Missgriffe der Einheitsübersetzung der Bibel von 2016 (eBook)
296 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-9003-3 (ISBN)
Der Autor studierte an der staatlichen Hochschule für Philosophie und Theologie in Freising Biologie, Geschichte, Hebräisch und Philosophie und an der Ludwig-Maximilians-Universität München romanische Sprachen und ökumenische Theologie. Nach Ablegung der beiden Staatsexamina für das höhere Lehramt unterrichtete er an verschiedenen Gymnasien in Bayern katholische Religionslehre, Ethik und Französisch. E-Mail-Adresse: kirchenweg@web.de
1. Textkritik und Interferenz
1. A Überlieferung des Textes
Die Textkritik gehört der Editionsphilologie an. Sie versucht, den Originaltext wieder herzustellen. Weil wir kein Original oder Autograph von der Bibel haben, kann sich dieses Fachgebiet nur mit Abschriften der Bibel befassen. Diese wurden früher per Hand angefertigt. Deshalb nennt man sie auch 'Manuskripte' oder 'Handschriften'.
Das Neue Testament ist uns nur in altgriechischer Sprache überliefert. Man verwendete in den alten Handschriften nur Majuskeln (= Großbuchstaben), die ohne Wortabstand und ohne jedes Satzzeichen nahtlos aneinandergefügt wurden. (1) Deshalb kann man in diesen Abschriften hin und wieder nur schwer erkennen, wo ein Wort aufhört oder welche Wörter zu einem bestimmten Satzteil gehören.
Bei falscher Abtrennung der Wörter oder einzelner Satzteile kann ein völlig anderer Sinn zustande kommen als der ursprünglich gemeinte. Die modernen Herausgeber des altgriechischen Textes schreiben die einzelnen Wörter mit dem entsprechenden Abstand zum nächsten Wort und fügen Satzzeichen ein. Bevor sie das tun, müssen sie entscheiden, welche Satzteile zusammengehören. Damit entscheiden sie auch über den Sinn des Textes. Das möge folgendes Beispiel zeigen:
Als ich zu einer mündlichen Prüfung in Exegese (= Auslegung) des Neuen Testaments antrat, ließ mich der Prüfer Röm 9,5 übersetzen. Entsprechend der Wortzuordnung der altgriechischen Ausgabe von 1960 (2), ergab der Text folgende Übersetzung:
„Sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen Christus, der über allem als Gott steht, er ist gepriesen in Ewigkeit. Amen“. (3)
Vergeblich erklärte ich dem Prüfer, dass hier die Wörter des Textes falsch abgetrennt worden sein müssen, weil an keiner Stelle sonst der Apostel Paulus Jesus Christus als Gott bezeichne und weil diese Aussage seinen sonstigen Aussagen über Jesus Christus widerspreche. Der Prüfer antwortete erzürnt: „Dann haben wir eben hier eine solche Stelle.“ Vor allem diese Stelle des Neuen Testaments wurde immer wieder als wichtiger Beleg für die spätere Lehre der Kirche betrachtet, dass Jesus Christus wahrer Mensch und auch wahrer Gott sei.
Daniela Riel, katholische Exegetin für Neues Testament, bezeichnet das Argument, das ich damals vorbrachte, zwar als schwach, aber wer die altgriechische Textausgabe des Neuen Testaments von Nestle-Aland von 2015 (4) aufschlägt, wird feststellen, dass in Röm 9,5 die Wörter jetzt anders voneinander abgetrennt sind und die Einheitsübersetzung von 2016 Röm 9,5 dementsprechend anders wiedergibt:
„Ihnen gehören die Väter, und ihnen entstammt der Christus dem Fleisch nach. Gott, der über allem ist, ER sei gepriesen. Amen.“ (5) (Hervorhebung durch den Verfasser)
Hier wird also nicht mehr Jesus Christus als Gott gepriesen, sondern Gottvater. Das gibt im Nachhinein mir recht.
Die hebräische Bibel ist in der sogenannten 'Quadratschrift', das heißt in aramäischen Schriftzeichen, geschrieben. Außer Aleph und Ajin wurden viele Jahrhunderte hindurch keine Vokale geschrieben. Die anderen Vokale waren geistig zu ergänzen. Je nachdem, welche Vokale man ergänzte, konnten die Wörter und Sätze eine andere Bedeutung annehmen.
Ungefähr zwischen den Jahren 700 bis 1000 fügten die Masoreten, jüdische Schriftgelehrte des Mittelalters, zur leichteren Lesbarkeit des Textes Vokalzeichen hinzu, legten damit aber auch den Sinn der Wörter und Sätze fest. Dieser Text wird masoretisch genannt. Das kommt von hebr. 'M´SORAH' (= Befestigung) oder aram. 'MIS´RA' (= Grenze). Im modernen Hebräisch, dem Ivrit, lässt man die Vokalzeichen wieder weg.
Manchmal kann sogar der Ausfall nur eines einzigen Buchstabens den Sinn eines Satzes ändern. Ein Beispiel dafür ist eine Stelle im auf Altgriechisch verfassten Markusevangelium, wo ein Aussätziger vor Jesus auf die Knie fiel und ihn um Heilung bat (vgl. Mk 1,40-45). Es gibt nun eine unter vielen Abschriften, in der der altgriechische Text fortfährt, Jesus sei zornig geworden. In allen anderen Abschriften heißt es aber, Jesus habe Mitleid mit dem Kranken gehabt, was ja auch näher liegt.
Dieser Widerspruch lässt sich auflösen, wenn man ihn auf einen Hör- oder Schreibfehler zurückführt, der schon in der hebräischen Vorlage gewesen sein muss. 'B´CHEMAH' heißt auf Hebräisch im Zorn und 'B´CHEMLAH' aus Mitleid. Der Ausfall eines einzigen Buchstabens änderte hier den Sinn. (6)
Weil es im Altgriechischen diesen Hör- oder Schreibfehler nicht hätte geben können, ist das ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Überlieferungen über Jesu Taten, seien sie mündlich oder schriftlich gewesen, auf Hebräisch und nicht auf Aramäisch, weitergegeben wurden. Das gilt auch für Jesu Lehre, aber aus einem anderen Grund, wie wir noch sehen werden.
Manche Bibelkritiker behaupten, dass zum Beispiel im auf Altgriechisch geschriebenen Prolog (= Einleitung) des Johannesevangeliums, wo es heißt "Und das Wort war Gott" (Joh 1,1), ein Jota ausgefallen sein müsse, sodass aus altgriech. 'theios' (= gottähnlich, übermenschlich, himmlisch etc.) 'theos' (= Gott) wurde. Näheres dazu in Kapitel 18.
1. B Interferenzen
Mit dem Begriff 'Interferenz' bezeichnet man in der Linguistik (= Sprachwissenschaft), etwas vereinfacht ausgedrückt, die Übertragung von Grammatikstrukturen und der Semantik (= Wortbedeutung) einer Sprache auf die andere. Zum Beispiel sollen Deutsche nach dem Krieg die USA um Korn (Getreide, Roggen) zum Backen von Brot gebeten haben, die Amerikaner lieferten aber Mais (vgl. engl. corn).
Hebr. 'NEFESCH' (= Atem, Leben, Lebewesen) zum Beispiel wurde in der LXX mit altgriech. 'psyche' (= Lebenskraft, Seele, Person) übersetzt. Das wird im Deutschen meist mit 'Seele' wiedergegeben. Das führt bis heute zu Missverständnissen.
Im Tanach ist 'Satan' ein guter Engel am himmlischen Hofstaat. Die LXX nennt ihn aber fast nur altgriech. 'diabolos' (= Durcheinanderbringer, Teufel). Mit diesem war auch der gefallene Engel Semjasa in der altgriechischen Version des 1. Buches Henoch, einer ursprünglich wahrscheinlich auf Aramäisch verfassten Mythologie aus dem 3. Jahrhundert v. C., in Verbindung gebracht worden. Die LXX meint mit dem Begriff 'diabolos' aber nur Satan. In den Abschriften des Neuen Testaments begegnen dann beide Begriffe, wobei der Begriff 'diabolos' einen viel größeren Bedeutungsumfang bekam.
Von der LXX lagen den Autoren des NT unterschiedliche Ausgaben vor. Von manchmal recht freier Wiedergabe, also Interpretation, der Ausgangstexte ging die Tendenz im Allgemeinen zu eher wörtlicher Wiedergabe. Wenn man den uns überlieferten Text der LXX mit dem uns heute vorliegenden Text des Tanach vergleicht, gibt es deshalb manchmal starke Abweichungen, wie wir noch sehen werden, wobei man nicht immer mit Sicherheit sagen kann, wie schon erwähnt, welche Version die ursprünglichere ist.
Das bekannteste Beispiel hierfür ist Jesaja 7,14, wo es im Tanach heißt: „Die junge Frau ist schwanger und gebiert.“ Die LXX überliefert aber: „Die Jungfrau wird empfangen und gebären.“ Matthäus zitierte hier vor allem deshalb nach der LXX, weil die Version des Tanach, wenn sie denn ursprünglich so lautete, für seine Zwecke nicht geeignet gewesen wäre, wie in Kapitel 5 dargelegt wird.
Manchmal wird auf Grund einer 'détresse linguistique', eines sprachlichen Unvermögens, bei der Übersetzung der Wortsinn eines Ausdrucks nicht ganz getroffen. So heißt es zum Beispiel in einer der beiden Schöpfungserzählungen der Bibel, dass Gott hebr. 'N´SCHAMAH' (= Lebenskraft) in die Nase Adams hauchte, und zwar nur ihm und nicht den übrigen Lebewesen (vgl. Genesis bzw. 1. Buch Mose 2,4-25). Auf diese Weise wurde Adam zu einem hebr. 'NEFESCH HAJA', schreibt der Tanach. Die EÜ 2016 gibt diese Stelle folgendermaßen wieder:
„So wurde der Mensch zu einem lebenden Wesen“ (Gen 2,7). (Hervorhebung durch den Verfasser)
Die EÜ meinte wohl Lebewesen. Nachdem der Hauch Gottes den Menschen von Tieren und Pflanzen unterscheidet, müsste sinngemäß übersetzt werden:
„So wurde der Mensch zu einer Person.“
Jehovas Zeugen schreiben hier, dass der Mensch zu einer "lebenden Seele"...
| Erscheint lt. Verlag | 29.7.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie |
| Schlagworte | Bibel • Bibelübersetzung • Dogmatik • Exegese • Soteriologie |
| ISBN-10 | 3-7597-9003-8 / 3759790038 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-9003-3 / 9783759790033 |
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