Philosophische Anthropologie (eBook)
256 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-75965-3 (ISBN)
Diese Vorlesung aus dem Sommersemester 1961 ist die einzig überlieferte Einführung in die philosophische Anthropologie aus der Hand Plessners und bildet damit einen wichtigen Bezugspunkt der Forschung. Sie diente Plessner als Materialbasis für seine bekannte Abhandlung Conditio humana und bietet eine überaus verständliche und beispielreiche Einführung in dessen anthropologische Konzeption. Zu den behandelten Themen zählen die Genese und Funktion der philosophischen Anthropologie, das Problem der Sprache und der Umwelt sowie der Begriff der Person. Eine Entdeckung!
<p>Helmuth Plessner<strong> </strong>(1892-1985) war ein deutscher Philosoph und Soziologe sowie Hauptvertreter der philosophischen Anthropologie. Sein Werk liegt im Suhrkamp Verlag vor.</p>
Helmuth Plessner (1892-1985) war ein deutscher Philosoph und Soziologe sowie Hauptvertreter der philosophischen Anthropologie. Sein Werk liegt im Suhrkamp Verlag vor.
9[1. Stunde], Dienstag, 17. Mai 19611
[Begrenzung des Begriffs und des Problems der Philosophischen Anthropologie]
Und zwar gehe ich noch einmal auf die Bestimmung der doppelten Natur des Menschen hier zurück. Was heißt das eigentlich? Die Doppelnatur stellt sich, wie gesagt, traditionell in der Entwicklung verschiedener Wissenschaften vom Menschen dar, die offenbar alle 10ihr Zentrum haben eben in dem lebendigen, voll lebendigen Menschen, in dem aktiven Menschen, der sowohl sich geistig-kulturell manifestiert, aber eben auch andererseits typisch rein in seinen Lebensäußerungen offenbar der biologischen Welt, um es mal so auszudrücken, angehört.
Was ist da das Problem? In der Zeit der Loslösung der Psychologie als selbständiger empirischer Wissenschaft von, wie man sich damals ausdrückte, den »Bewußtseinserscheinungen«, also von dem, was der Mensch nur für sich selbst erlebt, was er zwar mitteilen, aber doch nur bedingt mitteilen kann, was aber im Grunde genommen nur einem jeden selbst für sich selbst faßbar wird, also die Wissenschaft von den Vorstellungen, den Empfindungen, den Gedanken, Wünschen, den Erinnerungen usw., ich sage: in dem Maß, in dem sich diese Wissenschaft als solche, als eine Wissenschaft von dem »Innern« des Menschen in diesem Sinne entwickelte, wurde sofort der Wunsch laut, die Verbindung mit dem, was äußerlich wahrnehmbar an ihm geschieht, zu sichern. Und das war damals der Gedanke von Gustav Theodor Fechner (übrigens einem Zeitgenossen von Darwin, Professor der Philosophie in Leipzig), der Gedanke der Psychophysik.2 Man wollte also sozusagen eine Parallelwissenschaft aufbauen und die strengen Abhängigkeiten zwischen den äußeren Vorgängen und den inneren Vorgängen auf diese Weise festmachen und in dieser Hinsicht weiter vordringen. Die Psychophysik versucht also, die Doppelnatur des Menschen wissenschaftlich in den Griff zu bekommen.
Um ein Beispiel zu geben: Wenn Sie z. B. eine Geschmacksempfindung haben, dann beruht sie, wie auch immer, auf einem äußeren Reiz. Die Abhängigkeit einer bestimmten Empfindung, einer Süßempfindung oder einer Sauerempfindung etwa von einem bestimmten Reiz, der auf die Zunge ausgeübt wird, läßt sich (das war der Gedanke von G. Th. Fechner), muß sich in irgendeinem Sinne wissenschaftlich exakt fassen lassen. Nach dem strengen Exaktheitsideal suchte er auch eine Größenordnung hierfür zu fixieren, eine größenmäßige Abhängigkeit der Stärke, auch der Art der Empfindung von der Stärke und der Art des Reizes.
Wir wollen auf diese Sache zunächst nicht näher eingehen, so interessant sie ist, es soll uns hier nur als Beispiel dafür dienen, 11daß man die Doppelnatur des Menschen als ein Problem empfindet. Und man glaubt, man kann dieses Problem durch eine gewissermaßen Zwei-Seiten-Wissenschaft streng lösen. Angenommen, diese Wissenschaft ließe sich nun wirklich so exakt durchhalten und ausbauen, wie das Fechner gemeint hat, muß man sich dann doch noch fragen, wie kommt denn das eigentlich, daß bestimmte auf uns, das heißt, auf unseren Körper, auf seine Sinnesorgane und das Gehirn einwirkende Reize den merkwürdigen empfindungsmäßigen Effekt auslösen? Das hat wiederum Fechner von vornherein dazu bewogen, ein viel älteres Modell, ein Modell des philosophischen Denkens gewissermaßen, als Grundlage für diese Wissenschaft aktuell zu machen: Dieses Modell, das man den psychophysischen Parallelismus oder Monismus seit dem 17. Jahrhundert genannt hat. D. h., man sagt, dasjenige, was uns äußerlich als Gehirn, als Körper, faßbar wird, was wir messen können, wiegen können, untersuchen können, anatomisch und physiologisch, das ist im Grunde genommen dasselbe, was wir für uns selbst empfindungsmäßig, wunschmäßig, gedankenmäßig usw. sind.
Vielleicht ein bißchen dunkel ausgedrückt, aber ich will Ihnen das noch etwas näher erörtern. Das Gehirn, wissen wir, hat entscheidende Bedeutung für das Zustandekommen von Gedankenverbindungen, von Empfindungen und Wahrnehmungen, vom Vermögen des Sprechens, weiterhin für unser Gefühlsleben. Mit anderen Worten, ohne die ungestörte Tätigkeit des Gehirns ist ein ungestörtes psychisches Leben nicht möglich. Wie und warum das ist, wissen wir zunächst gar nicht. Aber wir können es ziemlich genau nachprüfen, d. h., wir können die einzelnen Stellen sogar aufweisen, die für das Zustandekommen etwa des Sprachvermögens und gewisser Eigentümlichkeiten des Sprechens, des Denkens, der Gedankenverbindung, der Assoziation, des Gedächtnisses, dann weiterhin der einzelnen Wahrnehmung, Gehörsempfindung, Gehörswahrnehmung, Gesichtsempfindung, Gesichtswahrnehmung etc. nötig sind.
In neuerer Zeit weiß man auch sehr genau über die Abhängigkeit des Zustandekommens von Sympathien und Antipathien, von Affekten, von Emotionen, von Stimmungen, von bestimmten Funktionen des sogenannten »Hirnstamms« Bescheid. Wie man diese Abhängigkeiten im einzelnen festgestellt hat, im Laufe der Entwicklung der Anatomie und Physiologie und vor allem nicht zu 12vergessen der Psychiatrie – einen bedeutenden Fortschritt machte gerade diese Wissenschaft durch die Erfahrung an Gehirnverletzten im 1. Weltkrieg –, da haben Goldstein und Gelb in Frankfurt und verschiedene andere Psychiater in dieser Richtung bedeutende Einsichten der Wissenschaft vermittelt, also der Krieg hat hier wie ein gewaltiger Experimentator gewirkt.
Ich sage, nachdem man einmal in dieser Richtung weitergekommen war, als sich Fechner damals noch vorstellen konnte, gewann der Gedanke mehr und mehr an Plausibilität, daß Gehirn und Seele, Körper und Geist gewissermaßen zwei Seiten eines und desselben seien. Und dieser psychophysische Monismus oder Parallelismus war ja schon von Spinoza und seinen Nachfolgern im 17. Jahrhundert vorausgesehen worden.
Es hat nun zweifellos diese Theorie von der der Zwillingsnatur des Menschen zugrundeliegenden Einheit, also diese Zweiseiten-Konzeption, hat wiederum eine interessante Vorgeschichte, die aber rein philosophisch ist und die auch von vornherein Schwierigkeiten bereitet hat. Hier steht nun einmal der berühmte Name von Descartes sozusagen am Eingang dieser Überlegungen und der weiteren Entwicklung dieser Beobachtungen sowohl auf psychologischer als auf physiologischer Seite. Von Descartes stammt ja diese wiederum selbst schon auf scholastische Vorstellungen zurückreichende Idee – Descartes ist ein Mann, der in seiner Bildung noch dem 16. Jahrhundert, aber im wesentlichen schon dem 17. Jahrhundert angehört –, Descartes hat den Gedanken zugespitzt, nämlich den Gedanken von der Zwienatur des Menschen. Nicht in dem ganz allgemeinen Sinne, daß der Mensch zwei Welten angehört, das ist eine alte christliche Auffassung, die dem Mittelalter völlig vertraut ist, sondern er hat ihr gewissermaßen eine moderne Wendung dadurch gegeben, daß er sagt: Der Mensch ist ein ausgedehntes Wesen als Körper; er ist zugleich aber als Bewußtsein, als Denken ein Unausgedehntes, ein rein eben in die Kategorien oder in die Begriffe der Physik und Mathematik nicht zu übersetzendes – eben: geistiges Wesen. Und diese Merkwürdigkeit faßt er in der berühmten Zweisubstanzenlehre zusammen, d. h. daß in dem Menschen (er sagt, in diesem compositum, in diesem Zusammengesetzten) zwei Substanzen, eine denkende und eine ausgedehnte Substanz auf eine rätselvolle Weise miteinander in Kommunikation stehen. Sie können eigentlich gar nicht in Kommunikation 13stehen, das ist eigentlich etwas sehr Seltsames, was dem Menschen vorbehalten ist. Sonst ist die Welt im übrigen [in] die Welt der cogitatio, die Welt des Bewußtseins, die Welt des Denkens und eben die Welt der Ausdehnung voneinander völlig getrennt. Sie können nicht miteinander kommunizieren, weil man etwas spezifisch Geistiges, einen Gedanken mit einem Körper nicht in irgendeine Beziehung setzen kann, [in] eine Beziehung des Wirkens aufeinander.
Dagegen wendet sich schon Spinoza, wie ich sagte, weil aus diesen Konsequenzen von Descartes erstaunliche Umständlichkeiten und man kann fast sagen: Ungereimtheiten eben für unser Denken, für unsere Vorstellungswelt sich ergeben. Denn wenn das so ist, daß die äußere Welt auf die innere Welt überhaupt nicht wirken kann und die innere Welt auf die äußere Welt, also wenn, um es mal so auszudrücken, ein Gedanke, den ich fasse, im Grunde genommen niemals einen Willensentschluß herbeiführen kann, und umgekehrt, wenn eben ein Sinneseindruck, den mein Auge bekommt, indem einfach Licht darauf fällt, kein bildhaftes Resultat in meiner Wahrnehmung hervorrufen kann, das ist ja schließlich dann die Extremkonsequenz dieses Auseinanderreißens dieser beiden Bereiche, dann muß eben ein Deus ex machina erfunden werden, der dieses beides zusammenbringt.
Descartes hatte sich hier sehr vorsichtig ausgedrückt und gesagt: Beim Menschen muß das irgendwie durch Vermittlung möglich sein. Aber sonst ist es an sich unmöglich. Seine Nachfolger haben das aber strikt bestritten und gesagt: Die Zuordnung, daß das klappt sozusagen, daß zum richtigen Einfall eines Lichtstrahls auf meine Netzhaut auch die entsprechende richtige Wahrnehmung in meinem Bewußtsein entsteht, das danken wir allein dem Eingreifen Gottes. Und so wurde ständig Gott bemüht, sowohl Wahrnehmung, wie Denken, wie Wollen, wie Willensentschlüsse, mit anderen Worten, das gesamte menschliche Leben zu garantieren. Aber nicht nur sozusagen in der Form einer Generalgarantie, einer Präventivgarantie, sondern er mußte sozusagen bei jedem einzelnen Lebensakt bemüht werden. Und...
| Erscheint lt. Verlag | 16.1.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Philosophie ► Philosophie der Neuzeit |
| Schlagworte | Conditio Humana • Philosophie • STW 2268 • STW2268 • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2268 • Vorlesungsschrift |
| ISBN-10 | 3-518-75965-5 / 3518759655 |
| ISBN-13 | 978-3-518-75965-3 / 9783518759653 |
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