Spaltungen und Fusionen (eBook)
180 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-8919-4 (ISBN)
Egbert Dörfler studierte Anglistik, Germanistik und Musikwissenschaft an Universitäten in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Von 1981 bis 2019 unterrichtete er mit Unterbrechungen an verschiedenen bayerischen Schulen. Eine fünfbändige Ausgabe seiner Gedichte ist zwischen 2020 und 2024 erschienen.
ALL DIE EINSAMEN LEUTE
Die Beatles als Dichter
In mehrfacher Hinsicht zeigt sich das für die Beatles so typische Überschreiten massenkultureller Liedkonventionen Mitte der 60er Jahre auf der LP Revolver1 und hier wiederum, jedenfalls was den Text angeht – in diesem Fall kann man getrost von einem Gedicht sprechen –, am deutlichsten in dem Song „Eleanor Rigby“2 , mit dem sich das Liverpooler Quartett zum ersten Mal mit einem soziokulturellen Problem auseinandersetzt, das sie als junge Musiker persönlich gar nicht betrifft, nämlich der „Einsamkeit“ und vermeintlichen „Sinnlosigkeit“ des Lebens vieler älterer Menschen in der zeitgenössischen Gesellschaft.
Bereits die äußere Form des Lieds ist komplexer als der einfache Strophe-Refrain-Wechsel oder die AABA-Struktur vieler gängiger Popsongs. Es beginnt mit einem kurzen, vom Chor (Paul McCartney, John Lennon, George Harrison) gesungenen Refrain (R1), in dem die Hörer auf „all the lonely people“ (all die einsamen Menschen) aufmerksam gemacht werden. Es folgt die vom Solosänger (McCartney) deklamierte erste Strophe (S1), die in zwei Bildern exemplarisch die einsame Eleanor Rigby vorstellt und mit einem zweiten, nur vom Erzähler gesungenen Refrain (R2) endet, der die Frage nach der Herkunft und Zugehörigkeit all der einsamen Leute stellt („… where do they all come from/where do they all belong?“). S2 berichtet, ebenfalls in zwei Bildern, von dem einsamen Pfarrer McKenzie und mündet wie S1 in R2, bevor R1 vom Chor wiederholt wird und zu S3 hinführt, der dritten Strophe, die wiederum in wenigen, extrem reduzierten Handlungselementen die „Begegnung“ der beiden Menschen darstellt, bevor sie erneut mit den Fragen von R2 den Song beendet.
Während der banale, redundante Appellcharakter des ersten Refrains zweifellos an die plakativen Aussagen typischer Produkte der Massenkultur erinnert, bewegt sich die Charakterisierung der beiden Figuren in den drei Strophen durch ihre extreme symbolische Dichte durchaus auf dem Niveau anspruchsvoller traditioneller Dichtung. Einsamkeit wird hier im Gegensatz zum ersten Refrain nicht benannt, sondern gezeigt. Der Reis, die Kirche, die Hochzeit verweisen auf Fruchtbarkeit, Spiritualität, Gemeinschaft, Lebensfreude – doch Eleanor Rigby fehlt all das. Sie scheint die Putzfrau zu sein, die die Kirche nach der Hochzeitszeremonie reinigt. Mit dem doppeldeutigen Verb „picks up“, das zwar umgangssprachlich „wegräumen“ denotiert, bei dem aber auch die eigentliche Bedeutung „aufheben“ mitklingt, deutet sich bereits das Sehnsuchtsmotiv an, welches das zweite Bild dominiert. Es zeigt uns Eleanor, wie sie zuhause am Fenster sitzt, ein durch die W-Alliteration („waits at the window“/„wartet am Fenster“) auch klanglich intensiviertes Sehnsuchtssymbol, die durch das Partizip „wearing“ mit der erneuten Rekurrenz des W-Lauts, der wie im Deutschen („weh“) auch im Englischen („woe“) mit Schmerz in Verbindung gebracht werden kann, eine Metapher einleitet, die so unkonventionell und hermetisch ist, dass sie an die Chiffren moderner Lyrik erinnert. Der Grafiker Alan Aldridge meinte, sie sei „reiner Surrealismus“3 und ließ sich davon inspirieren, die Songtexte der Beatles genauer zu analysieren und eine Reihe von ihnen zu illustrieren. Man mag bei dem Gesicht, das die Frau „aufhat“, an eine Maske oder an Make-up denken, doch der Krug als Aufbewahrungsort passt nicht dazu. Vielleicht hat sie Wein aus einem Krug getrunken. Verändert der Alkohol aber wirklich das Gesicht? Vielleicht macht er mutiger, so dass man sich ans Fenster setzt, um gesehen zu werden. Das Bild löst zahlreiche Assoziationen aus, entzieht sich jedoch einer eindeutigen Festlegung und fordert somit den Hörer bzw. Leser immer wieder auf, die Leerstelle selbst zu füllen, ein in der Literatur generell gebräuchliches, in der modernen Lyrik jedoch extrem gesteigertes Verfahren.
In der zweiten Strophe steht Father McKenzie im Fokus. Er ist – was bereits der gälisch-irische Name andeutet – ein katholischer, also zölibatär lebender Priester, und damit für die Beatles, denen Mitte der 60er Jahre die Vorstellung noch fremd zu sein scheint, dass es tiefere Beziehungen gibt als verwandtschaftliche, freundschaftliche oder geschlechtliche, offenbar das Symbol für Einsamkeit schlechthin. Er scheint nicht einmal eine Haushälterin zu haben und muss sogar seine Strümpfe stopfen, was natürlich auch auf seine Armut hindeutet. Seine berufliche Tätigkeit wirkt vergeblich, da niemand kommt, um seine Predigt zu hören. Im Gegensatz zu Eleanor Rigby, deren Vornamen wir kennen, wird mit Pfarrer McKenzie allerdings kaum Mitleid erweckt, vielleicht deswegen, weil er ja diesen Lebensstil freiwillig gewählt hat. Seine Charakterisierung ist fast eine Karikatur, denn die Beatles reihen hier ein Klischee an das andere. Bezeichnenderweise findet sich in dieser zweiten Strophe auch kein hermetisches, also „modernes“ Symbol.
Erst in der dritten Strophe wird man wieder überrascht. Es kommt zu einer Begegnung zwischen den beiden einsamen Menschen, wenn auch einer ironischen. Eleanor Rigby stirbt in der Kirche – vermutlich bei der Arbeit – und wird „zusammen mit ihrem Namen begraben“ („… and was buried along with her name“). Die Beatles mögen diese Metapher bei Shakespeare gelesen haben, der in seinem Sonett 72 schreibt: „My name be buried where my body is …“ 4 („Mein Name sei begraben, wo mein Leichnam liegt“). Während es in diesem barocken Gedicht jedoch um Schuldgefühle geht – das lyrische Ich wünscht vergessen zu werden, damit sein Name ihm und seiner Geliebten keine Schande mehr bringt – ist Eleanor Rigbys Schicksal nur traurig, denn sie hat anscheinend niemanden so gut gekannt, dass er oder sie sich an sie erinnern würde, jedenfalls kommt keiner zu ihrem Begräbnis. Die auf eine Geste reduzierte Charakterisierung Pfarrer McKenzies bei der Erfüllung seiner Pflicht („wiping the dirt from his hands as he walks from the grave“/„wischt den Staub von den Händen, als er vom Grab weggeht“) evoziert das Gefühl von Distanz, Kälte und wiederum Vergeblichkeit. Die Aussage „No-one was saved“ („Niemand wurde gerettet“), egal ob man sie als Erzählerkommentar oder Gedankensplitter des Priesters deutet, verstärkt diesen Eindruck noch. Das Gedicht endet in völliger Trostlosigkeit.
Eine deprimierende Stimmung vermittelt auch die Vertonung des Textes. Die Harmonik bewegt sich zwischen einem dorischen e-Moll als Tonika und dem Dreiklang der sechsten Stufe C-Dur, den man kaum als Submediante interpretieren kann, denn es erfolgt in dem gesamten Lied kein funktionsharmonischer Spannungsaufbau und daher auch keine Lösung, ebenso wenig wie eine Ausgestaltung des musikalischen Geschehens durch die bei den Beatles sonst so beliebte Stufenharmonik. Hinzu kommt die zwar bereits in dem Song „Yesterday“ ein halbes Jahr zuvor erstmals eingesetzte, für ein Rockmusikpublikum 1966 jedoch immer noch unerwartete und ungewohnte Instrumentierung durch George Martin, den Produzenten der Beatles, der Anregungen und Ideen der Gruppe realisierte, die ihre eigenen technischen Möglichkeiten überstiegen: anstatt elektrischer Gitarren und Schlagzeug ein (doppelt besetztes) Streichquartett, das gleichsam als Symbol für „klassische“ Musik fungiert, die dem zeitgenössischen jugendlichen, von der Massenkultur geprägten Durchschnittshörer langweilig, überholt, als etwas von gestern vorkommt, wie die Menschen, von denen die Beatles singen. Der harte Staccato-Rhythmus entspricht dem emotionslosen Understatement des Textes und verhindert, dass die Streichinstrumente eine sentimentale Stimmung erzeugen.
Die Botschaft des Songs ist in der Tat bedrückend: Einsamkeit, Vergeblichkeit, Sinnlosigkeit, metaphysische Leere; ein Priester, der resigniert hat und nicht merkt, dass jemand in seiner Gemeinde leidet und Trost braucht. Die Beatles, die in so vielen Songs die jugendliche Subkultur gefeiert haben, Freundschaft, Liebe, Lebensfreude, malen mit „Eleanor Rigby“ und anderen Liedern der Jahre 1966 und 1967 ein düsteres Bild ihrer Gesellschaft, ohne irgendwelche Lösungen vorzuschlagen. Der erste, medias in res gesungene Refrain ist freilich ein starker Appell an den Hörer, das Problem wahrzunehmen. Dafür, dass die Beatles explizit soziales Engagement forderten, gibt es hingegen keine Hinweise. Noch keine. Ein Jahr später bringen sie jedoch einen Gesinnungswandel zum Ausdruck. George Harrison wird singen „with our love we could save the world“5 („mit unserer Liebe könnten wir die Welt retten“) und John Lennon „there’s no one you can save that can’t be saved“6 deklamieren („es gibt niemanden, den du retten kannst, der nicht gerettet werden könnte“). Ersterer wird die Gottesliebe, Letzterer die Nächstenliebe entdecken und zusammen mit Paul McCartney, dem Hauptautor von „Eleanor Rigby“, und Ringo Starr, der ebenso wie die anderen Beatles zur Gestaltung des Gedichts beigetragen...
| Erscheint lt. Verlag | 24.6.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kunst / Musik / Theater ► Musik |
| Schlagworte | Beatles • Bob Dylan • Karl May • Popsongs • Postmoderne |
| ISBN-10 | 3-8192-8919-4 / 3819289194 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-8919-4 / 9783819289194 |
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