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Die Öffentlichkeit und ihre Probleme (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
233 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-77708-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Öffentlichkeit und ihre Probleme - John Dewey
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John Deweys Die Öffentlichkeit und ihre Probleme zählt zu den bedeutendsten Werken der amerikanischen politischen Philosophie. Vor dem Hintergrund der sozialen und technologischen Umbrüche der Moderne entwickelt Dewey hier nicht nur eine Theorie der Öffentlichkeit, sondern eine umfassende Theorie des Staates und der Demokratie. Die von ihm angestellten Überlegungen enthalten zahlreiche Anregungen für die heutige Diskussion um Demokratie und Öffentlichkeit und zeigen die Originalität und Aktualität seines Pragmatismus. Das arbeitet auch Martin Hartmann in seinem Nachwort zu diesem Klassiker heraus.



John Dewey (1859-1952) studierte an der Johns Hopkins University in Balitmore, war zunächst Professor für Philosophie in Chicago und von 1904 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1930 an der Columbia University in New York.

7Rezension: Public Opinion, Walter Lippmann.


New York: Harcourt, Brace and Co., 1922.

Mr. Lippmann hat ein Buch geschrieben, das den Leser so mitreißt, dass ein kritisches Urteil schwerfällt. Stil und Stoff sind darin verschmolzen. Ich kenne kein neueres Buch über Politik, in dem sie so völlig eins sind. Seine Brillanz beeindruckt daher nicht als gute Literatur; vielmehr scheint das behandelte Material durch. Die Lektüre ist eine Erfahrung der Erleuchtung: Kein Maler beherrscht Licht und Schatten besser oder nutzt Farbe so geschickt, um klare Konturen zu entwerfen. Die Figuren der Szene sind so komponiert und heben sich so sehr ab, die Art und Weise der Darstellung ist so objektiv und projizierend, dass man am Ende des Buches fast nicht bemerkt, dass es vielleicht die wirksamste Anklageschrift gegen die Demokratie, wie sie derzeit verstanden wird, ist, die je verfasst wurde.

Das Buch ist so sehr ein Ganzes, dass es seine eigene Zusammenfassung ist. Ein Rezensent befindet sich in einem Dilemma. Entweder muss er eine neue Zusammenfassung schreiben, die dann so trocken und formal sein wird, wie Mr. Lippmanns Buch lebendig ist, oder er muss annehmen, dass die Leser das Buch kennen, und sich auf seine eigenen impressionistischen Reaktionen beschränken. Gegenüber Mr. Lippmann scheint erstere Methode im Großen und Ganzen die fairere zu sein, zumindest unter der Bedingung, dass die Leser die Lücken des leeren Umrisses durch ihre persönliche Bekanntschaft mit dem Band ausfüllen. Ich beginne den Umriss mit einem Punkt, den Mr. Lippmann erst im sechsten Teil mit dem Titel »Das Bild der Demokratie« erreicht. Frühere Analysten haben die Existenz einer »Kraft, die Öffentliche Meinung genannt wird«, als selbstverständlich vorausgesetzt, sie waren hauptsächlich damit befasst herauszufinden, wie sie in politisches Handeln übersetzt wird. »Wie es ihren Traditionen entspricht, haben sie die Meinung entweder zähmen oder ihr gehorchen wollen«[1]  8– um die Regierung entweder reaktionsfähig zu machen oder die Meinung daran zu hindern, die Ziele der Regierung zu unterlaufen. Mr. Lippmann stellt die vorausgehende Frage: Worin besteht die eigentliche Natur der Meinung, wie wird sie gebildet, welche Kräfte spiegelt sie? Und das Ergebnis, das durch eine realistische Analyse erzielt wurde, ist sehr ungünstig. Es zeigt, dass die öffentliche Meinung unbeständig ist, das Produkt beschränkter Verbindung mit der Umwelt der Tatsachen und Kräfte, in der Meinung sich im Handeln manifestiert, und dass sie vorwiegend von Tradition, klischeehaften Bildern und Gefühlen sowie undurchdachten persönlichen Interessen geprägt ist.

Die Denker des 18.Jahrhunderts, die die Matrix der Demokratie entwarfen, waren damit beschäftigt, die Würde der menschlichen Natur gegen jahrhundertealte Vorurteile geltend zu machen. Um ihrer Lehre politische Wirkung zu verschaffen, mussten sie ein Dogma erfinden, nämlich dass der Mensch von Natur aus ein Gesetzgeber und Verwalter ist. Die öffentliche Meinung muss dann etwas sein, das spontan emporsteigt. Alle Menschen besitzen politischen Instinkt, und sie sollen die nötigen Tatsachen so aufnehmen, wie sie Luft holen. Diese Gründer ignorierten die Tatsache, dass »der Beobachtungsbereich«[2]  die wichtigste Prämisse der Politikwissenschaft ist. Folglich haben sie auf Sand gebaut, denn ihr ichbezogenes Individuum muss die ganze Welt durch das Medium einiger weniger Bilder in seinem Kopf sehen, während die Welt, in der sich das Handeln vollzieht, doch ungeheuer ausgedehnt und komplex ist. Unsere Begründer des demokratischen Dogmas, wie Thomas Jefferson, platzierten die ichbezogene Person in eine kleine eigenständige Gemeinschaft. Die Lehre von der Volkssouveränität, die in solchen Gemeinden gepflegt wurde, dehnte sich aus, um den Nationalstaat zu erfassen. »Das demokratische [Ideal] versucht daher ständig eine Welt zu sehen, in der sich die Menschen ausschließlich mit Angelegenheiten befassen, deren Ursachen und Wirkungen alle innerhalb des Gebietes liegen, das sie bewohnen. Niemals hat sich die demokratische Theorie im Zusammenhang einer weiten und 9unvorhersehbaren Umwelt sehen können.«[3]  Daher die Abneigung der Demokratie gegen ausländische Verwicklungen und sogar den Außenhandel. Daher ihr schlichtes Vertrauen auf Legalismus, auf statische politische Theorie. Jeder Instinkt sagte den Demokraten, dass Sicherheit ein einfaches und begrenztes Gebiet verlangt. Das Dogma »des omnikompetenten [Individuums]«[4]  machte eine solche Umwelt erforderlich, um anwendbar zu sein. Aber dieses elementare Bild im Kopf der Demokraten entspricht heute noch weniger den Realitäten des modernen Lebens als die meisten ihrer anderen Bilder. Daher das Versagen der Theorie einer Regierung, die von spontan gebildeter öffentlicher Meinung angetrieben wird; daher die Notwendigkeit, in einer organisierten Expertenintelligenz einen Ersatz für die öffentliche Meinung zu finden, wenn demokratisches Regieren funktionstüchtig gemacht werden soll. Das Problem besteht darin, den Glauben an die Würde der menschlichen Natur, die Notwendigkeit, dass jedes menschliche Wesen zu seiner vollen Größe aufsteigt, von dem Dogma zu lösen, dass die Individuen selbst das Wissen erlangen können, das benötigt wird, um demokratisches Regieren effektiv und kompetent zu machen.

Diese Darstellung seiner Schlussfolgerung übergeht die Analyse der öffentlichen Meinung, durch die Mr. Lippmann zu ihr gelangt ist. Der beschränkte Platz erlaubt nur eine Aufzählung der Überschriften des brillantesten und überzeugendsten Teils des Buches: »Die äußere Welt und die Bilder in unseren Köpfen« – eine bessere Formulierung des wahren »Problems des Wissens«, als unsere professionellen Erkenntnistheoretiker sie zustande gebracht haben; »Annäherungen an die äußere Welt« – eine vernichtende Beschreibung der Beschränkung der Meinung durch ständige Zensur, wodurch wichtige Überlegungen geheim gehalten werden, auch der begrenzten Begegnungsmöglichkeiten zwischen Menschen und der kurzen Zeit, die für das Lesen über das Weltgeschehen aufgewandt wird; »Stereotype« – eine Beschreibung der Traditionen und Denkgewohnheiten, welche die bestehenden »Kategorien« formen, durch die Tatsachen empfangen werden; Illusionen, die mit Abwehr, Prestige, Sitte zusammenhängen; Defizite in der Erkennung ausgedehnter Räume und großer Zeitspannen, so dass der »wirkli10che Raum, die wirkliche Zeit, die wirklichen Zahlen, die wirklichen Verbindungen, die wirklichen Gewichtsmaße verlorengegangen sind; die Perspektive, der Hintergrund und die Dimensionen der Handlung sind im Stereotyp beschnitten und erstarrt«.[5] 

Darauf folgt ein Teil, der das Verhältnis des Interesses zum Bereich der Beobachtung behandelt, den Umstand, dass ein Bild [»]so lange nicht bedeutsam für uns ist, solange es nicht einen Akzent unserer eigenen Persönlichkeit berührt hat, […] bis wir uns [damit] identifiziert haben[«].[6]  In diesem Zusammenhang malt Mr. Lippmann ein schönes Bild von der Art und Weise, in der Politiker derzeit den Bedarf an dramatischer Identifikation sicherstellen – Methoden, die der Klarheit und Richtigkeit des Denkens alles andere als zuträglich sind. Er bietet auch eine der besten Kritiken der Lehre von der ökonomischen Determination des Interesses, die ich je gelesen habe. Ausgehend von Erkenntnissen der modernen Psychologie über die Komplexität des Charakters und von dem Scheitern der Pädagogik bei der Erfüllung der Aufgabe, Individuen darauf vorzubereiten, verschiedenen Charaktertypen zu begegnen und sie zu erkennen, ihren eigenen eingeschlossen, geht er weiter zur Behandlung der falschen Vereinfachungen des Dogmas vom Eigeninteresse. Wenn Letzteres den Einfluss ausüben würde, den es der Theorie zufolge ausüben sollte, wäre das Problem der öffentlichen Meinung viel einfacher, als es ist. Die wirtschaftliche Position würde die Menschheit in klar abgegrenzte Klassen scheiden und jede Klasse hätte ihren eigenen passenden und kohärenten Code. Doch in Wahrheit gibt es nichts, worüber die Menschen verwirrter sind als über ihre Interessen.

Der fünfte Teil befasst sich mit der Herstellung eines gemeinsamen Willens und zeigt auf unbarmherzige Weise, wie Stereotype eingesetzt und Gefühle benutzt werden – mit Appellen und Symbolen, die, statt die...

Erscheint lt. Verlag 15.4.2024
Nachwort Martin Hartmann
Übersetzer Wolf-Dietrich Junghanns
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Philosophie
Schlagworte aktuelles Buch • Bücher Neuererscheinung • Bücher Neuerscheinung • Krimi Neuerscheinungen 2024 • Moderne • Neuererscheinung • neuer Krimi • neuerscheinung 2024 • neues Buch • Philosophie • Politik • Pragmatismus • STW 2416 • STW2416 • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2416
ISBN-10 3-518-77708-4 / 3518777084
ISBN-13 978-3-518-77708-4 / 9783518777084
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