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Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen (eBook)

Mit einem Nachwort von Didier Eribon

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
112 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-78382-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen - Norbert Elias
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80 Prozent der Deutschen möchten im eigenen Bett sterben, aber 80 Prozent der Deutschen sterben in Institutionen. Früher schied man im Kreise der Familie aus dem Leben, heute ist man dabei allein. Hygienisch, aber einsam - das ist die traurige Realität des Sterbens in unseren Tagen. Wie es dazu gekommen ist, beschreibt Norbert Elias in seinem berühmten Essay, der auf die moderne Gesellschaft aus der Perspektive ihres Umgangs mit Sterblichkeit und Tod blickt.

Elias schildert, wie und warum der Tod allmählich hinter die Kulissen der alltäglichen Lebensvollzüge verbannt wurde und die Menschen sich von ihrer eigenen Sterblichkeit entfremdet haben. Die Gesunden wollen nichts davon wissen, weshalb sie die Gebrechlichen früh aus der Gemeinschaft der Lebenden ausschließen. Und »wenn ein Mensch im Sterben fühlen muß, daß er [...] kaum noch Bedeutung für die umgebenen Menschen besitzt, dann ist er wirklich einsam«.

Welches Licht auf eine Gesellschaft fällt, die solche Einsamkeit zulässt, und was man dagegen tun könnte, erkundet Didier Eribon in seinem Nachwort zu diesem meisterlichen Text, der in den Jahrzehnten seit der Niederschrift nichts von seiner Relevanz und Schönheit verloren hat.



<p>Norbert Elias (1897-1990) wurde am 22. Juni 1897 in Breslau geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte und nach dem 1. Weltkrieg Medizin und Philosophie studierte. Er promovierte bei Richard Hönigswald, wechselte bald zur Soziologie und wurde »inoffizieller Assistent« bei Karl Mannheim. 1933 floh er aus Deutschland über Paris nach England. Von 1954 bis 1962 war er Dozent für Soziologie an der Universität von Leicester, ab 1965 nahm er verschiedene Gastprofessuren unter anderem in Deutschland wahr; größere Anerkennung setzte hier aber erst mit der breiten Rezeption von <em>Über den Prozeß der Zivilisation </em>ein. 1977 erhielt er den Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Ab 1984 ließ er sich dauerhaft in Amsterdam nieder, wo er am 1. August 1990 starb.</p>

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Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen


1


Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, daß jedes Leben, also auch das der Menschen, die man liebt, und das eigene Leben, ein Ende hat. Man kann das Ende des menschlichen Lebens, das wir Tod nennen, durch die Vorstellung eines gemeinsamen Weiterlebens der Toten im Hades, in Wallhalla, in Hölle oder Paradies mythologisieren. Das ist die älteste und häufigste Form des menschlichen Bemühens, mit der Endlichkeit des Lebens fertigzuwerden. Man kann versuchen, dem Gedanken an den Tod dadurch aus dem Wege zu gehen, daß man das Unerwünschte soweit als möglich von sich weist – es verdeckt und verdrängt; oder vielleicht auch durch den festen Glauben an die eigene persönliche Unsterblichkeit – »andere sterben, aber ich nicht« –; dazu gibt es in den entwickelten Gesellschaften unserer Tage eine starke Tendenz. Man kann schließlich dem Tod ins Auge sehen als einer Gegebenheit der eigenen Existenz, kann sein Leben, insbesondere auch sein Verhalten zu anderen Menschen, entsprechend der begrenzten Spanne einrichten. Man kann es als Aufgabe betrachten, anderen Menschen wie sich selbst den Abschied von Menschen, das Ende, wenn es kommt, so leicht und angenehm zu machen wie möglich, und die Frage aufwerfen, wie sich diese Aufgabe erfüllen läßt. Gegenwärtig ist das eine Frage, die allenfalls einige Ärzte klar und ohne Verdeckung stellen. Im Gremium der weiten Gesellschaft stellt man sich diese Frage kaum.

8Auch geht es ja nicht nur um den endgültigen Abschluß des Lebens, um den Totenschein und die Urne. Viele Menschen sterben allmählich, sie werden gebrechlich, sie altern. Die letzten Stunden sind wichtig, gewiß. Aber oft beginnt der Abschied von Menschen viel früher. Schon Gebrechen sondern oft die Alternden von den Lebenden. Ihr Verfall isoliert sie. Ihre Kontaktfreudigkeit mag geringer, ihre Gefühlsvalenzen mögen schwächer werden, ohne daß das Bedürfnis nach Menschen erlischt. Das ist das Schwierigste – die stillschweigende Aussonderung der Alternden und der Sterbenden aus der Gemeinschaft der Lebenden, das allmähliche Erkalten der Beziehung zu Menschen, denen ihre Zuneigung gehörte, der Abschied von Menschen überhaupt, die ihnen Sinn und Geborgenheit bedeuteten. Schwer wird der Verfall nicht nur für die, die Schmerzen haben, sondern auch für die Alleingelassenen. Daß, ohne besondere Absicht, die frühzeitige Vereinsamung der Sterbenden gerade in den entwickelteren Gesellschaften besonders häufig vorkommt, ist eine der Schwächen dieser Gesellschaften. Sie zeugt von den Schwierigkeiten, die viele Menschen damit haben, sich mit den Alternden und Sterbenden zu identifizieren.

Gewiß ist der Radius der Identifizierung heute größer als in früheren Zeiten. Wir betrachten es nicht mehr als ein Sonntagsvergnügen, Menschen gehenkt, gevierteilt und gerädert zu sehen. Wir sehen uns Fußballspiele, nicht Gladiatorenkämpfe an. Verglichen mit der Antike ist die Identifizierung mit andern Menschen, das Mit-Leiden mit ihrer Qual und ihrem Tod, gewachsen. Zuzusehen, wie hungrige Löwen und Tiger Stück für Stück lebende Menschen auffressen, wie Gladiatoren sich mit List und Tücke gegenseitig zu verwunden und ermorden suchen, wäre kaum noch eine Freizeitbelustigung, der wir mit ebenso freudiger Erwartung entgegensehen würden wie die purpurgeschmückten römischen 9Senatoren und das römische Volk. Kein Gefühl der Gleichheit verband, wie es scheint, diese Zuschauer mit den anderen Menschen, die unten in der blutigen Arena um ihr Leben kämpften. Wie bekannt, grüßten die Gladiatoren den Caesar beim Einmarsch mit dem Spruch: »Morituri te salutant.«[1]  Manche der Caesaren glaubten wohl tatsächlich, daß sie selbst, wie die Götter, unsterblich seien. Jedenfalls wäre es richtiger gewesen, wenn die Gladiatoren gerufen hätten: »Morituri moriturum salutant.«[2]  Aber in einer Gesellschaft, in der man das sagen könnte, gäbe es wahrscheinlich keine Gladiatoren und keinen Caesar mehr. Um das den Regierenden sagen zu können – den Regierenden, die ja auch heute noch Gewalt über Leben und Tod zahlloser Mitmenschen haben –, dazu bedarf es einer weitgehenderen Entmythologisierung des Todes, eines weit klareren Bewußtseins, als es bis heute erreicht wurde, daß die Menschheit eine Gemeinschaft der Sterblichen ist und daß Menschen in ihrer Not Hilfe nur von Menschen erwarten können. Das gesellschaftliche Problem des Todes ist deswegen besonders schwer zu bewältigen, weil die Lebenden es schwer finden, sich mit den Sterbenden zu identifizieren.

Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote Menschen haben keine Probleme. Unter den vielen Geschöpfen auf dieser Erde, die sterben, sind es allein die Menschen, für die Sterben ein Problem ist. Sie teilen Geburt, Jugend, Geschlechtsreife, Krankheit, Altern und Tod mit den Tieren. Aber sie allein unter allen Lebewesen wissen, daß sie sterben werden; sie allein können ihr eigenes Ende voraussehen, sind sich dessen bewußt, daß es jederzeit kommen kann, und treffen besondere Maßnahmen – als Einzelne und als 10Gruppen –, um sich vor der Gefahr der Vernichtung zu schützen.

Das war durch die Jahrtausende hin die Zentralfunktion des gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen und ist es bis heute geblieben. Aber zu den größten Gefahren der Menschen gehören die Menschen selbst. Im Namen der Zentralfunktion, sich selbst vor der Vernichtung zu schützen, bedrohen immer von neuem Gruppen von Menschen andere Gruppen von Menschen. Von jeher hatte die Vergesellschaftung von Menschen ein Janushaupt. Befriedung im Innern, Bedrohung nach außen. Auch bei anderen Lebewesen hat der Überlebenswert der Vergesellschaftung zur Gruppenbildung und zur Abstimmung des Einzelnen auf das Zusammenleben als Dauererscheinung geführt. In ihrem Falle aber beruht die Anpassung an das Gruppenleben weitestgehend auf genetisch festgelegten Verhaltensformen oder höchstens auf geringen erlernten Abwandlungen angeborenen Verhaltens. Im Falle der Menschen hat sich die Balance zwischen angeborener und erlernter Anpassung an das Gruppenleben umgekehrt. Angeborene Anlagen für ein Leben mit anderen müssen durch Lernen aktiviert werden – so zum Beispiel die Anlage, zu sprechen, durch das Erlernen einer Sprache. Menschen können nicht nur, sondern müssen lernen, ihr Verhalten zueinander mit gruppenspezifischen Regeln und Zwängen zu regulieren. Ohne Lernen sind sie nicht in der Lage, als Individuen und Gruppenmitglieder zu funktionieren. Nirgendwo hat diese Abstimmung auf das Leben in Gruppen einen so tiefgreifenden Einfluß auf die Gestalt und die Entwicklung des Einzelnen wie in der Gattung der Menschen. Nicht nur die Kommunikationsmittel oder Muster der Zwänge, sondern auch das Erleben des Todes können von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sein. Es ist variabel und gruppenspezifisch; ganz gleich wie natür11lich und unverständlich es den Mitgliedern jeder einzelnen Gesellschaft erscheint, es ist erlernt.

Nicht eigentlich der Tod, sondern das Wissen vom Tode ist es, das für Menschen Probleme schafft. Man lasse sich nicht täuschen: Die gefangene Fliege zwischen den Fingern des Menschen zappelt und wehrt sich wie ein Mensch in der Umschlingung seines Mörders, als ob sie wisse, welche Gefahr ihr droht; aber die Abwehrgesten der Fliege in Todesgefahr sind ein angeborenes Erbstück ihrer Art. Eine kleine Affenmutter mag ihr totes Junges noch eine Zeitlang mit sich tragen, bis sie es irgendwo am Wege fallenläßt und verliert. Sie weiß nichts vom Sterben, weder von dem ihres Kindes noch von dem eigenen. Menschen wissen dies, und darum wird für sie der Tod zum Problem.

2


Die Antwort auf die Frage, was es mit dem Sterben auf sich hat, wandelt sich im Zuge der Gesellschaftsentwicklung. Sie ist stufenspezifisch. Sie ist innerhalb jeder Stufe zugleich auch gruppenspezifisch. Vorstellungen vom Tode und die zugehörigen Rituale werden jeweils selbst zu einem Moment der...

Erscheint lt. Verlag 15.9.2025
Nachwort Didier Eribon
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Philosophie
Schlagworte aktuelles Buch • Altenheim • Altern • Bücher Neuerscheinung • Einsamkeit • Essay • im Kreise der Familie • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Pflegeheim • Seniorenresidenz • Sterben • Sterblichkeit • Tod • Verdrängung
ISBN-10 3-518-78382-3 / 3518783823
ISBN-13 978-3-518-78382-5 / 9783518783825
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