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Kultureller Rassismus und die Krise der weißen Identität (eBook)

Ein dekolonialer Weg | Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2022
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
378 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-78374-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Kultureller Rassismus und die Krise der weißen Identität - Linda Martín Alcoff
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Die renommierte amerikanische Philosophin Linda Martín Alcoff widmet sich in ihrem auf den Frankfurter Adorno-Vorlesungen beruhenden Buch der Genealogie des Rassismus in der Moderne sowie seinen Erscheinungsformen in der Gegenwart. Dreh- und Angelpunkt ihrer tiefgründigen Analyse ist der Kolonialismus, von dem aus sie die komplexe Beziehung zwischen rassifizierten Identitäten, Geschichte und Kultur denkt.

Alcoff unterstreicht die historische Bedingtheit jedweder Subjektivierungsform und nimmt den »kulturellen Rassismus« ins Visier, nicht zuletzt, um der Vorstellung den Boden zu entziehen, es könne so etwas wie kulturelle Vorherrschaft geben. Letztere ist ein Mythos der weißen Identität, deren aktuelle Krise die rechten Bewegungen in Europa und Nordamerika anheizt, welche in Migrantinnen und Migranten die Ursache für fast alle sozialen Probleme sehen. Sie verstärkt aber auch den Trend zum Ethno-Nationalismus in Teilen des globalen Südens. Der erste Schritt, um dem entgegenzutreten und den Rassismus effektiv zu bekämpfen, besteht nach Alcoff darin, sich der Wahrheit der Geschichte zu stellen. Ein Buch auf der Höhe der Zeit.



Linda Martín Alcoff, geboren 1955 in Panama, ist Professorin für Philosophie am Hunter College und am Graduate Center der City University of New York. Sie war Präsidentin der American Philosophical Association (Eastern Division), Mitglied des Programmbeirats der New York Society for Women in Philosophy und ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit schreibt sie regelmäßig in <em>The Guardian</em> und <em>The New York Times</em>. Alcoff ist vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit den Frantz-Fanon-Preis.

7

Einleitung


Wie schon häufig festgestellt wurde, sind philosophische Schriften persönlicher, als es scheinen mag. Wir schreiben aufgrund von Erfahrungen, Ängsten und Befürchtungen, Wünschen und Hoffnungen und manchmal sehr persönlichen Bedürfnissen. Die Anknüpfungspunkte sind nicht immer erkennbar, doch zu Beginn dieses Buches möchte ich deutlich machen, wie persönlich die darin behandelten Themen für mich sind.

Meine Familie verdankt ihre Existenz dem Kolonialismus, der unsere Leben unaufhörlich vor Herausforderungen gestellt hat. Kolonial bedingten Trennungen, Kolonialgeschichten und kolonialem Gedankengut ist es zuzuschreiben, dass es mir nicht gelungen ist, alle Teile meiner Familie zusammenzuhalten, ja, bisweilen war es sogar unmöglich, im Gespräch und in regelmäßigem Kontakt zu bleiben. Meine Mutter kommt aus einer irischen Familie, die in die Vereinigten Staaten eingewandert ist; sie war zur Emigration gezwungen, weil das britische Empire Irland seiner Ressourcen beraubte. Mein Vater ist aus Panama und von typischer gemischter Herkunft, darunter Spanien und Nordafrika. Seine Eltern hatten ähnliche ökonomische Beweggründe für ihre beschwerliche Reise über den Atlantischen Ozean. Beide Regionen haben Kolonialismus erlebt, und im Fall von Spanien, das nach wie vor von lange zurückliegenden Diebstählen profitiert, wurde er natürlich eifrig weiterentwickelt. Das Land, in dem ich heute lebe, die Vereinigten Staaten, hat die vielen Diktaturen, die einen großen Teil Zentralamerikas heimgesucht haben, mit Waffen versorgt und deren Armeen militärisch ausgebildet, darunter auch das 20 Jahre währende Regime, das meine Familie zutiefst in Mitleidenschaft gezogen hat.

8Ironischerweise können Kolonialbeziehungen auch Möglichkeiten eröffnen. Mein Vater wurde auf ein College in die Vereinigten Staaten geschickt, zu denen Panama wegen des Baus des Panamakanals langjährige und enge Beziehungen unterhielt. Er bot meiner Mutter, die ebenfalls Studentin war, Hilfe bei ihren Spanischaufgaben an – und das führte schließlich zu meiner Existenz.

Ich bin in Panama geboren, aber in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, und wie viele Menschen auf der Welt fühle ich mich emotional zu einer großen Zahl von Nationen, Regionen, Kulturen und Städten hingezogen, weil mich der irrationale, aber ununterdrückbare Wunsch antreibt, die auseinandergerissenen Beziehungen wiederherzustellen. Zurückliegende Bindungen können brüchig werden und verlorengehen, aber sie hinterlassen einen bleibenden Abdruck auf unseren Gesichtern.

Die Familienbande wie die meinen bildenden nationenübergreifenden Beziehungen bestehen heute häufig innerhalb einzelner Länder. In Lateinamerika sind solche transnationalen und ethnienübergreifenden familiären Gebilde natürlich schon lange die Norm. Erst jetzt zieht der Rest der Welt mit uns gleich, wenn ich dies einmal in einem kurzen Anflug von Arroganz sagen darf. Mestizahe, also Mestizentum, ist im gesamten Westen zu einem Phänomen geworden, das tief nach Angloamerika sowie Europa hineinreicht. Über seine Schwächen ebenso wie über seine Potenziale könnten beide Regionen etwas in Erfahrung bringen, wenn sie sich mit den vielen Debatten über sein Vermächtnis in Lateinamerika befassen würden. Aber die lateinamerikanische Theorie und Philosophie bleibt zu häufig unbeachtet, unübersetzt, ungelesen.

Der Gedanke, dass reiche Länder von »unterentwickelten« Regionen oder »rückständigen« Kulturen etwas lernen könnten, ist nach wie vor ein Anathema. Deshalb wirken 9derartige Behauptungen auch arrogant, das heißt wie ein ungerechtfertigtes Selbstvertrauen, das auf Ressentiment, Eifersucht oder vielleicht bloßem Unwissen beruht. Doch die Transformation der vom Kolonialismus geschaffenen Welt wird denjenigen, die seine entsetzlichsten Folgen zu tragen hatten, ein enormes Maß an intellektuellen Anstrengungen abverlangen.

Im Jahr 2021 hat das Institut für Sozialforschung an der Frankfurter Goethe-Universität mich eingeladen, drei Adorno-Vorlesungen zu halten. Sosehr diese Aussicht mich persönlich begeisterte, schüchterte sie mich gleichzeitig ein. Adorno, Horkheimer, Marcuse, Habermas und die gesamte von der Frankfurter Schule initiierte intellektuelle Tradition der kritischen Theorie sind ein Eckpfeiler meines eigenen Marxismus gewesen, seit ich im Hauptstudium ernsthaft damit begonnen hatte, mich in sie einzulesen. Ihre Betonung, dass Kultur ein Schlüsselelement der sozialen Reproduktion des Kapitalismus ist, war ein Korrektiv von entscheidender Wichtigkeit für die in vielen marxistischen Bewegungen nach wie vor starken ökonomistischen Tendenzen. Und ihr ebenso wichtiges Argument, dass der Antisemitismus und der Aufstieg des Faschismus durch breiter angelegte Strukturelemente in den liberalen kapitalistischen Kulturen möglich wurden, ist zu einem zentralen Motiv kritischer Gesellschaftstheorie geworden, in dem die Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen, weiterhin ein Echo finden. Diese Tradition hat es vielen von uns ermöglicht, misogyne Kulturen und rassistisches Gedankengut mit den Mechanismen des Kapitalismus in Verbindung zu bringen. Die Themen Sexismus und Rassismus wurden nicht länger strikt dem Überbau zugeschlagen; man fing an, sie theoretisch als Grundzug der sozialen Reproduktion der modernen kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu erfassen.

10Aber natürlich haben die Begründer der Frankfurter Schule selbst keine Theorie des Kolonialismus oder des Rassismus entwickelt, obwohl mittlerweile ausgemacht ist, dass diese Großsysteme strukturbildend auf unsere gegenwärtigen Gesellschaften – insbesondere in Bezug auf Arbeitsmärkte, Ressourcenakkumulation, Menschen- und Materialströme, transnationale Beziehungen – sowie auf viele Aspekte der Kulturindustrie eingewirkt haben. Im globalen Norden sind die Verflechtungen von Kapitalismus und Kolonialismus erst in jüngerer Zeit in seriösen Arbeiten in Angriff genommen worden. Ich hoffe, dieses Buch wird dazu beitragen, diese Versäumnisse zu beheben.

Ich werde hier die These vertreten, dass »Rasse« beziehungsweise Race[1]  und Rassismus alles andere als randständige Fragen sind, die lediglich die Gleichheit der Bürger:innen betreffen, sondern fundamentale Hinsichten gegenwärtiger sozialer und ökonomischer Organisationsformen darstellen. Da ich hauptberuflich Philosophin bin, und nicht Historikerin oder Sozialwissenschaftlerin, wird mein Beitrag zu diesem im Entstehen begriffenen Projekt in der Ausarbeitung eines Interpretationsrahmens bestehen, der hoffentlich Aufschluss über das zu geben vermag, was die hervorragenden empirischen Arbeiten uns heute über das Fortbestehen von Armut und die alarmierende Zunahme von Hass und Abspaltungstendenzen zeigen, die auf unterschiedliche soziale Identitäten gemünzt sind. Unabhängig davon, ob man sie bezogen auf Race, Ethnie, Nationalität, Religion oder eine Kombination davon ausdeutet, haben unsere Identitäten materielle Auswirkungen, die über Leben und Tod ent11scheiden. Der Kolonialismus hat ein transnationales Wirtschaftssystem eingeführt, in dem Arbeit, Macht und Bodenrechte sich nach unseren sozialen Identitäten richten.

Schon viele dekoloniale Theoretiker:innen haben darauf hingewiesen, dass es vollkommen unverständlich bleibt, warum die weltweite Armut anhält und sich im 21. Jahrhundert sogar noch verschlimmert, wenn man nicht das Aufkommen des modernen kolonialen Weltsystems zum Ausgangspunkt nimmt. Der Kolonialismus strukturiert nach wie vor unsere Welt nicht nur in Bezug auf Ressourcenströme, sondern auch im Hinblick auf die Grundbegriffe und Grundideen, mit deren Hilfe wir die Praktiken, Vorlieben und Wissensformen der Weltbevölkerung interpretieren und einordnen. Dass die Soft Power des Westens derzeit in sich zusammenfällt, ist vielen Menschen nur deshalb unbegreiflich, weil sie immer noch in einem kolonialen Rahmen verharren, der den Westen im Vergleich zum gesamten Rest der Welt als ideologisch fortschrittlich und geistig überlegen ansieht.

Der Kolonialismus und die derzeitigen neoliberalen westlichen Führungen haben Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit auf bizarre Weisen so definiert, dass sie extrem ungerechte Gehaltsgruppen, brutale unilaterale Übergriffe, verdeckte, demokratische soziale Bewegungen sabotierende Operationen, ja sogar...

Erscheint lt. Verlag 19.11.2025
Übersetzer Christine Pries
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Philosophie Philosophie der Neuzeit
Schlagworte aktuelles Buch • Bücher Neuerscheinung • Ethno-Nationalismus • Frankfurter Adorno-Vorlesungen • Genealogie des Rassismus • Herkunft • Identifikation • Kolonialismus • Migration • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Postkolonialismus • Race • Rasse
ISBN-10 3-518-78374-2 / 3518783742
ISBN-13 978-3-518-78374-0 / 9783518783740
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