Ich war ein Wolfskind aus Königsberg
Edition Riedenburg E.U. (Verlag)
978-3-902647-09-2 (ISBN)
Über sechs Jahrzehnte sind vergangen, bis die 1935 in Königsberg (Ostpreußen) geborene Ursula Dorn den Mut fasste, das zu erzählen, was sie als 10jähriges Kind erfahren musste. Sie lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Göttingen. In ländlicher Abgeschiedenheit hat sie die Ruhe gefunden, ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg zu bewältigen. Die Erinnerungen an ihr Dasein als Wolfskind hat sie in einer packenden Geschichte verarbeitet. Als Fortsetzung über ihre Zeit in der ehemaligen DDR bzw. BRD ist von Ursula Dorn "Das Wolfskind auf der Flucht" ebenfalls bei edition riedenburg erschienen.
Prolog
Neunzehnhundertzweiundneunzig 9
Hintergründe: Wolfskinder
Eine Einführung von Heike Wolter (Lektorat) 13
Ich war ein Wolfskind aus Königsberg 17
Woher ich komme 19
Kinderwelt in Königsberg? 21
Kleine Fluchten 23
Im Krieg 25
Leben im Dunkel 28
Bleiben oder gehen? 31
Die Russen kommen 33
Wie Viehzeug getrieben 35
Ins Ungewisse 37
Auf dem Treck 41
Zurück nach Königsberg 46
Vogelfrei 48
Wo ist Oma? 51
Überleben 52
Betteltouren 55
Die Geschichte mit dem Hund 60
Hungerwinter 1946 63
Nur weg von hier 65
Nach Hause 69
Mit Mutter von Königsberg nach Kaunas 72
Raus aufs Land 75
Nimm dich in Acht! 77
Zwischen Sehnsucht, Angst und Trauer 81
Einsiedelei 83
Immer nur weiter 85
Über Litauen 89
Ein kleines Menschenkind 91
Tägliches Drama 93
Herberge gegen Arbeitskraft 95
Ein wenig Sonne 98
Ewig im Kreis? 101
Womit haben wir das nur verdient? 104
Endlich eine Bleibe 109
So was wie Alltag 111
Wiedersehen und Abschied 115
‚Du Germansky?’ 119
Russland, Polen oder Deutschland? 122
In der Heimat? In der Fremde? 132
Lager Siebenborn 134
Gerade das Allernötigste 136
Ein Neuanfang 140
Suchdienst München:
‚Herbert Wedigkeit sucht seine Eltern.’ 143
Epilog – Was danach geschah. 149
Die Last der Erinnerung
Ein Kommentar von PD Dr. Winfrid Halder 153
Meine Eltern waren Asta Wedigkeit, geborene Hauke, und Franz Wedigkeit. Meine Mutter war das zwölfte Kind ihrer Eltern Irma und Gustav Hauke. Es waren selbstständige Schiffersleute, und meine Mutter heiratete meinen Vater Franz am 13. April 1935 in Königsberg. Am 19. April 1935 wurde ich, ebenfalls in Königsberg, geboren. Nach mir kamen noch vier Geschwister. Eine Schwester und drei Brüder. Ich wuchs dann bis zu meinem sechsten Lebensjahr auf einem Kahn meiner Großeltern auf, denn meine Eltern fuhren zu dieser Zeit auch auf dem Kahn mit. Als ich dann zur Einschulung kam, mieteten meine Eltern eine Wohnung in Königsberg. Wir wohnten am Unterhaberberg. In der Nähe war auch die Schule, in die ich dann bis zu meinem fast zehnten Lebensjahr reinging. Zwischendurch zogen wir noch mal um. Zur Stadtmitte, Vorstädtische-Langgasse 139. Meine Großmutter Irma zog dann auch in die Stadt, weil mein Großvater zwischendurch verstorben war, und ihre Söhne übernahmen die zwei Schifferkähne. Oma Irma zog zum Kontiner Weg, und da war auch ein Schrebergarten mit Häuschen dabei, in dem sie dann alleine wohnen wollte. Wir Kinder waren ganz froh darüber, immer zu Oma hinfahren zu können. Ich habe mich oftmals in die Straßenbahn gesetzt, die genau vor unserer Haustür hielt. Ich bin dann ohne zu bezahlen nach Oma hingefahren. Ich bin auch sehr oft über Nacht dageblieben und von dort aus zur Schule gefahren, aber immer ohne Geld. Die Schaffner kannten mich schon und lächelten immer, wenn ich da saß. Meine Oma bekam ja auch nur wenig Rente und konnte uns nicht immer Geld schenken. Für einen Groschen von ihr waren wir schon überglücklich und gingen uns dann ein paar Bonbons kaufen. Oma hatte im Garten etliche Beerensträucher, und die räuberten wir immer leer im Sommer. Es schmeckte uns eben alles, was da so wuchs. Mein Vater wurde 1939 zum Militär eingezogen, und somit war er gleich nach Frankreich hintransportiert worden mit vielen anderen Männern, die ihre jungen Familien allein lassen mussten. Keiner ahnte, dass damit das große Leiden für alle beginnen sollte. Auch für meine Mutter mit ihren, zu der Zeit, vier Kindern ging es los. Der Ernährer für die Familie fehlte hinten und vorne, obwohl mein Vater auch nicht viel verdiente. Er kam auch aus einer kinderreichen Familie mit noch weiteren acht Geschwistern. Da hatte eben auch nur jeder das Nötigste.
Nun wurde es draußen auch immer kälter, und wir dachten, wenn wir uns jetzt in Gegenden um Königsberg rummachen, dass wir da vielleicht auf den Feldern von bearbeiteten Äckern was Essbares finden würden. Wir zogen los mit gutem Glauben, wurden aber bitter enttäuscht, denn vor uns waren schon Hunderte da, die auch glaubten, was zu finden. Es war wie leergefegt. Also der Kampf ums letzte Überleben war angesagt. Mein Bruder Hans ging mal morgens los und kam am Abend nicht zu uns zurück. Meine Mutter war ganz aufgeregt. Wir konnten auch nichts machen, weil wir ja nicht wussten, in welche Richtung von der Stadt er gegangen war, und so warteten wir die ganze Nacht in der dunklen Stube ab. Gegen Morgen hörten wir schwere Schritte und ein klägliches Gewimmere. Gleich an der Stimme wussten wir, dass es unser Bruder war. Unsere Mutter lief zu ihm, und sie sah, dass er die ganzen Knie kaputt und blutig hatte. Auch im Gesicht war er blutverschmiert. Er war auf dem Verschiebebahnhof betteln gewesen, und da hatten russische Soldaten ihn zusammengeschlagen. Als er wieder zu sich gekommen war, hat er sich über Gleise stolpernd auf den Weg zu uns gemacht mit furchtbaren Schmerzen an Knien und Gesicht. Der kleine Kerl war mit seinen noch nicht neun Jahren sehr tapfer. Ich hatte mich auch einige Straßen weiter mal mit einer Russenfrau angefreundet. Das war eine Soldatin in hohem Rang. Die hatte dort eine kleine Wohnung mit anderen Soldaten. Es war am Steindamm. Da es bei uns ja nur eine Wasserstelle am Polizeirevier gab, holte ich auch mal für sie zwei Eimer Wasser und das alle paar Tage. Es war ein Fußweg von über einer halben Stunde. Meine Russischkenntnisse wurden daraus auch immer besser. Ich sprach schon ganz gut, und wir mussten uns damit auch überall behaupten, um durchzukommen in dem harten Alltagsleben. Irgendwann war ich wieder einmal bei dieser Frau und sah auf ihrem Bett die Uniform von ihr liegen, da guckte so halb aus ihrer oberen Jackentasche ein Rubelschein raus. Ich dachte, das musst du haben, egal wie, um auf dem Schwarzmarkt ein Stück Brot für uns alle zu kaufen. Sie war im anderen Zimmer, und ich packte die Gelegenheit beim Schopf, nahm den Schein, ging dann noch zu ihr rein und fragte, ob ich nun noch Wasser holen sollte. Sie sagte Ja, und ich nahm die Eimer und zog freudig los. Ich lief erst zu meiner Mutter, übergab ihr das Geld und holte das Wasser. Wieder zurückgekommen, übergab ich das Wasser, die Russenfrau gab mir ein Stück Brot wie immer, und ich lief nach Hause. Das ist eben Not, und die hält vor nichts zurück.
| Mitarbeit |
Kommentare: Winfrid Halder |
|---|---|
| Vorwort | Heike Wolter |
| Zusatzinfo | 6 farb. Taf. |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 220 x 140 mm |
| Gewicht | 248 g |
| Einbandart | Paperback |
| Themenwelt | Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Zeitgeschichte |
| Schlagworte | Alleinsein • Armee • Biographie • DDR • Einsamkeit • Erfahrungsbericht • Erinnerung • Erlebnisbericht • Ex-DDR • Flucht • Flüchtlinge • Frauenschicksal • Geschichte • Geschwister • Gewalt • Hitler • Hungersnot • Kampf • Kämpfe • Königsberg • Krieg • Litauen • Mord • Nachkriegszeit • Nazis • Ostpreußen • Suche • Tatsachenbericht • Überlebende • Überlebenskampf • Vergewaltigungen • Vertreiben • Vertriebene • Wolfskind • Wolfskinder • Wolfskind-Romane • Zweiter Weltkrieg |
| ISBN-10 | 3-902647-09-4 / 3902647094 |
| ISBN-13 | 978-3-902647-09-2 / 9783902647092 |
| Zustand | Neuware |
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