Was ich in Frankreich erlebte (eBook)
108 Seiten
Mon Autre Librairie (Verlag)
978-2-38371-022-6 (ISBN)
Auburtin, Victor - Berlin, 5. September 1870, Partenkirchen, 28. Juni 1928. Als Schriftsteller und Journalist französischer Abstammung arbeitete er, zu Beginn des ersten Weltkrieges, bereits seit 1911, als Korrespondent des Berliner Tageblatts in Paris. Wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit verhaftete man ihn am 2. August 1914 in Besançon, als er versuchte, in die Schweiz zu gelangen. Er wurde zunächst in Besançon und dann auf Korsika inhaftiert, nachdem alle Anklagen gegen ihn offiziell fallen gelassen worden waren, und musste drei Jahre lang eine schrecklich anstrengende Gefangenschaft durchleben. Aus gesundheitlichen Gründen entlassen, starb er 10 Jahre später, im Alter von 58 Jahren, an einer im Gefängnis erworbenen Erkrankung.
In den Gefängnissen
Besançon, Zellengefängnis, 3. August. Werden wir uns zunächst in aller Ruhe über die Einzelheiten des gegenwärtigen Zustandes klar. Zelle von ungefähr 6 Meter Länge und 4 Meter Breite. Schön hoch und luftig. An der einen Seite in der Höhe ein großes Fenster, das durch eine umständliche Maschinerie geöffnet und geschlossen werden kann. Darunter am Boden entlang läuft die dicke Röhre der Warmwasserheizung, die – Gnade mir Gott – für die langen Abende des kommenden Winters ein trauliches Heim verspricht. In der anderen Wand eine enge Nische, in der ein notwendiger Eimer steht; hat man ihn benutzt, so schiebt man ihn tief in die Nische zurück, wo er dann vom Gang aus zur Säuberung abgeholt werden kann. Äußerst praktisch. Doch mangelt das Papier, das man zu diesem Behufe in Europa anzuwenden pflegt; ich ersetze es durch Brotrinde, die ich allerdings nach Gebrauch wegwerfen werde.
Die Tür fest verrammelt, darin eine Klappe und in dieser Klappe wiederum das berühmte kleine Loch, durch das der Wärter dich jeden Augenblick beobachten kann. Es ist zu empfehlen, nicht unvorbereitet auf dieses Loch zu sehen, weil du sonst heftig erschrecken könntest. Denn dann siehst du dort etwa ein großes Auge, das dich schweigend anstarrt und jede deiner Bewegungen verfolgt; und in der allgemeinen Stille des Kerkers, wo man keinen Schritt gehört hat, wirkt das ziemlich unheimlich.
Ich kann mir mein Essen gegen Geld kommen lassen von einem Restaurant nebenan, und anfangs ist das ganz vorzüglich. Braten, Obst, eine Flasche Bier. Dann wird es allmählich schlechter; an Stelle des Bratens kommt ein Knochen, die Flasche Bier ist zur Hälfte leer; und schließlich teilt mir der Wärter mit, daß kein Essen mehr geliefert werden könne. „Warum nicht?“ frage ich. „Es ist doch so in der Gefängnisordnung vorgesehen.“ Keine Antwort. Doch kann ich sie mir selber geben. Der Restaurateur von nebenan hat erfahren, daß ich ein Deutscher bin, und weigert sich nun, mir Essen zu liefern. Denn er ist ein Patriot und muss diesen Patriotismus irgendwie bekunden, sei es auch durch eine Gemeinheit.
Zellengefängnis, 5. August. Man verbringt den Tag mit Auf-und-ab-Gehen, und ich mache die Wahrnehmung, daß ich nirgendwo so viel Bewegung gehabt habe wie hier in der Zelle. Immer von der Ecke rechts vorn am Fenster zu der Ecke links hinten, wo jener Eimer steht. Wie die wilden Tiere im Zoologischen Garten, deren unruhiges Käfigwandern ich zu verstehen beginne. Und über mir in der Zelle der oberen Galerie höre ich gleichmäßige Schritte den ganzen Tag; ein anderes wildes Tier, das da oben in seinem Käfig unstet auf und nieder rennt.
Es wäre nun die schönste Gelegenheit, sich der Philosophie zu befleißigen und an den Brüsten der Weisheit zu trinken. Aber man hat mir meine Bücher fortgenommen und gibt sie nicht heraus; und was mir der Wärter aus der Gefängnisbibliothek bringt, das ist Kinderlektüre, meistens Jules Vernes Romane, aus denen die Hälfte der Seiten herausgerissen ist.
Immerhin: wozu hat man gelesen sein ganzes Leben lang und geistigen Stoff gesammelt in den Kammern des Gehirns, wenn man jetzt in den Stunden des Mangels nicht davon leben sollte? Wie der Dachs, irre ich nicht, sich den Sommer über vollfrisst und dann im Winterschlaf von dem gesammelten Fette schlafend zehrt, so werde auch ich jetzt von der ätherischen Materie, die ich aus tausend Büchern gesammelt habe, langsam und ökonomisch meine Einsamkeit nähren.
Zunächst fange ich mit der Zoologie an und gehe auf und ab wandelnd das ganze System der Tierwelt durch (nach Hertwig), von den gänzlich unkultivierten Bazillen bis herauf zu dem Menschen, welcher, wie bekannt, und wie er es ja jetzt beweist, die Krone und das Ziel der ganzen Schöpfung darstellt. Das beschäftigt mich drei Vormittagsstunden, und da bin ich glücklich bis zu den Ringelwürmern geraten. Bin ich mit der Zoologie fertig, könnte man alles durchgehen, was noch von der Geschichte bekannt ist, mit allen erreichbaren Daten, oder eine griechische Grammatik rekonstruieren, oder so.
Jeden Nachmittag aber ist eine Stunde Spaziergang, und das ist das Erfreulichste am Tage. Wenn die Zeit so weit sein muss, läuft der Gefangene schneller und unruhiger in der Zelle auf und ab – wiederum wie die wilden Tiere, wenn es nämlich gegen die Fütterung geht – denn er hat Angst, daß er vielleicht aus Versehen diesmal übergangen werden könnte. Dann klirrt der Wärter an der Türe, und durch den Galeriegang wird man in einen kleinen Sektor von Hof geführt, ein schmales Dreieck, das von höchsten Mauern umgeben ist. Aber die Mauer kann noch so hoch sein, oben strahlt doch der Augusthimmel, durch den bisweilen eine Schwalbe die graziöse Kalligraphie ihres Fluges zeichnet. Und an der vorderen Seite des Dreiecks ist ein vergittertes Fenster, durch das man nun eine Stunde lang auf den kleinen Gemüsegarten der Frau Gefängnisdirektorin sehen kann. Salatbeete sind da, Tomatenstauden mit halbreifen Früchten und ein Kirschbaum, der Schatten gibt. Habe ich Glück, so sitzt unter dem Kirschbaum die Gefängniskatze und schläft. Ich rufe ihr zu, und sie kommt heran und spinnt; sie ist ein unvernünftiges Tier, das die Artikel des Herrn Barrès nicht gelesen hat; deshalb kennt sie keinen Patriotismus und fraternisiert mit mir. Und so habe ich noch eine Art von Verkehr und Leben, und mit dem Rauschen des Windes und dem Flüstern der Zweige da draußen bin ich noch teilhaftig der Welt und ihres Geschehens.
Von den Mitgefangenen sehe ich bei dieser Promenade nichts. Nur einmal, als ich von meiner Zelle herauskam, wurde mein Nachbar gerade hereingebracht. Eine Sekunde lang sahen wir uns in die Augen. Es war ein älterer Mann, offenbar besserer Kondition, mit Brille und einem sehr bürgerlichen Strohhut, und machte den Eindruck etwa eines Botanikprofessors. Welchen Eindruck ich meinerseits auf ihn gemacht habe, werde ich nie erfahren.
Zellengefängnis, 6. August. Ist der Krieg ausgebrochen oder nicht, das wäre jetzt einmal festzustellen. Als man mich einsperrte, war es der 2. August; damals sahen die Dinge böse aus, aber sie konnten sich immer noch wiederherstellen. Und seit der Zeit fehlt mir jede Kunde.
Der Wärter, der mir mein Essen bringt, sagt nichts, weil er nichts sagen darf; und sonst ist nirgendwo in dem einförmigen Dienst des Gefängnisses etwas Verdächtiges zu bemerken. Verdammt. Da hat man als Journalist sich jahrelang mit Kruppzeug von Ereignissen abgeplagt, mit Prozessen und Ministerkrisen; und gerade jetzt, wo wirklich einmal etwas Lebhafteres los ist, werde ich luftdicht abgeschlossen und in die Grube gesteckt.
Es ist zwar streng verboten, durch das Fenster da oben hinauszusehen, aber ich wage es doch und klettere hinauf, ob ich vielleicht so irgend etwas von öffentlichen Vorgängen wahrnehmen kann. Da draußen ist eine Mauer zu sehen, über die der Gipfel eines Baumes ragt, und weiter hinten eine höhere Mauer; auf dem Baume sitzt eine Goldammer und singt ihr Abendlied. Das ist alles. Von all den Geräuschen, die der Planet jetzt in den Weltraum abgibt, von dem Marschieren der Menschen, dem Rollen der Wagen und den verlogenen Ministerreden höre ich nur diesen Vogel, der Gott dem Herrn den Frieden seiner Seele singt.
7. August. Sicher ist, daß ich wahnsinnig werden würde, wenn diese Einzelhaft noch mehrere Wochen dauern sollte. Im ersten Augenblicke ist man geneigt, die Vorzüge der Einsamkeit zu schätzen; Ruhe, Sammlung, Möglichkeit einer inneren Einkehr und Nachschau. Dazu: kein Telephon, kein guter Freund, der am stillen Nachmittage zu dir kommt und dir zwei Stunden lang erzählt, wieviel er in seiner Schweizer Pension bezahlt hat. Wenn irgendwann und irgendwo, so ist jetzt und hier die Gelegenheit geboten, eine Inventur deines geistigen Bestandes aufzustellen und die Bilanz zu ziehen. Dieses wäre ja schon deshalb empfehlenswert, weil, lieber Freund, die fatale Prozessangelegenheit jeden Augenblick etwas plötzlich und unwiderruflich schließen könnte. In solcher Lage, kurz vor einem möglichen Tode, pflegt man Rückschau zu halten, und wo ginge das besser als hier, da der Posten draußen so getreulich Wache hält.
Aber es gelingt nicht; die Ruhe macht unruhig, die Stille nervöser, als mich je der Lärm der Pariser Straße gemacht hatte. Ich sehne mich nach einem Menschen und wäre es einer der Ringnepper, die hier in den benachbarten Zellen sitzen mögen; wie gute Kameraden würden wir werden. Die Bruderschaft, die zwischen Mensch und Mensch geht, erkennt man erst, wenn man vollkommen herausgeschnitten ist aus dem Gewebe der Gesellschaft. Es ist das ein geheimes Fadenwerk, das wir am Alltag nicht sehen; wir streiten uns mit jemandem, er ist uns unsympathisch, weil er schlechte Manieren hat oder weil er sächselt, und doch hält uns seit den Morgenzeiten der Welt ein unzerreißbares Band an ihn; und unglücklich der, der rings herausgeschnitten ist, daß er aus der Erde liegt wie ein wertloser Fetzen.
Es gibt ja wohl auch im Leben draußen Leute, die sich einsam fühlen, ja, die mit ihrer Einsamkeit prahlen, aber das ist nicht das Echte. Sie haben doch immer noch die Wirtschaftsfrau oder auch den Oberkellner, und der Friseur teilt ihnen wenigstens den neuesten Witterungsbericht mit. Ich habe mal einen jungen Schriftsteller gekannt, der jede Nacht bis drei Uhr am literarischen Stammtisch saß und dann das „Tagebuch eines Einsamen“ herausgab; er verstand nämlich unter Einsamkeit die adlige Unverstandenheit seiner hohen Seele. Hier habe ich sie, die Einsamkeit, echt, stumm, furchtbar und kenne sie nun für das Leben; und vielleicht ist auch diese Erkenntnis ein Vorteil. Man muss in so...
| Erscheint lt. Verlag | 15.3.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Geschichte ► Regional- / Ländergeschichte |
| ISBN-10 | 2-38371-022-9 / 2383710229 |
| ISBN-13 | 978-2-38371-022-6 / 9782383710226 |
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