demski, geboren 1944 in Regensburg, lebt in Frankfurt am Main. Ihr literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet.
Eva Demski, geboren 1944 in Regensburg, lebt in Frankfurt am Main.Ihr literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, 2008 erhielt Eva Demski den Preis der Frankfurter Anthologie.
Geistermesse
Offenbar sind in diesem Jahr die Rolltreppen und Transportbänder auf der Buchmesse schneller gestellt worden. Jedenfalls haben mein rechter Fuß beim Draufsteigen und mein linker beim Runtergehen eine Schrecksekunde. Ich halte mich am Handlauf fest und schaue auf die vielen jungen Menschen, die die Gegenfahrbahn des Laufbandes entlangrennen, Langsame überholen und einander zurufen, während ihre Füße mühelos auf Highheels und ihre Laptoptaschen auf Stapeln von Prospekten balancieren. Ich bin langsam.
Zwei Jahre zuvor hatte ich am Eingang einen kleinen, alten Literaturnobelpreisträger bedauert, der sich umsah und sich zu wundern schien, daß niemand ihn beachtete. Sein schwarzgefärbtes Haar und sein Schnauzbart leuchteten, und er trug immer noch sandbraune Cordhosen, wie vor mehr als dreißig Jahren.
Nein, es sind schon bald vierzig Jahre, denke ich, und daß der Arme jetzt nie mehr nach Bewunderung Ausschau halten kann.
Es ist Messe, Buchmesse, Weltmittelpunkt, in Herbstnebel verpackt. Ich komme seit mehr als einem halben Jahrhundert hierher und habe fast alle Rollen, die das Ereignis zu bieten hat, durchgespielt. Die letzte und vielleicht schönste ist jetzt die der Geisterseherin.
Angefangen hat alles mit dem Schreiben von Auftragszetteln, da gingen Tine und ich in die siebte Klasse, und ihr Vater hatte Beziehungen zum List-Verlag. So kamen wir an diesen Traumjob. Bücher waren heilig. Bücher waren ewig, in sämtlichen Bürgerwohnzimmern standen sie in Reih und Glied, eine unerschütterliche Armee in Ledermänteln.
Später, während des Studiums kamen wir einstigen Schüler von überall her zur Buchmesse, egal, was oder wo wir studierten, von Medizin bis Mediävistik, in Berlin, München, Freiburg oder sonstwo. Wir mußten uns unbedingt im Oktober hier treffen, reichten einander die einzige Fachbesucherkarte – irgend jemand hatte immer eine – durch die Gitter zu und versuchten tagsüber, Berühmtheiten zu sehen, und abends, auf die Parties zu kommen.
Danach ergriff ich ein bißchen Macht und arbeitete für das Kulturmagazin TTT. Uns oblag die sogenannte Messesondersendung, man durfte sich ganze Tage dort herumtreiben, Literaturstars um Gespräche bitten und Dichterinnen und Dichter vor der Kamera die Rolltreppen rauf- und runterjagen. Es waren auch echte Legenden dabei, zum Beispiel Jean Marais. Jean Marais!
Den nehme ich, sagte ich zu meiner Kollegin, du kannst ja leider nicht richtig Französisch.
Das lerne ich heute nacht, antwortete sie und nahm mir Jean Marais weg. Sie war ranghöher. Es wurde ein lustiges Interview, weil sie seine Antworten nicht verstand. Jean Marais war genauso schön wie in seinen Filmen. Wir hatten ihn dann lange fast lebensgroß als Foto im Büro hängen.
Fast alle machten fast alles mit. Das lag an den Folgejahren von 68, Autoritäten waren unsicher geworden, ob sie noch welche sein durften, und außerdem wollte niemand nicht jung aussehen. Zum Messeschluß bastelten wir die Nacht über unsere Ausbeutefilmchen in zehn Schneideräumen parallel bei warmem Sekt und vielen Zigaretten. Frühmorgens wurde dann Hellmuth Karasek zum Texten mit dem Taxi von irgendwoher geholt, er hatte meist keine Strümpfe an.
Seit kurzem muß auch er hier geistern, ich höre im Menschenlärm deutlich seine böhmische Präzisionssprache. Jetzt kann er sich endlich mit seinem Bruder Horst zusammentun, der ein Anarchist und ein Dichter war und die vierte Dimension der Buchmesse schon seit vielen Jahren bewohnt. Heiligabend 2013 ist auch seine ehemalige Geliebte in diesem papierenen Hades angekommen, Helga M. Novak, einst die schönste von allen mit wilden Augen und wildem Leben.
Lest ihre Gedichte, ihr Unwissenden, würde ich jetzt gern den schicken Jungs und Mädchen auf dem Rollband Richtung Halle 4.1, zurufen, wenn ihr die Gedichte dieser isländischen Schneewölfin nicht kennt, fehlt euch Entscheidendes.
Ende der Siebziger fing ich selber an zu schreiben und machte mich bei vollem Bewußtsein zum Opfer. Ich kann nicht behaupten, daß ich nicht gewußt hätte, was einem dabei blüht. Lang genug war ich auf der anderen Seite gewesen, hatte auf Blößen gelauert, die Dichterinnen und Dichter sich gaben, stellte mit sanfter Interviewstimme Fallen und wunderte mich alle Jahre wieder über die gleichen Superlative: das ungewöhnlichste, einfühlsamste, spannendste, erhellendste, das Buch der Bücher. Nie zuvor dagewesen!
Leuchtspuren zogen sich über den Literaturhimmel, oft mit viel Orchester und Chor, aber wie lang hielt das denn – meistens nicht mal bis zu den nächsten Messebeilagen. Das hatte ich alles gewußt und mich für immun gehalten. Aber ich fiel darauf herein, kaum daß mein erstes Buch auf der Welt war. Ich wurde so kleinkindhaft lob- und liebessüchtig wie alle, die ich dafür verachtet und ausgelacht hatte. Auch die ganz Großen litten unter diesem unstillbaren Hunger, sie verzehrten sich nach Lobpreisungen von Leuten, die sie für wesentlich dümmer als sich selber hielten. Der Vorwurf charakterlicher Nichtswürdigkeit wurde bei jedem Anerkennungssprüchlein umgehend fallengelassen und sofort wiederaufgenommen, wenn der Dichter sich ignoriert fühlte. Ich begab mich in diesen Club, trotz allen Wissens um die schnelle Verderblichkeit der meisten Ewigkeiten.
Viele Bücher später kam als vermeintliche Krönung für mein vielfältiges Messeleben noch eine Gesellschafterfunktion bei einem Verlag, ein interessantes Jahrzehnt, in dem ich mich auf jeder Buchmesse fragte und von anderen fragen lassen mußte, als was ich denn aktuell unterwegs sei – Verleger? Journalist? Kritiker? Kritikerfeind? Dichter gar? Gelächter.
Jetzt laufe ich entspannt auf bequemen, unansehnlichen Latschen über die Messe der Lebenden und der Toten, wobei die Toten den Löwenanteil ausmachen. Sie halten sich aber fürs erste gut versteckt, und ich ertappe mich beim Studium der diesjährigen Einmaligkeiten.
Ein einzigartiger Schelmenroman. Ein Autor von einsamer Größe. Gedankenklar, virtuos, aufrüttelnd. Präzise wie ein Skalpell. Einfühlsam. Noch mal einfühlsam und noch mal. Noch bevor das Laufband stoppt und mein Fuß wieder seinen neuen, winzigen Schrecken kriegt, habe ich alles wieder vergessen.
Kein Mensch käme mehr auf die Idee, mich nach meinen Rollen zu fragen. Ich bin jetzt die Geisterseherin.
Der Regen läßt Schals und Hüte feucht werden, die in den Jahrmarktsbüdchen vor den Hallen angeboten werden, zum erstenmal kaufe ich nichts. Sonst mußte das immer sein, irgendeine schöne Nutzlosigkeit, die ich nie tragen würde, falscher Schmuck mit Sternzeichen oder Pashminaschals, hundert Prozent Polyester. Heute denke ich trübsinnig an den Tyrannosaurus Rex, der geköpft und schwanzlos vor dem Senckenbergmuseum steht, ein geschlachteter Gigant. Grade bin ich an ihm vorbeigefahren, einem riesigen Plastiktorso, bei dessen Anblick mir die Tränen kamen.
Einst im wilden Jahrzehnt spielten total außer Rand und Band geratene österreichische Dichter drinnen im Museum mit den echten Knochen, nahmen die heiligen Skelette auseinander, als wären es Brathähnchen, und schütteten Sekt über die ganze Ehrwürdigkeit. Es war ein Verlagsempfang, und der längst tote Verleger Christoph Schlotterer, ein sehr liebenswürdiger Mensch, hauchte immer wieder keine Polizei! Nur keine Polizei!, weil es zum damaligen Zeitgeist gehörte, die schlimmer zu finden als jede nur denkbare Kulturschandtat. Wahrscheinlich geistert er kummervoll durch die längst wieder zusammengebastelten Knochen.
Wie wunderbar das war, als sogleich ein deutscher Club längst toter Dichter unter der Führung des kräftigen Herbert Heckmann die Österreicher verhauen wollte und dann doch demokratisch entschied, lieber in Jimmy's Bar zu gehen, aus dem einfachen Grund, daß alle, die nicht hier waren, dort sein würden. Die heroischen Taten der Österreicher wurden in der Bar erst verkündet und dann diskutiert, und Helmut Eisendle, der schon den ganzen Abend im Jimmy's gehockt hatte, brach in Tränen aus, weil die wichtigste österreichische Kampfhandlung der letzten Jahrzehnte ohne ihn über die Bühne gegangen war. Eisendle sah aus, wie Kulturredakteure sich damals einen Dichter vorstellten, zerfranst, zerfallen, arrogant und bedürftig zu gleichen Teilen, ein charmantes bärtiges Baby. Seinesgleichen gab es damals eine Menge, man mußte sie pflegen, ihnen regelmäßig zu trinken geben und gelegentlich eine Aufgabe in anspruchsvollen Hörfunksendungen für sie bereithalten, Honorar cash an der Kasse.
Wo sind sie geblieben, sie und ihre Musen, denke ich, während ich über den Platz am Brunnen Richtung Halle 4 gehe und zuschaue, wie ein paar Fernsehteams über die sogenannte Agora schnüren, diese feuchtschimmernde Öde, wo Bratwurst- und Čevapčičistände so selten geworden sind wie rauchende Dichter. Alles muß dem Veganen weichen.
Musen sieht man auch nicht mehr, nur ihre Geister, die schöne Nina v. P. mit Hotpants und riesengroßem Joint, Anna mit den goldenen Wimpern und Elke, die niemals jemand ohne Schminke oder Stiefel gesehen hat. Ich fand Musen wunderbar und beneidenswert, vielleicht haben wir anderen nur deshalb selber geschrieben, weil wir für Hotpants nicht die richtigen Beine und außerdem keine Lust hatten, einem Dichter die Verehrung Tag und Nacht wie eine Aktentasche hinterherzutragen.
Wer den kurzen Blick einer Kamera abkriegt, wer eine Sekunde Akteur sein darf, macht zwar abschätzige Witze drüber, freut sich aber insgeheim wie über einen Hauptgewinn, damals wie jetzt, denke ich. Aber das ist Blödsinn.
Die Kameras sind kleiner als früher. Jeder hat aber...
| Erscheint lt. Verlag | 9.8.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 20. Jahrhundert • 21. Jahrhundert • Autobiografie • Begegnungen • Biografie • bücher neuerscheinungen • Buchmesse • Deutsche Geschichte • Erinnerungen • Eva Demski • Frankfurt • George-Konell-Preis 2018 • insel taschenbuch 4756 • IT 4756 • IT4756 • Künstlerleben • Lebensgeschichte • Marcel Reich-Ranicki • Preis der Frankfurter Anthologie 2008 • R.A.F. • RAF • Regensburg • Rose Ausländer • Rote Armee Fraktion • Rückblick • Schriftstellerin • Stoltze-Preis 2024 • Walter Kempowski • Wolfgang Koeppen |
| ISBN-10 | 3-458-75341-9 / 3458753419 |
| ISBN-13 | 978-3-458-75341-4 / 9783458753414 |
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