Die Nacht des Kirpitschnikow
Zsolnay, Paul (Verlag)
978-3-552-06029-6 (ISBN)
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Der Erste Weltkrieg ist ein ideales Feld, um nach Figuren und Ereignissen zu fahnden, die entscheidende Entwicklungen beschleunigten oder erst in Gang setzten: Timofej Kirpitschnikow gehört zu jenen mehr oder weniger unbekannten "Helden", die uns darüber nachdenken lassen, auf welche Weise der so genannte "kleine Mann" den Lauf der Geschichte beeinflussen kann. Der Unteroffizier eines Garderegimentes in St. Petersburg weigerte sich im Februar 1917, auf hungernde Demonstranten zu schießen, und löste damit eine Lawine aus, die in kürzester Zeit zum Sturz des Zaren führte.
Verena Moritz und Hannes Leidinger haben jahrelang recherchiert und bisher unbekanntes Archivmaterial entdeckt. Sie nehmen den Leser mit in die Werkstatt des Historikers und machen es möglich, Geschichte neu zu erleben.
Verena Moritz, geboren 1969 in Eisenstadt, Historikerin, lebt in Wien, Mitarbeit in mehreren wissenschaftlichen Projekten zur Entwicklung Mittel- und Osteuropas im 20. Jahrhundert, zahlreiche Publikationen zur Geschichte Russlands und Österreichs, der Habsburgermonarchie und der Kommunistischen Internationale. Hannes Leidinger, geboren 1969 in Gmunden, Historiker, lebt in Wien, Mitarbeit an mehreren wissenschaftlichen Projekten zur Entwicklung Mittel- und Osteuropas im 20. Jahrhundert, zahlreiche Publikationen, darunter (gemeinsam mit Verena Moritz): "Schwarzbuch Habsburger" (Deuticke 2003).
"Die vom Autorenpaar klug gewählten Geschichtstableaus ziehen nicht nur auf spannende Weise Argumentationsketten durch die hinter dem Nationalsozialismus vergessene Geschichte des Ersten Weltkriegs. Das Buch vermittelt auch einen lebendigen Eindruck davon, wie aufregend es in der Werkstatt der Historiker beim Abwägen ihrer Argumente zugehen kann."
Erich Klein, Falter, 15.3.2006
"Knappe Vergegenwärtigung des Kontexts, nüchterne Rekonstruktion und spannende Erzählung gehen Hand in Hand."
Rolf Wiggershaus, Deutschlandfunk, 13.2. 2006
»Bedienungsanleitung« ein vorwort als orientierungshilfe Wer ist Kirpitschnikow? So wird wohl die erste Frage lauten. Eiligen Lesern möchten wir raten, sofort zur Mitte des Buches zu blättern, zum Kapitel »Es ist genug Blut geflossen!« Wer geduldiger ist, dem seien ein paar Gedanken mitgegeben: Kirpitschnikow ist, wenn man so will, vor ein paar Jahren in unser Leben getreten. Damals war er uns genauso unbekannt wie den meisten Lesern wahrscheinlich jetzt. Im Zuge der Lektüre von Alexander Solschenizyns großem Revolutionsroman mit dem Titel »Das Rote Rad« ist er uns das erste Mal begegnet. Erst nachdem wir eigene Recherchen angestellt hatten, waren wir überzeugt, dass Kirpitschnikow nicht nur ein Romanheld, eine fiktive Gestalt, ist, für die man ihn zunächst halten könnte. Alle Zweifel waren also ausgeräumt: Der Unteroffizier Timofej Iwanowitsch Kirpitschnikow ist eine historische Figur, die seinerzeit, das heißt 1917, in und für Russland eine bedeutende Rolle gespielt hat. Zumindest für kurze, ja sehr kurze Zeit. Er betrat die Bühne der Geschichte im Zusammenhang mit der russischen Februarrevolution - ein Ereignis, das in der Form, in der wir es heute kennen, ohne ihn vielleicht nicht denkbar gewesen wäre. Kirpitschnikow jedenfalls war es, der uns auf die Idee brachte, nach bisweilen auch unbekannten Menschen und Momenten in der Geschichte zu suchen, die ihren Lauf mehr oder weniger nachhaltig beeinflussten, die, wie es immer wieder heißen wird, jenen »Funken« darstellten, der nötig war, um etwas zu bewirken. Weil die Tat von Timofej Kirpitschnikow am Anfang unserer Überlegungen zu diesem Buch stand, entschieden wir uns auch für seinen Namen und seinen »Moment« als Titel. Der Erste Weltkrieg, oft als »Urkatastrophe« und eigentlicher Auftakt des Zwanzigsten Jahrhunderts beschrieben, ist ein ideales Feld, um nach den oben erwähnten Figuren und Ereignissen oder Momenten zu fahnden, die Prozesse jäh beschleunigten oder aber sie erst in Gang setzten. Unsere Beispiele sind alle der Geschichte der »Verlierer« dieses Krieges entnommen. Als solche sind nicht nur die Donaumonarchie und das Deutsche Kaiserreich zu betrachten; auch Russland, das frühzeitig aus dem Krieg ausschied, war bekanntlich alles andere als eine Siegermacht. Das Zarenimperium ging 1917 zugrunde, Österreich-Ungarn und das Hohenzollernreich folgten im Jahr darauf. Vor diesem Szenario eines bevorstehenden oder bereits mehr oder weniger eingetretenen Zerfalls, der gewissermaßen als Motor für einschneidende politische und gesellschaftliche Veränderungen diente, vollzogen sich auch die von uns ausgewählten »Momente«. In ihnen spielen stets Männer die Hauptrolle. Wo sind die Frauen?, möchte man fragen. Sie begegnen uns kurz, als »revolutionäre Masse«, in Zusammenhang mit Kirpitschnikows Geschichte. Ansonsten werden uns jene »weiblichen Individuen«, die wir namentlich kennen und die für unsere Beispiele im Buch von Bedeutung sind, als Klischeefiguren mit Hang zum Okkulten präsentiert, die obendrein - so die Darstellung in den Quellen - von eher zerstörerischer als gestalterischer Natur waren. Auch wenn sich gerade vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs beachtliche emanzipatorische Fortschritte beobachten lassen und sich der Wunsch nach Gleichberechtigung - bei allen notwendigen Abstufungen hinsichtlich der Nachhaltigkeit und Breitenwirksamkeit - auf verschiedenen Ebenen erfüllen ließ, so war es doch im Wesentlichen eine »Männerwelt«, die die Entscheidungen traf. Umso mehr in jenen Bereichen, die wir für unsere Beispiele gewählt haben: Politik und Armee. Darüber hinaus soll nicht vergessen werden, dass es auch eine »Männerwelt« war, die in den ersten Jahrzehnten nach 1917/18 die Geschichte dieses Weltkriegs geschrieben hat. Was aber hat es nun bei genauerer Betrachtung mit den großen Augenblicken, also mit Begebenheiten von kurzer Dauer, etwa mit dem Wirken eines Timofej Kirpitschnikow, auf sich? Wir haben insgesamt fünf »Nahaufnahmen«, Momente, beziehungsweise Ereignisse, ausgewählt, um zu zeigen, wie und warum ein kleiner, unbedeutender Zwischenfall eine historische Wende herbeiführen kann. Manchmal waren es Tage, oft nur Stunden, die sich der Wirkmächtigkeit längerfristiger historischer Prozesse entgegenstemmten und für manche alles, zumindest aber vieles, veränderten. Freilich können Timofej Kirpitschnikow und die Februarrevolution ebenso wenig ohne die Berücksichtigung der größeren Zusammenhänge betrachtet werden wie etwa der hier ebenfalls geschilderte Aufstand der Kieler Matrosen im Jahr 1918. So weit so klar. Die vermeintliche Klarheit jedoch blendet nur zu oft Nuancen und Zwischentöne aus. Die scheinbare Gewissheit lexikalischer Fakten ist im besten Falle eine Orientierungshilfe, zuweilen und bei näherer Betrachtung hingegen nicht mehr als eine sogar Verwirrung stiftende Verknappung oder aber eine inhaltsleere Hülle, die »totes Wissen« hinterlässt. Wir wollten uns auf das Terrain einer lebendigen und offenen Geschichte wagen, wo beispielsweise auch »kontrafaktische« Überlegungen, also verhinderte Möglichkeiten, Entwicklungen, »die nicht Geschichte wurden«, eine Rolle spielen dürfen; auf ein Feld, wo Vermutungen nicht mit Spekulationen gleichgesetzt werden, unterschiedliche Interpretationen einen Platz haben und Widersprüche im Sinne eines Erkenntnisgewinns verstanden werden. Auf diese Weise können auch jene Aspekte in der Geschichte sichtbar gemacht werden, die sich dem oft naiven Bedürfnis nach Eindeutigkeit entziehen, die einem »allein selig machenden« Anspruch auf die eine »Wahrheit« oder zumindest auf einige wenige Erklärungen eine Absage erteilen. Würde sich nämlich die Geschichtsbetrachtung der simplen Frage nach Wahrheit oder Lüge, nach richtig oder falsch unterwerfen, dann wäre ihr Zustand mehr als Besorgnis erregend. Geschichte aber ist immer in Bewegung, nicht beliebig, aber auch nicht so geradlinig, so feststehend und unerschütterlich, wie es uns in der Rückschau erscheinen mag. Zudem zeigt sie Alternativen und Möglichkeiten auf, sowohl in ihrem Verlauf als auch in ihrer Interpretation. »Auch unter Historikern«, hält der Journalist und Buchautor Volker Ullrich in Zusammenhang mit den oft abenteuerlichen »Was wäre gewesen, wenn«-Geschichtsexperimenten von Literaten fest, »ist die What if-Frage nicht mehr verpönt. Kontrafaktische Überlegungen haben sogar Konjunktur. Sie können in der Tat helfen, der Vorstellung von einer Unentrinnbarkeit des historischen Prozesses entgegenzuwirken und den Sinn für verschüttete Möglichkeiten oder auch vermiedene Gefahren zu schärfen - allerdings nur dann, wenn dabei der realhistorische Kontext nicht aus dem Auge gelassen wird.«1 Diesen realhistorischen Kontext verlieren wir bei allen fünf »Nahaufnahmen« nicht aus den Augen und sparen ihn auch nicht in den Rahmentexten dieses Buches aus. Dort geht es aber um mehr. Nicht allein die Betonung einer Mehrdimensionalität der Geschichte ist von Bedeutung; ebenso wenig nur die Warnung vor einer vereinfachenden Geschichtsbetrachtung oder der Verzicht auf die letzten Sätze. All das mag erfahrenen Lesern als selbstverständlicher und nicht explizit zu thematisierender Kanon einer seriösen Historiografie vorkommen. Im Zentrum unserer Überlegungen steht vor allem noch die Frage, was das Ereignis, als »Wendepunkt« oder »Sternstunde« verstanden, »taugt« oder anders gesagt: Welchen Platz kann der historisch bedeutsame Moment innerhalb mittel- und längerfristiger Entwicklungen einnehmen, und wie ist er dann zu bewerten? Wahrscheinlich sind die Antworten, die wir darauf geben können, alles andere als erschöpfend. Unser Buch versteht sich aber als Anregung, sich speziell dem Ereignis von »kurzer Dauer« zuzuwenden, und vielleicht das zu tun, was wir hier oft nur andeuten: die Analyse zu verfeinern und Ereignistypen sowie Entscheidungsprozesse genauer zu erfassen und zu definieren. Ist das auch einem breiteren Leserkreis zumutbar? Für uns steht fest: Ja. Und nicht nur das. Der Ausflug in
| Zusatzinfo | Mit zahlreichen Abbildungen |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Maße | 150 x 219 mm |
| Gewicht | 542 g |
| Einbandart | kartoniert |
| Themenwelt | Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Zeitgeschichte |
| Schlagworte | 1. Weltkrieg • 1. Weltkrieg / Erster Weltkrieg |
| ISBN-10 | 3-552-06029-4 / 3552060294 |
| ISBN-13 | 978-3-552-06029-6 / 9783552060296 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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